b u r k e s . d e
Die göttliche Komödie, von Dante Alighieri, 1265-1321

Foto Burkes

Die göttliche Komödie

The Project Gutenberg EBook of Die Goettliche Komoedie, by Dante Alighieri

Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.

This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
header without written permission.

Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used. You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.


**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****


Title: Die Goettliche Komoedie
Author: Dante Alighieri

Release Date: May, 2005 [EBook #8085]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was last updated March 17, 2004]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: iso-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GOETTLICHE KOMOEDIE ***

Produced by Mike Pullen

This Etext is in German.

We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
may require more specialized programs to display the accents.
This is the 7-bit version.

This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.

Die Göttliche Komödie

Dante Alighieri, 1265-1321

Inhalt:

Die Hoelle
Das Fegefeuer
Das Paradies




Die Hoelle


Erster Gesang

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.
Wie schwer ist's doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
Schon der Gedank' erneuert noch mein Zagen.
Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu kuenden,
Sag' ich, was sonst sich dort den Blicken bot.
Nicht weiss ich, wie ich mich hineingewunden,
So ganz war ich von tiefem Schlaf berueckt,
Zur Zeit, da mir der wahre Weg verschwunden.
Doch bis zum Fuss des Huegels vorgerueckt,
Der an dem Ende lag von jenem Tale,
Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrueckt,
Schaut' ich empor und sah, den Ruecken male
Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn
Gerad zum Ziele fuehrt mit feinem Strahle.
Da fingen Angst und Furcht zu Schwinden an,
Die mir des Herzens Blut erstarren machten,
In jener Nacht, da Grausen mich umfah'n.
Und so wie atemlos, nach Angst und Schmachten,
Schiffbruechige vom Strand, entfloh'n der Flut,
Starr rueckwaerts schauend, ihren Grimm betrachten;
So kehrt' ich, noch mit halberstorbnem Mut,
Mich jetzt zurueck, nach jenem Passe sehend,
Der jeglichem verloescht des Lebens Glut.
Und, etwas ausgerastet, weitergehend,
Waehlt' ich bergan den Weg der Wildnis mir,
Fest immer auf dem tiefern Fusse stehend.
Sieh, beim Beginn des steilen Weges schier,
Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,
Gewandt und sehr behend ein Panthertier.
Nicht wich's von meinem Angesichte wieder,
Und also hemmt es meinen weitern Lauf,
Dass ich mich oefters wandt' ins Tal hernieder.
Am Morgen war's, die Sonne stieg itzt auf,
Von jenen Sternen, so wie einst, umgeben,
Als Gottes Lieb' aus oedem Nichts herauf
Die schoene Welt berief zu Sein und Leben;
So ward mir Grund zu guter Hoffnung zwar
Durch jenes Tieres heitres Fell gegeben
Und durch die Fruehstund' und das junge Jahr
Doch so nicht, dass in mir nicht Furcht sich regte,
Als furchtbar mir ein Leu erschienen war.
Es schien, dass er sich gegen mich bewegte,
Mit hohem Haupt und mit des Hungers Wut,
So dass er Schrecken, schien's, der Luft erregte.
Auch eine Woelfin, welche jede Glut
Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen,
Die schon auf viele schweren Jammer lud.
Vor dieser musste so mein Mut sich neigen
Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt,
Dass mir die Hoffnung schwand, zur Hoeh'n zu steigen.
Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,
Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen,
In Kuemmernis und tiefem Bangen lebt;
So machte dieses Untier mich beklommen;
Von ihm gedraengt, musst' ich mich rueckwaerts zieh'n
Dorthin, wo nimmer noch der Tag entkommen.
Als ich zur Tiefe niederstuerzt' im Flieh'n,
Da war ein Wesen dorten zu erkennen,
Das durch zu langes Schweigen heiser schien.
Ich rief, sobald ich's nur gewahren koennen
In grosser Wildnis: "O erbarme dich,
Du, seist du Schatten, seist du Mensch zu nennen."
Und jener sprach: "Nicht bin, doch Mensch war ich;
Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.
Eh', spaet, die Roemer sich dem Julius beugten,
Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Goetter, jener Trugerzeugten.
Ich war Poet und sang Anchises' Sohn,
Der Troja floh, besiegt durch Feindestuecke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.
Und du--du kehrst zu solchem Gram zuruecke?
Was bleibt die freud'ge Hoehe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Gluecke?"
"So bist du," rief ich, "bist du der Virgil,
Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?"
Ich sprach's mit Scham, die meine Stirn befiel.
"O Ehr' und Licht der andern Kunstgenossen,
Mir gelt' itzt grosse Lieb' und langer Fleiss,
Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen.
Mein Meister, Vorbild! dir gebuehrt der Preis,
Den ich durch schoenen Stil davongetragen,
Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiss.
Sieh dieses Tier, o sieh' mich's rueckwaerts jagen,
Beruehmter Weiser, sei vor ihm mein Hort.
Es macht mir zitternd Puls' und Adern schlagen."
"Du musst auf einem andern Wege fort,"
Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,
"Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort,
Denn dieses Tier, das dich mit Graun durchdrungen,
Laesst keinen zieh'n auf seines Weges Spur,
Hemmt jeden, bis es endlich ihn verschlungen.
Es ist von boeser, tueckischer Natur
Und nimmer fuehlt's die wilde Gier ermatten,
Ja, jeder Frass schaerft seinen Hunger nur.
Mit vielen Tieren wird sich's noch begatten,
Bis dass die edle Dogge kommt, die kuehn
Es wuergt und hinstuerzt in die ew'gen Schatten.
Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glueh'n,
Doch wird sie nie an Lieb' und Weisheit darben;
Inmitten Feltr' und Feltro wird sie blueh'n,
Zu Welschlands Heil, des Ruhm und Glueck verdarben,
Obwohl vordem Camilla fuer dies Land,
Eurialus, Turnus und Nisus starben.
Nicht wird sie ruh'n, bis sie dies Tier verbannt;
Sie wird es wieder in die Hoelle senken,
Von wo's zuerst der Neid heraufgesandt.
Du folg' itzt mir zu deinem Heil--mein Denken
Und Urteil ist's--ich will dein Fuehrer sein,
Und dich durch ew'gen Ort von hinnen lenken.
Dort wirst du hoeren der Verzweiflung Schrei'n,
Wirst alte Geister schau'n, die bruenstig flehen
Um zweiten Tod in ihrer langen Pein.
Wirst jene dann im Feu'r zufrieden sehen,
Weil sie verhoffen, zu dem sel'gen Chor,
Sei's wann es immer sei, noch einzugehen.
Und willst du auch zu diesem dann empor,
Wuerd'ger als ich, wird eine Seel' erscheinen,
Die geht, schied ich, als Fuehrerin dir vor.
Denn jener, der dort oben herrscht, laesst keinen
Eingehn, von mir gefuehrt, in seine Stadt,
Weil ich mich nicht verbunden mit den Seinen.
Er herrscht im All, dort ist die Herrscherstatt,
Sein Thron und seine Burg in jener Hoehe.
Heil dem, den er erwaehlt dort oben hat"
"O Dichter," Sprach ich jetzt zu ihm, "ich flehe
Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
Dass diesem Leid und schlimmerm ich entgehe,
Bring' an die Orte mich, die du genannt,
So, dass ich Petri Tor erschauen moege
Und jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt."
Da schritt er fort, ich folgte seinem Wege.


Zweiter Gesang

Der Tag verging, das Dunkel brach herein,
Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden
All ihren Mueh'n; da ruestet' ich allein
Mich zu dem harten Krieg und den Beschwerden
Des Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild
Gemalt aus sicherer Erinn'rung werden.
O Mus', o hoher Geist, jetzt helft mir mild!
Erinn'rung, die du schriebst, was ich gesehen,
Hier wird sich's zeigen, ob dein Adel gilt!
"Jetzt, Dichter," fing ich an, "bevor wir gehen,
Erwaege meine Kraft und Tuechtigkeit,
Kann sie die grosse Reise wohl bestehen?
Du sagst, dass Silvius' Vater in der Zeit,
im Koerper noch und noch ein sterblich Wesen,
Sei eingedrungen zur Unsterblichkeit.
Doch da der ew'ge Gegner alles Boesen
in seinen Empire'n zum Stifter ihn
Der Mutter Roma und des Reichs erlesen,
Kann jeder, dem Vernunft ihr Licht verlieh'n,
Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergruenden,
Dass er nicht unwert solcher Huld erschien.
Denn Rom und Reich, um Wahres zu verkuenden,
Gestiftet wurden sie, die heil'ge Stadt
Zum Sitz fuer Petri Folger zu begruenden.
Durch diesen Gang, den du ihm nachruehmst, hat
Er Kunde des, wodurch er siegt', empfangen
Und Grund gelegt zur heil'gen Herrscherstatt.
Ist das erwaehlte Ruestzeug hingegangen,
So staerkt' es in dem Glauben dann die Welt,
In dem der Weg des Heiles angefangen.
Doch ich? Warum? Wer hat mir's freigestellt?
Aeneas nicht noch Paul, ich, dessen Schwaeche
Nicht ich, noch jemand dessen wuerdig haelt,
Wenn ich dorthin zu kommen mich erfreche,
So fuercht' ich, dass mein Kommen toericht sei.
Du, Weiser, weisst es besser, als ich spreche."
Und wie wer will und nicht will, mancherlei
Erwaegt und prueft und fuehlt im bangen Schwanken,
Mit dem, was er begonnen, sei's vorbei;
So ich--das, was ich leicht und ohne Wanken
Begonnen hatte, gab ich wieder auf,
Entmutigt von den wechselnden Gedanken.
"Verstand ich dich," so sprach der Schatten drauf,
"So fuehlst du Angst und Schrecken sich erneuen,
Und Feigheit nur hemmt deinen weitern Lauf.
Das Beste macht sie oft den Mann bereuen,
Dass er zurueckespringt von hoher Tat,
Gleich Rossen, die vor Truggebilden scheuen.
Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad,
Drum hoere jetzt, was ich zuerst vernommen,
Da mir's um dich im Herzen wehe tat.
Mich, nicht in Hoell' und Himmel aufgenommen,
Rief eine Frau, so selig und so schoen,
Dass ihr Geheiss mir wert war und willkommen.
Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshoehn
Begann sie gegen mich gelind und Ieise,
Und jeder Laut war englisches Getoen:
O Geist, geboren einst zu Mantuas Preise,
Des Ruhm gedauert hat und dauern wird,
Solang die Sterne zieh'n in ihrem Kreise,
Mein Freund, doch nicht der Freund des Glueckes, irrt
In Wildnis dort, weil Wahn im Weg' ihn stoerte,
So dass er sich gewandt, von Furcht verwirrt.
Schon irrte, fuercht' ich, also der Betoerte,
Dass ich zu spaet zum Schutz mich aufgerafft,
Nach dem, was ich von ihm im Himmel hoerte.
Du geh; es sei durch deiner Rede Kraft,
Durch das, was sonst ihm Not, sein Leid geendet,
So sei ihm Hilf und Ruhe mir verschafft.
Beatrix; bin ich, die ich dich gesendet;
Mich trieb die Lieb' und spricht aus meinem Wort.
Vom Ort komm' ich, wohin mein Wunsch sich wendet.
Und steh' ich erst vor meinem Koenig dort,
So werd ich oft dich loben und ihm preisen--
Sie sprach's und schwieg, und ich begann sofort:
O Weib voll Kraft, du Lehrerin der Weisen,
Durch das die Menschheit alles ueberragt,
Was lebt in jenes Himmels kleinern Kreisen!
Spaet daecht' ich, wie mir dein Befehl behagt,
Zu tun, tat' ich sogleich, was du gebietest.
Wohl deutlich haft du deinen Wunsch gesagt,
Doch sage mir, warum du dich nicht huetest
Herabzugeh'n zum Mittelpunkt vom Licht,
Wohin du schon zurueckzukehren gluehtest.
Willst du es denn so tief ergruenden, spricht
Die Hohe darauf, so will ich's kuerzlich sagen.
Ich fuerchte mich vor diesem Dunkel nicht.
Vor solchem Uebel ziemt sich wohl zu zagen,
Das maechtig ist und leicht uns Schaden tut,
Vor solchem nicht, bei welchem nichts zu wagen.
Gott schuf mich so, dass ich in seiner Hut
Frei von den Noeten bin, die euch durchschauern,
Und nicht ergreift mich dieses Brandes Glut.
Ein edles Weib im Himmel sieht mit Trauern
Das Hindernis, zu dem ich dich gesandt,
Drum kann der harte Spruch nicht laenger dauern.
Sie flehte, zu Lucien hingewandt:
Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite,
Darum empfehl' ich ihn in deine Hand.
Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte,
Bewegte sich zum Orte, wo ich war,
In Ruhe sitzend an der Rahel Seite.
Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis fuerwahr!
Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus grosser Liebe
Fuer dich entrann aus der gemeinen Schar,
Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe,
Als saehest du ihn nicht im Wirbel dort,
Bedroht, mehr als ob Meeressturm ihn triebe?
Nicht eilt so schnell auf Erden einer fort,
Den Gier nach Glueck und Furcht vor Leid betoeren,
Wie ich herabgeeilt bei solchem Wort,
Von meinem Sitz in jenen sel'gen Choeren,
Vertrau'nd auf deiner wuerd'gen Rede Macht,
Die Ruhm dir bringt und allen, die sie hoeren--
Als nun Beatrix solches vorgebracht,
Da wandte sie die Augenstern' in Zaehren,
Und dies hat mich nur schneller hergebracht.
So komm' ich denn daher auf ihr Begehren,
Das Untier von dir scheuchend, dem's gelang,
Den kurzen Weg des schoenen Bergs zu wehren.
Was also ist dir? Warum weilst du bang?
Was herbergst du die Feigheit im Gemuete?
Was weicht dein Mut, dein kuehner Tatendrang,
Da sich drei heil'ge Himmelsfrau'n voll Guete
Fuer dich bemueh'n und dir mein Mund verspricht,
Dass ihre treue Sorge dich behuete?"
Gleichwie die Blum' im ersten Sonnenlicht,
Beim naecht'gen Reif gesunken und verschlossen,
Den Stiel erhebt und ihren Kelch entflicht;
So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen,
In meinem Herzen sich zu gutem Mut,
Und ich begann, frohsinnig und entschlossen:
"O wie ist sie, die fuer mich sorgte, gut!
Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen
Der Herrlichen so schnell Genuege tut l
Schon fuehl' ich mich zu heisser Sehnsucht staehlen
Von deinem Wort, schon fuehl' ich, nicht mehr bang,
Vom ersten Vorsatz wieder mich beseelen.
Drum auf, in beiden ist ein gleicher Drang,
Herr, Fuehrer, Meister, auf zum grossen Wege!"
Ich sprach's zu ihm, und, folgend seinem Gang,
Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.


Dritter Gesang

Durch mich geht's ein zur Stadt der Qualerkornen,
Durch mich geht's ein zum ew'gen Weheschlund,
Durch mich geht's ein zum Volke der Verlornen.
Das Recht war meines hohen Schoepfers Grund;
Die Allmacht wollt' in mir sich offenbaren;
Allweisheit ward und erste Liebe kund.
Die schon vor mir erschaffnen Dinge waren
Nur ewige; und ewig daur' auch ich.
Lasst, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren.
Die Inschrift zeigt' in dunkler Farbe sich
Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte,
Drum ich: Hart, Meister, ist ihr Sinn fuer mich.
Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:
"Hier sei jedweder Argwohn weggebannt,
Und jede Feigheit sterb' an diesem Orte.
Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
Hier wirst du jene Jammervollen schauen,
Fuer die das Heil des wahren Lichtes schwand."
Er fasste meine Hand, daher Vertrauen
Durch sein Gesicht voll Mut auch ich gewann.
Drauf fuehrt' er mich in das geheime Grauen.
Dort hob Geaechz, Geschrei und Klagen an,
Laut durch die sternenlose Luft ertoenend,
So dass ich selber weinte, da's begann.
Verschiedne Sprachen, Worte, graesslich droehnend,
Handschlaege, Klaenge heiseren Geschreis,
Die Wut, aufkreischend, und der Schmerz, erstoehnend--
Dies alles wogte tosend stets, als sei's
Im Wirbel Sand, durch Luefte, die zu schwaerzen
Es keiner Nacht bedarf, im ew'gen Kreis.
Und, ich vom Wahn umstrickt und bang im Herzen,
Sprach: Meister, welch Geschrei, das sich erhebt?
Wer ist doch hier so ganz besiegt von Schmerzen?
Und er: "Der Klang, der durch die Luefte bebt,
Kommt von den Jammerseelen jener Wesen,
Die ohne Schimpf und ohne Lob gelebt.
Gemischt find die Nicht-Guten und Nicht-Boesen
Den Engeln, die nicht Gott getreu im Strauss,
Auch Meutrer nicht und nur fuer sich gewesen.
Die Himmel trieben sie als Misszier aus,
Und da durch sie der Suender Stolz erstuende,
Nimmt sie nicht ein der tiefen Hoelle Graus."
Ich drauf: Was fuellt ihr Wehlaut diese Gruende?
Was ist das Leiden, das so hart sie drueckt?
Und er: "Vernimm, was ich dir kurz verkuende.
Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrueckt.
Im blinden Leben, trueb und immer trueber,
Scheint ihrem Neid jed' andres Los beglueckt.
Sie kamen lautlos aus der Welt herueber,
Von Recht und Gnade werden sie verschmaeht.
Doch still von ihnen--Schau' und geh vorueber."
Ich schaute hin und sah im Kreis geweht,
Ein Faehnlein zieh'n, so eilig umgeschwungen,
Dass sich's zum Ruh'n, so schien mir's, nie versteht.
In langer Reihe folgten ihm, gezwungen,
So viele Leute, dass ich kaum geglaubt,
Dass je der Tod so vieles Volk verschlungen.
Und hier erblickt' ich manch bekanntes Haupt,
Auch jenes Schatten, der aus Angst und Zagen
Sich den Verzicht, den grossen, feig erlaubt.
Ich war sogleich gewiss, auch hoert' ich sagen,
Dies sei der Schlechten jaemmerliche Schar,
Die Gott und seinen Feinden missbehagen.
Dies Jammervolk, das niemals lebend war,
War nackend und von Flieg' und Wesp' umflogen,
Und ward gestachelt viel und immerdar.
Traenen und Blut aus ihren Wunden zogen
In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund,
Wo ekle Wuermer draus sich Nahrung sogen.
Drauf, als ich weiter blickt' im duestern Schlund,
Erblickt' ich Leut' an einem Stromgestade
Und sprach: "Jetzt tu, ich bitte, Herr, mir kund,
Von welcher Art sind die, die so gerade,
Wie ich beim duestern Daemmerlicht ersehn,
So eilig weiterzieh'n auf ihrem Pfade?"
Und er darauf: "Dir wird genug gescheh'n
Am Acheron--dort wird sich alles zeigen,
Wenn wir am traur'gen Ufer stillestehn."
Da zwang mich Scham, die Augen tief zu neigen,
Aus Furcht, dass ihm mein Fragen laestig sei,
Und ich gebot mir bis zum Strome Schweigen.
Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,
Ein Greis, bedeckt mit schneeig weissen Haaren.
"Weh euch, Verworfne!" toente sein Geschrei.
"Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.
Ich komm', euch jenseits hin an das Gestad'
In ew'ge Nacht, in Hitz' und Frost zu fahren.
Und du, lebend'ge Seele, die genaht,
Musst dich von diesen, die gestorben, trennen!"--
Dann, da er sah, dass ich nicht rueckwaerts trat:
"Hier kann ich dir den Uebergang nicht goennen,
Fuer dich geziemen andre Wege sich,
Ein leichtrer Kahn nur wird dich tragen koennen."
Virgil drauf: "Charon, nicht erbose dich.
Dort, wo der Wille Macht ist, ward's verhangen;
Dies sei genug, nicht weiter frage mich."
Hierauf liess ruhen die bewollten Wangen
Des fahlen Sumpfs erzuernter Steuermann,
Des Augen Flammenraeder rings umschlangen.
Da hob grau'nvolles Zaehneklappen an,
Und es entfaerbten sich die Tiefgebeugten,
Seit Charon jenen grausen Spruch begann.
Sie fluchten Gott und denen, die sie zeugten,
Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland,
Dem ersten Licht, den Bruesten, die sie saeugten.
Dann draengten sie zusammen sich am Strand,
Dem Schrecklichen, zu welchem alle kommen,
Die Gott nicht scheu'n, und laut Geheul entstand.
Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen,
Winkt' ihnen und schlug mit dem Ruder los,
Wenn einer sich zum Warten Zeit genommen.
Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds Stoss
Ein Blatt zum aendern faellt, bis dass sie alle
Der Baum erstattet hat dem Erdenschoss;
So stuerzen, hergewinkt, in jaehem Falle
Sich Adams schlechte Sprossen in den Kahn,
Wie angelockte Voegel in die Falle.
Durch schwarze Fluten geht des Nachens Bahn,
Und eh' sie noch das Ufer dort erreichen,
Draengt hier schon eine neue Schar heran.
"Mein Sohn," sprach mild der Meister, "die erbleichen
In Gottes Zorne, werden alle hier
Am Strand vereint aus allen Erdenreichen.
Man scheint zur Ueberfahrt sehr eilig dir,
Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute
Und wandelt ihre bange Furcht in Gier.
Kein guter Geist macht diese Fahrt; und draeute
Dir Charon, weil du hier dich eingestellt,
So kannst du wissen, was sein Wort bedeute"--
Hier wankte so mit Macht das dunkle Feld,
Dass mich noch jetzt Schweisstropfen uebertauen,
Sooft dies Schreckensbild mich ueberfaellt.
Ein Windstoss fuhr aus den betraenten Auen,
Und blitzt' ein rotes Licht, das jeden Sinn
Bewaeltigte mit ungeheurem Grauen,
Und, wie vom Schlaf befallen, stuerzt' ich hin--


Vierter Gesang

Mir brach den Schlaf im Haupt ein Donnerkrachen,
So schwer, dass ich zusammenfuhr dabei,
Wie einer, den Gewalt zwingt, zu erwachen.
Ich warf umher das Auge wach und frei,
Emporgerichtet spaehend, dass ich saehe
Und unterschied', an welchem Ort ich sei.
So fand ich mich am Talrand, in der Naehe
Des qualenvollen Abgrunds, dessen Kluft
Zum Donnerhall vereint unendlich Wehe.
Tief war er, dunkel, nebelhaft die Luft,
Drum wollte nichts sich klar dem Blicke zeigen,
Den ich geheftet an den Grund der Gruft.
"Lass uns zur blinden Welt hinunter steigen,
Ich bin der Erste, du der Zweite dann."
So sprach Virgil, um drauf erblasst zu schweigen.
Ich, sehend, wie die Blaess' ihn ueberrann,
Sprach: Scheust du selber dich, wie kann ich's wagen
Der Trost im Zweifel nur durch dich gewann?
Und er zu mir: "Des tiefen Abgrunds Plagen
Entfaerben mir durch Mitleid das Gesicht,
Und nicht, so wie du meinst, durch feiges Zagen.
Fort, zaudern laesst des Weges Laeng' uns nicht."
So ging er fort und rief zum ersten Kreise
Mich auch hinein, der jene Kluft umflicht.
Mir schien, nach meinem Ohr, des Klanges Weise,
Der durch die Luft hier bebt' im ew'gen Tal,
Nicht Klaggeschrei, nur Seufzer dumpf und leise.
Und dieses kam vom Leiden ohne Qual
Der Kinder, Maenner und der Frau'n, in Scharen,
Die viele waren und von grosser Zahl-
Da sprach der Meister: "Willst du nicht erfahren,
Zu welchen Geistern du gekommen bist?
Bevor wir fortgehn, will ich offenbaren,
Dass sie nicht suendigten; doch g'nuegend misst
Nicht ihr Verdienst, da sie der Tauf entbehrten,
Die Pfort' und Eingang deines Glaubens ist.
Und lebten sie vor Christo auch, so ehrten
Sie doch den Hoechsten nicht, wie sich's gebuehrt;
Und diese Geister nenn' ich selbst Gefaehrten.
Nur dies, nichts andres hat uns hergefuehrt.
Dass wir in Sehnsucht ohne Hoffnung leben,
Ward uns Verlornen nur als Straf erkuert."
Gross war mein Schmerz, als er dies kundgegeben,
Denn Leute grossen Wertes zeigten sich,
Die unentschieden hier im Vorhof schweben.
Und ich begann: Mein Herr und Meister, sprich
(Ich wollte mich in jenem Glauben staerken,
Vor dessen Licht des Irrtums Nacht entwich),
Kam keiner je durch Kraft von eignen Werken,
Durch fremd Verdienst von hier zur Seligkeit?--
Er schien des Worts versteckten Sinn zu merken
Und sprach: "Ich war noch neu in diesem Leid,
Da ist ein Maechtiger hereingedrungen.
Bekroent mit Siegesglanz und Herrlichkeit.
Der hat des Urahns Geist der Hoell" entrungen,
Auch Abels, Noahs; und auch Moses hat,
Der Gott gehorcht, mit ihm sich aufgeschwungen.
Abram und David folgten seinem Pfad,
Jakob, sein Vater, seine Soehne schieden,
Und Rahel auch, fuer die so viel er tat.
Sie und viel andre fuehrt' er ein zum Frieden,
Und wissen sollst du nun: Vor diesen war
Erloesung keinem Menschengeist beschieden."
Obwohl er sprach, ging's vorwaerts immerdar,
So dass wir unterdes den Wald durchdrangen,
Den Wald, mein' ich, der dichten Geisterschar.
Nicht weit von oben waren wir gegangen,
Als ich ein Feu'r in lichten Flammen sah,
Die rings im halben Kreis die Nacht bezwangen.
Zwar waren wir dem Ort nicht voellig nah,
Doch einen Kreis von ehrenhaften Leuten,
Die diesen Platz besetzt, erkannt' ich da.
"Du, des sich Wissenschaft und Kunst erfreuten,
Beliebe, wer sie sind, und was sie ehrt
Und von den andern trennt, mir auszudeuten."
Ich sprach's, und er: "Fuer hochgepriesnen Wert,
Der oben widerklingt in deinem Leben,
Ward ihnen hier vom Himmel Huld gewaehrt."
Da hoert' ich eine Stimme sich erheben:
Der hohe Dichter, auf jetzt zum Empfang!
Sein Schatten kehrt, der juengst sich fortbegeben.
Sobald die Stimme, die dies sprach, verklang,
Sah ich heran vier grosse Geister schreiten,
Im Angesicht nicht froehlich und nicht bang.
Da sprach der gute Meister mir zur Seiten:
"Sieh diesen, in der Hand das Schwert, voran
Den andern gehn, um sie als Fuerst zu leiten.
Du siehst Homer, den Dichterkoenig, nah'n;
Ihm folgt Horaz, beruehmt durch Spott dort oben
Ovid der Dritt', als letzter kommt Lukan.
Im Namen, den die eine Stimm' erhoben,
Kommt mit mir selber jeder ueberein,
Drum ehren sie mich, und dies ist zu loben."
So war die schoene Schul' hier im Verein
Des hohen Herrn der hoechsten Sangesweise,
Der ob den andern fliegt, ein Aar, allein.
Ein Weilchen sprachen sie im trauten Greise,
Doch als sie gruessend sich zu mir gekehrt,
Da laechelte Virgtl zu solchem Preise.
Allein noch hoeher ward ich dort geehrt,
Indem sie mich in ihrer Schar empfingen
Als Sechsten unter solchem Geist und Wert,
Wobei wir hin bis zu dem Lichte gingen,
Sprechend, wovon ich schicklich schweigen muss,
Wie man dort schicklich sprach von solchen Dingen.
Bald kamen wir an eines Schlosses Fuss,
Von siebenfacher hoher Mau'r umfangen,
Und rings beschuetzt von einem schoenen Fluss.
Als wir mit trocknem Fusse durchgegangen,
Ging's weiter dann durch sieben Tore fort,
Und eine Wiese sah ich gruenend prangen.
Wir fanden Leute strengen Blickes dort,
Mit grosser Wuerd' in Ansehn, Gang und Mienen
Und wenig sprechend, doch mit sanftem Wort.
Und wir ersah'n dort seitwaerts nah bei ihnen
Frei eine Hoeh' hellem Lichte glueh'n,
Vor welcher alle klar vor uns erschienen.
Dort gegenueber auf dem samtnen Gruen
Sah ich die Grossen, ewig Denkenswerten,
Die heut mir noch in solzer Seele blueh'n.
Elektren sah ich dort mit viel Gefaehrten,
Aeneas, Hektorn hatt' ich bald erkannt,
Caesarn, den mit dem Adlerblick bewehrten.
Penthesilea war auf gruenem Land;
Zur andern Seite sah ich auch Latinen,
Der bei Lavinien, seiner Tochter, stand.
Ich sah den Brutus, der verjagt Tarquinen,
Lucrezien, Julien, Marzien, und, allein
Beiseite sitzend, sah ich Saladinen.
Dann, hoeher blickend, sah im hellen Schein
Ich auch den Meister derer, welche wissen,
Der von den Seinen schien umringt zu sein,
Sie all ihn hochzuehren sehr beflissen;
Den Plato ihm zunaechst und Sokrates,
Die dort den Sitz vor andern an sich rissen.
Den Anaxagoras, Diogenes,
Den Demokrit, des Welt der Zufall machte,
Den Zeno, Heraklit, Empedokles.
Ihn, der ans Licht der Pflanzen Kraefte brachte,
Den Dioskorides, den Orpheus dann,
Den Seneka, der Schmerz und Luft verlachte.
Auch Ptolemaeus kam, Euklid heran,
So auch Averroes, der, seinen Weisen
Erklaerend, selbst der Weisheit Ruhm gewann.
Doch nicht vermag ich jeden hier zu greifen,
Denn also draengt des Stoffes Groesse mich,
Dass ihren Dienst mir kaum die Wort' erweisen.
Hier teilten nun die sechs Gefaehrten sich.
Mich fuehrt' auf anderm Weg mein weiser Leiter
Dahin, wo Stille lautem Tosen wich,
Und dorthin, wo nichts leuchtet, schritt ich weiter.


Fuenfter Gesang

So ging's hinab vom ersten Kreis zum zweiten,
Der kleinern Raum, doch groessres Weh umringt,
Das antreibt, Klag' und Winseln zu verbreiten.
Graus steht dort Minos, fletscht die Zaehn' und bringt
Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verfehle,
Urteilt, schickt fort, je wie er sich umschlingt.
Ich sage, wenn die schlechtgeborne Seele
Ihm vorkommt, beichtet sie der Suenden Last;
Und jener Kenner aller Menschenfehle,
Sieht, welcher Ort des Abgrunds fuer die passt,
Und schickt sie soviel Grad' hinab zur Hoelle,
Als oft er sich mit seinem Schweif umfasst.
Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle,
Und nach und nach kommt jeder zum Gericht,
Spricht, hoert und eilt zu der bestimmten Stelle.
"Du, der in diese Qualbehausung bricht,"
So rief mir Minos, als er mich ersehen,
Und liess indes die Uebung grosser Pflicht;
"Schau', wem du traust! Leicht ist's hineinzugehen,
Doch taeusche nicht dich ein verwegner Drang."
Mein Fuehrer drauf: "Lass dir den Groll vergehen!
Nicht hindre den von Gott gebotnen Gang,
Dort will man's, wo das Koennen gleicht dem Wollen.
Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang."
Bald hoert' ich nun, wie Jammertoen' erschollen,
Denn ich gelangte nieder zu dem Haus,
Zur Klag' und dem Geheul der Unglueckvollen.
Jedwedes Licht verstummt' im dunkeln Graus,
Das bruellte, wie wenn sich der Sturm erhoben,
Beim Kampf der Winde lautes Meergebraus.
Nie ruht der Hoellenwirbelwind vom Toben
Und reisst zu ihrer Qual die Geister fort
Und dreht sie um nach unten und nach oben.
Ihr Jammerschrei, Geheul und Klagewort,
Nah'n sie den truemmervollen Felsenklueften,
Verlaestern fluchend Gottes Tugend dort.
Dass Fleischessuender dies erdulden muessten,
Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
Einst unterwarfen die Vernunft den Luesten.
So wie zur Winterszeit mit irrem Flug
Ein dichtgedraengter breiter Tross von Staren,
So sah ich hier im Sturm der Suender Zug
Hierhin und dort, hinauf', hinunterfahren,
Gestaerkt von keiner Hoffnung, mindres Leid,
Geschweige jemals Ruhe zu erfahren.
Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht
In hoher Luft die Klagelieder kraechzen,
So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit
Die Schatten hergeweht mit bangem Aechzen.
"Wer sind die, Meister, welche her und hin
Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?"
So ich--und er: "Des Zuges Fuehrerin,
Von welchem du gewuenscht, Bericht zu hoeren,
War vieler Zungen grosse Kaiserin.
Sie liess von Wollust also sich betoeren,
Dass sie fuer das Geluest Gesetz' erfand.
Um nur der tiefen Schmach sich zu erwehren.
Sie ist Semiramis, wie allbekannt,
Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten,
Einst herrschend in des Sultans Stadt und Land.
Dann Sie, die, ungetreu Sichaeus' Schatten,
Aus Liebe selber sich geweiht dem Tod"
Sieh dann Kleopatra im Flug ermatten."
Auch Helena, die Ursach' grosser Not,
Im Sturme sah ich den Achill sich heben,
Der allem Trotz, nur nicht der Liebe, bot.
Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,
Und tausend andre zeigt' und nannt' er dann,
Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben.
Lang hoert' ich den Bericht des Lehrers an,
Von diesen Rittern und den Frau'n der Alten,
Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:
Mit diesen Zwei'n, die sich zusammenhalten,
Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,
Moecht' ich, o Dichter, gern mich unterhalten.
Und er darauf: "Gib Achtung, wenn der Wind
Sie naeher fuehrt, dann bei der Liebe flehe,
Die beide fuehrt, da kommen sie geschwind."
Kaum waren sie geweht in unsre Naehe,
Als ich begann: Gequaelte Geister, weilt,
Wenn's niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.
Gleich wie ein Taubenpaar die Luefte teilt,
Wenn's mit weitausgespreizten steten Schwingen
Zum suessen Nest herab voll Sehnsucht eilt;
So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,
Bewegt vom Ruf der heissen Ungeduld,
Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.
"Du, der du uns besuchst voll Gut' und Huld
In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde
Vordem mit Blut getuencht durch unsre Schuld,
Gern baeten wir, dass Fried' und Ruh' dir werde,
War' uns der Fuerst des Weltenalls geneigt,
Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde.
Wie ihr zu Red' und Hoeren Lust bezeigt,
So reden wir, so leih'n wir euch die Ohren,
Wenn nur, wie eben jetzt, der Sturmwind schweigt.
Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,
Wo Seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,
Bald mit dem Flussgefolg im Meer verloren.
Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,
Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmueckte,
Der mir geraubt ward, wie's noch jetzt mich kraenkt.
Die Liebe, die Geliebte stets berueckte,
Ergriff fuer diesen mich mit solchem Brand,
Dass, wie du stehst, kein Leid ihn unterdrueckte.
Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt--
Kaina harret des, der uns erschlagen."
Der Schatten sprach's, uns klaeglich zugewandt.
Vernehmend der bedraengten Seelen Klagen,
Neigt' ich mein Angesicht und stand gebueckt.
Was denkst du? hoert' ich drauf den Dichter fragen.
Weh, sprach ich, welche Glut, die sie durchzueckt,
Welch suesses Sinnen, liebliches Begehren
Hat sie in dieses Qualenland entrueckt?
Drauf saeumt' ich nicht, zu jener mich zu kehren.
"Franziska," So begann ich nun, "dein Leid
Draengt mir ins Auge fromme Mitleidszaehren.
Doch sage mir: In suesser Seufzer Zeit,
Wodurch und wie verriet die Lieb' euch beiden
Den zweifelhaften Wunsch der Zaertlichkeit."
Und sie zu mir: Wer fuehlt wohl groessres Leiden
Als der, dem schoener Zeiten Bild erscheint
Im Missgeschick? Dein Lehrer mag's entscheiden.
Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint,
Zu wissen, was hervor die Liebe brachte,
So will ich tun, wie wer da spricht und weint.
Wir lasen einst, weil's beiden Kurzweil machte,
Von Lanzelot, wie ihn die Lieb' umschlang.
Wir waren einsam, ferne von Verdachte.
Das Buch regt' in uns auf des Herzens Drang,
Trieb unsre Blick' und macht' uns oft erblassen,
Doch eine Stelle war's, die uns bezwang,
Als das ersehnte Laecheln kuessen lassen,
Der, so dies schrieb, vom Buhlen schoen und hehr.
Da naht' er, der mich nimmer wird verlassen,
da kuesste zitternd meinen Mund auch er--
Galeotto war das Buch, und der's verfasste--
An jenem Tage lasen wir nicht mehr.
Der eine Schatten sprach's, der andre fasste
Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn
Vor Mitleid, dass ich wie im Tod erblasste,
Und wie ein Leichnam hinfaellt, fiel ich hin.


Sechster Gesang

Bei Rueckkehr der Erinn'rung, die sich schloss
Vor Mitleid um die zwei, das so mich quaelte,
Dass das Bewusstsein mir vor Schmerz zerfloss,
Erblickt' ich neue Qualen und Gequaelte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad
Zum Geh'n und Schau'n sich Fuss und Auge waehlte.
Es war der dritte Kreis, den ich betrat,
Von ew'gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel frueh und spat.
Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchzieh'n in wildem Guss;
Stank qualmt die Erde, die's empfaengt, entgegen.
Ein Untier, wild und seltsam, Zerberus,
Bellt, wie ein boeser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muss.
Schwarz, feucht der Bart, die Augen rote Hoehlen
Mit weitem Bauch, die Haende scharf beklaut,
Vierteilt, zerkratzt und schindet er die Seelen.
Sie heulen, wie die Hund', im Regen laut,
Und sie verschaffen sich durch oeftres Drehen
Auf einer Seite mind'stens trockne Haut.
Der grosse Hoellenwurm, der uns ersehen,
Riss auf die Rachen, zeigt uns ihr Gebiss
Und liess kein Glied am Leibe stillestehen.
Virgil streckt aus die offnen Haend' und riss
Erd' aus dem Grund, die in die gier'gen Rachen
Er alsogleich mit vollen Faeusten schmiss.
Wie's pflegt ein keifig boeser Hund zu machen,
Des Bellen schweigt, wenn er den Frass erbeisst,
Der wilden Grimm vermocht', ihm anzufachen;
So jetzt mit schmutz'gen Schluenden jener Geist,
Der so durchdroehnt die armen Leidensmatten,
Dass jeder hochbeglueckt die Taubheit preist.
Wir gingen ueber die gequaelten Schatten,
Indem wir auf ihr Nichts, das Koerper schien,
Im tiefen Schlamm gestellt die Sohlen hatten.
Sie lagen allesamt am Boden hin,
Nur einen sahn wir sich zum Sitzen heben,
Wie er uns dort erblickt im Weiterziehn.
Er sprach: "Der du zur Hoelle dich begeben,
Erkenne mich, dafern dir's moeglich ist;
Du Iebtest, eh' ich aufgehoert zu leben."
Und ich zu ihm: "Die Angst, in der du bist,
Zieht dich vielleicht aus meinem Angedenken;
Mir scheint, ich saehe dich zu keiner Frist.
Wer bist du? Sprich, was konnte dich versenken
In eine Qual, die, gibt's auch groessre Pein,
Nicht widriger kann sein, noch aerger kraenken."
"In eurer Stadt," so sprach er, "die allein
Der Neid erfuellt, und bis zum Ueberfliessen,
Genoss ich einst des Tages heitern Schein.
Ich bin's, den Ciacco eure Buerger hiessen,
Zur Qual fuer schnoede Schuld des Gaumens muss,
Du siehst's, auf mich sich ew'ger Regen giessen.
Und mich allein nicht zuechtigt dieser Guss,
Nein, alle diese leiden gleiche Plagen
Fuer gleiche Schuld."--So seiner Rede Schluss.
Und ich: "Mich haben, Ciacco, deine Klagen
Zum Mitleid und zu Traenen fast geruehrt.
Allein, wenn du es weisst, so magst du sagen,
Wohin noch unsrer Stadt Parteiung fuehrt?
Ob wer gerecht ist? Was in diesen Zeiten
In ihr die Glut der wilden Zwietracht schuert?"
Und er darauf zu mir: "Nach langem Streiten
Kommt's dort zu Blut, dann treibt die Waldpartei
Die andre fort mit vielen Grausamkeiten.
Doch in drei Sonnen ist's mit ihr vorbei,
Neu guenstig sind der andern die Gestirne,
Durch eines Mannes Macht und Heuchelei.
Hoch hebt sie dann auf lange Zeit die Stirne
Und haelt den Feind mit grosser Last beschwert,
Wie er auch sich beklag' und sich erzuerne.
Zwei find gerecht dort, aber nicht gehoert.
Neid, Geiz und Hochmut--diese drei sind Gluten,
In welchen sich der Buerger Herz verzehrt."
Als hier des Schattens Jammertoene ruhten,
Sprach ich zu ihm: "Noch weiteren Bericht
Erlaube mir, dir bittend anzumuten.
Tegghiajo, Farinata, treu der Pflicht,
Arrigo, Rusticucci, Mosca--sage!--
Und andre, nur auf Gutestun erpicht,
Wo find sie? Welches ist ihr Los? Ich trage
Verlangen, hier ihr Schicksal zu erspaeh'n,
Ob's Himmelswonne sei, ob Hoellenplage?"
Und er: "Sie stuerzte mancherlei Vergehn
Zu schwaerzern Seelen nach den tiefern Gruenden.
Steigst du so tief, so wirst du alle sehn--
Kehrst du zur suessen Welt aus diesen Schluenden,
Bring' ins Gedaechtnis dann der Menschen mich.
Mehr sag' ich nicht, mehr darf ich nicht verkuenden."
Scheel ward sein g'rades Aug' und wandte sich
Nach mir; dann sank er mit dem Haupte nieder,
So dass er ganz den andern Blinden glich.
Drauf sprach mein Fuehrer: "Nie erwacht er wieder,
Bis er vor englischer Posaun' ergraust,
Und der Gewalt, dem Suendenvolk zuwider.
Zum Grab kehrt jeder, wo sein Koerper haust,
Empfaengt sein Fleisch zurueck und die Gestaltung
Und hoert, was ewig widerhallend braust."
Wir gingen langsam fort in schwerer Haltung,
Durch's Kotgemisch von Schatten und von Flut.
Vom kuenft'gen Leben war die Unterhaltung.
Drum ich: "Mein Meister, wird der Qualen Wut
Sich nach dem grossen Urteilsspruch vermehren?
Vermindert sich, bleibt sich nur gleich die Glut?"
Und er: "Gedenk' an deines Weisen Lehren:
So sehr ein Ding vollkommen ist, so sehr
Wird sich's im Gluecke freu'n, im Schmerz verzehren
Und kann gleich der Verdammten zahllos Heer
Vollkommenheit, die wahre, nie erringen,
So harrt es doch in jener Zeit auf mehr."
Wir fuhren fort, im Kreise vorzudringen,
Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint,
Bis hin zum Platz, wo Stufen niedergingen,
Und fanden Plutus dort, den grossen Feind.


Siebenter Gesang

Aleph, Pape Satan, Pape Satan!
Erhob, rauh kluchzend, Plutus seine Stimme.
Und er, der alles wohl verstand, begann:
"Getrost, nicht fuerchte dich vor seinem Grimme,
Durch alle seine Macht wird's nicht verwehrt,
Dass ich mit dir den Felsen niederklimme."
Und dann, zu dem geschwollnen Mund gekehrt,
Rief er: "Wolf, schweige, du Vermaledeiter!
Von deiner Wut sei in dir selbst verzehrt!
Wir gehn nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,
Dort will man's, dort, wo einst den Stolz mit Schmach
Gezuechtigt Michael, der Himmelsstreiter."
Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach,
Erst aufgeblaeht zum Knaeuel niederrollen,
So fiel das Untier, das so drohend sprach.
So ging's zum vierten Kreis im schmerzenvollen
Unsel'gen Schacht, der alle Schuld umfaengt,
Von welcher je im Weltall Kund' erschollen.
Gerechtigkeit des Herrn, dein Walten draengt
So neue Muehn zusammen, solche Plagen!
O blinde Schuld, die hier den Lohn empfaengt!
Wie der Charybdis Wogen sich zerschlagen,
Zum Gegenstoss gewaelzt von Sued und Nord,
So muss sich hier das Volk im Wirbel jagen.
Noch nirgend war die Schar so gross wie dort.
Laut heulend kamen sie von beiden Enden
Und waelzten Lasten mit den Bruesten fort.
Und stiessen sich, um sich beim Prall zu wenden,
Und dann zurueck im Bogenlauf zu zieh'n,
Und schrien sich zu: Was halten?--Was verschwenden?
So durch den Kreis, in dem kein Lichtstrahl schien,
Ging's beiderseits dann nach der andern Seite,
Indem sie beid' ihr schaendlich Schmaehwort schrien.
Dann wandte jeder sich zum neuen Streite,
Sobald er seines Zirkels Haelft' umkreist;
Und ich, der ich den Armen Mitleid weihte,
Sprach: "Meister, o wie zagt, wie bangt mein Geist
Wer ist dies Volk? Die links hier scheinen Pfaffen!
Ist's jeder, der uns eine Glatze weist?
Und er: "Dies sind die Blinden, Geistesschlaffen.
Sie wussten in der Welt zum Geben nie
Und nie zum Sparen sich ein Mass zu schaffen.
Und dies erhellt aus dem, was jeder schrie,
Wenn sie im Kreis gelangt zu zweien Orten;
Da trennt der Gegensatz des Lasters sie.
Die mit den Glatzen waren Pfaffen dorten;
Auch oeffneten wohl Papst und Kardinal
Dem Geiz als Zwingherrn ihres Herzens Pforten."
Drauf sprach ich: "Meister, kenn' in dieser Zahl
Ich keinen, der im Schmutz so eitlen Strebens
Sich hier erworben hat die ew'ge Qual?"
Und er zu mir: "Dein Suchen ist vergebens,
Unkenntlich macht sie ihr verdientes Los
Durch Kot und Schmutz bewusstlos dunkeln Lebens.
So kommen stets zum Stoss und Gegenstoss,
Bis sie erstehn--die mit verschnittnen Haaren,
Die mit geschlossner Faust--dem Grabesschoss.
Versetzt hat sie schlecht Geben und schlecht Sparen
Von jener heitern Welt in diesen Zwist;
Nicht sag' ich welchen, denn du kannst's gewahren.
Sieh hier, mein Sohn, welch eitles Ding es ist
Um jenes Gut Fortunens, das die Leute
Zum Kampfe reizt und zu Gewalt und List.
Gib diesen Mueden alles Gold zur Beute,
Das sie gehabt, ja alles Gold der Welt,
Und keine Stunde Ruh' gibt's ihnen heute."
Und ich: "Mein Meister, sprich, wenn dir's gefaellt,
Wer ist Fortuna doch, die, wie ich hoerte,
In ihren Klau'n der Erde Gueter haelt?"
Und er zu mir: "O Arme, Trugbetoerte!
Unwissende, zum Schlimmsten stets geneigt!
O dass mein Spruch jetzt aller Wahn zerstoerte!
Er, dessen Weisheit alles uebersteigt,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Dass jedem Teil sich jeder leuchtend zeigt,
Durch seines Lichts gleichmaessige Verbreitung.
So gab er schaffend auch die Dienerin
Dem Erdenglanz zur Fuehrung und Begleitung.
Von Volk zu Volk, von Blut zu Blute hin,
Bringt sie das eitle Gut, das nirgends dauert,
Und kuemmert nicht sich um der Menschen Sinn.
Dies Volk befiehlt, ein andres dient und trauert,
Wie jene Fuehrerin das Urteil spricht,
Die, wie die Schlang' im Gras, verborgen lauert.
Nichts gegen sie hilft eurer Weisheit Licht,
Sie sorgt, erkennt, vollzieht in ihrem Reiche,
Und weicht darin den andern Goettern nicht.
Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;
So macht sie, von Notwendigkeit gejagt,
Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche.
Sie ist's, die ihr ans Kreuz oft wuetend schlagt,
Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen,
Sie loben solltet, faelschlich Boeses sagt.
Doch sie, die Sel'ge, hoert nicht euer Grollen;
In andrer erstgeschaffnen Seligkeit
Und Wonne, laesst sie ihre Kugel rollen.--
Doch eilig weiter jetzt zu groesserm Leid!
Die Stern', aufsteigend, als ich fortgeschritten,
Gehn abwaerts itzt, und unser Weg ist weit."
Am andern Rand ward nun der Kreis durchschnitten,
An einem Quell, der siedend dort entspringt,
Des Wellen fort durch einen Graben glitten.
Mehr trueb' als schwarz ist seine Flut und bringt,
Wenn man ihr folgt, hinab zu rauhen Wegen,
Durch die man mit Beschwerde niederdringt.
Dann qualmt ein Sumpf, mit Namen Styx, entgegen
Dort, wo der traur'ge Fluss vom Laufe ruht,
Am Fuss des greulichen Gestad's gelegen.
Dort stand ich nun und sah nach jener Flut,
Und jaeh im Sumpfe Leute, kot'ge, nackte,
Zugleich des Jammers Bilder und der Wut.
Man schlug sich nicht mit Faeusten nur, man hackte
Mit Haupt und Brust und Fuessen auf sich ein,
Indem man wild sich mit den Zaehnen packte.
Mein Meister sprach: "Sohn, sieh in dieser Pein
Die Seelen derer, so der Zorn bezwungen.
Auch unterm Wasser muessen viele sein;
Und wenn ein Seufzer ihnen sich entrungen.
Dann steigen Blasen auf von ihrer Not,
Drum sieh von Kreisen diese Flut durchschwungen.
Und immer rufen sie, versenkt im Kot:
Wir waren elend einst im Sonnenschimmer
Und hegten Groll und Tuecke bis zum Tod,
Und elend sind wir nun im Schlamm noch immer.
Dies Lied klingt gurgelnd vor aus ihrem Schlund,
Stets schluckend, enden sie die Worte nimmer.
So gingen, zwischen Pfuhl und festem Grund,
Wir an dem schmutz'gen Teich in weitem Bogen,
Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Mund,
Bis wir zu eines Turmes Fuss gezogen.


Achter Gesang

Lang' eh' wir noch, so fahr' ich fort, zu sagen,
Dem Fuss des hohen Turms uns konnten nah'n,
War unser Blick zur Zinn' emporgeschlagen,
Weil wir zwei Flaemmchen dort entzuenden sah'n,
Als Ruecksignal ein andres, So entlegen,
Dass es das Auge kaum noch koennt' erfah'n.
Da kehrt' ich meinem Weisen mich entgegen:
"Was ist dies? Welch ein Zeichen wohl bezweckt
Das dritte Feu'r? Wer sind sie, die's erregen?"
Und er zu mir: "Sieh hin, dein Aug' entdeckt.
Was unsrer harrt, dort auf den schmutz'gen Wogen,
Wenn dir's der Qualm des Sumpfes nicht versteckt."
Und rasch, wie ich den leichten Pfeil vom Bogen
Je fortgeschnellt durch hohe Luefte sah,
Kam durch das Moor ein kleiner Kahn gezogen.
Bald war er uns am grauen Strande nah,
Obwohl von einem Rud'rer nur gefahren,
Der schrie: Verruchte Seele, bist du da?
"Phlegias, Phlegias, du magst dein Schreien sparen,"
So sprach mein Herr, "umsonst ist's angestimmt;
Wir sind nur dein, solang' wir ueberfahren."
Wie wer von einem grossen Trug vernimmt,
Den man ihm angetan zu Schmach und Schaden,
So zeigte Phlegias wild sich und ergrimmt.
Mein Fuehrer stieg ins Schiff von den Gestaden,
Und zu sich setzen hiess er mich sodann,
Und als ich drin war, schien es erst beladen.
Sobald wir beid' uns eingesetzt, begann
Des Nachens Fahrt und furchte tiefre Zeilen,
Als er mit andrer Buerde furchen kann.
Indessen wir die tote Moorflut teilen,
Kommt einer, kotbedeckt, vor mich und spricht:
"Wer heisst dich vor der Zeit herniedereilen?"
"Ich komme," sprach ich, "aber bleibe nicht.
Doch wer bist du, So widrig und abscheulich?"--
"Ein Heulender, dies sagt dir dein Gesicht."--
Und ich: "Denkst du, dein Heulen sei erfreulich?
Vermaledeiter Geist, fort, weg von mir!
Ich kenne dich, sei noch so wild und greulich!"
Die Haende streckt' er nun zum Kahn voll Gier,
Und mit Gewalt musst' ihn mein Herr verjagen,
Der sprach: "Mit andern Hunden, weg von hier!"
Drauf hielt er seinen Arm um mich geschlagen
Und kuesste mich und sprach: "Erzuernter Geist,
Beglueckt die Mutter, welche dich getragen!
Stolz war im Leben dieser--niemand preist
Von ihm nur einen guten Zug auf Erden,
Daher er hier sich noch in Wut zerreisst.
Viel Fuersten gibt's dort, die sich stolz gebaerden,
Die, Schmach nur hinterlassend, wie die Sau'n,
Im Schlamme hier auf ewig wuehlen werden."
Und ich: "Begierig war' ich wohl, zu schau'n,
Wie er in diesem Schlamme tauchen muesste,
Eh' wir verlassen diesen See voll Grau'n."
Und er zu mir: "Bevor sich noch die Kueste
Dir sehen laesst, erfreut dich der Genuss.
Befriedigung gebuehret dem Gelueste."
Bald sah ich, wie zu Qual ihm und Verdruss
Die Kotigen mit ihm beschaeftigt waren,
Drob ich Gott loben noch und danken muss.
Frisch, auf Philipp Argenti! schrien die Scharen;
Dann sah ich, selbst sich beissend, auf sie los
Den tollen Geist des Florentiners fahren.
Und dies erzaehl' ich nur von seinem Los.
Ich liess ihn dort und hoert' ein Schmerzensbruellen
Und macht', um vorzuschau'n, die Augen gross.
"Bald wird sich, Sohn, dir jene Stadt enthuellen,"
So sprach mein guter Meister, " Dis genannt,
Die scharenweis' unsel'ge Buerger fuellen."
Und ich: "Mein Meister, deutlich schon erkannt
Hab' ich im Tale jener Stadt Moscheen,
Glutrot, als ragten sie aus lichtem Brand."
Drauf sprach mein Fuehrer: "Ew'ge Flammen wehen
In ihrem Innern, drum im roten Schein
Sind sie in diesem Hoellengrund zu sehen."
Bald fuhren wir in tiefe Graeben ein,
Den Zugang sperrend zu dem grausen Orte;
Die Mauer schien von Eisen mir zu sein.
Dann aber hoerten wir des Steurers Worte,
Nachdem vorher wir auf dem Pfuhle weit
Umhergekreuzt: "Steigt aus, hier ist die Pforte."
Wohl tausend standen auf dem Tor bereit,
Vom Himmel hergestuerzt. Es schrien die Frechen:
"Wer wagt's, noch lebend, voll Verwegenheit
Ins tiefe Reich der Toten einzubrechen?"
Mein Meister aber, ihnen winkend, lud
Sie klueglich ein, ihn erst geheim zu sprechen.
Da legte sich ein wenig ihre Wut.
Sie sprachen: "Komm allein, lass gehn den Toren,
Der hier hereindrang mit so keckem Mut.
Find' er den Weg, den sich sein Wahn erkoren,
Allein zurueck--erprob' er doch, wie er
Sich durch die Nacht fuehrt, wenn er dich verloren."
Und nun bedenk', o Leser, wie so schwer
Mich der Verdammten Rede niederdrueckte,
Denn ich verzweifelt' an der Wiederkehr.
"Mein teurer Fuehrer, du, durch den mir's glueckte,
Dass ich gerettet ward schon siebenmal,
Des Schutz mich drohender Gefahr entrueckte,
Verlass mich", sprach ich, "nicht in dieser Qual,
Und darf ich auch nicht weiter vorwaerts dringen,
So komm mit mir zurueck durchs dunkle Tal."
Und er, befehligt, mich hierher zu bringen,
Sprach: "Fuerchte nichts; erlaubt hat unsern Gang
Er, dem nichts wehrt, drum wird er wohl gelingen.
Hier harre mein, und ist die Seele bang,
So magst du sie mit guter Hoffnung speisen,
Denn nicht verlass' ich dich in solchem Drang."
So ging er.--ich, getrennt von meinem Weisen,
Dem suessen Vater, fuehlte Ja und Nein
Beim Zweifelkampf in meinem Haupte kreisen.
Nicht hoert' ich, was sein Antrag mochte sein,
Allein er blieb bei jenem Volk nicht lange,
Denn alle rannten in die Stadt hinein
Und schlugen ihm das Tor im wilden Drange
Vorm Antlitz zu und sperrten ihn heraus.
Da kehrt' er sich zu mir mit schwerem Gange.
Den Blick gesenkt, die Brau'n verstoert und kraus,
Liess er in Seufzern diese Worte hoeren:
"Wer schliesst mich von der Stadt der Schmerzen aus?"
Und dann zu mir: "Nicht moeg' es dich verstoeren,
Wenn du mich zuernen siehst--ich siege doch,
Wie keck sie auch dort drinnen sich empoeren.
Schon frueher stieg ihr kecker Mut so hoch,
An einem Tor, nicht so geheim gelegen,
Und ohne Schloss und Riegel heute noch,
Am Tor, von dem die schwarze Schrift entgegen
Dem Wandrer droht--doch diesseits schon von dort
Kommt, ohne Leitung, auf den dunkeln Wegen
Ein andrer her und oeffnet uns den Ort."


Neunter Gesang

Weil ich vor Angst und banger Furcht erblich,
Als ich den Herrn sah sich zurueckbewegen,
Verschloss Virgil die eigne Furcht in sich.
Aufmerksam stand er dort, wie Horcher pflegen,
Denn, weit zu schau'n, war ihm die Dunkelheit
Der schwarzen Luft und Nebelqualm entgegen.
Er sprach: "Wir siegen doch in diesem Streit--
Wenn nicht--doch hab' ich nicht ihr Wort vernommen?
Er saeumt fuerwahr doch gar zu lange Zeit."
Ich sah es deutlich ein, zurueckgenommen
Sei durch der Rede Folge der Beginn,
Da beide mir verschieden vorgekommen.
Drum lauscht' ich sorgenvoll und zagend hin,
Denn ich erklaerte mir vielleicht noch schlimmer,
Als er es war, des halben Wortes Sinn.
"Kommt wohl ein Geist in diese Tiefe nimmer
Vom ersten Grad, wo nichts zur Qual gereicht,
Als dass erstorben jeder Hoffnungsschimmer?"
So fragt' ich ihn, und jener sprach: "Nicht leicht
Geschieht's, dass auf dem Weg, den wir durchliefen,
Ein andrer meines Grads dies Land erreicht.
Wahr ist's, dass ich vordem in diesen Tiefen
Durch der Erichtho Zauberei'n erschien,
Die oft den Geist zum Leib zurueckberiefen.
Kaum war mein Geist vom Fleisch entbloesst, als ihn
Die Zauberin beschwor in jene Mauer,
Um eine Seel' aus Judas Kreis zu zieh'n.
Dort ist die tiefste Nacht, der baengste Schauer,
Am fernsten von des Himmels ew'gem Licht.
Ich weiss den Weg--drum scheuche Furcht und Trauer.
Der Sumpf hier, welcher Stank verhaucht, umflicht
Die qualenvolle Stadt, durch deren Pforten
Man ohne Zorn die Bahn sich nimmer bricht."
Mehr sprach er, doch mich zog von seinen Worten
Der hohe Turm und bannte mit Gewalt
Den Blick ans Feuer auf dem Gipfel dorten.
Drei Hoellenfurien sah ich dort alsbald,
Die, blutbefleckt, g'rad' aufgerichtet, stunden,
Und Weibern gleich an Haltung und Gestalt,
Mit gruenen Hadern statt des Gurts umbunden,
Mit kleinern Schlangen aber, wie mit Haar,
Und Ottern rings die grausen Schlaef' umwunden.
Und jener, dem bekannt ihr Anblick war,
Der Sklavinnen der Fuerstin ew'ger Plagen,
Sprach: "Nimm die wilden Erinnyen wahr.
Zur linken Seite sieh Megaeren ragen,
Inmitten ist Tisiphone zu schau'n,
Und rechts Alecto in Geheul und Klagen."
Die Brust zerriss sich jede mit den Klau'n,
Und sie zerschlugen sich mit solchem Bruellen,
Dass ich mich an den Dichter draengt' aus Grau'n.
"Medusas Haupt! auf, lasst es uns enthuellen,"
Sie riefen's, niederbueckend, allzugleich.
"Was wir versaeumt an Theseus, zu erfuellen."
"Wende dich um, die Augen schliesse gleich!
Wenn sie bei Gorgos Anblick offenstaenden,
Du kehrtest nimmer in des Tages Reich!"
Er sprach's und eilte, selbst mich umzuwenden,
Verliess sich auch auf meine Haende nicht
Und schloss die Augen mir mit seinen Haenden.
Ihr, die erhellt gesunden Geistes Licht,
Bemerkt die Lehre, die, vom Schlei'r umgeben,
In dich verbirgt dies seltsame Gedicht.
Ich hoert' ein Krachen maechtig sich erheben
Auf trueber Flut, mit einem Ton voll Graus,
Dass die und jene Huefte schien zu beben.
Nicht anders war es, als des Sturms Gebraus--
Wild durch der kalten Duenste Kampf mit lauen,
Stuerzt er durch Waelder, Aeste reisst er aus,
Durch nichts gehemmt, jagt Blueten durch die Auen;
Stolz waelzt er sich in Staubeswirbeln vor,
Und Hirt und Herden flieh'n voll Angst und Grauen.
Die Augen loest' er mir. "Jetzt schau' empor,
Dorthin, wo du den schaerfsten Rauch entquellen
Dem Schaume siehst auf diesem alten Moor."
Wie Froesche, sich zerstreuend, durch die Wellen
Vor ihrem Feind, der Wasserschlange, flieh'n,
Bis sie am Strand in Scharen sich gesellen,
So sah ich schnell, als einer dort erschien,
Das Tor von den zerstoerten Seelen leeren
Und ihn mit trocknem Fuss den Styx durchzieh'n.
Er schien den Qualm vom Antlitz abzuwehren,
Vor sich bewegend seine linke Hand,
Und dieser Dunst nur schien ihn zu beschweren.
Ich sah's, er sei vom Himmel hergesandt.
Zum Meister kehrt' ich mich, doch, auf sein Zeichen,
Neigt' ich mich schweigend, jenem zugewandt.
Mir schien er einem Zornigen zu gleichen.
Er kam zum Tore, das sein Stab erschloss,
Und ohne Widerstreben sah ich's weichen.
"O ihr verachteter, vestossner Tross!"
Begann er an dem Tor, dem schreckensvollen,
"Woher die Frechheit, die hier ueberfloss?
Was seid ihr widerspenstig jenem Wollen,
Das nimmermehr sein Ziel verfehlen kann?
Wird er die Qual, wie oft, euch mehren sollen?
Was kaempft ihr gegen das Verhaengnis an,
Obwohl eu'r Zerberus, ihr moegt's bedenken,
Mit kahlem Kinn und Halse nur entrann?"
Dann sah ich ihn zurueck die Schritte lenken.
Uns sagt' er nichts, und achtlos ging er fort,
Als muesst' er ernst auf andre Sorgen denken,
Als die um kleine Ding' am naechsten Ort.
Worauf wir beide nach der Festung schritten,
Nun voellig sicher durch das heil'ge Wort.
Auch ward der Eingang uns nicht mehr bestritten;
Und ich, des Wunsches voll, mich umzusehn
Nach dieser Stadt Verhaeltnis, Art und Sitten,
Liess, drinnen kaum, das Aug' im Kreise gehn,
Und rechts und links war weites Feld zu schauen,
Von Martern voll und ungeheuren Weh'n.
Gleichwie wo sich der Rhone Wogen stauen,
Bei Arles, und bei Pola dort am Meer,
Das Welschland schliesst und netzt der Grenze Gauen,
Grabhuegel sind im Lande rings umher,
Wo auf unebnem Grunde Tote modern;
So hier, doch schreckte dieser Anblick mehr,
Denn zwischen Graebern sieht man Flammen lodern,
Und alle sind so durch und durch entflammt,
Dass keine Kunst mehr Stahl und Eisen fodern.
Halboffen ihre Deckel allesamt,
Und draus erklingen solche Klagetoene,
Dass man erkennt, wer drinnen, sei verdammt.
Und ich: Verkuende, Meister, wer sind jene,
Die, hier begraben, sonder Ruh' und Rast
Vernehmen lassen solches Schmerzgestoehne?
Und er: "Hauptketzer haelt der Ort umfasst,
Und die den Sekten angehangen haben,
In groessrer Zahl, als du gerechnet hast-
Denn Gleiche sind zu Gleichen hier begraben,
Und mehr und minder glueht jedwedes Mal"--
Er sprach's, worauf wir rechtshin uns begaben,
Fortschreitend zwischen hoher Mau'r und Qual.


Zehnter Gesang

Fort ging nun, hier die Mauer, dort die Pein,
Auf einem engen Pfad der edle Weise,
Er mir voraus und ich ihm hinterdrein.
Der du mich fuehrst durch die verruchten Kreise,
Sprach ich, ich wuensche, dass, wenn dir's gefaellt,
Dein Wort auch hier mich ferner unterweise.
Darf man die sehn, die jedes Grab enthaelt?
Die Deckel, offen schon, sind nicht dawider,
Auch ist zur Wache niemand aufgestellt.
"Iedweder Deckel sinkt geschlossen nieder,"
Sprach er, "wenn sie gekehrt von Josaphat,
Mitbringend ihre dort gelass'nen Glieder.
Wiss', Epicurus liegt an dieser Statt
Samt seinen Juengern, die vom Tode lehren,
Dass er so Seel' als Leib vernichtet hat.
Befriedigung soll also dem Begehren,
Das du entdecktest, dies Begraebnis hier,
Sowie dem Wunsch, den du verschwiegst, gewaehren."
Und ich: Mein Herz verberg' ich nimmer dir,
Nur redet' ich in buendig kurzem Worte,
Und nicht nur jetzt empfahlst du solches mir.
"Toskaner, du, der lebend durch die Pforte
Der Feuerstadt, so ehrbar sprechend, drang,
Verweil', ich bitte dich, an diesem Orte.
ich erkenn' an deiner Sprache Klang,
Du seist dem edlen Vaterland entsprungen,
Dem ich, ihm nur zu laestig, auch entsprang."
Urploetzlich war dies einem Sarg entklungen,
Drum trat ich etwas naeher meinem Hort,
Denn wieder war mein Herz von Furcht durchdrungen.
"Was tust du? Wende dich!" rief er sofort,
"Sieh g'rad' empor den Farinata ragen,
Vom Guertel bis zum Haupte sieh ihn dort!"
Ich, der auf sein Gesicht den Blick geschlagen,
Sah, wie er hoch mit Brust und Stirne stand,
Als lach' er nur der Hoeh' und ihrer Plagen.
Mein Fuehrer, der mich schnell mit mut'ger Hand
Durch Graeber bis zu ihm mit fortgenommen,
Sprach: Was er fragt, mach' offen ihm bekannt.
Er sah mich, als ich bis zum Grab gekommen,
Ein wenig an. "Wer deine Vaeter? Sprich!"
So fragt' er mich und schien von Zorn entglommen.
Gern fuegt' ich dem Befehl des Meisters mich,
Ihm alles unverstellt zu offenbaren,
Da hoben etwas seine Brauen sich.
Er sprach darauf: "Furchtbare Gegner waren
Sie meinen Ahnen, mir und meinem Teil,
Und zweimal drum vertrieb ich sie in Scharen."
"Wenn auch vertrieben, kehrten sie in Eil'",
Sprach ich, "zweimal zurueck aus jeder Gegend.
Doch nicht den euren ward die Kunst zuteil."
Sieh, da erhob, sich neben jenem regend,
Ein Schatten sich urploetzlich bis zum Kinn,
Sich auf den Knien, so schien's, empor bewegend.
Er blickt' um mich nach beiden Seiten hin,
Als woll' er sehn, ob jemand mich begleite,
Doch floh der Irrtum bald aus seinem Sinn,
Und weinend sprach er dann: "Wenn dein Geleite
Des Geistes Hoheit ist durch diese Nacht,
Wo ist mein Sohn? Warum nicht dir zur Seite?"--
"Nicht eigner Geist hat mich hierher gebracht,
Der dort harrt, fuehrte mich ins Land der Klagen.
Dein Guido hatte sein vielleicht nicht acht."
So ich--beim Wort und bei der Art der Plagen
Koennt' ich wohl seines Namens sicher sein
Und drum ihm auch so sicher Antwort sagen,
Schnell richtet' er sich auf mit lautem Schrei'n:
"Er hatte, sagst du? Ist er nicht am Leben?
Saugt nicht sein Auge mehr den suessen Schein?"
Und da ich nun, statt Antwort ihm zu geben,
Noch zauderte, so fiel er ruecklings hin,
Um fuerder sich nicht wieder zu erheben.
Doch jener andre mit dem stolzen Sinn,
Der mich gerufen, blieb auf seiner Staette
Starr, ungebeugt und trotzig wie vorhin.
Er, wieder knuepfend des Gespraeches Kette:
"Ward jene Kunst zuteil den Meinen nicht?
Dies martert mehr mich noch als dieses Bette.
Doch wird nicht fuenfzigmal sich das Gesicht
Der Herrin dieses Dunkels neu entzuenden,
So wirst du fuehlen dieser Kunst Gewicht.
Sprich, willst du je zurueck aus diesen Gruenden,
Wie gegen mein Geschlecht mag solche Wut
Das Volk in jeglichem Gesetz verkuenden?"
Ich sprach: "Das grosse Morden ist's, das Blut,
Das rotgefaerbt der Arbia klare Wogen,
Das eu'r Geschlecht mit solchem Fluch belud."
Er seufzt' und schuettelte das Haupt: "Vollzogen
Hab' ich allein nicht diese blut'ge Tat,
Und. alle hat uns trift'ger Grund bewogen.
Doch ich allein war's, der dem grausen Rat;
Es muesse bis zum Grund Florenz verschwinden,
Mit offnem Angesicht entgegentrat."
"Soll euer Same jemals Ruhe finden,"
So sprach ich bittend, "loest die Schlingen hier,
Die noch, mein Urteil hemmend, mich umwinden.
Versteh' ich recht, so scheint es wohl, dass ihr
Erkennen moegt, was kuenft'ge Zeiten bringen,
Doch mit der Gegenwart scheint's anders mir."
Er sprach: "Uns traegt der Blick nach fernen Dingen,
Wie's oefters wohl der Schwachen Sehkraft geht,
Denn dahin laesst der hoechste Herr uns dringen.
Doch naht sich und erscheint, was wir erspaeht,
Weg ist das Wissen, und nur durch Berichte
Erfahren wir, wie's jetzt auf Erden steht.
Darum begreifst du: einst beim Weltgerichte,
Wenn sich der Zukunft Tor auf ewig schliesst,
Wird die Erkenntnis unsers Geists zunichte."
Drauf ich: "Wie jetzt mein Fehler mich verdriesst!
O sagt dem Hingesunknen, Trostentbloessten,
Dass noch sein Sohn das heitre Licht geniesst.
Und war ich vorhin saeumig, ihn zu troesten,
So sagt ihm, dass ich Raum dem Irrtum gab,
Den eben jetzt mir eure Worte loesten."
Hier rief mein Meister schon mich wieder ab,
Drum bat ich schnell den Geist, mir zu erzaehlen,
Wer noch verborgen sei in seinem Grab.
Er sprach: "Hier liegen mehr als tausend Seelen,
Der Kardinal, der zweite Friederich
Und andre, die's nicht nottut, aufzuzaehlen."
Und er versank ich aber kehrte mich
Zum alten Dichter, jene Red' erwaegend,
Die einer Ungluecksprophezeiung glich.
Er aber ging und sprach, sich vorbewegend,
Zu mir gewandt: "Was bist du so verstoert?"
Ich tat's ihm kund, die Angst im Herzen hegend.
"Behalte, was du Widriges gehoert,"
Sprach mit erhobnem Finger jener Weise,
"Und merk' itzt auf, dass dich kein Trug betoert.
Bist du dereinst im suessen Strahlenkreise,
Verstroemt vom schoenen Blick, der alles sieht,
Dann deutet sie dir deine Lebensreise."
Nun ging es links ins hoellische Gebiet,
Um von der Mau'r der Mitte zuzuschreiten,
Wo sich der Pfad nach einem Tale zieht,
Von dem Gestank und Qualm sich weit verbreiten.


Elfter Gesang

Am aeussern Saum von einem hohen Strande,
Umkreist von Felsentruemmern ohne Zahl,
Gelangten wir zu einem grausern Lande.
Dort bargen wir vor des Gestankes Qual,
Der graesslich dampft aus jenen tiefen Gruenden,
Uns hinter eines hohen Grabes Mal.
Wir sahn den Inhalt diese Schrift verkuenden:
Hier liegt Papst Anastasius, den Photin
Vom rechten Pfad verfuehrt zu Schmach und Suenden.
"Wir muessen," sprach er, "langsam abwaertszieh'n;
Ertraeglicher wird nach und nach den Sinnen
Der schlechte Dunst, der unertraeglich schien."
"So lass uns etwas," sprach ich drauf, "beginnen,
Das uns die hier verbrachte Zeit ersetzt."
"Du siehst," erwidert' er, "darauf mich sinnen."
"Mein Sohn, du wirst in diesen Steinen jetzt,"
So fuhr er fort, "drei kleinre Kreise zaehlen,
Nach Stufen, wie die andern, fortgesetzt.
Erfuellt sind alle von verdammten Seelen,
Doch weil du selbst sie sehn wirst, so vernimm,
Wie und warum sie sich hier unten quaelen.
Jedwede Bosheit weckt des Himmels Grimm,
Der Unrecht Zweck ist, denn sie macht es immer
Durch Trug und durch Gewalt mit andern schlimm.
Doch Trug, des Menschen eigne Suend', ist schlimmer,
Und die Betrueger bannt des Herrn Geheiss,
Drum tiefer hin zu schmerzlichem Gewimmer.
Gewalttat wird bestraft im ersten Kreis,
Doch, nach dreifacher Gattung von Vergehen,
In dreien Binnenkreisen stufenweis.
An Gott, an sich, am Naechsten kann's geschehen,
Dass man Gewalt veruebt, an Leib und Gut.
Wie? Sollst du jetzt mit klaren Gruenden sehen.
Gewalttat an des Naechsten Leib und Blut
Geschieht durch Totschlag und durch schlimme Wunden,
Am Gute durch Verwuestung, Raub und Glut.
Totschlaeger werden, die, so schwer verwunden,
Verwuester, Raeuber, drum hinabgebannt
Zur Pein im ersten Binnenkreis gefunden.
Gewalt uebt man an sich mit eigner Hand,
Und seinem Gut.--Um fruchtlos zu bereuen,
Sind drum zum zweiten Binnenkreis gesandt,
Die selber sich zu toeten sich nicht scheuen,
Die, so im Spielhaus all ihr Gut vertan
Und dorten weinten, statt sich zu erfreuen.
Gewalt auch tut der Mensch der Gottheit an,
Im Herzen sie verleugnend und nicht achtend,
Was er durch Guete der Natur empfah'n.
Du wirst, den kleinsten Binnenkreis betrachtend,
Drum die von Sodom und von Cahors schau'n,
Und Volk, im Herzen seinen Gott verachtend.
Trug, des Gewissens Qual, ist am Vertrau'n,
Und ist auch oft veruebt an solchen worden,
Die nicht als Freund' auf den Betrueger bau'n.
Die letzte Gattung scheint das Band zu morden,
Das die Natur aus Lieb' um alle flicht;
Drum nisten in dem zweiten Kreis die Horden
Der Heuchler, Schmeichler, die, so falsch Gewicht
Gebrauchen, Simonisten, Zaubrer, Diebe
Und Kuppler und dergleichen Schandgezuecht.
Zerrissen wird von jenem Trug die Liebe,
So die Natur macht; die auch, die vermehrt,
Noch Treue fordert aus besonderm Triebe.
Drum auf dem Punkte, den das All beschwert,
Wo Dis den Stand hat, dort, im kleinsten Kreise,
Wird, wer Verrat uebt, ewiglich verzehrt."
Und ich: Du stellt nach deiner klaren Weise
Wohlabgeteilt den Hoellenschlund mir dar,
Und welche Suender jedes Rund umkreise;
Doch sprich: Das Volk, das dort im Sumpfe war,
Die, so der Wind fuehrt und die Regen schlagen,
Die mit Geschrei sich stossen immerdar,
Wie kommt's, wenn sie den Zorn des Himmels tragen,
Dass nicht die Feuerstadt ihr Strafort wird?
Wenn nicht, was leiden sie doch solche Plagen?
Und er darauf zu mir: "Was schweift verwirrt
Dein Geist hier ab von den gewohnten Wegen?
Woandershin hat sich dein Sinn verirrt?
Willst du nicht deine Sittenlehr' erwaegen,
Die Kunde von drei Neigungen verleiht,
Die Gottes Zorn und seinen Hass erregen,
Von Tollwut, Bosheit, Unenthaltsamkeit?
Die dritt' ist, da sie minderes Verachten
Des Herrn verraet, von mindrer Strafbarkeit.
Willst du den Spruch bedenken und betrachten,
Wer jene sind, die vor der Stadt voll Glut
Dort oben, ihre Straf erduldend, schmachten,
So wirst du sehn, wie sie von dieser Brut
Geschieden sind, und minder sie beschwerend
Auf ihnen das Gewicht des Himmels ruht."--
"O Sonne, du, die truebsten Blicke klaerend,
Wie Wissen, so erfreut der Zweifel mich,
Vernehm' ich dich ihn loesend, mich belehrend.
Drum wend' ein wenig," sprach ich, "rueckwaerts dich.
Da sagtest, dass die Wuchrer Gott verletzen,
Jetzt sage mir, wie loest dies Raetsel sich?"
Weltweisheit, sprach er, lehrt in mehrern Saetzen,
Dass nur aus Gottes Geist und Kunst und Kraft
Natur entstand mit allen ihren Schaetzen;
Und ueberdenkst du deine Wissenschaft
Von der Natur, so wirst du bald erkennen,
Dass eure Kunst, mit allem, was sie schafft,
Nur der Natur folgt, wie nach bestem Koennen
Der Schueler geht auf seines Meisters Spur;
Drum ist sie Gottes Enkelin zu nennen
Vergleiche nun mit Kunst und mit Natur
Die Genesis, wo's also lautet: Leben
Sollst du im Schweiss des Angesichtes nur.--
Weil Wuchrer nun nach anderm Wege Streben,
Schmaeh'n sie Natur und ihre Folgerin,
Indem sie andrer Hoffnung sich ergeben.
Doch folge mir, denn vorwaerts strebt mein Sinn,
Da schon die Fisch' empor am Himmel springen;
Schon auf den Caurus sinkt der Wagen hin,
Und weit ist's noch, eh' wir zur Tiefe dringen.


Zwoelfter Gesang

Rauhfelsig war der Steig am Strand hernieder,
Ob des, was sonst dort war, der Schauer gross,
Und jedem Auge drum der Ort zuwider.
Dem Bergsturz gleich bei Trento--in den Schoss
Der Etsch ist seitwaerts Truemmerschutt geschmissen,
Durch Unterwuehlung oder Erdenstoss--
Wo von dem Gipfel, dem er sich entrissen,
Der Fels so schraeg ist, dass zum ebnen Land,
Die oben sind, den Steg nicht ganz vermissen;
So dieses Abgrunds Hang, und dort am Rand
War's, wo von Felsentruemmern ueberhangen
Sich ausgestreckt die Schande Kretas fand,
Einst von dem Scheinbild einer Kuh empfangen.
Sich selber biss er, als er uns erblickt,
Wie innerlich von wildem Grimm befangen.
Mein Meister rief: "Bist du vom Wahn bestrickt.
Als saehst du hier den Theseus vor dir stehen,
Der dich von dort zur HoeIl' herabgeschickt?
Fort, Untier, fort! Den Weg, auf dem wir gehen,
Nicht deine Schwester hat ihn uns gelehrt,
Doch dieser kommt, um eure Qual zu sehen."
So wie der Stier, vom Todesstreich versehrt,
Sich losreisst und nicht gehen kann, nur springen.
Und Satz um Satz hierhin und dorthin faehrt;
So sahen wir den Minotaurus ringen,
Drum rief Virgil: "Itzt weiter ohne Rast;
Indes er tobt, ist's gut, hinabzudringen."
So klommen wir, von Truemmern rings umfasst,
Auf Truemmern sorglich fort, und oft bewegte
Ein Stein sich unter mir der neuen Last.
Ich ging, indem ich sinnend ueberlegte.
Und er: "Du denkst an diesen Schutt, bewacht
Von Zornwut, die vor meinem Wort sich legte.
Vernimm jetzt, als ich in der Hoelle Nacht
Zum erstenmal so tief hereingedrungen.
War dieser Fels noch nicht herabgekracht.
Doch kurz eh' jener sich herabgeschwungen
Vom hoechsten Kreis des Himmels, der dem Dis
So edler Seelen grossen Raub entrungen.
Erbebte so die grause Finsternis,
Dass ich die Meinung fasste, Liebe zuecke
Durchs Weltenall und stuerz' in maecht'gern Riss
Ins alte Chaos neu die Welt zuruecke.
Der Fels, der seit dem Anfang fest geruht,
Ging damals hier und anderwaerts in Stuecke.
Doch blick' ins Tal, schon naht der Strom von Blut,
In welchem jeder siedet, der dort oben
Dem Naechsten durch Gewalttat wehe tut."
O blinde Gier, o toller Zorn! eu'r Toben,
Es spornt uns dort im kurzen Leben an
Und macht uns ewig dann dies Bad erproben--
Hier ist ein weiter Graben, der den Plan
Ringshin umfasst im weiten runden Bogen,
Wie mir mein weiser Fuehrer kundgetan.
Zentauren, rennend, pfeilbewaffnet, zogen,
Sich folgend, zwischen Fluss und Felsenwand,
Wie in der Welt, wenn sie der Jagd gepflogen.
Als sie uns klimmen sahn, ward Stillestand;
Drei traten vor mit ausgesuchten Pfeilen
Und schussbereit den Bogen in der Hand.
Und einer rief von fern: "Ihr muesst verweilen!
Zu welcher Qual kommt ihr an diesen Ort?
Von dort sprecht, sonst soll euch mein Pfeil ereilen!
"Dem Chiron sag' ich in der Naeh' ein Wort,"
Sprach drauf Virgil. "Zum Unheil dich verfuehrend,
Riss vorschnell stets der blinde Trieb dich fort."
"Nessus ist dieser," sprach er, mich beruehrend,
"Der starb, als Dejaniren er geraubt,
Die Rache noch vor seinem Tod vollfuehrend.
Der in der Mitt' ist, mit gesenktem Haupt,
Der grosse Chiron, der Achillen naehrte;
Dort Pholus, welcher stets vor Zorn geschnaubt.
Am Graben rings gehn tausend Pfeilbewehrte
Und schiessen die, so aus dem Pfuhl herauf
Mehr tauchen, als der Richterspruch gewaehrte."
Wir beide nahten uns dem flinken Hauf,
Chiron nahm einen Pfeil und strich vom Barte
Das Haar nach hinten sich mit seinem Knauf.
Als nun das grosse Maul sich offenbarte,
Sprach er: "Bemerkt: der hinten kommt, bewegt.
Was er beruehrt, wie ich es wohl gewahrte.
Und wie's kein Totenfuss zu machen pflegt."
Da trat ihm an die Brust mein weiser Leiter,
Wo Mensch und Ross sich einigt und vertraegt.
"Lebendig ist," so sprach er, "der Begleiter,
Der dieses dunkle Tal mit mir bereist;
Notwendigkeit, nicht Neugier, zieht uns weiter.
Von dort, wo Gott ihr Halleluja preist,
Kam eine her, dies Amt mir aufzutragen.
Er ist kein Raeuber, ich kein boeser Geist.
Doch, bei der Kraft, durch die ich sonder Zagen
Auf wildem Pfad im Schmerzensland erschien.
Gib einen uns von diesen, die hier jagen.
Dass er die Furt uns zeig', und jenseits ihn
Trag auf dem Kreuz ans andere Gestade,
Denn er, kein Geist, kann durch die Luft nicht zieh'n."
"Auf, Nessus, leite sie auf ihrem Pfade,"
Rief Chiron rechts gewandt, "bewahre sie,
Dass sonst kein Trupp der unsern ihnen schade."
Da solch Geleit uns Sicherheit verlieh,
So gingen wir am roten Sud von hinnen.
Aus dem die Rotte der Gesottnen schrie.
Bis zu den Brauen waren viele drinnen.
"Tyrannen sind's, erpicht auf Gut und Blut,"
So hoert' ich den Zentauren nun beginnen,
"Jetzt heulen sie in ihrer Qualen Wut.
Den Alexander sieh und Dionysen,
Der auf Sizilien Schmerzensjahre lud.
Die schwarzbehaarte Stirn sieh neben diesen,
Den Ezzelin--und jener Blonde dort
Ist Obiz Este, der, wie's klar erwiesen,
Vertilgt ward durch des Rabensohnes Mord."
Den Dichter sah ich an, der sprach: "Der Zweite
Bin ich, der Erste der, merk' auf sein Wort."
Und weiter gab uns Nessus das Geleite
Zu Volke, das, bis an des Mundes Rand
Im heissen Sprudel, heult' und maledeite.
Und seitwaerts zeigt er einen mit der Hand:
" Der macht' einst am Altar das Herz verbluten,
Das man noch jetzt verehrt am Themsestrand."
Und viele hielten aus den heissen Fluten
Das ganze Haupt, dann Brust und Leib gestreckt,
Auch kannt' ich manchen in den nassen Gluten.
Stets seichter ward das Blut, so dass bedeckt
Am Ende nur der Schatten Fuesse waren,
Und dorten ward des Grabens Furt entdeckt.
Da sagte der Zentaur: "Du wirst gewahren,
Wie immer seichter hier das Blut sich zeigt.
Jetzt aber, will ich, sollst du auch erfahren,
Dass dort der Grund je mehr und mehr sich neigt.
Bis wo die Flut verrinnt in jenen Tiefen,
Woraus das Seufzen der Tyrannen steigt.
Gerechter Zorn und Rache Gottes riefen
Dorthin der Erde Geissel, Attila,
Pyrrhus und Sextus; und von Traenen triefen.
Von Traenen, ausgekocht vom Blute, da
Die beiden Rinier, arge Raubgesellen,
Die man die Strassen hart bekriegen sah--"
Hier wandt' er sich, rueckeilend durch die Wellen.


Dreizehnter Gesang

Noch war nicht Nessus jenseits am Gestade,
Da schritten wir in einen Wald voll Grau'n,
Und nirgend war die Spur von einem Pfade.
Nicht gruen war dort das Laub, nur schwaerzlichbraun,
Nicht glatt ein Zweig, nur knotige, verwirrte,
Nicht Frucht daran, nur gift'ger Dorn zu schau'n.
Nie bei Cornet und der Cecina irrte
Damhirsch und Eber durch so dichten Hain,
Dies Wild, das nie die Saat des Feldes kirrte.
Hier aber nisten die Harpy'n sich ein,
Die, von den Inseln Trojas Volk zu scheuchen,
Es aengsteten mit Ungluecksprophezei'n,
Mit breiten Schwingen, Federn an den Baeuchen,
Klau'n an den Fuessen, menschlich von Gesicht,
Wehklagend aus den seltsamen Gestraeuchen.
"Bevor du eindringst, wisse, dich umflicht",
Sprach er, "der zweite Binnenkreis; zu schauen,
Indes du weitergehst, versaeume nicht.
So kommst du, schauend, in den Sand voll Grauen,
Und gib wohl acht; denn allem, was ich sprach,
Wirst du dann durch den Augenschein vertrauen."
Schon hoert' ich rings Geheul und Oh und Ach,
Doch sah ich keinen, der so aechzt' und schnaubte,
So dass mein Knie mir fast vor Schauder brach.
Ich glaub', er mochte glauben, dass ich glaubte.
Verborgne stoehnten aus dem dunkeln Raum,
Die mir zu sehn das Dickicht nicht erlaubte.
"Brich nur ein Zweiglein ab von einem Baum,"
Begann mein Meister, "und du wirst entdecken.
Was du vermutest, sei ein leerer Traum.''
Da saeumt' ich nicht,- die Finger auszustrecken.
Riss einen Zweig von einem grossen Dorn,
Und ploetzlich schrie der stumpf zu meinem Schrecken:
"Was brichst du mich?"--worauf ein blut'ger Born
Aus ihm entquoll, und diese Wort' erklangen:
"Was peinigt uns dein rnitleidloser Zorn?
Uns, Menschen einst, von Rinden jetzt umfangen.
Wohl groessre Schonung ziemte deiner Hand,
Und waeren wir auch Seelen nur von Schlangen."
Gleich wie ein gruener Ast, hier angebrannt,
Dort aechzt und sprueht, wenn, aufgeloest in Winde,
Der feuchte Dunst den Weg nach aussen fand;
So drangen Wort und Blut aus Holz und Rinde,
Und mir entsank das Reis, dass ich geraubt;
Dann stand ich dort, als ob ich Furcht empfinde.
"Verletzte Seele, haett' er je geglaubt.
Was frueher schon ihm mein Gedicht entdeckte,"
So sprach Virgil, "nie haett' er sich's erlaubt.
Wenn er die Hand nach deinem Aste streckte,
So reut's mich itzt, dass, weil's unglaublich schien,
Ich Lust in ihm zu solcher Tat erweckte.
Doch sag' ihm, wer du warst. Er wird, wenn ihn
Der Tag einst neu umfaengt, den Fehl zu buessen,
Dort frisch ans Licht dein Angedenken zieh'n."
Der Stamm: "Ein Koeder ist im Wort, dem suessen,
Der mich zum Sprechen lockt; mag euch's, wenn mich
Der Leim beim Reden festhaelt, nicht verdriessen.
Ich bin's, der einst das Herz des Friederich
Mit zweien Schluesseln auf- und zugeschlossen
Und sie so sanft und leis gedreht, dass ich,
Nur ich, sonst keiner, sein Vertraun genossen--
Und bis ich ihm geopfert Schlaf und Blut,
Weiht' ich dem hohen Amt mich unverdrossen.
Die Hure, die mit buhlerischer Glut
Auf Caesars Haus die geilen Blicke spannte,
Sie, aller Hoefe Tod und Suend' und Wut,
Schuert an, bis alles gegen mich entbrannte,
Und alle schuerten Friedrichs Gluten an.
Dass heitrer Ruhm in duestres Leid sich wandte.
Da hat mein zornentflammter Geist, im Wahn,
Durch Sterben aller Schmach sich zu entwinden.
Mir, dem Gerechten, Unrecht angetan.
Bei diesen Wurzeln schwoer' ich, diesen Rinden:
Stets war's um meine Treue wohlbestellt
Fuer ihn, der wert war, ew'gen Ruhm zu finden;
Kehrt einer je von euch zurueck zur Welt,
So moeg' er dort mein Angedenken heben,
Das jener Streich des Neids noch niederhaelt."
Hier hielt er an, ich aber schwieg mit Beben.
Da sprach der Dichter: "Ohne Zeitverlust
Frag' ihn, er wird auf alles Antwort geben."
Ich aber: "Frag' ihn selbst. Dir ist bewusst,
Was mir erspriesslich sei, ihm abzufragen;
Ich koennt' es nicht, denn Leid drueckt meine Brust."
Und er: "Soll einst, was du ihm aufgetragen,--
Er frei vollzieh'n, dann, o gefangner Geist,
Beliebe dir, zuvor uns anzusagen,
Wie dieser Staemme Band die Seel' umkreist?
Und, wenn um sie sich starre Rinden legen,
Ob diesen Gliedern eine sich entreisst?
Ein starker Hauch schien sich im Stamm zu regen,
Dann aber ward der Wind zu diesem Wort:
"In kurzer Rede sag' ich dies dagegen:
Wenn die vom Leib sich trennen, welche dort
Sich frevelhaft in wildern Grimm entleiben,
Schickt Minos sie zu diesem Schlunde fort.
Hier fallen sie, wie sie die Stuerme treiben,
In diesen Wald nach Zufall, ohne Wahl,
Um wie ein Speltkorn wuchernd zu bekleiben.
So wachsen Buesch' und Baeum' in diesem Tal,
Und die Harpy'n, die sich vom Laube weiden,
Sie machen Qual, und Oeffnung fuer die Qual.
Einst eilen wir nach unserm Leib, doch kleiden
Uns nie darein; denn was man selbst sich nahm.
Will Gott uns nimmer wieder neu bescheiden.
Wir schleppen ihn in diesen Wald voll Gram,
Und jeder Leib wird an den Baum gehangen.
Den hier zur ew'gen Haft sein Geist bekam."
Wir horchten auf den Stamm noch, voll Verlangen,
Mehr zu vernehmen, als urploetzlich schnell
Schrei'n und Getos zu unsern Ohren drangen.
Als ob hier Eber, Hund und Jagdgesell,
Die ganze Jagd, heran laut tosend brauste
Mit Waldesrauschen, Schreien und Gebell.--
Und sieh, linksher, zwei Nackende, Zerzauste,
Fortstuermen, wie vom Aeussersten bedroht,
Dass das Gezweig zertruemmert kracht' und sauste.
Der Vordre schrie: "Zu Hilfe, Hilfe, Tod!"
Dem andern schien's, dass es mehr Eile brauche;
"Lan," rief er, "dort bei Toppo in der Not
Schien nicht dein Fusswerk gut zu dem Gebrauche."
Dann, weil erschoepft vielleicht des Odems Rest,
Macht' er ein Knaeu'l aus sich und einem Strauche.
Sieh schwarze Hunde, durchs Gestruepp gepresst.
Schnell hinterdrein, die wild die Laeufe streckten,
Wie Doggen, die man von der Kett' entlaesst.
Sie schlugen ihre Zahn' in den Versteckten,
Zerrissen ihn und trugen stueckweis dann
Die Glieder fort, die frischen, blutbefleckten.
Mein Fuehrer fasste bei der Hand mich an
Und fuehrte mich zum Busche, der vergebens
Aus Rissen klagte, welchen Blut entrann.
Er sprach: "Was machtest du doch eitlen Strebens,
O Jakob, meinen Busch zu deiner Hut?
Trag' ich die Schulden deines Lasterlebens?"
Mein Meister, dessen Schritt bei ihm geruht,
Sprach: "Wer bist du? Warum aus so viel Rissen
Hauchst du zugleich die Schmerzensred' und Blut?"
Und er: "Die ihr gekommen, um zu wissen,
Wie harte Schmach ich hier erdulden muss,
Zu sehn, wie man mir so mein Laub entrissen.
O sammelt's an des traur'gen Stammes Fuss.
Ich bin aus jener Stadt, die statt des alten
Den Taeufer waehlt als Schutzherrn. Voll Verdruss
Wird jener drum als Feind ihr grausam walten,
Und haette man nicht noch sein Bild geschaut.
Das dort sich auf der Arnobrueck' erhalten.
Die Buerger, die sie wieder aufgebaut
Vom Brand des Attila, aus Schutt und Grause,
Sie haetten ihrer Mueh' umsonst vertraut.
Den Galgen macht' ich mir aus meinem Hause."


Vierzehnter Gesang

Weil ich der Vaterstadt mit Ruehrung dachte,
Las ich das Laub, das ich, das Herz soll Leid,
Zurueck zum Stamm, der kaum noch aechzte, brachte.
Drauf kamen wir zur Grenz' in kurzer Zeit
Vom zweiten Binnenkreis und sah'n im dritten
Ein krauses Kunstwerk der Gerechtigkeit.
Denn dort eroeffnete vor unsern Schritten
Und unsern Blicken sich ein ebnes Land,
Des Boden nimmer Pflanz' und Gras gelitten.
Und wie sich um den Wald der Graben wand,
War dieses von dem Schmerzenswald umwunden.
Hier weilten wir an beider Kreise Rand.
Dort ward ein tiefer, duerrer Sand gefunden.
Der dem, den Cato's Fuesse stampften, glich,
Wie wir vernehmen aus den alten Kunden.
O Gottes Rache! Jeder fuerchte dich,
Dem, was ich sah, mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich.
Denn nackte Seelen sah ich dort in Scharen,
Die, alle klagend jaemmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren.
Die lagen ruecklings auf der Erd' umher,
Die sah ich sich zusammenkruemmend kauern.
Noch andre gingen immer hin und her.
Die Mehrzahl musst' im Gehn die Straf' erdauern.
Der Liegenden war die geringre Zahl,
Doch mehr gedraengt zum Klagen und zum Trauern.
Langsamen Falls sah ich mit rotem Strahl
Hernieder breite Feuerflocken wallen,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpental.
Wie Alexander einstens Feuerballen,
Fest bis zur Erde, sah auf seine Schar
In jener heissen Gegend Indiens fallen,
Daher sein Volk, vorbeugend der Gefahr,
Den Boden stampfen musst', um sie zu toeten,
Weil einzeln sie zu tilgen leichter war;
So sah ich von der Glut den Boden roeten;
Wie unterm Stahle Schwamm, entglomm der Sand,
Wodurch die Qualen zwiefach sich erhoehten.
Nie hatten hier die Haende Stillestand,
Und hier- und dorthin sah ich sie bewegen,
Abschuettelnd von der Haut den frischen Brand.
Da sprach ich: "Du, dem alles unterlegen,
Bis auf die Geister, die sich dort voll Wut
Am Tor zur Wehr gestellt und dir entgegen.
Wer ist der grosse, welcher, diese Glut
Verachtend, liegt, die Blicke trotzig hebend,
Noch nicht erweicht von dieser Feuerflut?"
Und jener rief, mir selber Antwort gebend,
Weil er gemerkt, dass ich nach ihm gefragt,
Uns grimmig zu: "Tot bin ich, wie einst lebend.
Sei auch mit Arbeit Jovis Schmied geplagt,
Von welchem er den spitzen Pfeil bekommen,
Den er zuletzt in meine Brust gejagt;
Zur Hilfe sei die ganze Schar genommen,
Die rastlos schmiedet in des Aetna Nacht;
Hilf, hilf, Vulkan, so schrei' er zornentglommen,
Wie er bei Phlaegra tat in jener Schlacht;
Mit aller Macht sei das Geschoss geschwungen,
Gewiss, dass nie ihm frohe Rache lacht--"
Da hob so stark, wie sie mir nie erklungen,
Mein Meister seine Stimm', ihm zuzuschrei'n:
"O Kapaneus, dass ewig unbezwungen
Dich Hochmut nagt, ist deine wahre Pein,
Denn keine Marter, als dein eignes Wueten,
Kann deiner Wut vollkommne Strafe sein."
Drauf schien des Meisters Zorn sich zu begueten.
Von jenen sieben war er, sagt' er mir,
Die Theben zu erobern sich bemuehten.
Er hoehnt, so scheint's, noch Gott in wilder Gier,
Und, wie ich sprach, sein Stolz bleibt seine Schande,
Sein Trotz des Busens wohlverdiente Zier.
Jetzt folge mir, doch vor dem heissen Sande
Verwahr' im Gehen sorglich deinen Fuss
Und halte nah dich an des Waldes Rande.
Ich ging und schwieg, und einen kleinen Fluss
Sah ich diesseits des Waldes sprudelnd quellen.
Vor dessen Rot' ich jetzt noch schaudern muss.
Den Bach aus jenem Sprudel gleichzustellen.
Der Buhlerinnen schaendlichem Verein,
Floss er den Sand hinab mit dunkeln Wellen.
Und Grund und Ufer waren dort von Stein,
Auch beide Raender, die den Fluss umfassen.
Drum musste hier der Weg hinueber sein.
"Von allem, was ich noch dich sehen lassen.
Seit wir durch jenes Tor hier eingekehrt.
Das uns, wie alle, ruhig eingelassen,
War noch bis jetzt nichts so bemerkenswert.
Als dieser Fluss, zu dem du eben ziehest,
Der ueber sich die Flaemmchen schnell verzehrt."
So er zu mir und ich darauf: "Du siehest
Mich luestern schon genug, drum speist' ich gern;
Gib Kost nur, wie du Essenslust verliehest."
Und er: "Oed liegt ein Land im Meere fern,
Das Kreta hiess, und Keuschheit hat gewaltet,
Als noch die Welt stand unter seinem Herrn.
Ein Berg dort, Ida, war einst schoen gestaltet,
Mit Quellen, Laub und Blumen reich geschmueckt,
Jetzt ist er oed, verwittert und veraltet.
Dorthin hat Rhea ihren Sohn entrueckt.
Und, alle Spaeher listig hintergehend,
Des Kindes Schrei'n durch Tosen unterdrueckt.
Ein hoher Greis ist drin, g'rad' aufrecht stehend,
Den Ruecken nach Damiette hingewandt,
Nach Rom hin, wie in seinen Spiegel, sehend;
Das Haupt von feinem Gold; Brust, Arm und Hand
Von reinem Silber; weiter dann hernieder
Von Kupfer nur bis an der Hueften Rand;
Von tuecht'gem Eisen bis zur Sohle nieder;
Nur von gebranntem Ton der rechte Fuss,
Doch ruht auf diesem meist die Last der Glieder.
Das Gold allein ist von gediegnem Guss;
Die andern haben Spalt' und traeufeln Zaehren,
Und diese brechen durch die Grott' als Fluss,
Um ihren Lauf nach diesem Tal zu kehren.
Als Acheron, als Styx, als Phlegethon,
Und bilden, wenn sie zu den tiefsten Sphaeren
Durch diesen engen Graben hingefloh'n,
Dort den Kozyt; doch nahst du diesem Teiche
Bald selber dich, drum hier nichts mehr davon."
Und ich zu ihm: "Wenn auf der Erd', im Reiche
Des Tages, schon der kleine Fluss entstund,
Wie kommt es, dass ich ihn erst hier erreiche?"
Und er zu mir: "Du weisst, der Ort ist rund,
Und ob wir gleich schon tief hernieder drangen,
Doch haben wir, da wir uns links zum Grund
Herabgewandt, den Kreis nicht ganz umgangen,
Und wenn du auch noch manches Neue siehst,
Mag Staunen drum dein Auge nicht befangen."
"Sprich noch, wo Phlegethon, wo Lethe fliesst?
Du schweigst von der; von jenem hoert' ich sagen,
Dass er aus diesem Regen sich ergiesst."
So ich; und er: "Gern hoer' ich deine Fragen,
Doch sollte wohl des roten Wassers Sud
Auf jene selbst die Antwort in sich tragen.
Nicht in der Hoelle fliesst der Lethe Flut,
Dort siehst du sie beim grossen Seelenbade,
Wenn die bereute Schuld auf ewig ruht."
Und drauf: "Jetzt weg vom Wald, und komm gerade
Denselben Weg, den meine Spur dich lehrt;
Die Raender, nicht entzuendet, bilden Pfade,
Und ueber ihnen wird der Dunst verzehrt."


Fuenfzehnter Gesang

Wir gehen nun auf hartem Rand zusammen,
Und Dampf des Bachs, der drueber nebelt, schuetzt
Das Wasser und die Daemme vor den Flammen.
So wie sein Land der Flandrer unterstuetzt,
Bang vor der Springflut Ansturz, die vom Baue
Des festen Damms rueckprallend schaeumt und spritzt;
Wie laengs der Brenta Schloss und Dorf und Aue
Die Paduaner sorglich wohl verwahrt,
Bevor der Chiarentana Frost erlaue;
So war der Damm auch hier von gleicher Art,
Nur dass in minder hohen, dicken Massen
Vom Meister dieser Bau errichtet ward.
Schon weit zurueck hatt' ich den Wald gelassen,
So dass der Blick, nach ihm zurueckgewandt,
Doch nicht vermoegend war, ihn zu erfassen.
Da kam am Fuss des Damms ein Schwarm gerannt.
Und wie am Neumond bei des Abends Grauen
Nach dem und jenem man die Blicke spannt,
So sahn wir sie auf uns nach oben schauen;
Und wie der alte Schneider nach dem Oehr,
So spitzten sie nach uns die Augenbrauen.
Und wie sie alle gafften, fasste wer
Mich bei dem Saum, indem er mich erkannte,
Und rief erstaunt: "Welch Wunder! Du? Woher?"
Und ich, wie er nach mir gegriffen, wandte
Den Blick ihm fest aufs Angesicht, das schier
Geroestet war; doch zeigte das verbrannte
Sogleich die wohlbekannten Zuege mir;
Drum, neigend, auf sein Antlitz zu, die Arme,
Rief ich: "Ei, Herr Brunetto, seid ihr hier?"
"Mein Sohn," sprach jener, "dass dich mein erbarme!
Gern spraeche wohl Brunett Latini dich
Ein wenig hier, entfernt von diesem Schwarme."
"Ich bitt' euch selbst darum," entgegnet' ich,
"Daher ich gern mit euch mich setzen werde,
Wenn's dieser billigt, denn er leitet mich."
Und er: "Ach Sohn, wer weilt von dieser Herde,
Darf sich nicht wedeln hundert Jahr hernach
Und liegt, die Glut erduldend, auf der Erde.
Drum geh, ich folge deinem Tritte nach,
Bis wir aufs neu' zu meiner Rotte kommen,
Die weinend geht in Leid und ew'ger Schmach."
Gern war' ich neben ihn hinabgeklommen.
Doch wagt' ich's nicht und ging, das Haupt geneigt,
Wie wer da geht von Ehrfurcht eingenommen,
"Du, welcher vor dem Tod herniedersteigt,"
Begann er nun, "welch Schicksal fuehrt dein Streben?
Und wer ist der, der dir die Pfade zeigt?"
"Dort oben," sprach ich, "in dem heitern Leben
War ich, eh' reif mein Alter, ohne Rat
Verirrt und rings von einem Tal umgeben.
Aus dem ich eben gestern morgens trat.
Zurueck ins Tal wollt' ich, da kam mein Leiter
Und fuehrt mich wieder heim auf diesem Pfad."
Drauf sprach er: "Folgst du deinem Sterne weiter.
Dann, wenn ich recht bemerkt im Leben, schafft
Er dich zum Hafen, ehrenvoll und heiter.
Und haette mich der Tod nicht weggerafft,
Hart' ich, da dir so hold die Sterne waren,
Dich selbst zum Werk gestaerkt mit Mut und Kraft.
Doch jenem Volk von schnoeden, Undankbaren,
Das niederstieg von Fiesole und fast
Des Bruchsteins Haerte noch scheint zu bewahren,
Ihm bist du, weil du wacker tust, verhasst;
Mit Recht, weil uebel stets zu Dorngewinden
Mit herber Frucht die suesse Feige passt.
Man heisst sie dort nach altem Ruf die Blinden,
Voll Geiz, Neid, Hochmut, faul an Schal' und Kern--
Lass rein dich stets von ihren Sitten finden,
So grossen Ruhm bewahrt dir noch dein Stern,
Dass beide Teile hungrig nach dir ringen,
Doch dieses Kraut bleibt ihrem Schnabel fern.
Das Fiesolaner Vieh mag sich verschlingen,
Sich gegenseits, doch nie beruehr's ein Kraut,
Kann noch sein Mist hervor ein solches bringen,
In dem man neubelebt den Samen schaut
Von jenen Roemern, welche dort geblieben.
Als man dies Nest der Bosheit auferbaut."
"War einst, was ich gewuenscht, des Herrn Belieben,"
Entgegnet' ich, "gewiss, ihr waeret nicht
Noch aus der menschlichen Natur vertrieben.
Das teure, gute Vaterangesicht,
Noch seh' ich's vor betruebtem Geiste schweben,
Noch denk' ich, wie ihr mich im heitern Licht
Gelehrt, wie Menschen ew'gen Ruhm erstreben,
Und wie mir dies noch teuer ist und wert,
Soll kund, solang' ich bin, die Zunge geben.
Was ihr von meiner Laufbahn mich gelehrt,
Bewahr' ich wohl--Werd' ich die Herrin schauen
Nebst anderm Text wird mir auch dies erklaert.
Dem aber, will ich, sollt ihr fest vertrauen:
Ist's nur mit dem Gewissen wohlbestellt,
Dann macht kein Schicksal, wie's auch sei, mir Grauen.
Mir ist nicht neu, was eure Red' enthaelt.
Doch mag der Bauer seine Hacke schwingen
Und seinen Kreis das Glueck, wie's ihm gefaellt."
Rechts kehrte sich Virgil, indem wir gingen,
Nach mir zurueck und sah mich an und sprach:
"Gut hoeren, die's behalten und vollbringen."
Ich aber liess drum nicht im Sprechen nach,
Und wuenschte die beruehmtesten zu kennen
Von den Genossen dieser Pein und Schmach.
Drauf Herr Brunett: "Gut ist es, ein'ge nennen,
So wie von andern schweigen loeblich scheint,
Auch wuerd' ich nicht von allen sagen koennen.
Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint
Von grossem Ruf, die einst besudelt waren
Mit jenem Fehl, den jeder nun beweint.
Franz von Accorso geht in diesen Scharen,
Auch Priscian, und war dir's nicht zu schlecht,
Vorhin so schnoeden Aussatz zu gewahren,
So sahst du jenen, den der Knechte Knecht
Zwang, nach Vicenz vom Arno aufzubrechen,
Allwo der Tod sein toll Geluest geraecht.
Gern sagt' ich mehr--doch mit dir gehn und sprechen
Darf ich nicht laenger, denn schon hebt sich dicht
Ein neuer Rauch auf jenen sand'gen Flaechen.
Auch naht hier Volk, von dem mich das Gericht
Geschieden hat--Mein Schatz sei dir empfohlen,
Ich leb' in ihm noch--mehr begehr' ich nicht."
Hier wandt' er sich, die andern einzuholen,
Wie nach dem Ziel mit gruenem Tuch geziert.
Der Veroneser laeuft mit fluecht'gen Sohlen,
Und schien, wie wer gewinnt, nicht wer verliert


Sechzehnter Gesang

Ich war am Ort, wo's widerhallend brauste
Vom Wasser, das da stuerzt' ins naechste Tal,
Als ob ein Schwarm von Bienen summt' und sauste;
Da rannten Schatten her, drei an der Zahl,
Und trennten sich von einer groessern Bande,
Die hinlief durch des Feuerregens Qual,
Und schrien: "Halt du, wir sehn es am Gewande
Dir deutlich an, du bist hierher versetzt
Aus unserm eignen schnoeden Vaterlande."
Ach, alt' und neue Wunden, eingeaetzt
Von Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische,
Und noch voll Mitleid denk' ich ihrer jetzt.
Mein Meister horcht' auf dieses Schmerzgekreische
Und sah mich an und sprach: "Hier harren wir!
Bedenke jetzt, was Hoeflichkeit erheische.
Denn waere nicht der Feuerregen hier,
Nach der Natur des Orts, so wuerd' ich sagen:
Die Eile zieme, mehr als ihnen, dir."
Ich stand und hoerte neu ihr altes Klagen;
Zu uns gekommen waren alle nun,
Da sah ich sie sich selbst im Kreise jagen.
Wie nackende gesalbte Kaempfer tun,
Die Griff und Vorteil zu erforschen pflegen,
Indessen noch die Pueff' und Stoesse ruh'n;
So sah ich sie im Kreise sich bewegen,
Mir immerdar das Antlitz zugewandt,
Und Hals und Fuss an Richtung sich entgegen.
Und einer sprach: "Wenn dieser lockre Sand
Und unsre Not uns nicht veraechtlich machte.
Und unsre Haut, so russig und verbrannt,
Dann unser Flehn, ob unsers Rufs, beachte;
Sprich, wer bist du? Wie lebend hier erscheinst?
Und was dich sicher her zur Hoelle brachte?
Der, welchem du mich folgen siehst, war einst,
Muss er auch nackt hier und geschunden rennen.
Von hoeherm Range wohl, als du vermeinst.
Wer hoerte nicht Gualdradas Enkel nennen,
Den Guidoguerra, dessen Schwert und Geist
Wohl Puglia und Florenz als tuechtig kennen?
Der hinter mir den lockern Sand durchkreist,
Tegghiajo ist's, des Rat man noch auf Erden,
Obwohl man ihm nicht folgt', als heilsam preist.
Ich, ihr Genoss' in schrecklichen Beschwerden,
Bin Jakob Rusticucci, und mich liess
Mein boeses, wildes Weib so elend werden."--
Wenn irgend was vor'm Feuer Schutz verhiess.
So stuerzt' ich gern mich unter sie hernieder,
Auch litt, so glaub' ich, wohl mein Meister dies.
Allein verbrannt haett' ich auch meine Glieder,
Drum unterdrueckte Furcht in mir die Lust,
Die Jammervollen zu umarmen, wieder.
"Nicht der Verachtung bin ich mir bewusst,"
Begann ich, "nur des Leids fuer euch Geplagte,
Und schwer verwinden wird es meine Brust.
Ich fuehlt' es, als mein Herr mir Worte sagte,
Durch welche mir es deutlich ward und klar,
Dass, wer hier komme, hoch auf Erden ragte.
Ich bin aus eurer Stadt, und nimmerdar
Wird eures Tuns ruhmvoll Gedaechtnis schwinden,
Das immer mir auch lieb und teuer war.
Ich liess' die Gall, um suesse Frucht zu finden,
Die mein wahrhafter Fuehrer prophezeit,
Doch muss ich erst zum Mittelpunkt mich winden."
"Soll lang' noch deine Seele das Geleit
Der Glieder sein," so sprach nun er dagegen,
"Soll leuchten noch dein Ruf nach deiner Zeit,
So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen,
Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmut?
Sind sie verbannt und voellig unterlegen?
Denn Borsiere, welcher diese Glut
Seit kurzem teilt, und dort mit andern schreitet,
Erzaehlt' uns manches, was uns wehe tut!--"
"Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet
Zu Unmass dich und Stolz, der dich betoert,
Florenz, und dir viel Leiden schon bereitet!"
Ich rief's, das Aug' emporgewandt, verstoert.
Starr sah'n die drei sich an bei meinen Reden,
Wie man sich anstarrt, wenn man Wahrheit hoert.
"Wir wuenschen Glueck, wenn du so wohlfeil jeden
Abfert'gen kannst," war aller Gegenwort,
"Und dir's bekommt, nach Herzenslust zu reden.
Entkommst du einst aus diesem dunkeln Ort
Und siehst den Sternenglanz, den schoenen, suessen,
Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort,
Vergiss dann nicht, die Welt von uns zu gruessen!"--
Hier aber brachen sie den Kreis und floh'n
Voll Eil' und wie mit Fluegeln an den Fuessen.
Eh' man ein Amen ausspricht, waren schon
Sie alle drei aus meinem Blick verschwunden.
Drum ging sogleich mein Meister auch davon.
Ich folgt' ihm nach, um Weitres zu erkunden,
Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang,
So nah, dass wir uns sprechend kaum verstunden.
Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang,
Des Fluten ostwaerts vom Berg Veso toben.
Vom Apennin an seinem linken Hang;
Das stille Wasser heisst er erst dort oben,
Dann senkt er sich und wird bei Forli bald
Des ersten Namens wiederum enthoben--
Des Sturz dort ob Sankt Benedikt erschallt.
Wo seine Wellen in den Abhang brausen,
Der gross fuer Tausend ist zum Aufenthalt:
So brach von einem Felsenhang voll Grausen
Der rotgefaerbte Fluss sich bruellend Bahn,
Und kaum ertrug das Ohr sein wildes Sausen.
Mit einem Stricke war ich umgetan,
Und manches Mal mit diesem Gurte dachte
Ich das gefleckte Panthertier zu seh'n.
Nachdem ich los von mir den Guertel machte,
Wie ich vom Fuehrer mir geboten fand,
Macht' ich ein Knaeuel draus, das ich ihm brachte.
Er aber kehrte dann sich rechter Hand
Und schleuderte zum tiefen Felsenschlunde
Das Knaeul hinunter ziemlich weit vom Rand.
"Entsprechend", dacht' ich, "muss die neue Kunde
Dem neuen Wink und diesem Blicke sein,
Womit mein Meister schaut zum tiefen Grunde."
Stets praege doch der Mensch sich Vorsicht ein
Mit solchen, die des Herzens Sinn erspaehen,
Und nicht sich halten an die Tat allein.
Er sprach: "Bald werden wir auftauchen sehen,
Was ich erwart'; und das, was du gedacht,
Wird deutlich bald vor deinen Blicken stehen."
Bei Wahrheit, die der Luege gleicht, habt acht,
Soviel ihr koennt, euch nimmer auszusprechen,
Sonst werdet ihr ohn' eure Schuld verlacht.
Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen
Und schwoer', o Leser, dir, bei dem Gedicht,
Dem nimmer moege Huld und Gunst gebrechen:
Ich sah durch jene Luefte schwarz und dicht
Ein Bild, nach oben schwimmend, sich erheben,
Dem Kuehnsten wohl ein wunderbar Gesicht--
Wie jemand kehrt, der sich hinabbegeben.
Den Anker, der im Felsenrisse steckt,
Zu loesen, wenn er sich beim Aufwaertsstreben
Von unten einzieht und nach oben streckt.


Siebzehnter Gesang

Sieh hier das Untier mit dem spitzen Schwanze,
Der Berge spaltet, Mauer bricht und Tor!
Sieh, was mit Stank erfuellt das grosse Ganze!
So hob mein Fuehrer seine Stimm' empor
Und rief mit seinem Wink das Tier zum Rande,
Bis nah zu unserm Marmorpfade vor.
Da kam des Truges Greuelbild zum Lande
Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran,
Doch zog es nicht den scharfen Schweif zum Strande.
Von Antlitz glich es einem Biedermann
Und liess von aussen Mild' und Huld gewahren,
Doch dann fing die Gestalt des Drachen an.
Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,
Und Ruecken, Brust und Seiten, die bemalt
Mit Knoten und mit kleinen Schnoerkeln waren;
Vielfarbig, wie kein Werk Arachnes strahlt,
Wie, was auch Tuerk und Tatar je gewoben,
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt.
Wie man den Kahn, im Wasser halb, halb oben,
Am Lande sieht an unsrer Fluesse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben.
Der Biber in der deutschen Fresser Land;
So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand,
Wild zappelnd, mit dem Schweif durchs Leere schlagend,
Und, mit der Skorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend und sie aufwaerts tragend.
Mein Fuehrer sprach: Jetzt muessen wir uns dreh'n
Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer
Dorthin, wo's jetzo liegt, hinuntergehn.
Nun fuehrte rechter Hand mich mein Getreuer
Nur wenig Schritt' hinab am Rande fort,
Den heissen Sand vermeidend und das Feuer.
Und unten angelangt, erkannt' ich dort
Noch etwas vorwaerts auf dem Sande Leute,
Nah sitzend an des Abgrunds dunklem Bord,
Mein Meister sprach: "Erkennen sollst du heute
Den ganzen Binnenkreis mit seiner Pein,
Drum geh und sieh, was jenes Volk bedeute.
Doch kurz nur duerfen deine Worte sein.
Ich will indes mich mit dem Tier vernehmen,
Den starken Ruecken uns zur Fahrt zu leih'n."
So musst' ich einsam mich zu geh'n bequemen
Am Rand des siebenten der Kreis' und nahm
Den Weg zum Sitze der betruebten Schemen.
Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram,
Indes die Hand, jetzt vor dem heissen Grunde,
Jetzt vor dem Dunst dem Leib zu Hilfe kam.
So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde,
Wenn Floh sie oder Flieg' und Wespe sticht,
Jetzt mit dem einen Fuss, jetzt mit dem Munde.
Die Augen wandt' ich manchem ins Gesicht,
Der dort im Feuer sass und heisser Asche;
Und keinen kannt' ich, doch entging mir nicht,
Vom Halse haenge jedem eine Tasche,
Bezeichnet und bemalt, und wie voll Gier
Nach diesem Anblick noch ihr Auge hasche.
Ich sah, wie ich genaht, ein blaues Tier
Auf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde,
Das schien ein Leu an Kopf und Haltung mir.
Dann blickt' ich weiter durch dies Qualgefilde,
Und sieh, ein andrer Beutel, blutigrot,
Zeigt' eine butterweisse Gans im Bilde.
Ein blaues Schwein auf weissem Sacke bot
Sich dann dem Blick, und seine Stimm' erheben
Hoert' ich den Traeger: "Du hier vor dem Tod?
Fort! Fort! Doch wisse, weil du noch am Leben
Bald findet mir mein Nachbar Vitalian,
Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben.
Oft schrei'n mich diese Florentiner an,
Mich Paduaner, mir zum groessten Schrecken:
Moecht' aller Ritter Ausbund endlich nah'n!
Wo mag doch die Dreischnabeltasche stecken?"--
Hier zerrt' er's Maul schief, und die Zunge zog
Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken.
Schon fuerchtet' ich, da ich so lang verzog,
Den Zorn des Meisters, der auf Eil' gedrungen,
Daher ich schnell mich wieder rueckwaerts bog.
Auch fand ich, dass er schon sich aufgeschwungen
Und auf das Kreuz des Ungetuems gesetzt.
Er sprach: "Stark sei dein Mut und unbezwungen!
Hinunter geht's auf solcher Leiter jetzt.
Steig vorn nur auf, ich will inmitten sitzen.
Dass dich des Schwanzes Stachel nicht verletzt."
Wie wer mit totenkalten Fingerspitzen
Das Fieber nahen fuehlt und doch nicht wagt,
Wenn er schon zitternd bebt, sich zu erhitzen,
So wurd' ich jetzt bei dem, was er gesagt,
Doch machte mich die Scham, gleich einem Knechte,
Wenn ihm ein guet'ger Herr droht, unverzagt.
Drum setzt' ich auf dem Untier mich zurechte.
Und bitten wollt' ich (doch erstarb der Ton),
Dass er mich halten und umfassen moechte.
Doch er, der oft bei der Daemonen Droh'n
Mich unterstuetzt und der Gefahr entzogen,
Umfasste mich mit seinen Armen schon.
Und sprach: "Geryon, auf! Nun fortgeflogen!
Allein bedenke, wen dein Ruecken traegt,
Drum steige sanft hinab in weiten Bogen."
Wie rueckwaerts sich vom Strand der Kahn bewegt,
Schob sich's vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen,
Ward dann im freien Spielraum umgelegt.
Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen,
Ward dieser, wie ein Aalschweif, ausgestreckt,
Und mit dem Tatzenpaar die Luft durchschwommen.
So, glaub' ich, war nicht Phaethon erschreckt,
Als einst die Zuegel seiner Hand entgingen,
Beim Himmelsbrand, des Spur man noch entdeckt;
Noch Icarus, als von erwaermten Schwingen
Das Wachs herniedertroff, bei Daedals Schrei'n:
Dein Weg ist schlecht, dein Flug wird nicht gelingen;
Wie ich, nichts sehend, als das Tier allein,
Und rings umher von oeder Luft umfangen,
Wo nie entglomm des Lichtes heitrer Schein.
Dass wir uns langsam, langsam niederschwangen,
Im Bogenflug, bemerkt' ich nur beim Weh'n
Der Luft von unten her an Stirn und Wangen.
Rechts hoert' ich schon das Wirbeln und das Dreh'n
Des Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen,
Und bog mich vorwaerts, um hinabzusehn.
Doch schuechtern wieder bei des Abgrunds Sausen,
Bei Klag' und Glut, die ich vernahm und sah,
Duckt' ich mich hin und zitterte vor Grausen.
Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da:
Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen.
Und sah mich ueberall den Qualen nah--
Gleich wie ein Falk, wenn er, nach langem Wiegen
In hoher Luft, nicht Raub noch Lockbild steht,
Und ihn der Falkner ruft, herabzufliegen,
So schnell er stieg, so langsam niederzieht
Und, zuernend, wenn der Herr ihn eingeladen,
Im Bogenflug zum fernen Sitze flieht;
So setzt' uns an den steilen Felsgestaden
Geryon ab und flog in grosser Eil',
Sobald er nur sich unsrer Last entladen,
Hinweg, gleich einem abgeschnellten Pfeil.


Achtzehnter Gesang

Ein Ort der Hoelle, namens Uebelsaecken,
ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein,
So auch die Daemme, die ringsum ihn decken.
Grad' in der Mitte dieses Lands der Pein
Gaehnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde.
Von dem wird seines Orts die Rede sein.
Und zwischen Hoehl' und Felswand gehn im Runde
Rings so die Daemme, dass der Taeler zehn
Abschnitte bilden in dem tiefen Grunde.
Wie um ein Schloss mehrfache Graeben gehn.
Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen
Und sicherer den Feinden widerstehn;
So war umguertet dieser Ort der Plagen;
Und wie man Bruecken pflegt zum andern Strand
Aus solcher festen Schloesser Tor zu schlagen,
So sprangen Zacken aus der Felsenwand,
Durchschnitten Waell' und Graeben erst und gingen.
Wie Raederspeichen, bis zum Brunnenrand.
Kaum konnten wir vom Kreuz Geryons springen,
So ging links hin mein Meister und befahl
Auch mir, auf seinen Spuren vorzudringen.
Und ganz erfuellt sah ich das erste Tal
Rechts, wohin Klagen meine Blicke riefen.
Von neuen Peinigern und neuer Qual.
Es waren nackte Suender in den Tiefen,
Geteilt, denn hier zog gegen uns die Schar,
Und dort mit uns, nur dass sie schneller liefen;
Gleichwie man pflegt in Rom beim Jubeljahr
Zum Uebergang die Bruecke herzurichten
Ob uebergrossen Andrangs, also zwar,
Dass hier gewendet sind mit den Gesichten,
Die zu Sankt Peter wallen, nach dem Schloss,
Die andern dort sich nach dem Berge richten.
Auf schwarzem Stein sprang hier und dort ein Tross
Von Teufeln nach, von schrecklichen, gehoernten.
Die schlugen wild auf sie von hinten los.
Wie sie beim ersten Schlage laufen lernten!
Wie sie, nicht harrend auf den zweiten Hieb,
Mit jaehen, langen Spruengen sich entfernten!
So fiel auf einen, den die Geissel trieb,
Mein Auge jetzt hinab, bei dem ich dachte,
Dass er nicht fremd mir auf der Erde blieb.
Scharf blickt' ich hin, damit ich ihn betrachte,
Auch hielt mein Fuehrer an, der's zugestand,
Dass ich zurueck erst ein'ge Schritte machte.
Zwar sucht' er, bodenwaerts den Blick gewandt,
Mir mit Gestalt und Angesicht zu geizen,
Doch rief ich, da ich dennoch ihn erkannt:
"Wenn deine Zuege nicht zum Irrtum reizen,
So mein' ich, dass du Venedigo seist;
Doch weshalb steckst du so in scharfen Beizen?"
"Nur ungern sag' ich's," sprach er drauf, "doch reisst
Dein klares Wort mich hin, das mich bezwungen,
Weil's alte Zeit zurueckfuehrt meinem Geist.
Ich bin's, der in Ghifolen so gedrungen,
Dass sie nach des Markgrafen Willen tat,
Wie ganz entstellt auch das Geruecht erklungen.
Und aus Bologna ist auf gleichem Pfad
An diesen Qualort so viel Volk gekommen,
Als jetzo diese Stadt kaum Buerger hat.
Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen,
So denk', um sicher auf mein Wort zu bau'n.
Wie Habsucht uns die Herzen eingenommen."
Sprach's, und ein Teufel kam, um einzuhau'n,
Mit hochgeschwungner Geissel her und sagte:
"Fort, Kuppler, fort, hier gibt's nicht feile Frau'n."
Zum Fuehrer ging ich, da ich bebt' und zagte,
Und bald gelangten wir an einen Ort,
Wo aus der Wand ein Felsen vorwaerts ragte.
Und dieser Zacken dient' als Bruecke dort;
Leicht klommen beide wir hinauf und zogen
Rechts hin aus jenen ew'gen Kreisen fort.
Bald dort, wo unter uns der Fels als Bogen
Sich hoehlt' und Durchgang der Gepeitschten war,
Sprach er: "In gleicher Richtung fortgezogen,
Sind wir bis jetzt mit jener zweiten Schar,
Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen.
ietzt aber nimm die Angesichter wahr."
Wir blieben nun am Rand der Bruecke stehen
Und sah'n den Schwarm, der uns entgegensprang,
Denn eilig hiess die Geissel alle gehen.
Da sprach mein Hort: "Sieh, noch mit Stolz im Gang,
Den Grossen, der sich keine Klag' erlaubte,
Dem aller Schmerz noch keine Traen' entrang.
So koeniglich noch an Gestalt und Haupte!
Der Jason ist's, der durch Verstand und Mut
Das Widdervlies dem Volk von Kolchis raubte.
Nach Lemnos kam er, als in ihrer Wut
Die Frau'n, die gluehend Eifersucht durchzuckte,
Vergossen hatten aller Maenner Blut;
Wo er durch Worte, taeuschend ausgeschmueckte.
Berueckt Hypsipylen, das junge Herz,
Die alle Frau'n von Lemnos erst berueckte.
Dort liess er schwanger sie in ihrem Schmerz.
Dies bracht' ihn her; und gleiche Straf' erheischen
Medeas Leiden, einst ihm Spiel und Scherz--
Auch gehn mit ihm, die gleicherweise tauschen.
Allein dies sei vorn ersten Tal genug
Und denen, so die Geisseln drin zerfleischen."
Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug
Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen
Der Daemme, hier den andern Bogen schlug.
Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen,
Und Leute sah'n wir tief im Grunde sich
Laut schnaufend mit den flachen Haenden schlagen.
Der Daemme Seiten waren schimmelig
Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte.
Fuer Aug' und Nase feindlich widerlich.
Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte;
Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist,
Bis ich des Felsenbogens Hoeh' erstrebte.
Von hier, wo erst der Blick die Tiefe misst.
Sah ich viel Leut in tiefem Kote stecken,
Und, wie mir's vorkam, war es Menschenmist.
Ich forscht' und sah ein Haupt sich vorwaerts strecken,
Doch ganz beschmutzt mit Kot, drum koennt' ich nicht,
Ob's Lai', ob Pfaffe sei, genau entdecken.
Da schrie er her: "Was bist du so erpicht,
Mich mehr als andre Schmutz'ge zu gewahren?"
Und ich: "Weil, ist mir recht, ich dein Gesicht
Bereits gesehm, allein mit trocknen Haaren.
Alex, Interminei heissest du,
Drum seh' ich mehr auf dich als jene Scharen."
Und er, die Stirn sich schlagend, rief mir zu:
"Mich stuerzte Schmeichelei herab zur Hoelle,
Die ich dort uebte sonder Rast und Ruh'."
Da sprach zu mir mein guter Meister: "Stelle
Dich etwas vor, und in die Augen faellt
Dir eine schmutz'ge Dirn' an jener Stelle.
Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krellt
Mit kot'gen Naegeln, jetzt aufs neue greulich
im Mist versinkt und jetzt sich aufrecht stellt,
Die Hure Thais ist's, jetzt so abscheulich.
Fragt' einst ihr Buhl: "Steh' ich in Gunst bei dir?"
Versetzte sie: "Ei, ganz erstaunlich! Freilich!"
Doch sei gesaettigt unsre Schaulust hier.


Neunzehnter Gesang

Simon Magus, ihr, o Arme, Bloede,
Die, was der Tugend ihr vermaehlen sollt.
Die Dinge Gottes, raeuberisch und schnoede,
Ihr euch erbuhlt durch Silber und durch Gold,
Von euch soll jetzo die Posaun' erschallen;
Euch zahlt der dritte Sack der Suenden Sold.
Erstiegen hatten wir die Felsenhallen
Des Stegs, von welchem mitten in den Schoss
Des naechsten Schlunds die Blicke senkrecht fallen.
Allweisheit, wie ist deine Kunst so gross
Im Himmel, auf der Erd', im Hoellenschlunde,
Und wie gerecht verteilst du jedes Los!
Ich sah dort an den Seiten und im Grunde
Viel Loecher im schwarzblaeulichen Gestein,
Gleich weit und saemtlich ausgehoehlt zum Runde.
Sie mochten so, wie jene, wo hinein
Beim Taufstein Sankt Johanns die Taeufer treten,
Und enger nicht, doch auch nicht weiter sein.
Eins dieser sprengt' ich einst, weil ich in Noeten
Ein halbersticktes Kindlein drin entdeckt;
So sei's besiegelt, so will ich's vertreten;
Ich sah, dass sich, aus jedem Loch gestreckt,
Zwei Fuess' und Beine bis zum Dicken fanden,
Der andre Leib blieb innerhalb versteckt;
Sah, wie die Sohlen beid' in Flammen standen,
Und sah die Knorren zappeln und sich dreh'n
So stark, dass sie wohl sprengten Kett' und Banden.
Wie wir's an oelgetraenkten Dingen sehn,
Wo obenhin die Flammen flackernd rennen,
So von der Ferse dort bis zu den Zeh'n.
"Gern, Meister," sprach ich, "moecht' ich diesen kennen.
Der wilder zuckt als die, so ihm gesellt,
Und dessen beide Sohlen roeter brennen."
Und er: "Ich trage dich, wenn dir's gefaellt,
Arn schiefen Hang hinab--er wird dir zeigen,
Wer einst er war, und was im Loch ihn haelt."
Drauf ich: "Du bist der Herr, und mein Bezeigen
Folgt dem gern, was mir als dein Wille kund,
Und du verstehst mich auch bei meinem Schweigen."
Drauf ging's zum vierten Damm, und links zum Schlund
Trug mich mein Herr hinab zu neuen Leiden
In den durchloecherten und engen Grund.
Er liess mich nicht von seiner Huefte scheiden,
Auf die er mich gesetzt, bis bei dem Ort
Des, der da weinte mit den Fuessen beiden.
"Du, mit dem Obern unten," sprach ich dort,
"Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verkuende:
Wer bist du? Sprich, ist dir vergoennt dies Wort."
Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Suende
Der Moerder beichtet, welcher, schon im Loch,
Ihn rueckruft, dass der Tod noch Aufschub finde.
Da schrie er: "Bonifaz, so kommst du doch,
So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden?
Und man versprach dir manche Jahre noch?
Schon satt des Guts, ob des mit frechen Haenden
Du truegerisch die schoene Frau geraubt,
Um ungescheut und frevelnd sie zu schaenden?"
Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt,
Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen.
Und sich beschaemt kein Gegenwort erlaubt.
Da sprach Virgil: "Was stehst du so beklommen?
Sag' ihm geschwind, dass du nicht jener seist,
Den er gemeint!"--Ich eilt', ihm nachzukommen.
Die Fusse nun verdrehte wild der Geist
Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen:
"Was also ist's, das so dich fragen heisst?
Doch standest du nicht an, dich herzuwagen.
Um mich zu kennen, wohl, so sag' ich dir,
Dass ich den grossen Mantel einst getragen.
Der Baerin wahrer Sohn war ich, voll Gier
Fuers Wohl der Baerlein, und fuer diese steckte
Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier.
Auch unter meinem Haupt gibt's viel Versteckte.
Dort, durchgepresst durch einen Felsenspalt,
Sind, die vor mir die Simonie befleckte.
Und dort hinab versink' auch ich, sobald
Der kommt, fuer welchen ich dich angesehen.
Und der mir folgt in diesem Aufenthalt;
Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen,
Die Fuesse brennend, koepflings eingesteckt,
Fest eingepfaehlt in diesem Loche stehen.
Denn nach ihm kommt, zu schlechter'm Werk erweckt,
Ein Hirt vom Westen, ein gesetzlos Wesen,
Das, wie sich ziemt, mich und auch ihn bedeckt.
Ein neuer Jason ist's, von dem zu lesen
Im Makkabaeerbuch, dem Philipp wird.
Was diesem einst Antiochus
Ich weiss nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt,
Auf solche Red' ihm dieses zu versetzen:
"Sprich, was verlangt' einst unser Herr und Hirt,
Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schaetzen,
Um ihm das Amt der Schluessel zu verleih'n?"
Komm, sprach er, um mein Werk nun fortzusetzen
Was trug's dem Petrus und den andern ein.
Als man durch Los einst den Matthias kuerte
Statt dessen, der ein Raub ward ew'ger Pein?
Nichts ward dir hier, als das, was sich gebuehrte;
Betrachte nur das schlechterworbne Geld,
Das gegen Karl'n zur Kuehnheit dich verfuehrte.
Und nur weil Ehrfurcht meine Zunge haelt
Fuer jene Schluessel, die du einst getragen,
Da du gewandelt in der heitern Welt,
Enthalt' ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Dass schlecht die Welt durch eure Habsucht ist.
Die Guten sanken und die Schlechten ragen.
Euch Hirten meinte der Evangelist
Bei ihr, die sitzend auf den Wasserwogen
Mit Koenigen zu huren sich vermisst.
Sie, mit den sieben Haeuptern auferzogen,
Sie hatt' in zehen Hoernern Kraft und Macht,
Solang der Tugend ihr Gemahl gewogen.
Eu'r Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht.
Wohl besser sind die, so an Goetzen hangen,
Die einen haben, wo ihr hundert macht.
Welch Unheil, Konstantin, ist aufgegangen,
Nicht, weil du dich bekehrt, nein, weil das Gut
Der erste reiche Papst von dir empfangen!"
Indes ich also sprach mit keckem Mut,
Da, sei's dass Zorn ihn, dass ihn Reue nagte.
Verdreht er beide Bein' in grosser Wut.
Doch schien's, dass es dem Fuehrer wohlbehagte;
So stand er dort, zufrieden, aufmerksam.
Als ich so nachdrucksvoll die Wahrheit sagte;
Worauf er mich mit beiden Armen nahm,
Und als er mich an seine Brust gewunden,
Den Weg zurueckestieg, auf dem er kam.
Er trug, nie matt, wie fest er mich umwunden.
Mich auf des Bogens Hoehe sonder Rast,
Durch den der viert' und fuenfte Damm verbunden.
Dort setzt' er sanft zu Boden meine Last,
Sanft, ob der Fels auch, steil emporgeschossen,
Zum Wege kaum fuer eine Ziege passt;
Da ward ein andres Tal mir aufgeschlossen.


Zwanzigster Gesang

Die neue Qual, zu der ich jetzt gewandelt.
Sie gibt dem zwanzigsten Gesange Stoff
Des ersten Lieds, das von Verdammten handelt.
Ich stand auf jenem Felsen rauh und schroff
Und spaehte scharf hinab zum offnen Schlunde,
Der ganz von angsterpressten Zaehren troff.
Viel Leute gingen langsam in der Runde,
So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt.
Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde.
Als tiefer ich auf sie den Blick gesenkt,
Sah ich--ein Wunder scheint es und erdichtet--
Vorn Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt,
Das Angesicht zum Ruecken hin gerichtet;
Drum mussten sie gezwungen rueckwaerts gehn,
Und ihnen war das Vorwaertsschau'n vernichtet.
So soll der Fallsucht Krampf das Haupt verdreh'n,
Wie man erzaehlt in wunderlichen Sagen,
Doch glaub' ich's nicht, da ich es nie gesehn.
Laesst Gott dein Lesen, Leser, Fruechte tragen,
So frage selber dich, wie mir geschah,
Ob ich nicht weinen musst' und ganz verzagen,
Als ich des Menschen Ebenbild so nah
Verrenkt, verdreht und von der Augen Traenen
Genetzt den Spalt der Hinterbacken sah?
Wahr ist's, auf eine von den Felsenlehnen
Stand ich gestuetzt und weinte ganz verzagt;
Da sprach mein Herr: "Willst du, gleich Toren, waehnen?
Fromm ist nur, wer das Mitleid hier versagt.
Wer ist verruchter wohl, als wer zu schmaehen
Durch sein Bedauern Gottes Urteil wagt?
Empor das Haupt, empor! Den wirst du sehen,
Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang;
Drob alle schrien: Wohin? Was ist geschehen?
Amphiaraus, wird der Kampf zu lang?--
Doch stuerzt' er fort und fort im tiefen Schachte,
Bis Minos ihn, gleich anderm Volk, bezwang.
Schau', wie er ihm die Brust zum Ruecken machte!
Schau', wie er rueckwaerts schreitet, rueckwaerts steht,
Weil er zu weit voraus zu sehen dachte.
Tiresias sieh, der uns entgegenzieht.
Er, erst ein Mann, ward durch des Zaubers Gabe
Verwandelt in ein Weib an jedem Glied.
Dann aber schlug er mit dem Zauberstabe
Zuvor auf zwei verwundne Schlangen ein,
Damit er wieder Mannsgestaltung habe.
Den Ruecken ihm am Bauch, kommt hinterdrein,
Nah angedraengt an ihn, des Aruns Schatte,
Der lebend einst in Lunis Felsenreih'n
Als Haus die weisse Marmorhoehle hatte,
Wohl ausgesucht, dass sie zum Meeresstrand
Und zu den Sternen freien Blick gestatte.--
Die mit den wilden Haaren ohne Band
Die Brueste deckt, die sich nach hinten kehren,
Was sonst behaart ist, hinterwaerts gewandt.
War Manto, die in Laendern und auf Meeren
Umirrte bis zum Ort, der mich gebar.
Von dieser will ich naeher dich belehren.
Nachdem der Welt entrueckt ihr Vater war
Und Bacchus' Stadt verfiel in Sklavenbande,
Durchstreifte sie die Welt so manches Jahr.
Ein See liegt an des schoenen Welschlands Rande,
Am Fuss des Alpgebirgs, das Deutschland schliesst,
Benaco heissend, beim Tiroler Lande.
Zwischen Camonica und Gard' ergiesst,
Und Apennin, sich Flut in tausend Baechen,
Die in besagtem See zusammenfliesst.
Inmitten aber liegen ebne Flaechen,
Und drei verschiedne Hirten koennten dort
Auf einem Grenzpunkt ihren Segen sprechen.
Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort
Um Bergamo von Brescia abzuschneiden,
Und rings geht flacher dann die Gegend fort.
Hier muss sich von dem See das Wasser scheiden,
Das nicht mehr Raum in seinem Schoss gewinnt,
Und stroemt als Fluss herab durch gruene Weiden.
Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt,
Heisst Mincio nun, und seine Wellen gleiten
Bis nach Governo, wo's im Po verrinnt.
Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten,
Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut,
Der boesen Dunst verhaucht zu Sommerszeiten.
Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut,
Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben.
Entbloesst von Leuten und unangebaut,
Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben.
Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei
Und lebt' und ward in diesem Land begraben.
Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei.
Die, weil sie sich auf diesen Ort verliessen,
Und sah'n, dass durch das Moor kein Zugang sei,
Sich auf dem Grabe Mantos niederliessen,
Und dann nach ihr, die erst den Ort erwaehlt,
Die Stadt, ohn' andres Zeichen, Mantua hiessen.
Sie hat vordem des Volkes mehr gezaehlt,
Eh' Pinamont, den Toren zu betruegen.
Dem Cassalodi seinen Trug verhehlt.
Drum merke wohl, und sollt' es ja sich fuegen,
Dass Mantuas Ursprung man nicht so erklaert,
So lass der Wahrheit nichts entzieh'n durch Luegen."
Und ich: "Mein Meister, was dein Wort mich lehrt.
Ist mir gewiss und dient zu meinem Frommen,
All andres ist nur tote Kohl' an Wert.
Doch sprich, von diesen, die uns naeher kommen,
Ist irgend wer bemerkenswerter Art?
Denn dies nur hat den Geist mir eingenommen."
Und er: "Des Augurs Trug hat der, des Bart
Die braunen Schultern deckt, zur Zeit getrieben,
Als Griechenland so leer an Maennern ward,
Dass Knaben kaum noch fuer die Wiegen blieben.
In Aulis sagt' er da mit Kalchas wahr,
Zeit sei's, dass sie das erste Tau zerhieben.
Kund tut mein tragisch Lied dir, wer er war.
Du wirst dich des Eurypylus entsinnen,
Denn mein Gedicht ja kennst du ganz und gar.
Sieh Michael Scotto auch, den magern, duennen.
Der jeden Trug des Zaubers klug gelenkt
Und solches Spiel verstanden zu gewinnen.
Bonatti sieh--Asdent, den's jetzo kraenkt.
Allein zu spaet, dass er in eitlem Trachten
Dort nicht auf seinen Leisten sich beschraenkt.
Sich Vetteln, die statt Spill' und Rad zu achten
Und Weberschiff, wie's einem Weib gebuehrt,
Mit Kraut und Bildern Hexereien machten.
Jetzt komm! Indes ich dich hierher gefuehrt,
Hat an der Grenze beider Hemisphaeren
Der Mond im Westen schon die Flut beruehrt.
Du sahst ihn gestern voellig sich erklaeren
Und sahst ihn dir im dichtverwachsnen Wald
Verschiedne Mal' willkommnes Licht gewaehren."
Er sprach's, doch gingen wir ohn' Aufenthalt.


Einundzwanzigster Gesang

So ging's von Brueck' auf Brueck', in manchem Wort,
Das ich zu sagen nicht fuer noetig halte;
Und oben, an des Bogens hoechstem Ort,
Verweilten wir ob einer neuen Spalte
Und hoerten draus den eitlen Laut der Qual
Und sah'n, wie unten tiefes Dunkel walte.
Gleich wie man in Venedigs Arsenal
Das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen,
Womit das lecke Schiff, das manches Mal
Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen,
Kalfatert wird--da stopft nun der in Eil
Mit Werg die Loecher aus am Seitenbogen,
Der klopft am Vorder-, der am Hinterteil
Der ist bemueht, die Segel auszuflicken,
Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil;
So ist ein See von Pech dort zu erblicken,
Das kocht durch Gottes Kunst, und nicht durch Glut,
Des Duenste sich am Strand zum Leim verdicken.
Ich sah den See, doch nichts in seiner Flut,
Die jetzt sich senkt' und jetzt sich wieder blaehte.
Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud.
Indes ich scharfen Blicks hinunterspaehte,
Zog mich, indem er rief: "Hab' acht! Hab' acht!"
Mein Meister zu sich hin von meiner Staette.
Da wandt' ich mich, gleich einem, den mit Macht
Die Neugier zieht, das Schreckliche zu sehen,
Und der, da jaehe Furcht ihn schaudern macht,
Doch, um zu schau'n, nicht zoegert, fortzugehen.
Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang
Uns hinterdrein auf jenen Felsenhoehen.
Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang,
Wie wild er schien, wie froh in andrer Schaden!
Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang,
Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen
Mit einem Suender her, der oben ritt,
Und mit den Klauen packt' er seine Waden.
"Von Lucca bring' ich einen Ratsherrn mit"--
Schrie er, "auf, taucht ihn unter, Grimmetatzen!
Und jene Stadt ist wohlversehn damit,
Drum hol' ich gleich noch mehr von solchen Fratzen.
Gauner sind alle dort, nur nicht Bontur,
Und machen Ja aus Nein fuer blanke Batzen."
Hinunterwarf er noch den Suender nur,
Und rannte gleich zurueck in solcher Eile,
Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr.
Der Suender sank, doch hob sich sonder Weile,
Da schrien die Teufel unten: "Fort mit dir,
Hier dient kein Heil'genbild zu deinem Heile.
Ganz anders als in Serchio schwimmt man hier.
Und sollen dich nicht unsre Haken packen.
So bleib im Peche nur, sonst fassen wir."
Gleich stiessen sie mit tausend scharfen Zacken
Und schrien: "Dein Taenzchen mache hier versteckt.
Such' unten einem etwas abzuzwacken."
Nicht anders macht's ein Koch, wenn er entdeckt.
Das Fleisch im Kessel komm' emporgeschwommen,
Und schnell es mit dem Haken untersteckt.
Virgil sprach: "Geh, eh' sie dich wahrgenommen.
Und ducke dich bei jener Felsenbank;
Durch diese wirst du ein'gen Schirm bekommen.
Mir ist das Ding nicht fremd, drum bleibe frank
Von jeder Furcht, was man mir auch erzeige.
Denn frueher war ich schon in solchem Zank."
Dann ging er jenseits auf dem Felsensteige,
Und wie er hingelangt zum sechsten Strand,
Tat's not ihm, dass er sichre Stirne zeige.
Denn wie in Sturm und Wut hervorgerannt,
Die Haushund' auf den armen Bettler fallen.
Wenn er am Haus, laut flehend, stillestand;
So stuerzten jen' aus dunkeln Felsenhallen
Und streckten all auf ihn die Haken hin,
Er aber schrie: "Zurueck jetzt mit euch allen.
Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn?
Doch tret erst einer vor, um mich zu sprechen,
Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin."
"Geh vor denn, Stachelschwanz." So schrien die Frechen,
Und einer kam, die andern blieben stehn--
Und fragte, wie er wag', hier einzubrechen?
"Wie", sprach mein Meister, "wuerdest du mich sehn.
Wie wuerd' ich wagen, je hier einzudringen,
War' ich auch sicher, euch zu wiederstehn,
Wenn's Gott und Schicksal also nicht verhingen?
Drum lass mich zieh'n, der Himmel will, ich soll
Als Fuehrer einen durch die Hoelle bringen."
Der Haken fiel, da dieses Wort erscholl,
Ihm aus der Hand, so hatt' ihn Furcht durchschauert.
"Gesellen," rief er aus, "lasst euren Groll!"
"Du, der dort zwischen Felsenstuecken kauert,"
Rief nun mein Meister, "eile zu mir her,
Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert."
Und vorwaerts trat ich und kam schnell daher,
Doch sah ich vorwaerts auch die Teufel fahren,
Als gelte nichts die Uebereinkunft mehr;
Und war voll Schrecken, wie Capronas Scharen,
Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah.
Als sie die Festung uebergeben, waren.
Fest draengt' ich mich an meinen Fuehrer da
Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen,
Aus denen ich nichts Gutes mir ersah.
Und diese Rede hoert' ich zwischen ihnen:
"Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? Sprich!"
Der andre: "Ja, du magst ihn nur bedienen!"
Doch jener Geist, der mit dem Meister sich
Besprochen, wandte schleunig sich zuruecke
Und rief: "Still, Raufbold, ruhig halte dich."
Und dann zu uns: "Auf diesem Felsenstuecke
Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund
Liegt laengst zertruemmert schon die sechste Bruecke.
Und wollt ihr fort, geht oben, laengs dem Schlund,
Dann seht ihr vorwaerts einen Felsen ragen
Und kommt darauf bis zu dem naechsten Rund.
Denn gestern, um euch alles anzusagen,
War's just zwoelfhundertsechsundsechzig Jahr,
Seit jenen Weg ein Erdenstoss zerschlagen.
Dorthin entsend' ich ein'ge meiner Schar,
Um Suendern, die sich lueften, nachzuspueren;
Mit ihnen geht und fuerchtet nicht Gefahr.
Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu ruehren;
Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran,
Du, Straeubebart, sollst alle zehen fuehren.
Auf, Drachenblut, Kratzkrall' und Eberzahn,
Scharfhaker, und auch du, Grimmrot der Tolle,
Und Firlefanz, schickt euch zum Wandern an.
Schaut, wer etwa im Pech auftauchen wolle,
Doch wisst, dass dieses Paar in Sicherheit
Bis zu der naechsten Bruecke reisen solle."
"Ach, guter Meister," rief ich, "welch Geleit?
Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren,
Und bin mit dir allein zu gehn bereit.
Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gaeren,
Wie sie die Zaehne fletschen und mit Droh'n
Nach uns die tiefgezognen Brauen kehren."
Und er zu mir: "Nicht fuerchte dich, mein Sohn,
Lass sie nur fletschen ganz nach Gutbeduenken,
Sie tun dies nur zu der Verdammten Hohn"
Sie schwenkten dann sich auf den Damm zur Linken,
Nachdem vorher die Zunge jeder wies,
Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken,
Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.


Zweiundzwanzigster Gesang

Schon sah ich Reiter aus dem Lager zieh'n,
Die Must'rung machen, in die Feinde brechen,
Auch wohl sich schwenken und zurueckeflieh'n;
Von Streifpartei'n sah ich in euren Flaechen,
Ihr Aretiner, einst euch hart bedroh'n;
Sah Festturnier und grosse Lanzenstechen;
Drommeten hoert' ich, Trommeln, Glockenton,
Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen,
Und fremd' und heimische Signale schon;
Doch nimmer hiess ein Tonwerkzeug, dergleichen
Ich hier gehoert, das Volk zu Ross und Fuss,
Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen.
Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruss,
Doch wusst' ich, dass man Saeufer in den Schenken
Und Beter in den Kirchen suchen muss,
Auch war aufs Pech gerichtet all mein Denken,
Um ganz des Orts Bewandtnis zu erspaeh'n.
Und welche Leut' in diese Glut versaenken.
Wie die Delphine, die vor Sturmesweh'n
Mit den gebognen Ruecken oft verkuenden,
Zeit sei's, sich mit den Schiffen vorzusehn;
So, um Erleichterung der Qual zu finden,
Taucht' oft ein Suenderruecken auf und schwand
Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden.
Und wie die Froesch' an eines Grabens Rand
Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken,
Die Schnauzen nur nach aussen hingewandt;
So sah man jen' hervor die Maeuler strecken,
Allein, wenn sie den Straeubebart erschaut,
Sich schleunig in dem heissen Pech verstecken.
Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut,
Nur einen harren, wie, wenn all entsprangen.
Ein einzler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut.
Kratzkralle, der am weitsten vorgegangen,
Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar
Und zog ihn auf, Fischottern gleich, gefangen.
Ich wusste schon, wie jedes Name war
Von ihrer Wahl und, dass mir nichts entfalle.
Nahm ich der Namen dann im Sprechen wahr.
"Frisch, Grimmrot, mit den scharfen Klauen falle
Auf diesen Wicht und zieht ihm ab das Fell."
So schrien zusammen die Verfluchten alle.
Und ich: "Mein Meister, o erforsche schnell,
Wer hier in seiner Feinde Hand gerate?
Wer ist wohl der unselige Gesell?"
Worauf mein Fuehrer seiner Seite nahte,
Ihn fragend, wer er sei, wo sein Geschlecht?
"Ich bin gebuertig aus Navarras Staate.
Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht,
Weil sie von einem Prasser mich geboren,
Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht.
Zum Freunde dann vom Theobald erkoren,
Dem guten Koenig, trieb ich Gaunerei.
Jetzt leg' ich Rechnung ab in diesen Mooren."
Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei
Hauzaehne ragten, wie aus Schweinefratzen,
Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sei.
Die Maus war in den Krallen arger Katzen,
Doch Straeubebart umarmt' ihn fest und dicht
Und rief: "Ich halt' ihn, fort mit euren Tatzen."
Und zu dem Meister kehrt' er das Gesicht.
"Willst du, bevor die andern ihn zerreissen,
Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht."
Mein Fuehrer: "Sprich, wie andre Suender heissen,
Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?"
Und jener sprach: "Mir war dort in der heissen
Pechflut vor kurzer Zeit noch einer nah!
Was musst ich doch darueber mich erheben,
Da ich dort nichts von Klau'n und Haken sah!"
"Wir haben's schon zu lange zugegeben!"
Scharfhaker schrie's und hakt auf ihn hinein,
Auch blieb ein Stueck vom Arm am Haken kleben.
Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein,
Allein der Hauptmann blickt' auf seine Scharen
Im Kreis herum und schien ergrimmt zu sein.
Da wandte sich, sobald sie stille waren,
Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied
Herniedersah, um mehr noch zu erfahren.
"Wer ist's, von dem dein Missgeschick dich schied,
Als du dich nach der Oberflaech' erhoben?"--
"Der von Gallura ist's, der Moench Gomit.
Im Trug bestand er all und jede Proben,
Des Herrschers Feinde hielt er im Verlies
Und tat mit ihnen, was sie alle loben,
Geld nahm er, wie er selber sagt, und liess
Sie sachte zieh'n, er, der in Amt und Ehren
Sich sonst als Schelm nicht klein, nein gross erwies.
Viel pflegt' mit ihm Herr Zanche zu verkehren
Von Logodor--sie schwatzen immerfort.
Als ob sie jetzt noch in Sardinien waeren.
Ach, Seht, wie fletscht die Zaehne jener dort!
Gern sprach' ich mehr, doch wuerd' er mich kuranzen!
Er droht ja wuetend schon bei jedem Wort."
Doch Straeubebart, gewandt zu Firlefanzen,
Des Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr:
"Verdammter Vogel, wirst du rueckwaerts tanzen?"
"Willst du," begann der bange Wicht nunmehr,
"Willst du Toskaner und Lombarden sehen?
Ich schaffe sie dir nach Belieben her,
Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen.
Und deren Rache sie nicht zittern macht.
Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen,
Und locke doch dir leicht statt eines acht,
Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen,
Um anzudeuten, dass kein Teufel wacht."
Da streckt' ihm Bluthund seine Schnauz' entgegen
Und schrie kopfschuettelnd: "Hoert die Bueberei!
Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen."
Allein der Suender, reich an Schelmerei,
Sprach: "Wahrlich, buebisch bin ich wohl zu nennen.
Denn zu der Meinen Unglueck trag' ich bei."
Und Senkflug wollt ihm den Versuch vergoennen;
"Springst du," hob er mit jenen uneins an,
"So werd' ich nicht zu Fusse nach dir rennen.
Nein, ueberm Pech schlag' ich die Fluegel dann.
Lasst Platz uns hinter diesem Damme nehmen,
Zu sehn, ob mehr als wir der eine kann."
Jetzt werdet ihr ein neues Spiel vernehmen.
Die Blicke wandten sie, und sehr bereit
War, der der Schlimmste schien, sich zu bequemen.
Doch wohl ersah der Gauner seine Zeit,
Stemmt' ein die Fuss' und war mit einem Satze
Von dem, was sie ihm zugedacht, befreit.
Dort standen alle mit verblueffter Fratze.
Und jener, der die Schuld des Fehlers trug,
Flog nach und schrie: "Du bist in meiner Tatze!"
Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug.
Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder,
Und rueckwaerts nahm der Teufel seinen Zug.
So taucht die Ente vor dem Falken nieder,
Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich
Zur Luft empor das straeubende Gefieder.
Eistreter kam, wie jener sank, sogleich
Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen
Und fiel, erbost von diesem Narrenstreich,
Mit seinen scharfen Klau'n auf den Genossen,
Und beide hielten ueberm Pech voll Wut
In wilder Balgerei sich fest umchlossen.
Doch braucht' auch jener seine Krallen gut.
Und beide stuerzten bald zu den Bepichten,
Die sie bewachten, in die heisse Flut.
Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten,
Doch, ganz bepicht das rasche Fluegelpaar,
Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten.
Und Straeubebart, der sehr betreten war,
Liess vier der Seinen rasch zu Hilfe fliegen.
Die aeusserst schnell mit ihren Haken zwar,
Auf sein Geheiss zum Peche niederstiegen.
Wo jeder den Besalbten Hilfe bot,
Doch sahn wir sie gekocht im Sude liegen
Und liessen sie in dieser grossen Not.


Dreiundzwanzigster Gesang

Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet.
Ich hinterdrein, der Meister mir voraus,
Wie auf dem Weg ein Franziskaner schreitet.
Mir musste wohl der Teufel wilder Strauss
Aesopens Fabel ins Gedaechtnis bringen,
Worin er spricht vom Frosch und von der Maus.
Denn wer Beginn und Schluss von beiden Dingen
Mit reiflicher Erwaegung wohl verglich,
Dem konnte Jetzt und Itzt nicht gleicher klingen.
Und wie aus einem der Gedanken sich
Der zweit' entspinnt, so musst' ich weiterdenken,
Und doppelt fasste Furcht und Schrecken mich.
Ich dachte so: Die sind in ihren Raenken
Durch uns gestoert, beschaedigt und geneckt
Und muessen drob sich aergern und sich kraenken.
Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt,
So werden sie uns nach im Fluge brausen,
Wie wild ein Hund sich nach dem Hafen streckt.
Schon fuehlt' ich mir das Haar gestraeubt vor Grausen,
Und rueckwaerts lauschend, rief ich: "Meister, flieh!
Verbirg uns wo in diesen Felsenklausen.
Die Grimmetatzen kommen schon. O sieh,
Sie kommen schon mit einem ganzen Heere!
So, wie ich sie mir denke, fuehl' ich sie!"
Und er zu mir: "Wenn ich ein Spiegel waere,
Kaum fasst' ich doch dein aeussres Bild so klar.
Als ich dein inneres mir leicht erklaere.
Jetzt aber nimmst auch du mein Innres wahr
Und kommst mir selber schon mit dem entgegen,
Was fuer uns beid' in mir beschlossen war.
Und ist der Abhang rechts nur so gelegen,
Dass man zum naechsten Schlund hinunter kann,
So sollen sie umsonst die Fluegel regen."
Kaum sprach er's, als die Teufelsjagd begann,
Und mit gespreizter Schwing', um uns zu fangen.
Kam, nicht gar fern, der wilde Zug heran.
Mein Fuehrer eilte nun, mich zu umfangen,
Der Mutter gleich, die aufwacht beim Getos
Und nahe sieht die Flammen aufgegangen,
Ihr Kind erfasst und, nur um dessen Los
Bekuemmert, nicht um ihr's, enteilt ins Weite
Entkleidet noch und bis aufs Hemde bloss.
Dass er herab am harten Felsen gleite,
Streckt er sich ruecklings an den steilen Hang,
Der jenen Sack verstopft von einer Seite.
Nie hat ein Muehlbach sich mit schnellerm Drang
Aufs Muehlenrad durch seine Rinn' ergossen,
Als jetzt mein Meister, vor Verfolgung bang,
Von jenem Felsenhang herabgeschossen,
Mich mit sich nehmend, an die Brust gepresst
Und fest umstrickt, als Kind, nicht als Genossen.
Kaum stand sein Fuss am Rand der Tiefe fest,
So hoerten wir sie ueber jenem Grunde,
Doch er blieb ohne Furcht; denn nimmer laesst
Die ew'ge Vorsicht, die im fuenften Runde
Als Diener ihrer Macht sie eingesetzt,
Sie wieder vor aus diesem schmalen Schlunde.
Getuenchte Leute sahn wir unten jetzt
Im Kreise zieh'n mit langsam-schweren Tritten,
Matt und erschoepft, von Traenen ganz benetzt.
Verhuellt die Augen von Kapuzen, schritten
Sie traeg dahin in Kutten, gleich der Tracht
Der Moench' in Koeln am Rheine zugeschnitten;
Gold aussen, blendend durch des Glanzes Pracht,
Von innen Blei, schwer, dass von Stroh erscheinen,
Die Friedrich fuer den Hochverrat erdacht.
O Mantel, lastend unter ew'gen Peinen!
Wir gingen, folgend, zu der Rechten mit,
Aufmerksam auf ihr jammervolles Weinen.
Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt,
Dass neben uns, so oft wir vorwaerts traten,
Ein neuer Suender durch das Dunkel schritt.
Ich sprach: "Oh sieh dich um! ist wohl durch Taten
Und Namen mir von diesen wer bekannt?
Und sage mir's, sobald wir einem nahten!"
Und einer, der Toskanisch wohl verstand,
Rief hinter uns: "Oh bleibt ein wenig stehen,
Ihr, die ihr rennt durch dieses dunkle Land.
Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!"
Da wandte sich mein Herr und sprach: "Halt an
Und suche langsam, wie er selbst, zu gehen."
Ich stand und sah nun zwei, die, um zu nah'n,
Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten.
Gehemmt von schwerer Last und enger Bahn;
Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten,
Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht,
Sich unter sich besprechend, dieses sagten:
" Der lebt, wie ihr am Zug des Odems seht,
Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde,
Dass der und jener ohne Bleirock geht?"
Zu mir dann: "Tusker, der du zu der Gilde
Der Heuchler kommst, zu ihrem trueben Leid,
Wer bist du? Sag' es uns mit Huld und Milde."
Und ich: "Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit
Am Arnostrand geboren und erzogen,
Und diesen Koerper trug ich jederzeit.
Doch wer seid ihr, von deren Wang' in Wogen
Ein Traenenstrom so schmerzlich niederrinnt?
Und was hat euch solch Uebel zugezogen?"
Und einer sprach: "Die gelben Kutten sind
Von Blei, so schwer, dass ihr Gewicht der Wage,
Die's traegt, ein heulend Knarren abgewinnt.
Lustbrueder waren wir von gleichem Schlage,
Ich Catalano, Loderingo er,
Von deiner Stadt erwaehlt an einem Tage,
Weil sich zum Friedensstifter eignet, wer
Parteilos selber ist--und wer wir waren,
Zeigt beim Gardingo noch sich ringsumher."
Und ich begann: "Das Leid, das ihr erfahren--"
Doch schwieg und musst' an dreien Pfaehlen dort
Gekreuzigt einen auf dem Grund gewahren.
Als er mich sah, verrenkt' er sich sofort
Und haucht' in seinen Bart mit lautem Stoehnen,
Und Bruder Catalan sprach dieses Wort:
"Der Angepfaehlte, dessen Klagen toenen,
Gab einst den Pharisaeern diesen Rat:
Moeg' eines Tod fuers Volk den Zorn versoehnen;
Nun liegt er nackt und quer auf unserm Pfad,
Und fuehlen muss er, wenn wir drueberwallen,
Wieviel Gewicht von uns ein jeder hat.
So wird sein Schwaeher auch gestraft, mit allen
Vom Pharisaeerrat, durch den so viel
Der schlimmen Saat fuer Judas Volk gefallen."
Und wie ich sah, erstaunte selbst Virgil,
Dass er gestreckt am Kreuz an diesem Orte
So schmaehlich lag im ewigen Exil.
Zum Bruder richtet' er dann diese Worte:
"Sagt, wenn ihr duerft, ist rechts die Strasse frei,
Und ist wohl eine Schlucht dort, die als Pforte
Zu brauchen ist zum Ausgang fuer uns zwei,
Ohn' einen von den Teufeln erst zu bannen,
Dass er zum Weitergehn uns Fuehrer sei?"
Und jener drauf: "Ihr geht nicht weit von dannen,
So seht ihr einen Stein vom grossen Rund
Als Steg sich ueber alle Taeler Spannen.
Er ist nur eingestuerzt ob diesem Schlund,
Allein ihr koennt die Truemmer leicht ersteigen,
Denn, schief sich lagernd, stehn sie aus dem Grund."
Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen.
Drauf sprach er: "Musste doch der Teufel hier
Sich wiederum in schlechtem Ratschlag zeigen."
Und jener: "In Bologna merkt' ich's mir,
Der Teufel sei ein Luegner stets, ein dreister,
Ja, aller Luegen Vater fuer und fuer."
Nun ging davon mit grossem Schritt mein Meister
Und schien ein wenig zornig und erbost,
Und ich verliess die bleibeschwerten Geister
Und folgte der verehrten Spur getrost.


Vierundzwanzigster Gesang

In jenem Teil vom jugendlichen Jahre,
Wo Nacht den halben Tag nur deckt, und mild
Im Wassermann erglaenzen Phoebus' Haare,
Malt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild
Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlueften
Vom Bruder Schnee ein schnellverwischtes Bild.
Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften
Gar noetig braucht, aufsteht und jeden Ort
Schneeweiss erblickt, dann schlaegt er sich die Hueften
Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort
Und weiss nicht, was zu tun vor grossem Leide--
Doch frische Hoffnung fasst er dann sofort.
Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide;
Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei
Und treibt die muntern Schaeflein auf die Weide.
So staunt' ich, dass mein Meister zornig sei,
Dass ungewohnter Missmut ihn bedruecke;
So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei.
Denn kaum gelangt zu der verfallnen Bruecke,
Kehrt' ihm die Huld, mit der er zu mir trat
Am Fuss des Bergs, aufs Angesicht zuruecke.
Die Arme breitet' er, nachdem er Rat
Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend,
Und dann erfasst' er mich mit rascher Tat.
Und wie ein Mann, der wohl auf alles achtend.
Im voraus scharf erwaegt, was er vermag,
Hob er mich auf ein Felsenstueck, beachtend,
Dass nahe dort ein andrer Zacken lag,
Und sprach: "Anklammre dich, doch wahrgenommen
Sei durch Versuch erst, ob's dich tragen mag.
Kein Kuttentraeger war' hinaufgekommen.
Da wir, ich fortgeschoben, er so Ieicht,
Mit Muehe nur von Block zu Blocke klommen.
Auch haett' ich nimmermehr, und er vielleicht,
Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde
Das Ufer war, des Dammes Hoeh' erreicht.
Doch weil sich Uebelsaecken nach dem Munde
Des tiefen Brunnens hin allmaehlich neigt,
So liegt's von selbst im Bau von jedem Runde,
Dass hier der Damm sich senkt, dort hoeher steigt.
Am Ende kamen wir bis zu der Spitze,
Wo sich der Felsentruemmer letzte zeigt-
Mir gluehte Wang' und Blut in solcher Hitze,
Dass ich. sobald ich mich hinaufgerafft,
Mich keuchend niederliess auf einem Sitze.
Mein Meister sprach: "Jetzt ziemt dir frische Kraft;
Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen,
Der unter Flaum auf weichem Pfuehl erschlafft.
Und wer durchs Leben ruhmlos hingezogen,
Der laesst nur so viel Spur in dieser Welt,
Wie in den Lueften Rauch, Schaum in den Wogen.
Drum auf! wenn Mattigkeit dich niederhaelt,
Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen,
Wenn er nicht wie der schwere Leib verfaellt.
Erklimmen musst du noch weit laengre Stiegen;
Nicht g'nuegt's, von hier gerettet fortzuzieh'n,
Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!"--
Da stand ich auf; mehr, als ich's fuehlte, schien
Mein Odem frei, die Brust der Buerd' enthoben,
Auch rief ich: Fort, denn ich bin stark und kuehn!
Wir gingen fort--der Fels war rauh, verschoben,
Von Hoeckern voll und schwierig zu begehn,
Bei weitem steiler auch, als weiter oben.
Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,
Bis eine Stimm' aus jenem Grund erschollen,
Verworren, wild und schwierig zu verstehn.
Nicht weiss ich, was die Stimme sagen wollen,
Obwohl ich auf des Bogens Hoehe stand,
Doch schien, der sprach, zu zuernen und zu grollen.
Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,
Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer,
Drum sprach ich: "Meister, komm zum naechsten Strand
Und fuehre mich hinab von dieser Mauer.
Hier hoer' ich zwar, doch ich verstehe nicht,
Und, sehend, unterscheid' ich nichts genauer."
"Die Tat", sprach er mit freundlichem Gesicht,
"Sei Antwort dir, weil sich's geziemt, mit Schweigen
Zu tun, was der verstaend gen Bitt' entspricht."
Wir eilten, bei der Brueck' hinabzusteigen,
Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,
Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen.
Ich sah in Knaeueln grause Schlangenbrut,--
Und denk' ich heut der ekeln, mannigfachen
Scheusale noch, so starrt vor Grau'n mein Blut.
Nicht mag sich's Libyen mehr zum Ruhme machen,
Dass es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt
Und Vipernbrut und gift'ge Wasserdrachen.
Wie solche Pest nicht Aethiopien traegt,
So toent am ganzen Strand kein solch Gezische,
An den die Flut des Roten Meeres schlaegt.
Und unter diesem greulichen Gemische
Lief eine nackte, schreckensvolle Schar,
Nicht hoffend, dass sie je von dort entwische.
Am Ruecken band die Hand' ein Schlangenpaar,
Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte
Und vorn zu einem Knaeu'I verschlungen war.
Da stuerzt' auf einen, den ich dort entdeckte,
Ein Ungeheu'r, das ihm den Hals durchstach
Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte.
Und eh' man Amen sagt und Oh und Ach,
Sah ich, wie er, entzuendet und in Flammen,
Auch schon als Staub in sich zusammenbrach.
Und wie die Glieder kaum in nichts verschwammen,
So fuegte sich, gesammelt, alsobald
Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen.
So stirbt der Phoenix, fuenf Jahrhundert' alt,
(Die grossen Weisen sagen's) sich bekleidend
Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt,
Sich nicht von Kraeutern noch von Koernern weidend,
Von Weihrauchtraenen und Amomen nur,
In einer Huell' aus Nard' und Myrrhe scheidend.
Und gleich wie der, der ohne Lebensspur
Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden,
Vielleicht auch, weil in ihn ein Daemon fuhr.
Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,
Und um sich schauend stoehnt, verwirrt,
Von grosser Todesangst, die er empfunden;
So war der aufgestandne Suender jetzt.--
Oh moege keiner Gottes Rach' entzuenden,
Der solche Streich' in deinem Zorn versetzt!
Gebeten, seinen Namen zu verkuenden,
Entgegnet' er: "Ich bin seit kurzem hier,
Von Tuscien hergestuerzt nach diesen Schluenden.
Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt' als Tier,
Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte.
Und wuerd'ge Hoehle war Pistoja mir."
Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:
"Er weicht uns aus--doch frag' ihn: weshalb kam
Er hierher, da er stets von Blutdurst brannte?"
Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,
Und Geist und Angesicht mir zugewendet,
Begann er nun, gedrueckt von trueber Scham:
"Mehr schmerzt mich's, dass dein Schicksal dich gesendet,
Um mich in diesem Jammerstand zu schau'n,
Als dass ich oben meinen Lauf geendet.
Doch was du fragtest, muss ich dir vertrau'n:
Dass ich im Heiligtum zu stehlen wagte,
Hat mich herabgestuerzt in tiefres Grau'n.
Drob litten manche faelschlich Angeklagte.--
Dass du mich sahst, soll wenig dich erfreu'n,
Kommst du je fort von hier, wo's nimmer tagte.
Drum hoer', um jetzt dein Hierein zu bereu'n:
Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,
Und dann Florenz so Volk als Sitt' erneu'n.
Aus Nebeln, die auf Magras Tale lagen,
Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus,
Und Sturme tosen dann und Blitze schlagen
Auf dem Picener Feld im wilden Strauss,
Dass sich zerstreut die Nebel ploetzlich senken,
Und alle Weissen flieh'n in Angst und Graus.
Dies aber sagt' ich dir, um dich zu kraenken."


Fuenfundzwanzigster Gesang

Er sprach's und hob die Hand' empor mit Spott,
Liess beide Daumen durch die Finger ragen
Und rief dann aus: "Nimm's hin, dies gilt dir, Gott!"
Seitdem seh' ich die Schlangen mit Behagen,
Weil gleich um seinen Hals sich eine wand,
Als sagte sie: Du sollst nichts weiter sagen.
Die zweite schlang sich um die Arm' und band
Sie vorn, sich selbst umwickelnd, so zusammen,
Dass er nicht Raum damit zu zucken fand.
Was uebergibst du dich nicht selbst den Flammen,
Pistoja, du, und tilgst dich in der Glut?
Sind Frevler alle doch, die dir entstammen?
Nie fand ich so verruchten Uebermut.
Selbst Kapaneus' gottlaesterndes Erfrechen
Erhob sich nicht zu dieses Diebes Wut.
Er floh von dannen, ohn' ein Wort zu sprechen,
Und ein Zentaur kam rennend, pfeilgeschwind,
Und schrie voll Wut: "Wo find' ich diesen Frechen?"
Nicht glaub' ich, dass so viel der Schlangen sind
An Tusciens Strand, als ihm am Kreuze hingen.
Bis dahin, wo des Menschen Form beginnt.
Ein Drache hielt mit ausgespreizten Schwingen
Sich an den Schultern fest und spie mit Macht
Glut auf uns alle, die voruebergingen.
Da sprach mein Meister: "Kakus ist's, hab' acht!
Er ist es, der so oft zu blut'gen Teichen
Die Auen unterm Aventin gemacht.
Er geht nicht einen Weg mit seinesgleichen,
Weil er als Dieb den schlauen Trug vollfuehrt,
Mit jener grossen Herde zu entweichen.
Dafuer ward ihm der Lohn, der ihm gebuehrt,
Weil Herkuls Keul' ihn traf mit hundert Schlaegen,
Von welchen er vielleicht nicht zehn gespuert."
Enteilt war Kakus schon und uns entgegen
Herkamen drei an jenem tiefen Ort,
Doch koennt' uns erst ihr laut Geschrei bewegen,
Auf sie hinabzuschau'n: "Wer seid ihr dort?"
Drum blieben wir in der Erzaehlung stehen
Und horchten hin nach dieser Schatten Wort.
Von ihnen hatt' ich keinen je gesehen,
Da rief den andern einer dieser drei
Und nannt' ihn, wie's durch Zufall oft geschehen.
"Wo bleibst du, Cianfa?" rief er, "Komm herbei!"
Drum legt' ich auf die Lippen meinen Finger,
Damit mein Fuehrer horch' und stille sei.
Meinst du jetzt, Leser, dass ich Hinterbringer
Von eiteln Fabeln sei, so staun' ich nicht;
Ich sah's, doch ist mein Zweifel kaum geringer.
Von vornher warf sich, wie ich das Gesicht
Auf sie gekehrt, schnell eine von den Schlangen
Mit drei Paar Fuessen her und packt' ihn dicht.
Der Bauch ward von dem mittlern Paar umfangen,
Indes das vordre Paar die Arm' umfing,
Dann schlug sie ihre Zaehn' in beide Wangen.
Wie an den Lenden drauf das Hintre hing,
Schlug sie den Schwanz durch zwischen beiden Beinen
Und drueckt' ihn hinten an als engen Ring.
Kein Efeu kann dem Baum sich so vereinen,
Wie dieses Ungetuem sich wunderbar
An jenes Glieder schmiegte mit den seinen.
Zusammen klebte ploetzlich dann dies Paar,
Wie warmes Wachs, die Farben so vermengend,
Dass keins von beiden mehr dasselbe war,
Gleichwie die Flammen, ein Papier versengend,
Bevor es brennt, mit Braun es ueberzieh'n,
Noch eh' es Schwarz wird, schon das Weiss verdraengend.
Die andern beiden, ihn betrachtend, schrien:
"Weh dir, Agnel, du bist nicht zwei, nicht einer!
Doch sieh, dir ist ein andres Bild verlieh'n!"
Schon war vereint der Schlange Kopf und seiner,
Aus zwei Gestalten sah man ein' entstehn,
Vermischt, verwirrt, doch gleich von beiden keiner.
Die Arme sah man auseinandergehn;
Sie wurden vier, und Bauch und Brust und Lenden,
Sie wurden Glieder, wie man nie gesehn.
Es schien, als ob die vor'gen ganz verschwaenden.
Nicht zwei, nicht einer schien's, und ganz entstellt
Sah ich das Bild sich langsam abwaerts wenden.
Gleichwie die Eidechs oefters, wenn die Welt
Der Hundstern peitscht, blitzschnell von Dorn zu Dorne,
Von Zaun zu Zaun quer durch die Strasse schnellt,
So fuhr jetzt eine Schlang' in wildem Zorne
Auf jene zwei nach ihren Baeuchen hin,
Blaeulich und schwarz, gleich einem Pfefferkorne.
Und durch den Teil, der bei des Seins Beginn
Uns Nahrung zufuehrt, bohrte sie den einen,
Dann fiel sie ausgestreckt vor ihm dahin.
Er sah sie starr, mit festgeschlossnen Beinen,
Stillschweigend, gaehnend, an, und musste mir
Wie schlaefrig oder fieberhaft erscheinen.
Nach ihm hin sah die Schlang' und er nach ihr,
Sie rauchend aus dem Maul, er aus der Wunde,
Dann nahte sich der Rauch von dort und hier.
Still schweige jetzt Lucan mit seiner Kunde
Vom Unglueck des Sabell und vom Nasid,
Und horchend haeng' er nur an meinem Munde.
Von Arethus' und Kadmus schweig' Ovid;
Denn wenn er ihn zum Drachen umgedichtet.
Und Sie zum Quell, so neid' ich nicht sein Lied.
Nie hat er von zwei Wesen uns berichtet,
Die umgetauscht Gestalt und Stoff und Sein,
Indem sie starr auf sich den Blick gerichtet.
Gleich ging die Wandlung fort in jenen zwei'n.
Zur Gabel spaltete den Schwanz die Schlange,
Und der Gestochne drueckte Bein an Bein.
Sie klebten aneinander, und nicht lange
Hatt' es gewaehrt, als auch die Fuge schwand,
Verdraengt vom voelligen Zusammenhange.
Der Lenden Form, die hier entwich, entstand
Am Gabelschweif; die Haut schien zu erweichen;
Hart ward sie dort, nach Schlangenart gespannt.
Die Arme sah ich in die Schultern weichen,
Der Schlange kurze Vorderfuesse dann,
Wie jene schwanden, weiter vorwaerts reichen.
Wie drauf zu jedem Gliede, das der Mann
Zu bergen pflegt, die hinten sich verbanden,
So fing sich sein's in zwei zu teilen an.
Und unterm Rauch, der beide deckt', entstanden
Ganz neue Farben, sprossten Haare vor
Und zeigten hier sich, wenn sie dort verschwanden.
Er sank dahin, Sie raffte sich empor,
Doch blieb der Kopf mit jenen starren Blicken,
Durch die er selbst nun seine Form verlor.
An dem, der stand, schien er sich platt zu druecken,
Auch sah man von dem Fleisch, das hinter drang,
Die Ohren seitwaerts aus den Wangen ruecken.
Aus dem, was vorn zurueckeblieb, entsprang
Ein Lippenpaar, wie sich's gebuehrt, erhoben.
Und eine Nase, zugespitzt und lang.
An dem, der dort lag, trieb der Mund nach oben,
Auch wurden nach der Schneckenhoerner Brauch
Die Ohren in den Kopf zurueckgeschoben.
Die Zung', erst ganz, zur Rede schnell, ward auch
Nunmehr geteilt, und ganz ward die geteilte
Im Mund des andern, und es blieb der Rauch.
Der Geist, jetzt Schlange, zischte laut und eilte
Durch's Tal davon--der andre spuckt' ihr nach,
Indem er noch, sie schmaehend, dort verweilte.
Dann kehrt' er ihr den Rucken zu und sprach:
"So schluepfe, Buoso, nun durch diese Gruende,
Statt meiner, auf dem Bauch in Qual und Schmach."
So mischt' im siebenten der Lasterschluende
Sich Bild und Bild, drum werde mir's verzieh'n,
Wenn ich so Neues etwas breit verkuende.
Doch ob mir gleich der Blick geblendet schien,
Und kaum mein Geist vom Staunen sich ermannte,
Doch bargen jene sich nicht so im Flieh'n,
Dass ich den Puccio nicht gar wohl erkannte,
Der einzig von den drei'n, erst hier vereint,
Sich unverwandelt jetzt von dannen wandte.
Der andre war's, um den Gaville weint.


Sechsundzwanzigster Gesang

Erfreue dich, Florenz, du bist so gross,
Dass du zu Land und Meer die Fluegel schwingest,
Und selbst dein Nam' erklingt im Hoellenschoss.
Fuenf deiner Buerger fand ich--also zwingest
Du mich zur Scham--den Dieben beigefuegt,
Wodurch du dir nicht groessern Ruhm erringest.
Doch wenn, was man am Morgen traeumt, nicht luegt,
So wirst du grosses Unglueck bald empfinden,
Und Prato selbst, so nah dir, sieht's vergnuegt.
War's jetzt, nicht wuerde man's zu zeitig finden,
So, da's nun einmal sein muss, war's jetzt doch.
Denn, aelter, werd' ich's schwerer nur verwinden.
Wir gingen fort, und uebers Felsenjoch
Stieg, wie hinab, hinauf die Zackenleiter
Mein Fuehrer und war meine Stuetze noch.
Und, folgend zwischen mancher Felsenscheiter
Und manchem Block dem Pfad im oeden Raum,
Kam, wenn die Hand nicht half, der Fuss nicht weiter.
Ich fuehlte Schmerz--jetzt fuehl' ich mindern kaum,
Wenn ich zurueck an das Erblickte denke,
Und schaerfer fass' ich da des Geistes Zaum,
Damit ich nicht den Lauf vom Rechten lenke,
Und, was zu meinem Wohl mein Stern bezweckt,
Was hoeh're Huld, mir selber feind, nicht kraenke.
Soviel der Bau'r, am Huegel hingestreckt,
Zur Zeit, da er, des Blick die Erde lichtet,
Sein Antlitz uns am wenigsten versteckt,
Wenn sich die Fliege vor der Muecke fluechtet,
Johanniswuermchen sieht im Tal entlang,
Wo er mit Hipp' und Pflug sein Tun verrichtet;
So viele Flammen sah den tiefen Gang
Des achten Tals mein Auge jetzt verklaeren,
Sobald ich dort war, wo's zur Tiefe drang.
Wie der, der sich geraecht durch wilde Baeren,
Elias' Wagen sah von dannen zieh'n,
Als das Gespann aufstieg zu Himmelssphaeren,
Umonst ihm mit dem Auge folgt' und ihn
Gestaltlos nur als ferne Flamm' erkannte.
Die wie ein leichtes Abendwoelkchen schien.
So war's, wie wandelnd hier manch Flaemmchen brannte,
Doch keines war, das seine Beute wies,
Ob jegliches gleich einem Geist entwandte.
Am Brueckenrande stehend, sah ich dies
Und fiel', hielt' ich nicht fest an einem Blocke,
Hinunter, ohne dass mich jemand stiess.
Virgil, der sah, wie mich der Anblick locke,
Sprach nun: "Jedwedes Feu'r birgt einen Geist,
Und das, worin er brennt, dient ihm zum Rocke."
Drauf ich: "Die Kunde, die du mir verleihst
Macht mich gewiss; schon glaubt' ich's zu erkennen.
Und fragen wollt' ich schon, wie jener heisst.
Ich sah die Flamm' in zwei sich oben trennen.
Als sah' ich in des Scheiterhaufens Glut
Eteokles und seinen Bruder brennen."
Und er: "Sie daempft Ulysseus Uebermut
Und Diomeds. Sie laufen hier zusammen
In ihrer Qual, wie einst in ihrer Wut.
Ums Trugross klagen sie in diesen Flammen,
Und um das Tor, das Ausgang jenen bot,
Der Heldenschar, von der die Roemer stammen.
Die List beweinen sie, durch die, schon tot,
Noch Deidamia den Achill beklagte,
Auch das Palladium raecht nun ihre Not."
"Vermoegen sie noch hier zu sprechen," sagte
Ich drauf zum Meister, "o, dann bitt' ich dich
Vieltausendmal, da ich sie gern befragte,
Lass mich, bis die geteilte Flamme sich
Zu uns hierherbewegt, ein wenig weilen.
Sieh, hin zu ihr zieht die Begierde mich."
"Der Bitte", sprach er, "muss ich Lob erteilen,
Wie sie verdient; sie sei darum gewaehrt,
Doch lass die Sprechlust nicht dich uebereilen.
Lass mir das Wort; ich weiss, was du begehrt.
Sproed blieben sie gewiss bei deinem Worte,
Denn Griechen sind sie, stolz auf ihren Wert.
Als nun die Flamme nah war unserm Orte,
Da hoert' ich diese Red', als Ort und Zeit
Er fuer geeignet hielt, von meinem Horte:
"Ihr, die ihr zwei in einer Flamme seid,
Wenn ich euch jemals Grund gab, mich zu lieben,
Da ich dem Ruhm der Helden mich geweiht,
Und in der Welt das hohe Lied geschrieben,
So weilt bei mir und sag' Ulyss mir an,
Wo auf der Irrfahrt sein Gebein geblieben."
Der alten Flamme groessres Horn begann
Zu flackern erst und murmelnd sich zu regen.
Als waere sie vom Wind gefasst, und dann
Rasch hin und her die Spitze zu bewegen,
Gleich einer Zung', und deutlich toent' und klar
Dann aus der Flamm' uns dieses Wort entgegen:
"Als ich von Circen schied, die mich ein Jahr
Und laenger bei Gaeta festgehalten,
Eh's so benannt noch von Aeneas war,
Da liess ich nicht das Mitleid fuer den alten
Gebeugten Vater, nicht die Gattenpflicht,
Noch Vaterzaertlichkeit im Herzen walten.
Sie tilgten all in mir das Sehnen nicht,
Die Welt zu sehn und alles zu erkunden,
Was sie besitzt, wie das, was ihr gebricht.
Drum warf ich mich, kaum meiner Haft entbunden,
In einem einz'gen Schiff ins offne Meer,
Samt einem Haeuflein, das ich treu erfunden.
Nach Spanien fuehrt' und Libyen hin und her
Ich meine wackre Schar, als kuehner Leiter,
Und jedem Eiland jenes Meers umher.
Alt war ich schon und schwach, auch die Begleiter,
Da war mein Schiff am engen Schlunde dort,
Wo Herkuls Saeulenpaar gebeut: Nicht weiter!
Als hinter uns nun rechts Sevillas Bord
Und links in Libyen Septas Zinnen waren,
Sprach ich zu den Gefaehrten dieses Wort:
Brueder, die durch Tausend' von Gefahren
Ihr hier im Abend kuehn euch eingestellt,
Verwendet jetzt, um Neues zu erfahren,
Weil Seele noch und Leib zusammenhaelt,
Den kurzen Rest von eurem Erdenleben;
Der Sonne nach zur unbewohnten Welt!
Bedenkt, wozu dies Dasein euch gegeben;
Nicht um dem Viehe gleich zu brueten, nein,
Um Wissenschaft und Jugend zu erstreben.
Den Meinen schien dies Wort ein Sporn zu sein,
Kaum hielt ich sie, haett' ich gewollt, im Zuegel,
Und rastlos ging's ins weite Meer hinein.
Erst morgenwaerts gewandt des Schiffes Spiegel
Ging unser toller Flug dann linker Hand,
Und seiner Eil' verlieh'n die Ruder Fluegel.
Schon alle Sterne jenes Poles fand
Der Blick der Nacht, und die des unsern klommen
Kaum uebers Meer noch an des Himmels Rand.
Schon fuenfmal war entzuendet und verglommen
Des Mondes Licht, seit wir, dem Glueck vertraut,
Durch den verhaengnisvollen Pass geschwommen,
Als uns ein Berg erschien, von Dunst umgraut
Vor weiter Fern', und schien so hoch zu ragen,
Wie ich noch keinen auf der Erd' erschaut.
Erst jubeln liess er uns, dann bang verzagen,
Denn einen Wirbelwind fuehlt' ich entstehn
Vom neuen Land und unsern Vorbord schlagen.
Er macht' uns dreimal mit den Fluten dreh'n,
Dann, als der hintre Teil emporgeschossen,
Nach hoeh'rem Spruch, den vordern untergehn,
Bis ueber uns die Wogen sich verschlossen."


Siebenundzwanzigster Gesang

Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt,
Und sie entfernte sich in tiefem Schweigen,
Nachdem der suesse Dichter ihrs erlaubt.
Wir sah'n nach ihr sich eine zweite zeigen,
Und ein verwirrt Gestoehn, das ihr entquoll,
Macht' unsern Blick zu ihrer Spitze steigen.
Gleich wie Siziliens Stier, der jammervoll
Zuerst von seines Bildners Schrei'n erbruellte,
--Und so war's recht--von dessen Klag' erscholl,
Den er im innern hohlen Raum verhuellte,
Und, ganz von Erz, in seinem Angstgestoehn
Erschien, als ob ihn selbst der Schmerz erfuellte;
So schien das Klagewort, das in den Hoeh'n
Und an den Seiten nirgend durchgedrungen,
Erst gleich des Feuers knisterndem Getoen.
Doch als es sich zur Spitz' emporgerungen,
Die, wie die Zunge hin und wieder faehrt,
Sich bei dem Durchgang hin und her geschwungen.
Da sprach's: O du, an den mein Wort sich kehrt,
Der du, wie ich vernahm, mit welschem Klange
Gesprochen: Geh, nicht weiter sei beschwert!
Obwohl ich etwas spaet hierhergelange,
Doch weil' und gib auf meine Fragen acht,
Denn sieh, ich weile trotz der Gluten Drange.
Bist du zur Reif in diesen dunklen Schacht
Erst jetzt vom suessen Latierland geschieden,
Von dem ich alle Schuld hierhergebracht,
So sprich:Hat Krieg Romagna oder Frieden?
Denn da das schoene Land auch mich erzeugt,
So kuemmert mich sein Schicksal noch hienieden."
Ich stand aufmerksam niederwaerts gebeugt,
Da stiess Virgil mich leis und sagte: "Rede,
Ein Latier ist er, wie sein Wort bezeugt."
Worauf ich schon bereit zur Gegenrede,
Ihn also sonder Zoegerung beschied:
"O Seele, hier verborgen, sonder Fehde
War nimmer deines Vaterlands Gebiet,
Weil stets im Kampf der Zwingherrn Herzen wueten;
Doch offenbar war keine, da ich schied.
Ravenna ist, wie's war; dort pflegt zu brueten,
So wie seit Jahren schon, Polentas Aar,
Des Fluegel unter sich auch Cervia hueten
Die Stadt, die fest in langer Probe war,
Wo rote Stroeme Frankenblutes wallten,
Liegt unterm gruenen Leu'n nun ganz und gar.
Verruchios alt' und neuer Hund, sie walten
Schlimm, wie sie den Montagna einst belohnt,
Da, wo sie eingeholt die Zaehne halten.
Das, was am Lamon und Santerno wohnt,
Laesst sich vom Leu'n im weissen Neste leiten,
Der die Partei vertauscht mit jedem Mond.
Sie, welchen Savios Flut benetzt die Seiten,
Lebt zwischen Sklaverei und freiem Stand,
Wie zwischen dem Gebirg und ebnen Weiten.
Jetzt, bitt' ich, mach' uns, wer du bist, bekannt;
Wie der Vergessenheit dein Nam' enttauche,
So sei nicht haerter, als ich andre fand."
Da grunzt' und braust' es in der Flamme Bauche,
Wie Feuer braust; sie regte hin und her
Das spitze Haupt und gab dann diese Hauche:
"Sprach' ich zu einem, dessen Wiederkehr
Nach jener Welt ich jemals moeglich glaubte,
So regte nie sich diese Flamme mehr.
Doch da dies keinem je die Hoell' erlaubte,
So sag' ich ohne Furcht vor Schand' und Schmach,
Was mich hierher stiess und des Heils beraubte.
Ich war erst Kriegsmann und Moench hernach,
Um mich vom Fall durch Buss' emporzurichten;
Gewiss geschah auch, was ich mir versprach.
Allein der Erzpfaff--moeg' ihn Gott vernichten--
Er hat mich neu den Suendern beigesellt,
Wie und warum? das will ich jetzt berichten.
Als ich noch oben lebt' in eurer Welt,
Da ward ich nimmer mit dem Leu'n verglichen,
Doch oefters wohl dem Fuchse gleichgestellt.
In allen Raenken und geheimen Schlichen
War ich geschickt, in ihrer Uebung schlau
Und drum beruehmt in allen Himmelsstrichen.
Doch als die Zeit kam, da des Haares Grau
Uns dringend mahnt, das hohe Meer zu scheuen
Und einzuziehn das Segel und das Tau,
Da musst' ich, was mir erst gefiel, bereuen,
Ward Moench und tat nun Buss' am heil'gen Ort,
Ach, und noch koennt' ich mich des Heils erfreuen.
Der neuen Pharisaeer Herr und Hort
(Im Krieg, mit Juden nicht und Tuerkenscharen,
Vielmehr am Lateran und nahe dort,
Weil alle seine Feinde Christen waren,
Die nicht bei Acri mit gesiegt und nicht
Des Sultans Land als Schacherer befahren),
Nicht achtet' er an sich die hoechste Pflicht
Und nicht den Strick, der meinen Leib umfangen,
Der jeden mager macht, den er umflicht.
Wie Konstantin Silvestern angegangen,
Ihm Hilf und Rat beim Aussatz zu verleih'n;
So sollt' ich jetzt als Arzt auf sein Verlangen
Vom Fieber seines Hochmuts ihn befrei'n.
Doch schweigen musst' ich und mich selber schaemen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort zu sein.
Du darfst nicht sorgen, sprach er, noch dich graemen;
Ablass erteil' ich dir, mich lehre du:
Wie fang' ich's an, Preneste wegzunehmen.
Du weisst, den Himmel schliess' ich auf und zu,
Denn beide Schluessel sind mir uebergeben,
Die Coelestin vertauscht um traege Ruh'.
Nicht war so trift'gem Grund zu widerstreben,
Und da hier schweigen mir das Schlimmste schien,
So sprach ich endlich: Vater, da du eben
Die Suende, die ich tun soll, mir verziehn,
So wisse: Viel versprechen, wenig halten,
Dadurch wird deinem Stuhl der Sieg verlieh'n--
Franz wollte, wie ich starb, sein Amt verwalten,
Mich heimzufuehren, doch ein Teufel kam
Und sprach: Halt ein, denn den muss ich erhalten.
Er kommt mit mir hinab zu ew'gem Gram,
Weil ich, seitdem er jenen Trug geraten,
Ihn bei dem Haar als meine Beute nahm.
Wer Ablass will, bereu' erst seine Taten.
Doch wer bereut und Boeses will, der muss
Wohl mit sich selbst in Widerspruch geraten.
Ach! wie ich zuckt' in Schrecken und Verdruss,
Als er mich fasst' und, mich von dannen reissend,
Sprach: Meintest du, ich sei kein Logikus?
Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend
Den harten Ruecken, bei dem achten Mal
Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beissend:
Der wird der Flamme Raub im achten Tal!
Und also ward ich von dem Schlund verschlungen
Und geh' im Feuerkleid zu ew'ger Qual."
Hier endet' er, und als das Wort verklungen,
Da ging sogleich die Flamme jammernd fort,
Das Horn gedreht und hin und her geschwungen.
Und weiter ging ich nun mit meinem Hort
Zur naechsten Brueck' auf rauhen Felsenpfaden
Und sah im Grund, den Lohn empfangend, dort
Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.


Achtundzwanzigster Gesang

Wer koennte je, auch mit dem freisten Wort,
Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,
Erzaehlt' er auch die Kunde fort und fort.
Jedwede Zunge muss den Dienst versagen,
Da Sprach' und Geist zu eng und schwach erscheint,
So Schreckliches zu fassen und zu tragen.
Und waere das gesamte Volk vereint,
Das Puglien, das verhaengnisvolle, hegte,
Dies Land, das einst die blut'ge Schar beweint,
Die Rom und jener lange Krieg erlegte,
Wo man so grosse Beut' an Ringen fand,
Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte,
Vereint mit dem, das harte Schlaeg' empfand,
Weil's gegen Robert Guiscard ausgezogen;
Mit dem, des Knochen modern, dort im Land
Bei Ceperan, wo Pugliens Schar gelogen;
Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard,
Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen;
Und zeigte, wie es dort verstuemmelt ward,
Sich jedes Glied, nicht war' es zu vergleichen
Mit dieses neunten Schlundes Weis' und Art.
Ein Fass, von welchem Reif und Dauben weichen,
Ist nicht durchloechert, wie hier einer ging,
Zerfetzt vom Kinn bis zu Gefaess und Weichen,
Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring
Gedaerm und Eingeweid', wo sich die Speise
In Kot verwandelt, samt dem Magen hing.
Ich schaut' ihn an und er mich gleicherweise,
Dann riss er mit der Hand die Brust sich auf
Und sprach zu mir: "Sieh, wie ich mich zerreisse!
Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf!
Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf.
Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten,
Dort Aergernis und Trennung ausgesaet,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.
Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,
Er ist's, der jeglichen zerfetzt und schaendet,
Mit scharfem Schwert, der dort voruebergeht,
Wenn wir den schmerzensvollen Kreis vollendet;
Weil jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,
Eh' unser Lauf zu ihm zurueck sich wendet.
Doch wer bist du, der dort herniedergafft?
Weilst du noch zoegernd ueber diesen Schluenden,
In welche Klag' und Urteilsspruch dich schafft?"
"Er ist nicht tot, noch hergefuehrt von Suenden,"
So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein,
"Doch soll er, was die Hoell' umfasst, ergruenden,
Und ich, der tot bin, soll sein Fuehrer sein.
Drum fuehr' ich ihn hinab von Rund' zu Runde,
Und Glauben koennt ihr meinem Wort verleih'n."
Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde,
Nach mir hinblickend, still verwundert stehn,
Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde.
"Du wirst vielleicht die Sonn' in kurzem sehn,
Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,
Eh' ihn der Schnee belagert, sich versehn,
Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.
Allein vollbringt er, was ich riet, so muss
Novaras Heer ihn lang' umsonst umkreisen."
Zum Weitergehn erhoben einen Fuss,
Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele,
Und setzt' ihn hin und ging dann voll Verdruss.
Dann sah ich einen mit durchbohrter "Kehle,
Die Nase bis zum Auge hin zerhau'n,
Und wohl bemerkt' ich, dass ein Ohr ihm fehle.
Und staunend sah auf mich dies Bild voll Grau'n
Und oeffnete zuerst des Schlundes Roehre,
Von aussen rot und blutig anzuschau'n.
"Du, nicht verdammt fuer Suenden, wie ich hoere,
Den ich bereits im Latierlande sah,
Wenn ich durch Aehnlichkeit mich nicht betoere,
"Kommst du den schoenen Ebnen wieder nah,
Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
So denk' an Pier von Medicina da.
Du magst den Besten Panos nicht verschweigen,
Dem Guid und Angiolell, dass, wenn nicht irrt
Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen,
Nah bei Cattolica, schlau angekirrt,
Vom schaendlichsten der Wueteriche verraten,
Das edle Paar ersaeuft im Meere wird.
Noch nimmer hat Neptun so schnoede Taten
Von Zypern bis Majorka hin geschaut,
Von Griechenscharen nicht, noch von Piraten.
Der Bub', auf einem Aug' von Nacht umgraut,
Jetzt Herr des Lands, von welchem mein Geselle
Hier neben wuenscht, er haett' es nie erschaut,
Ruft sie als Freund und tut an jener Stelle
So, dass sie nicht Geluebd' tun, noch sich scheu'n,
Wie wild der Wind auch von Focara schwelle."
Drauf ich: "Soll dein Gedaechtnis sich erneu'n,
So magst du dich zu sagen nicht entbrechen,
Wer muss den Anblick jenes Lands bereu'n?"
Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,
Nach eines andern Kiefer hin und schrie:
"Sieh her, der ist's, allein er kann nicht sprechen,
Er, der verbannt, einst Caesarn Mut verlieh,
Und alle seine Zweifel scheucht', ihm sagend:
"Dem 'Kampfbereiten fromme Zoegern nie."
O wie jetzt Curio ganz verbluefft und zagend,
Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand,
Die Zung', einst kuehn und eilig alles wagend--
Und abgeschnitten die und jene Hand,
Stand einer, in die Nacht die Stuempf erhoben,
Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt,
Und rief: "Denkt man des Mosca noch dort oben?
Ich bin's, der meine Hand zum Morde bot,
Ob des jetzt Tuscien die Partei'n durchtoben."
"Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!"
Setzt' ich hinzu--und, haeufend Grau'n auf Grauen,
Zog er davon in hoechster Angst und Not.
Ich aber blieb, die andern anzuschauen,
Und was ich sah, so furchtbar und so neu,
Nicht wagt' ich's unverbuergt euch zu vertrauen,
Fuehlt' ich nicht mein Gewissen rein und treu,
Dies gute feste Schild, den sichern Leiter,
Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu.
Ich sah--noch ist dies Schreckbild mein Begleiter--
Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schar
Von Ungluecksel'gen in der Tiefe weiter.
Er hielt das abgedchnittne Haupt beim Haar
Und liess es von der Hand als Leuchte hangen
Und seufzte tief, wie er uns nahe war.
So kam er eins in zwei'n dahergegangen
Und leuchtet' als Laterne sich mit sich--
Wie's moeglich, weiss nur der, der's so verhangen.
Nachdem er bis zum Fuss der Bruecke schlich,
Hob er, um naeher mir ein Wort zu sagen,
Den Arm zusamt dem Haupte gegen mich,
Und sprach: "Hier sieh die schrecklichste der Plagen!
Du, der du atmend in der Hoell' erscheinst,
Sprich: Ist wohl eine schwerer zu ertragen?
Jetzt horch, wenn du von mir zu kuenden meinst;
Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,
Dem Koenig, gab ich boesen Ratschlag einst,
Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen,
Wie zwischen David einst und Absalon,
Durch Ahitophel Fehden sich entspannen.
Mein Hirn nun muss ich zum gerechten Lohn
Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen,
Weil ich getrennt den Vater und den Sohn,
Und so, wie ich getan, ist mir geschehen."


Neunundzwanzigster Gesang

Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
Sie hatten so die Augen mir berauscht,
Dass sie vom Schau'n mir ganz voll Zaehren stunden.
Da sprach Virgil: "Was willst du noch? Was lauscht
Und starrt dein Auge so nach diesen Gruenden,
Wo's Greuelbild um Greuelbild vertauscht?
Nicht also tatst du in den andern Schluenden.
An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Tal,
Drum kannst du hier nicht jegliches ergruenden.
Schon unter unserm Fuss glaenzt Lunens Strahl,
Und wenig duerfen wir uns nur verweilen,
Denn noch zu sehn ist viel und grosse Qual."
Ich sprach: "Erlaubtest du, dir mitzuteilen,
Welch einen Grund ich hatt', hinabzuspaeh'n,
So wuerdest du wohl minder mich beeilen."
Er ging und ich ihm nach und gab im Gehn
Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde
Und sprach: "Wohl hab' ich scharf hinabgesehn,
Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde
Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr
Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde."
Mein Meister sprach darauf: "Nicht mache dir
Noch laenger Sorg' um diesen Anverwandten;
An andres denk', er aber bleibe hier.
Ich sah ihn bei der Bruecke den Bekannten
Dich zeigen und dir mit dem Finger droh'n
Und hoerte, wie sie ihn del Bello nannten.
Doch du bemerktest eben nichts davon,
Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten.
Als dieser ging, war jener schon entfloh'n."
"Weil Rach' und Schwert des Feindes ihn ereilten",
Sprach ich, "und keiner seinen Tod geraecht,
Von allen denen, so die Kraenkung teilten,
Zuernt' er auf mich und zuernt' auf sein Geschlecht
Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter,
Und darin, glaub' ich, hat der Arme recht."
Nun folgt' ich hin zum Felsen meinem Leiter,
Von wo man ueberblickt den naechsten Schlund,
Waer' irgend nur von Licht die Tiefe heiter.
Von seiner Hoeh' ward unserm Auge kund
Der letzte Klosterbann von Uebelsaecken,
Und viel Bekehrte waren tief im Grund.
Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken,
Gespitzt durch Mitleid, Jammertoen' heraus
Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken.
Waer' aller Schmerz aus jedem Krankenhaus
Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen,
Und Valdichianas und Sardiniens Graus
Und Seuch' und Pest in einem Schlund beisammen,
Nicht aerger waer's als hier, wo fauler Duft
Und Stank vom Eiter in den Lueften schwammen.
Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft
Vom langen Felsen niederwaerts zur Linken,
Und deutlicher erschien der Schoss der Gruft.
In diesem Grund laesst nach des Hoechsten Winken
Die nimmer irrende Gerechtigkeit
Zur wohlverdienten Quael die Faelscher sinken.
Nicht in Aegina ist vor alter Zeit
Des Volkes Anblick trauriger gewesen,
Das krank darniedersank, dem Tod geweiht,
Ja bis zum kleinsten Wurm jedwedes Wesen,
Durch tueckisch boese Luft, worauf im Land,
Wie wir fuer sicher in den Dichtern lesen,
Ein neues Volk aus Aemsenbrut entstand;
Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend
Das Geistervolk in manchem Haufen wand.
Die einen auf der andern Ruecken liegend,
Die auf dem Bauch, und die von einem Ort
Zum andern hin auf allen vieren kriechend.
Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,
Sahn Kranke dort, unfaehig aufzustehen
Und horchten auf ihr klaeglich Jammerwort.
Sich gegenseitig stuetzend, sassen zween,
Wie in der Kueche Pfann' an Pfanne lehnt,
Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen.
Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt
Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben,
Die Striegel eiligst fuehrt und oefters gaehnt;
So sah ich sie sich mit den Naegeln schaben
Und hier und dort sich kratzen und geschwind,
So gut es ging, ihr wuetend Jucken laben.
Und schnell war unter ihren Klau'n der Grind
Wie Schuppen von den Barschen abgegangen,
Die unterm Messer schneller Koeche sind.
"Du, vor des Fingern Schien' und Masche sprangen,"
Begann Virgil zu einem von den zwei'n,
"Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen,
Sprich: Fanden sich auch hier Lateiner ein
Und moegen dich zu kratzen und zu krauen,
Dafuer dir ewig scharf die Naegel sein."
"Lateiner kannst du in uns beiden schauen,"
Erwidert einer drauf, von Qual durchbebt,
"Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen."
Mein Fuehrer sprach: "Von Fels zu Felsen strebt
Mein Fuss hinab in diesen Finsternissen;
Die Hoell' zeig' ich diesem, der da lebt."
Da schien das Band, das beide hielt, zerrissen,
Und jeder, dem's der Rueckhall kundgetan,
War zitternd nur mich anzuschau'n beflissen.
Dicht draengte sich an mich mein Meister an
Und sprach: "Du magst sie nach Belieben fragen!"
Und ich, da er es so gewollt, begann:
"Soll dein Gedaechtnis noch in spaeten Tagen
Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist
Erhalten sein, so magst du jetzo sagen,
Wie du dich nennst und deine Heimat heisst?
Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen,
Dass du in deinen Reden offen seist."
"Mich zeugt' Arezzo, und den Tod in Flammen
Verschafft' einst Albero von Siena mir,
Doch andrer Grund hiess Minos mich verdammen.
Wahr ist's, ich sagt' im Scherz: ins Luftrevier
Verstuend' ich mich im Fluge hinzuschwingen.
Er, klein an Witz und gross an Neubegier,
Bat mich, ihm diese Kenntnis beizubringen,
Und nur weil er durch mich kein Daedal ward,
Befahl sein Vater dann, mich umzubringen.
Doch Minos, dem sich alles offenbart,
Hat, weil ich mich der Alchimie ergeben,
Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt."
Zum Dichter sagt' ich: "Sprich, ob man im Leben
So eitles Volk wie die Sanesen fand?
Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben."
Der andre Grind'ge, welcher mich verstand,
Rief: "Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,
Der all sein Gut so klueglich angewandt;
Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben,
Dass er zuerst die Braten wohl gewuerzt,
Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben;
Und jener Klub, der wohl die Zeit gekuerzt,
In dem Caccia d'Ascian samt seinem Witze,
Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestuerzt.
Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze
Den Blick auf mich und stelle dich dahin,
Gerade gegenueber meinem Sitze;
Dann wirst du sehn, dass ich Capocchio bin.
Metall verfaelscht' ich, dass ich Gold erschaffe,
Und, sah ich recht, so ist dir's noch im Sinn,
Ich war von der Natur ein guter Affe".


Dreissigster Gesang

Zur Zeit, da Junos Herz in Zorn geraten
Ob Semeles, in Zorn auf Thebens Blut,
Wie sie so manches Mal gezeigt durch Taten,
Ergriff den Athamas so tolle Wut,
Dass er, als auf sein Weib der Blick gefallen,
Das jeden Arm mit einem Sohn belud,
Den wilden Ruf des Wahnsinns liess erschallen:
"Die Loewin samt den Jungen sei gefasst!"
Dann streckt er aus die mitleidlosen Krallen;
Und wie er einen, den Learch, mit Hast
Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen,
Ertraenkte sie sich mit der zweiten Last.
Und als das Glueck, das alles kuehn zu wagen,
Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt,
So dass zusammen Reich und Fuerst erlagen,
Und Hekuba, gefangen und verbannt,
Geopfert die Polyxena erblickte,
Und sie ihr Missgeschick an Thraziens Strand
Zum Leichnam ihres Polydorus schickte,
Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund,
Weil Schmerz den Geist verkehrt' und ganz bestrickte.
Doch nichts in Theben ward noch Troja kund
Von einer Wut, die Vieh und Menschen packte,
Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund.
Ein Paar von Geistern, totenfahle, nackte,
Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein,
Indem's auf alles mit den Hauern hackte.
Der schlug sie in den Hals Capocchios ein
Und schleppt' ihn fort, und nicht gar sanft gerieben
Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein.
Der Aretiner, der voll Angst geblieben,
Sprach: "Schicchi ist's, der tolle Poltergeist,
Der solch ein wuetend Spiel schon oft getrieben."
"Wie du geschuetzt vor jenes Hauern seist,"
Entgegnet' ich, "so sprich, eh' er entronnen,
Wer dieser Schatten ist und wie er heisst."
"Die Myrrha ist's, die schnoeden Trug ersonnen,"
Erwidert' er, "die mehr als sich gebuehrt
Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen,
Und die mit ihm das Werk der Lust vollfuehrt,
Weil sie die fremde Form sich angedichtet;
Wie jener, der Capocchio dort entfuehrt,
Weil Simon ihn durchs beste Ross verpflichtet,
Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt
Und so fuer ihn ein Testament errichtet."
Als nun die Tollen sich vorbeibewegt,
Liess ich mein Auge durch die Tiefe streichen
Und sah, was sonst der Schlund an Suendern hegt.
Der eine war der Laute zu vergleichen,
Haett' ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft,
Die jeder Mensch hat abwaerts von den Weichen.
Die Wassersucht, durch schlechtverkochten Saft
Ein Glied abmagernd und das andre blaehend,
Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft,
Hielt ihm die beiden Lippen offen stehend,
Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt,
Und dem Schwindsuecht'gen gleich, vor Durst vergehend.
"Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt,
Wie? weiss ich nicht, in diesen Schmerzenstalen,"
Er sprach's, "o schaut und merkt und seid belehrt
Von Meister Adams schreckenvollen Qualen.
Kein Troepflein, ach, stillt hier des Durstes Glueh'n;
Dort konnt' ich, was ich nur gewuenscht, bezahlen.
Die muntern Baechlein, die vom Huegelgruen
Des Casentin zum Arno niederrollen
Und frisch und lind des Bettes Rand besprueh'n,
Ach, dass sie mir sich ewig zeigen sollen,
Und nicht umsonst--mehr, als die Wassersucht,
Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen.
Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht,
Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen,
Zu groessrer Eile meiner Seufzer Flucht.
Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen
Geringern Werts verfaelscht das gute Geld,
Weshalb ich dort der Flamm' anheimgefallen.
Doch waere Guido nur mir beigesellt,
Und jeder, der zum Laster mich verfuehrte,
Ich gaebe drum den schoensten Quell der Welt.
Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spuerte
Er juengst den einen auf in dieser Nacht.
Doch da dies uebel meine Glieder schnuerte,
Was hilft es mir? Haett' ich nur so viel Macht,
Um zollweis' im Jahrhundert vorzuschreiten,
Ich haette schon mich auf den Weg gemacht,
Ihn suchend durch dies Tal nach allen Seiten,
Mag's in der Rund' auch sich elf Miglien zieh'n,
Und minder nicht als eine halbe breiten.
Bei diesen Krueppeln hier bin ich durch ihn,
Denn er hat mich verfuehrt, dass ich den Gulden
An schlechterm Zusatz drei Karat verlieh'n."
Und ich: "Was mochten jene zwei verschulden,
Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand,
Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?"
Er sprach: "Sie liegen fest, wie ich sie fand,
Als ich hierhergeschneit nach Minos' Winken,
Und werden ewiglich nicht umgewandt.
Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken
Liegt Sinon mir, beruehmt durch Trojas Ross.
Im faulen Fieber liegen sie und stinken."
Und dieser Letzte, den's vielleicht verdross,
Dass Meister Adams Wort ihn so verhoehnte,
Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoss,
Dass dieser gleich der besten Trommel toente.
Doch in das Angesicht des andern warf
Herr Adam die gleich harte Faust und stoehnte:
"Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf,
Doch ist mein Arm noch, wie du eben spuertest,
Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf."
"Als du zum Feuer gingst," rief Sinon, "ruehrtest
Du nicht den Arm schnell, wie er eben war,
Doch schneller, da du einst den Stempel fuehrtest."
Der Wassersuecht'ge: "Darin sprichst du wahr,
Doch stelltest du in Troja kein Exempel
Von einem so wahrhaft'gen Zeugnis dar."
"Faelscht' ich das Wort, so faelschtest du den Stempel.
Hier bin ich doch fuer einen Fehler nur,
Du aber dientest stets in Satans Tempel."
So Sinon. "Denk' ans Ross, du Schelm!" so fuhr
Ihn jener an mit dem geschwollnen Bauche,
"Qual sei dir, dass es alle Welt erfuhr."
"Qual sei dir", rief der Grieche drauf, "die Jauche,
Und blaehe stets zum Bollwerk deinen Wanst,
Der Durst, der deine Zung' in Flammen tauche."
Der Muenzer: "Der du stets auf Luegen sannst,
Dein Maul zerreisse dir fuer solch Erfrechen!
Wenn du mich duerstend. schwellend sehen kannst,
So moege Durst dich quaelen, Kopfweh stechen.
Sprach' einer kurz: Sauf aus den ganzen Bach!
Du wuerdest dessen wohl dich nicht entbrechen."
Ich horchte stumm, was der und jener sprach,
Da rief Virgil: "Nun, wirst du endlich kommen?
Zu lange sah ich schon der Neugier nach."
Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,
Wandt' ich voll Scham zu ihm das Angesicht
Und fuehle jetzt noch mich von Scham entglommen.
Wie man im schreckenvollen Traumgesicht
Zu wuenschen pflegt, dass man nur traeumen moege,
Und das, was ist, ersehnt, als waer' es nicht;
So bangt' ich, dass mir Scham das Wort entzoege;
Entschuld'gen wollt' ich mich--Entschuld'gung kam,
Indem ich glaubte, dass ich's nicht vermoege.
Da sprach mein guter Meister: "Mindre Scham
Waescht groessern Fehler ab, als du begangen,
Darum entlaste dich von jedem Gram;
Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,
So denke stets, dass ich dir nahe bin,
Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen;
Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn."


Einunddreissigster Gesang

Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte
Und beide Wangen ueberzog mit Rot,
War's, die mich dann mit Arzeneien letzte.
So, hoer' ich, hat der Speer Achills gedroht,
Und seines Vaters, der mit einem Zuecken
Verletzt' und mit dem andern Hilfe bot.
Wir kehrten nun dem Jammertal den Ruecken,
Den Damm durchschneidend, der es rings umlag,
Um, schweigend, mehr nach innen vorzuruecken.
Dort war's nicht voellig Nacht, nicht voellig Tag,
Daher die Blicke wenig vorwaerts gingen;
Doch toent' ein Horn--der staerkste Donner mag
Bei solchem Ton kaum hoerbar noch erklingen--
Drum sucht' ich nur, entgegen dem Gebraus,
Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen.
Nicht toente nach dem ungluecksel'gen Strauss,
Der Karls des Grossen heil'gen Plan vernichtet,
Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus.
Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,
Glaubt' ich, viel hohe Tuerme zu ersehn,
Und sprach: "Ist eine Feste dort errichtet?"
Mein Meister drauf: "Weil du zu weit zu spaeh'n
Versuchst in diesen nachterfuellten Raeumen,
Musst du dich selber oefters hintergehn.
Dort siehst du, dass, wie oft, zu eitlen Traeumen
Aus der Entfernung das Geschaute schwoll,
Drum schreite vorwaerts, ohne lang zu saeumen."
Dann fasst' er bei der Hand mich liebevoll
Und sprach: "Ich will dir die Bewandtnis sagen,
Weil's nah dann minder seltsam scheinen soll.
Ob's Tuerme waeren, wolltest du mich fragen?
Nein, Riesen sind's, die rings am Brunnenrand
Vom Nabel aufwaerts in die Luefte ragen."
Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land
In Dunst gehuellt, allmaehlich unsre Blicke
Das klar erkennen, was er erst umwand;
So, bohrend durch die Luft, die truebe, dicke,
Und mehr und mehr genaht dem tiefen Schlund,
Scheucht' ich den Wahn, doch kam die Furcht zuruecke
Wie um Montereggiones Zinnenrund
Rings eine Krone hohe Tuerme machen,
So tuermten sich, mit halbem Leib im Grund,
Mit halbem Leib rings um des Brunnens Rachen
Giganten, Kaempfer jenes grossen Streits,
Sie, welchen nach die Donner Jovis krachen.
Von einem sah ich das Gesicht bereits
Und Schultern, Brust und grossen Teil vom Bauche,
Herabgestreckt die Arme beiderseits.
Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche
Dergleichen Wesen schafft, so tut sie recht,
Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche.
Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht
Der Elefanten noch, doch sicher findet,
Wer reiflich urteilt, sie hierin gerecht,
Weil, wenn die Ueberlegung sich verbindet
Mit boesem Willen und mit grosser Macht,
Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet.
Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
Dem Turmknopf von Sankt Peter zu vergleichen,
Und jedes Glied nach solchem Mass gemacht.
Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen
Ihn abwaerts barg, der oberen Gestalt
Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen,
Wo seine Stirn das borst'ge Haar umwallt,
Denn aufwaerts mass er dreissig grosse Palmen,
Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt.
Raphegi mai amech itzabi Almen!
So toent' es aus den dicken Lippen vor,
Fuer die sich nicht geziemten sanftre Psalmen.
Mein Fuehrer rief: "Nimm doch dein Horn, du Tor,
Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden,
So sprudl' ihn flugs durch seinen Bauch hervor.
Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,
Verwirrter Geist, der's angebunden haelt.
Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!"
Darauf zu mir: "Sich selbst verklagt der Held;
Der Nimrod ist's, durch dessen toll Vergehen
Man nicht mehr eine Sprach' uebt in der Welt.
Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!
Kein Mensch versteht von seiner Sprach' ein Wort,
Und er kann keines andern Wort verstehen."
Wir gingen nun zur Linken weiter fort,
Und fanden schon in Bogenschusses Weite
Den zweiten groessern, wilden Riesen dort.
Nicht weiss ich, wem's gelang, dass er im Streite
Ihn fing und band, doch vorn geschnuert erschien
Sein linker Arm und hinter ihm der zweite;
Denn eine Kett' umwand vom Nacken ihn,
Um, was von seinem Leib nach oben ragte,
Nach unten hin fuenf Male zu umzieh'n.
Da sprach mein Meister: "Mit dem Donnrer wagte
Sein kuehner Stolz des grossen Kampfes Los.
Hier aber sieh den Preis, den er erjagte.
Ephialtes ist's. Sein Tun war kuehn und gross
Im Riesenkampfe, zu der Goetter Schrecken;
Nun ist sein droh'nder Arm bewegungslos."
Und ich zu ihm: "Den ungeheuern Recken,
Den Briareus, wenn dies geschehen kann,
Moecht' ich wohl gern in diesem Tal entdecken."
Mein Fuehrer drauf: "Du siehst hier nebenan
Antaeus stehn. Er spricht, ist ungebunden
Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann.
Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,
Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schau'n,
Allein wie er mit Ketten fest umwunden."
Hier schuettelt' Ephialtes sich, und traun!
Kein Erdenstoss, von dem die Tuerme schwanken,
War heftiger, erregte tiefres Grau'n.
Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken,
Und sah ich nicht, wie ihn die Kett' umschloss,
So genuegten, mich zu toeten, die Gedanken.
Wir gingen weiter, ich und mein Genoss,
Und sahn Antaeus, der dem tiefen Bronnen,
Zehn Ellen bis zum Haupte hoch, entspross.
"Der du im Tal, das ew'gen Ruhm gewonnen,
Weil Hannibal in ihm, der kuehne Feind,
Mit seiner Schar vor Scipios Mut entronnen,
Einst tausend Loewen fingst, wenn du, vereint
Mit deinen Bruedern kuehn den Arm geschwungen
Im hohen Krieg, so haetten, wie man meint,
Die Erdensoehne doch den Sieg errungen.
Jetzt setz' uns dort hinab, wo, fern dem Licht,
Die starre Kaelte den Kozyt bezwungen.
Zu Tiphoeus oder Tityus schick' uns nicht.
Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben,
Drum wende nicht so muerrisch dein Gesicht.
Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.
Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit
Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben."
Er sprach's, und jener, schnell zum Griff bereit,
Streckt' aus die Hand, um auf ihn loszufahren,
Die Hand, die Herkul fuehlt' im grossen Streit.
Virgil, kaum konnt' er sich gepackt gewahren,
Rief: "Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!"
Drauf macht' er's, dass wir zwei ein Buendel waren.
Wie Carisenda, unterm Hang erblickt,
Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen,
Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt,
So schien Antaeus jetzt sich zu bewegen,
Als er sich niederbog, und grossen Hang
Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen.
Doch leicht zum Grund, der Luzifern verschlang
Und Judas, setzt' er nieder unsre Last,
Und, so geneigt, verweilt' er dort nicht lang
Und schnellt' empor, als wie im Schiff der Mast.


Zweiunddreissigster Gesang

O haett' ich Reime von so heiserm Schalle,
So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus,
Auf welchem ruh'n die andern Felsen alle,
Dann drueckt' ich, was ich will, vollkommner aus,
Doch, sie nicht habend, geh' ich nur mit Bangen
Jetzt an die Rede, wie zum harten Strauss.
Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen,
Den Grund des Alls dem Liede zu vertrau'n,
Und nicht mit Kinderlallen auszulangen.
Doch foerdern meine Reim' itzt jene Frau'n,
Amphions Hilf an Thebens Mau'r und Toren,
Dann wohl entspricht mein Lied der Tat an Grau'n.
O schlechtster Poebel, an dem Ort verloren,
Der hart zu schildern ist, oh waerst du doch
In unsrer Welt als Zieg' und Schaf geboren.
Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch
Tief unterm Riesen, naeher schon der Mitte,
Und nach der hohen Mauer sah ich noch.
Da hoert' ich sagen: "Schau' auf deine Schritte,
Dass du den Armen nicht im Weiterzieh'n
Die Haeupter stampfen magst mit deinem Tritte."
Drum wandt' ich mich, und vor mir hin erschien
Und unter meinen Fuessen auch ein Weiher,
Der durch den Frost Glas, und nicht Wasser, schien.
Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier,
Und nah dem Pol, selbst in der laengsten Nacht,
Deckt nicht den Sanais ein so dichter Schleier.
Und waere Tabernik herabgekracht
Und Pietrapan, nicht haette nur am Saume
Bei ihrem Sturz das Eis krick krick gemacht.
Wie abends, wenn die Baeuerin im Traume
Noch Aehren liest--die Schnauze vorgestreckt,
Der Froesche Volk quaekt aus dem nassen Raume;
So bis dahin, wo sich die Scham entdeckt,
Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zaehne schlagend,
War elend Geistervolk im Eis versteckt,
Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend,
Vom Froste mit dem Mund und von den Weh'n
Des Herzens mit den Augen Zeugnis sagend.
Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn,
Schaut' ich zum Boden hin und sah von oben
Zwei, eng umfasst, vermischt das Haupthaar, stehn.
"Ihr, die ihr draengend Brust an Brust geschoben,
Wer seid ihr?" sprach ich--dann, als sie auf mich,
Die Haelse rueckend, ihre Blick' erhoben,
Sah ich die Augen, feucht erst innerlich,
Von Traenen traeufeln, die, noch kaum ergossen,
Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich,
Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen,
Drum stiessen sich im Grimme wilden Streits,
Gleich zweien Boecken, diese Qualgenossen.
Und einer, der sein Ohrenpaar bereits
Durch Frost verlor, brach, stets gebueckt, das Schweigen:
Was haengst du so am Schauspiel unsres Leids?
Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen?
Das Tal, das des Bisenzio Flut benetzt,
War ihnen einst und ihrem Vater eigen.
Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt
Kaina ganz, du findest sicher keinen
Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt;
Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen
Stoss seines Speers durchbohrt des Artus Hand;
Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen
So deckt, dass mir die Aussicht gaenzlich schwand.
Den, hoerst du Sassol Mascheroni nennen,
Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt.
Jetzt hoer', um mir nur schleunig Ruh' zu goennen,
Ich, Camicion, erwarte den Carlin
Und werde neben ihm mich bruesten koennen:"
Noch sah ich viele Hundesfratzen zieh'n
Vor grossem Frost in diesem tiefen Kreise,
Und schaudre noch vor dem, was mir erschien.
Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise,
Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht,
Und selber zittert' ich beim ew'gen Eise.
War's Vorsatz, war's Geschick--ich weiss es nicht,
Genug, es stiess mein Fuss beim Weitergehen
Durch viele Haeupter, eins ins Angesicht.
"Was trittst du mich?"--so hoert' ich's heulend schmaehen,
"Raechst du noch schaerfer Montapert an mir?
Wenn aber nicht, weswegen ist's geschehen?--"
"Mein Meister," sprach ich, "harr' ein wenig hier,
Denn gern belehrt' ich mich von diesem naeher,
Dann folg' ich, wie dir's gut duenkt, eilig dir."
Still stand, wie ich gewuenscht, der hohe Seher,
Und jener fluchte noch so wild wie erst,
Da sprach ich: "Wer bist du, du arger Schmaeher?"
"Und du, der du durch Antenora faehrst,"
Sprach er, "wer du, der so stoesst andrer Wangen,
Dass es zu arg war', wenn du lebend waerst?"--
"Ich lebe", sagt' ich. "Haettest du Verlangen
Nach Ruf, so wird er dir durch mich zuteil,
Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen."
Drauf er: "Ich wuensche nur das Gegenteil,
Drum packe dich--in diesen Eisesmassen
Verspricht solch Schmeichelwort ein schlechtes Heil."
Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen,
Und sagt' ihm: "Noetig wird's, dass du dich nennst,
Soll ich ein Haar auf deinem Kopfe lassen."
Und er: "Ob du mich zausen magst, du kennst
Mich dennoch nicht--nichts sollst du hier erkunden,
Wenn du mir tausendmal ins Antlitz rennst."
Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden,
Und ob schon ausgerauft manch Bueschel war,
Schaut' er hinab und bellte gleich den Hunden.
Da rief ein andrer: "Bocca, nun fuerwahr,
Du liessest schon genug die Kiefern klingen,
Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?"
"Dich", rief ich, "mag ich nicht zum Reden zwingen,
Verraeter du, allein zu deiner Schmach
Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen."
"Erzaehle, was du willst, doch hintennach",
Rief Bocca, "magst du diesen nur nicht schoenen,
Der eben jetzo so gelaeufig sprach.
Sieh ihn fuer's Gold der Franken hier belohnen
Und sage, dass Duera da nicht fehlt,
Wo ziemlich kuehl und frisch die Suender wohnen.
Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt,
Dort siehst du Becherias Augen triefen,
Den juengst die Florentiner abgekehlt.
Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen,
Gan, Sribaldello, der Faenzas Tor
Den Feinden aufschloss, da noch alle schliefen."
Wir gingen fort, und, etwas weiter vor,
War, Haupt auf Haupt gedrueckt, ein Paar zu finden,
Das fest in einem Loch zusammenfror.
Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden,
So frass der Obre hier den Untern an
Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden.
Wie in die Schlaefe Menalipps den Zahn
Einst Sydeus voll von wilder Wut geschlagen,
So ward von ihm dem Schaedel hier getan.
"O du, der du mit viehischem Behagen
Den Hass an diesem stillst, an dem du nagst,
Weshalb", begann ich, "magst du dich beklagen?
Und hoer' ich, dass du dich mit Recht beklagst,
Und wer er sei, und was dein Nagen raeche,
So sollst du dort erstehn, wo du erlagst,
Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche."


Dreiunddreissigster Gesang

Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus
Der Suender jetzt und wischt' ihn mit den Locken
Des angefress'nen Hinterkopfes aus.
Er sprach: "Du willst zum Reden mich verlocken?
Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneu'n,
Bei des Erinnrung schon die Pulse stocken?
Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreu'n,
Die Frucht der Schande dem Verraeter bringen,
Nicht Reden werd' ich dann noch Traenen scheu'n.
Zwar, wer du bist, wie dir hierherzudringen
Gelungen, weiss ich nicht, doch schien vorhin
Wie Florentiner Laut dein Wort zu klingen.
Du hoere jetzt: Ich war Graf Ugolin,
Erzbischof Roger er, den ich zerbissen.
Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin.
Dass er die Freiheit tueckisch mir entrissen,
Als er durch Arglist mein Vertrau'n betoert,
Und mich getoetet hat, das wirst du wissen.
Vernimm darum, was du noch nicht gehoert,
Noch haben kannst--den Tod voll Graus und Schauer,
Und fass es, wie sich noch mein Herz empoert.
Ein enges Loch in des Verlieses Mauer,
Durch mich benannt vom Hunger, wo gewiss
Man manchen noch verschliesst zu bittrer Trauer,
Es zeigte kaum nach naecht'ger Finsternis
Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen
Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerriss.
Er jagt', als Herr und Meister, durch die Auen
Den Wolf und seine Brut zum Berg hinaus,
Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen.
Mit Hunden, mager, gierig und zum Strauss
Wohleingeuebt, entsendet er Sismunden,
Lanfranken samt Gualanden sich voraus.
Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden
Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod
Sah ich von scharfen Zaehnen sie verwunden.
Als ich erwacht' im ersten Morgenrot,
Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen,
Die bei mir waren, und verlangten Brot.
Teilst du nicht meinen Schmerz, so teilst du keinen,
Und denkst du, was mein Herz mir kundgetan,
Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen?
Schon wachten sie, die Stunde naht' heran,
Wo man uns sonst die Speise bracht', und jeden
Weht' ob des Traumes Ungluecksahndung an.
Verriegeln hoert' ich unter mir den oeden,
Grau'nvollen Turm--und ins Gesicht sah ich
Den Kindern allen, ohn' ein Wort zu reden.
Ich weinte nicht. So starrt' ich innerlich,
Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte:
Du blickst so,--Vater! Ach, was hast du? Sprich!
Doch weint' ich nicht, und diesen Tag lang sagte
Ich nichts und nichts die Nacht, bis abermal
Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte.
Als in mein jammervoll Verlies sein Strahl
Ein wenig fiel, da schien es mir, ich faende
Auf vier Gesichtern mein's und meine Qual.
Ich biss vor Jammer mich in beide Haende,
Und jene, waehnend, dass ich es aus Gier
Nach Speise tat', erhoben sich behende
Und schrien: Iss uns, und minder leiden wir!
Wie wir von dir die arme Huell' erhalten,
Oh, so entkleid' uns, Vater, auch von ihr.
Da sucht' ich ihrethalb mich still zu halten;
Stumm blieben wir den Tag, den andern noch.
Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten?
Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch
Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen:
Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch!
Dort starb er--und so hab' ich sie gesehen,
Wie du mich siehst, am fuenften, sechsten Tag,
Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen.
Schon blind, tappt' ich dahin, wo jeder lag,
Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen,
Bis Hunger tat, was Kummer nicht vermag."
Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen,
Den Schaedel an, den er zerriss, zerbrach,
Mit Zaehnen, wie des Hundes, stark fuer Knochen.
Pisa, du, des schoenen Landes Schmach,
In dem das Si erklingt mit suessem Tone,
Sieht traeg dein Nachbar deinen Freveln nach,
So schwimme her, Capraja und Gorgone,
Des Arno Mund zu stopfen, dass die Flut
Dich ganz ersaeuf und keiner Seele schone.
Denn, wenn auch Ugolinos Frevelmut,
Wie man gesagt, die Schloesser dir verraten,
Was schlachtete die Kinder deine Wut?
Oh neues Theben, war an solchen Taten
Nicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar,
Das ich genannt? nicht Hugo samt Brigaten?--
Wir gingen nun zu einer andern Schar,
Die, statt wie jene, sich hinabzukehren,
Das Antlitz aufwaerts, eingefroren war.
Die Zaehren selber hemmen hier die Zaehren,
Drum waelzt der Schmerz, der nicht nach aussen kann,
Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren.
Denn, was zuerst dem trueben Aug' entrann,
Das war zum Klumpen von Kristall verdichtet
Und fuellte ganz die Augenhoehlen an.
Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet,
Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien,
Und deshalb jegliches Gefuehl vernichtet,
Doch fuehlt' ich, schien's mir Luft entgegenzieh'n,
Drum sprach ich: "Herr, wie mag hier Luft sich regen,
Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?"
Und er: "Du gehst der Antwort schnell entgegen
Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereist,
Aus welchem Grund die Luefte sich bewegen."
Da rief ein eisumstarrter armer Geist:
"Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte
Zu dieser letzten Stelle Minos weist,
Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte,
Damit ich luefte meines Herzens Weh'n,
Eh' neu die Traene sich zu Eis verdichte."
Ich sprach: "Soll dir's nach deinem Wunsch geschehn,
So nenne dich, und wenn ich's nicht erzeige,
So will ich selbst zum Grund des Eises gehn."
Drauf er: "Ich bin's, der Frucht vom boesen Zweige
Als Bruder Alberich dort angeschafft,
Und speise hier die Dattel fuer die Feige."
"Oh," rief ich, "hat der Tod dich hingerafft?"
Und er zu mir: "Ob noch mein Leib am Leben,
Davon bekam ich keine Wissenschaft.
Denn Ptolommaea hat den Vorzug eben,
Dass oft die Seele stuerzt in dies Gebiet,
Eh' ihr den Anstoss Atropos gegeben.
Und dass du lieber mir vom Augenlid
Verglaste Traenen nehmest sollst du wissen:
Sobald die Seele den Verrat vollzieht,
Wie ich getan, wird ihr der Leib entrissen
Von einem Teufel, der dann drin regiert
Bis an den Tod, indes in Finsternissen
Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert.
Vielleicht ist oben noch der Koerper dessen,
Der hinter mir in diesem Eise friert.
Kommst du von dort, so magst du's selbst ermessen.
Herr Branca d'Oria ist's, der jaemmerlich
Schon manches Jahr im Eise fest gesessen."
"Ich glaube," Sprach ich, "du betruegest mich,
Denn Branca d'Oria ist noch nicht begraben
Und isst und trinkt und schlaeft und kleidet sich."
Und er darauf: "Es konnte jenen Graben,
An dem beim Pech die Schar von Teufeln wacht,
Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben,
Da war sein Leib schon in des Daemons Macht.
So ging's auch dem von d'Orias Geschlechte,
Der den Verrat zugleich mit ihm vollbracht.
Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte
Und nimm das Eis hinweg!--doch tat ich's nicht,
Denn gegen ihn war Schlechtsein nur das Rechte.
Genua, Feindin jeder Sitt' und Pflicht,
Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen,
Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht?
Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen
Der euren einen, fuer sein Tun belohnt,
Die Seel' in des Kozytus Eis verschlossen,
Des Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.


Vierunddreissigster Gesang

"Uns naht des Hoellenkoeniges Panier!
Schau' hin, ob du vermagst ihn zu erspaehen."
So sprach mein edler Meister jetzt zu mir.
Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen,
Wie in der Daemmerung, vom fernen Ort
Windmuehlenfluegel aussehn, die sich drehen;
So sah ich jetzo ein Gebaeude dort--
Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken,
Drum draengt' ich fest mich hinter meinen Hort.
Dort war ich, wo--ich sing' es noch mit Schrecken--
Die Geister, in durchsicht'ges Eis gebannt,
Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken.
Der lag darin gestreckt, und mancher stand,
Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bueckte
Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fuss gewandt.
Als hinter ihm ich so weit vorwaerts rueckte,
Dass es dem Meister nun gefaellig schien,
Mir den zu zeigen, den einst Schoenheit schmueckte.
Da trat er weg von mir, hiess mich verzieh'n,
Und sprach zu mir: "Bleib, um den Dis zu schauen,
Und hier lass nicht dir Mut und Kraft entfliehn."
Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen,
Darueber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache laesst sich dies vertrauen.
Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht.
Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche,
Dem Tod und Leben allzugleich gebricht.
Der Kaiser von dem traenenvollen Reiche
Entragte mit der halben Brust dem Glas,
Und wie ich eines Riesen Mass erreiche,
Erreicht' ein Riese seines Armes Mass.
Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen,
Dem solch ein Glied verhaeltnismaessig sass.
Ist er, wie haesslich jetzt, einst schoen gewesen,
Und hat den guet'gen Schoepfer doch bedroht,
So muss er wohl der Quell sein alles Boesen.
O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot!
Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen,
Von diesen aber war das vordre rot.
Anfuegten sich die andern zwei dem einen,
Gerad' ob beiden Schultern hingestellt,
Um oben sich beim Kamme zu vereinen;
Das Antlitz links weissgelblich--ihm gesellt
Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen
Von jenseits kommen, wo der Nilus faellt.
Gross, angemessen solchem Vogel, standen
Zwei Fluegel unter jedem weit heraus,
Die wir den Segeln gleich, nur groesser, fanden,
Und federlos, wie die der Fledermaus.
Sie flatterten ohn' Unterlass und gossen
Drei Winde nach verschiedner Richtung aus.
Dadurch ward der Kozyt mit Eis verschlossen.
Sechs Augen waren nie von Traenen frei,
Die auf drei Kinn' in blut'gem Geifer flossen.
Und einen armen Suender malmt' entzwei
Und kaute jeder Mund, daher zerbissen,
Flachsbrechen gleich, die scharfen Zaehne drei.
Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen,
Verglichen mit den scharfen Klau'n, zu sein,
Die oft die Haut vom Fleisch des Suenders rissen.
Da sprach Virgil: "Sieh hier die groesste Pein!
Ischariots Kopf steckt zwischen scharfen Faengen,
Und aussen zappelt er mit Arm und Bein.
Zwei andre sieh, den Kopf nach unten haengen;
Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund
Sich ohne Laute winden, dreh'n und draengen;
Dort Cassius, kraeftig, wohlbeleibt und rund--
Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen,
Denn ganz erforscht ist nun der Hoelle Grund."
Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen,
Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell,
Und, als sich weit gespreizt die Fluegel schwangen,
Hing er sich an die zott'ge Seite schnell,
Griff Zott' auf Zott', um sich herabzusenken
Inmitten eis'ger Rind' und rauhem Fell.
Dort angelangt, wo in den Hueftgelenken
Des Riesen sich der Lenden Kugeln dreh'n,
Eilt' er, mit Mueh' und Angst, sich umzuschwenken.
Wo erst der Fuss war, kam das Haupt zu stehn;
Die Zotten fassend, klomm er aufwaerts weiter,
Als sollten wir zurueck zur Hoelle gehn.
"Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter
Entkommt man nur so grossem Leid," so sprach
Tiefkeuchend, wie ein Mueder, mein Begleiter.
Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,
Dann setzt' er mich auf einen Rand daneben
Und streckte mir den Fuss behutsam nach.
Ich blickt' empor und glaubte, wie ich eben
Den Dis gesehn, so stell' er noch sich dar.
Doch seine Fuesse sah ich sich erheben.
Wie ich erschrak, bedenk', o dumme Schar,
Der's nottut, dass sie erst erkennen lerne,
Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war.
Da sprach Virgil: "Jetzt auf, das Ziel ist ferne,
Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast;
Und Sol, aufsteigend. scheucht bereits die Sternen
Nicht war's ein Gang durch einen Prachtpalast,
Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde
Durch eine Felsschlucht, voellig dunkel fast.
Ich, aufrecht stehend, sprach: "Eh' aus dem Schlunde
Der Weg, den du mich leitest, mich entlaesst,
Reiss aus dem Irrtum mich und gib mir Kunde:
Wo ist das Eis? Wie steckt Dis koepflings fest?
Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten
Die Ueberfahrt gemacht zum Ost vom West?
"Du glaubst dich auf des Zentrums andern Seiten,
Wo du am Wurme, der die Erde kraenkt
Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten.
Du warst's, solang' ich mich hinabgesenkt;
Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere,
Durchdraengest du, da ich mich umgeschwenkt.
Jetzt kamst du zu der andern Hemisphaere,
Entgegen der, die grosses trocknes Land
Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre
So fehllos lebt' und starb, wie er entstand.
Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise,
Der hier Judokas andre Seit' umspannt.
Und hier beginnt der Sonne Tagesreise,
Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt
Noch immer Luzifer nach alter Weise.
Vom Himmel ward er hier herabgestreckt.
Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben
Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt
Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben.
Um ihn zu flieh'n, drang auch die Erde vor
Aus dieser Hoehl' und draengte sich nach oben."
So sprach Virgil--und sieh, vom Dis empor
Ging eine Schlucht, tief wie die ganze Hoelle,
Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr;
Denn rauschend lief ein Bach, des rasche Welle
Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang
Und vielgewunden, bis zu jener Stelle.
Nun trat mein Fuehrer auf verborgnem Gang
Den Rueckweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwaerts drang,
Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung
Der schoene Himmel mir aus heitrer Ferne,
Und eilig stiegen wir aus enger Mundung
Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.




Das Fegefeuer


Erster Gesang

Zur Fahrt in bess're Fluten aufgezogen
Hat seine Segel meines Geistes Kahn,
Und laesst nun hinter sich so grimme Wogen.
Zum zweiten Reiche hin geht seine Bahn,
Wohin zur Reinigung die Geister schweben,
Um wuerdig dann dem Himmelreich zu nah'n.
Doch hier mag sich die tote Dichtung heben,
O heil'ge Musen, da ich euer bin!
Hier moeg' empor Kalliopeia streben!
Sie folge mir mit jenem Ton dahin,
Des Streich, die armen Elstern einst erschreckend,
Verzweiflung bracht' in ihren stolzen Sinn.
Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckend
Des reinen Aethers heiteres Gebaeu
Und bis zum ersten Kreise sich erstreckend,
Erschuf vor mir der Augen Wonne neu,
Sobald ich jetzt der toten Luft entklommen,
Die Aug' und Brust getruebt in Nacht und Scheu.
Der schoene Stern, der Lieb' erregt, entglommen
Im Osten, hatt' in Laecheln ihn verklaert,
Die Fisch' umschleiernd, die mit ihm gekommen.
Dann rechts, dem andern Pole zugekehrt,
Erblickt' ich eines Viergestirnes Schimmer,
Des Anschau'n nur dem ersten Paar gewaehrt.
Der Himmel schien entzueckt durch sein Geflimmer.
O du verwaistes Land, du oeder Nord,
Du siehst den Glanz der schoenen Lichter nimmer.
Als ich darauf vom Viergestirne fort
Ein wenig hin zum andern Pole sah,
Da war verschwunden schon der Wagen dort.
Und einen Greis, allein, sah ich mir nahe,
Der Ehrfurcht also wert an Mien' und Art,
Dass mir, als ob's mein Vater sei, geschaehe.
Lang war, mit weissem Haar vermischt, sein Bart
Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend
Als Doppelstreif, der Brust zur Huelle ward.
Sein Angesicht, die heil'gen Strahlen trinkend
Des Viergestirnes, war so schoen und klar,
Als sah' ich es, vom Schein der Sonne blinkend.
"Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar,
Aus ew'ger Haft, dem blinden Strom entgegen"
Er sprach's, bewegt des Bartes greises Haar,
"Wer leitet' euch? Wer leuchtet' euren Wegen,
Dass ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht,
Die, ewig achwarz, der Hoelle Taeler hegend
Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht?
Hat neuer Ratschluss durch der Hoelle Pforte
Verdammt' in meine Grotten hergebracht?"--
Hier fuehlt' ich mich erfasst von meinem Horte,
Und ehrerbietig macht er Brau'n und Knie
Mir alsogleich mit Hand und Wink und Worte
Und sprach: "Nicht durch mich selber bin ich hie;
Ein Weib kam bittend aus den hoechsten Sphaeren,
Darob ich diesem mein Geleit verlieh.
Doch da's dein Will' ist, dass ich dich belehren
Von unserm wahren Zustand soll, wie mag
Mein Will' ein andrer sein, als zu gewaehren!
Nicht sahe dieser noch den letzten Tag,
Doch war er nah ihm, so vom Wahn verblendet,
Dass er gewiss in kurzer Frist erlag.
Um ihn zu retten, ward ich abgesendet,
Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut,
Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet.
Ich zeigt' ihm schon der Suender ganze Brut,
Nun aber ist er die zu sehn bereitet,
Die hier sich laeutern unter deiner Hut.
Lang waer's zu sagen, wie ich ihn begleitet.
Kraft kam von oben, helfend, dass ich ihn,
Um dich zu hoeren und zu sehn, geleitet.
Lass dir's gefallen, dass er hier erschien.
Er sucht die Freiheit--wie sie wert zu halten,
Weiss, wer um sie des Lebens sich verzieh'n.
Du weisst's, du liessest gern sie zu erhalten,
In Utica die Huelle blutbenetzt,
Die hell am grossen Tag sich wird entfalten.
Nicht ward der ew'ge Schluss von uns verletzt.
Er lebt und mich haelt Minos nicht gefangen.
Ich bin vom Kreis, wo deine Martia jetzt,
Noch keuschen Aug's, dir ausspricht das Verlangen,
O heil'ge Brust, als dein sie anzusehn,
Drum woll' uns, ihr zuliebe, wohl empfangen.
Lass uns durch deine sieben Reiche gehn,
Dann gruess' ich sie von dir in jenen Hallen,
Willst, dort erwaehnt zu sein, du nicht verschmaeh'n."
"Gefiel auch", sprach er, "Martia mir vor allen,
Da ich gelebt, so dass ich ihr erwies,
Wodurch ich irgend wusst', ihr zu gefallen,
Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies,
Da sie dort wohnt jenseits der naecht'gen Wogen,
Wie festgesetzt ward, als ich sie verliess.
Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen,
Wie du gesagt, was braucht's da Schmeichelei'n?
Sie will, dies g'nuegt, und treulich wird's vollzogen
Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweih'n.
Ihn muss ein Gurt von glatter Bins' umschnueren,
Dann wasch ihm das Gesicht vom Schmutze rein.
Das Aug' umnebelt, will sich's nicht gebuehren,
Zum ersten Diener, der vom sel'gen Land
Herabgekommen ist, ihn hinzufuehren.
Rings traegt der kleinen Insel tiefster Strand,
Wo Wog' und Woge sich im Wechsel jagen,
Viel Binsen am morastig weichen Rand.
Die andern Pflanzen, welche Blaetter tragen
Und sich verhaerten, kommen da nicht auf,
Wo's gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen.
Doch kehrt von dort nicht rueckwaerts euren Lauf;
Die Sonne zeigt--seht, dort ersteht sie eben!--
Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf."
Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben;
Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort,
In seinen Schutz und Willen ganz ergeben.
Er sprach: "Sohn, folge mir jetzt rueckwaerts. Dort
Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer
Nach ihren letzten tiefsten Grenzen fort."
Schon trieb das Morgenrot mit lichtem Schimmer
Die Fruehe vor sich her, und vom Gestad
Erkannt' ich weit hinaus des Meers Geflimmer.
Nun gingen wir dahin auf oedem Pfad,
Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend,
Sein Gehn umsonst glaubt, bis er ihn betrat.
Wir sahn den Tau bald, mit der Sonne streitend,
Doch, weil er dort an schatt'ger Stelle war,
Sich minder schnell in leichtem Dunst verbreitend.
Worauf mein Hort mit seiner Haende Paar
Sanft die zerstreuten, weichen Graeser deckte,
Drob ich, denn seinen Vorsatz nahm ich wahr,
Ihm die betraente Wang' entgegenstreckte.
Rein wusch er mir die Farbe der Natur,
Die erst der Schmutz der Hoelle ganz versteckte.
Nun gingen wir dahin auf oeder Flur
Am Strande fort, der nie ein Schiff erblickte,
Das wieder heim zum Vaterlande fuhr.
Dort, so wie der geboten, der uns schickte,
Umguertet er mit schwachen Binsen mich,
Und wo er nur die niedre Pflanze knickte,
Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich.


Zweiter Gesang

Sol war zum Horizont herabgestiegen,
Des Mittagskreis, wo er am hoechsten steht,
Sieht unter sich die Feste Zions liegen.
Nacht, welche sich ihm gegenueber dreht,
War mit der Wag' am Ganges vorgegangen,
Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht.
Drum hatten Eos weiss' und rote Wangen
Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand,
In hohem Gelb zu schimmern angefangen.
Wir waren noch am niedern Meeresstrand,
Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen,
Im Herzen fort, indes der Koerper stand.
Und wie in trueber Roete, wenn der Morgen
Sich naehert, Mars, im Westen, nah dem Meer
Sich zeigt, von dichten Duensten fast verborgen,
So sah ich jetzt ein Licht--o saeh' ich's mehr!
Und eilig, wie kein Vogel je geflogen,
Glitt's auf des Meeres glattem Spiegel her.
Als ich von ihm die Augen abgezogen
Ein wenig hatt' und zu dem Fuehrer sprach,
Schien's heller dann und groesser ob den Wogen.
Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach
Ein weisser Glanz hervor, und er entbrannte,
Wie's naeher kam, von unten nach und nach.
Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,
Solang der Fluegel erstes Weiss erschien,
Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte:
"O eile jetzt, o eile, hinzuknien!
Sieh Gottes Engel! Falte deine Haendel
Nun siehst du solche Gottes Wink vollziehen.
Sieh, er verschmaeht, was Menschenwitz erfaende.
Nicht Segel, Ruder nicht--sein Fluegelpaar
Braucht er zur Fahrt ans ferneste Gelaende.
Sieh, wie's gen Himmel strebt so schoen und klar!
Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
Das nicht sich aendert wie der Menschen Haar."
Und wieder naht' er sich indes und wieder
In hellerm Glanz, dass naeher solchen Schein
Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ich's nieder.
Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein
Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen,
Auch drueckt' es kaum die Spur den Fluten ein.
Und als ein Sel'ger stand vor meinen Sinnen
Am Hinterteil des Schiffes Steuermann,
Und mehr als hundert Geister sassen drinnen.
"Als aus Aegypten Israel entrann";
Die Schar, gewiss, das Ufer zu erreichen,
Fing diesen Psalm einstimm'gen Sanges an.
Er macht' auf sie des heil'gen Kreuzes Zeichen,
Drum warf sich jeder hin am Meeresbord,
Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen.
Fremd schienen alle, welche blieben, dort,
Und um sich blickend sah ich sie verweilen,
Wie den, der Neues sieht am fremden Ort.
Von allen Seiten schoss mit Feuerpfeilen
Den Tag die Sonne, die vom Meridian
Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen
Da hoben, die wir eben kommen sahn,
Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte:
"Zeigt uns, dafern ihr koennt, zum Berg die Bahn."
Erwidert ward darauf von meinem Horte:
"Wisst, wenn ihr waehnt, wir wuessten hier Bescheid;
Wir sind so fremd wie ihr an diesem Orte.
Denn kurz vorher, eh' ihr gekommen seid,
Sind auf so rauhem Weg wir angekommen,
Dass hier zu klimmen Spiel, nicht Mueh' und Leid."
Wie jene nun am Atmen wahrgenommen,
Dass ich noch lebe, schienen sie bewegt,
Ja, vor Erstaunen aengstlich und beklommen.
Und wie dem Boten, der den Oelzweig traegt,
Die Menge folgt, voll Neubegier sich pressend,
Und Tritt' und Stoesse sonder Scheu ertraegt,
So draengten jetzt, mich mit den Augen messend,
Zu mir die hochbeglueckten Seelen sich,
Beinah den Gang zur Reinigung vergessend.
Hervor trat eine jetzt, so inniglich
Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
Dass mein Verlangen ganz dem ihren glich.
Leere Schatten, die Gestalt nur schienen!
Dreimal halt' ich die Haende hinter ihr,
Und dreimal kehrt' ich zu der Brust mit ihnen.
Das Antlitz, glaub' ich, malt' Erstaunen mir,
Und jenen sah ich laechelnd rueckwaerts schweben,
Doch folgt' ich ihm mit liebender Begier.
Und lieblich hoert' ich ihn die Stimm' erheben:
"Sei ruhig!" Da erkannt' ich ihn und bat,
Er moege weilen und mir Antwort geben.
"Dich lieb' ich," sprach er, als ich ihn genaht,
"Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden,
Drum weil' ich--doch was gehst du diesen Pfad?"
"O mein Casella, hier nur eingefunden
Hab' ich mich, um zur Welt zurueckzugehn.
Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?"
Und er: "Drob ist kein Unrecht mir gescheh'n.
Musst' er auch oefters mich zurueckeweisen,
Der mit sich fortnimmt, wann er will und wen.
Denn sein Will' ist nur der des Ewig-Weisen.
Und seit drei Monden hat er gern gewaehrt,
Wenn irgendwer verlangt hat, mitzureisen.
Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,
Wo salzig wird der Tiber suesse Welle,
Empfing er liebevoll, da ich's begehrt.
Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,
Wo er vereint mit freudigem Empfang
Die, so nicht Suende stuerzt zur Nacht der Hoelle."
Und ich: "Hat dir nicht jenen Liebessang,
Den du geuebt, ein neu Gesetz entrissen,
Der oefters mir gestillt des Herzens Drang,
So lass mich jetzt nicht seinen Trost vermissen;
Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
Schwebt, da sie hier erscheint, in Kuemmernissen."
"Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht
Begann er jetzt, und ach, die suesse Weise
Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht.
Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise
Der andern dort und alle so beglueckt,
Als kennten wir kein andres Ziel der Reise,
Nur seinen Toenen horchend, hochentzueckt.
Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten:
"Was, traege Geister, ist's, das euch berueckt?
Nachlaessige, so lang' euch aufzuhalten!
Zum Berg hin, wo man frei der Huellen wird,
Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten!
Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt,
Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen
Und keine mehr umherstolziert und girrt,
Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,
Sie alle jaeh, mit groessrer Sorg' im Sinn,
Von ihrer Weid' empor im Fluge brausen;
So lief die Schar der Seelen jetzt dahin,
Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile,
Wie wer da laeuft, allein nicht weiss wohin;
Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.


Dritter Gesang

Trieb jaehe Flucht auch alles, was vereinigt
Beim Saenger war, zerstreut jetzt durch den Plan
Dem Berge zu, wo die Vernunft uns peinigt,
Doch draengt' ich mich dem treuen Fuehrer an.
Wie koennt' ich ihn auch bei der Reife missen?
Wie kam ich wohl ohn' ihn den Berg hinauf?
Er schien gepeinigt von Gewissensbissen.
wuerdig reine Seele, wie empoert,
Wie quaelt der kleinste Fehler dein Gewissen!
Als seines Laufes Eil' nun aufgehoert,
Bei welcher Wuerd' im Anstand nimmer waltet,
Da ward mein Geist, verengt erst und verstoert,
Zum Streben neu erweitert und entfaltet,
Und, das Gesicht dem Berge zugewandt,
Sah ich, dem Himmel zu, ihm hochgestaltet.
Die Sonne, hinter mir in rotem Brand,
War vor mir, nach Gestaltung und Gebaerde,
Gebrochen, da mein Leib ihr widerstand.
Und bang, dass ich allein gelassen werde,
Kehrt' ich mich schleunig seitwaerts, da ich sah,
Beschattet sei vor mir allein die Erde.
"Was argwoehnst du" begann mein Troester da,
Zu mir gewandt, erratend, was ich dachte,
"Glaubst du, ich sei dir nicht, wie immer, nah?
Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte,
An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht,
Wohin man einst von Brindisi ihn brachte.
Beschatt' ich jetzt vor mir die Erde nicht,
So staune nicht darum--deckt doch der Schimmer
Des einen Himmels nie des andern Licht.
Dergleichen Koerper schafft der Herr noch immer,
Damit sie dulden Hitz' und Frost und Pein,
Doch wie er's macht, entschleiert er uns nimmer.
Tor, wer da hofft, er dring' in alles ein
Mit der Vernunft, selbst in endlose Sphaeren,
Wo er, der Ew'ge, einer ist in drei'n.
Strebt, Menschen, doch das Wie nicht aufzuklaeren;
Denn waer's gestattet, alles zu erschau'n,
Nicht brauchte dann Maria zu gebaeren.
Wohl mancher duerft' auf seinen Geist vertrauen,
Dem noch die Sehnsucht, alles zu erkunden,
Geblieben ist zu ewiglichem Grau'n.
Du weisst, wo wir den Plato aufgefunden
Und manchen sonst." Er schwieg, die Stirn geneigt,
Und alle Heiterkeit schien ihm geschwunden.
Wir kamen hin, von wo man aufwaerts steigt.
Dort oben ist der Fels so steil gelegen,
Dass sich kein Raum zu einem Dritte zeigt.
Der rauhste von den oeden Felsenwegen
Inmitten Lerci und Turbia schmiegt
Sich sanft und leicht, stellt man ihn dem entgegen.
"Wer weiss, zu welcher Hand der Hang sich biegt."
Der Meister sprach's und hielt jetzt ein im Schreiten,
"So dass auch der hinauf kann, der nicht fliegt?"
Er liess indes den Blick zum Boden gleiten
Und nahm im Geist des Pfades Pruefung wahr.
Doch ich sah aufwaerts nach des Berges Seiten,
Und da erschien mir linksher eine Schar,
Die schien so langsam zu uns her zu schweben,
Dass kaum Bewegung zu bemerken war.
"Lass," sprach ich, "Meister, deinen Blick sich heben,
Die Rat erteilen koennen, nahen schon,
Dafern du nicht vermagst, ihn selbst zu geben."
Frei schaut' er auf, und alle Sorgen floh'n.
"Nur langsam". sprach er, "geht ihr Gang vonstatten,
Drum gehn wir hin. Getrost jetzt, suesser Sohn!"
Wir waren noch entfernt von jenen Schatten
Und ihnen etwa steinwurfweit genaht,
Als wir getan an tausend Schritte hatten.
Da draengten alle sich ans Felsgestad
Und standen still und dicht, uns zugewendet,
Wie wen Bedenken hemmt auf seinem Pfad.
"O Auserwaehlte, die ihr wohl geendet,"
Begann Virgil, "wie einst euch Friede jetzt,
Den, wie ich glaube, Gott euch allen spendet,
So zeigt uns des Gebirges Abhang jetzt
Und lasst uns einen Weg nach oben sehen,
Denn Zeitverlieren schmerzt den, der sie schaetzt."
Gleichwie die Schaeflein aus dem Stalle gehen,
Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt
Die andern mit gebeugten Koepfen stehen,
Bis was das erste tat, nun jedes wagt,
Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde
Des Drangs ertraegt und nach dem Grund nicht fragt;
So sah ich jetzt von der beglueckten Herde
Die vordem sich bewegen und uns nah'n,
Das Antlitz zuechtig, ehrbar die Gebaerde.
Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn
Geteilt und, als des Erdenleibes Zeichen,
Die Felsenwand von mir beschattet sahn,
Sah ich sie stehn und etwas rueckwaerts weichen.
Die andern wussten zwar nicht, was gescheh'n,
Doch alle taten sie sofort desgleichen.
"Ohn' eure Frage will ich euch gestehn,
Noch einem Menschen ist der Koerper eigen,
Von welchem ihr das Licht geteilt gesehn.
Doch lasst Verwunderung und Staunen schweigen;
Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann,
Sucht er die schroffe Wand zu uebersteigen."
Mein Hort sprach's, und die wuerd'ge Schar begann,
Uns mit der Haende Ruecken Zeichen gebend:
"Kehrt wieder um und schreitet uns voran!"
Und einer drauf, zu mir die Stimm' erhebend:
"Wer du auch seist, blick' um, mich anzuschau'n,
Besinne dich: Sahst du mich jemals lebend`?"
Ich wandt' auf ihn die Augen voll Vertrau'n.
Blond war er, schoen, von wuerdigen Gebaerden,
Doch war gespalten eine seiner Brau'n.
Demuetig sagt' ich, dass ich ihn auf Erden
Niemals gesehn; da aber hiess er mich
Aufmerksam auf die Wund' am Busen werden,
Und laechelnd sprach er dann: "Manfred bin ich!
Wenn dich zur Welt zurueck die Schritte tragen,
Zu meiner Tochter geh, ich bitte dich,
Die unterm Herzen jenes Paar getragen,
Das Aragonien und Sizilien ehrt,
Ihr Wahres, wenn man andres sagt, zu sagen.
Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert,
Da uebergab ich weinend meine Seele
Dem Richter, der Verzeihung gern gewaehrt.
Oh gross und schrecklich waren meine Fehle,
Doch gross ist Gottes Gnadenarm und fasst,
Was sich ihm zukehrt, so dass keiner fehle.
Und wenn Cosenzas Hirt, der sonder Rast,
Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine
Erhabne Wort der Schrift wohl aufgefasst,
So laegen dort noch meines Leibs Gebeine
Am Brueckenkopf bei Benevent, vom Mal
Geschuetzt der schweren aufgehaeuften Steine.
Nun netzt's der Regen, dorrt's der Sonnenstrahl,
Dort, wo er's hinwarf mit verloeschten Lichten,
Dem Reich entfuehrt, entlang dem Verdetal.
Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten,
Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht,
An ew'ger Liebe neu sich aufzurichten.
Wahr ist's, dass, wer im Kirchenbann erbleicht,
War' auch zuletzt in ihm die Reu' entglommen,
Doch dieser Felswand Hoehe nicht erreicht,
Bis dreissigmal die Zeit, seit ihm genommen
Der Kirche Segen ward, verflossen ist,
Kuerzt diese Zeit nicht ab das Fleh'n der Frommen.
Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist,
Wenn du Konstanzen, wie du mich gesehen,
Entdeckst und ihr verkuendest jene Frist,
Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen."


Vierter Gesang

Wenn etwas, was uns wohltut oder kraenkt,
Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte,
Und sich die Seel' in diese ganz versenkt,
Dann scheint's, als ob sie keiner andern achte;
Und dies beweist genugsam gegen den,
Der uns belebt von mehrern Seelen dachte.
Indem wir etwas hoeren oder sehn,
Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden,
Bevor wir's glauben und es uns versehn.
Denn anders wird die Kraft, die hoert, empfunden,
Und anders unsrer Seele ganze Kraft;
Frei ist die erste, diese scheint gebunden.
Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft--
Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen,
Weil Staunen mir die Seele hingerafft,
War fuenfzig Grad' die Sonn' emporgestiegen,
Eh' ich's bemerkt--da ward ein Ruf mir kund
Von den gesamten Seelen: "Seht die Stiegen!"
Die Oeffnung, die mit einem Dorngebund,
Wenn sich die Traube braeunt, die Winzer schliessen,
Ist weiter oft als hier der Felsenschlund,
Durch welchen uns die Seelen klimmen hiessen.
Er vor, ich folgend, stiegen wir allein
Den Felsweg, da die aendern uns verliessen.
Empor zu Bismantova und bergein
Bei Noli kann man auf den Fuessen dringen,
Doch wer hier aufstrebt, muss befluegelt sein;
Ich meine, mit der grossen Sehnsucht Schwingen,
Die mich dem Fuehrer nachzog mit Gewalt,
Der Licht mir gab und Hoffnung zum Gelingen.
Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt,
Von ihm bedraengt, und fanden kaum mit Haenden
Und Fuessen unter uns am Boden Halt.
Nachdem wir aus den rauhen. schroffen Waenden
Emporgelangt zum offenen Gestad,
Da fragt' ich: "Meister, sprich, wohin uns wendend"
Und er: "Mir nach, zur Hoehe geht dein Pfad!
Rueckwaerts darf keiner deiner Schritte weichen,
Bis irgendwo ein kund'ger Fuehrer naht!"
Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen;
Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan,
Dem Hang der Pyramide zu vergleichen.
Ich war bereits ermattet und begann:
"O suesser Vater, peinlich wird die Reife!
Schau' her und sieh, dass ich nicht folgen kann!"
"Bis dorthin schleppe dich!" So sprach der Weise
Und zeigt' auf einen Vorsprung nahe dort,
Von dem es schien, dass er den Berg umkreise.
Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort,
Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen;
So kroch ich bis zum Bergesguertel fort.
Und dort verweilten wir, um uns zu setzen,
Ostwaerts, nach dem erklommnen Pfad gewandt,
An dem sich gern der Wandrer Blicke letzen.
Die Augen kehrt' ich erst zum tiefen Strand,
Dann als ich sie zur Sonn' emporgeschlagen,
Die uns zur Linken, Gluten spruehend, stand,
Da sah Virgil, dass ich des Lichtes Wagen
Anstaunte, weil er zwischen Mitternacht
Und unserm Standort schien dahinzujagen,
Und sprach: "Wenn jenem Spiegel ew'ger Macht
Castor und Pollux jetzt Begleiter waeren,
Ihm, welcher auf- und abfuehrt Licht und Pracht,
So wuerd' er, kreisend naeher bei den Baeren,
Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt,
Mit seiner Glut den Zodiak verklaeren.
Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt,
Dass dieser Berg mit Zions heil'gen Hoehen
Begrenzt von einem Horizonte wird,
Doch beid' auf andern Hemisphaeren stehen;
Die Bahn, die Phaethon, der Tor, durchreist,
Ist drum von hier zur linken Hand zu sehen,
Indes sie dorten sich zur rechten weist--
So hoff ich denn, dass du zur klaren Kenntnis,
Wenn du wohl aufgemerkt, gefoerdert seist."
"Gewiss, mir ward so klar noch kein Verstaendnis
Als hier," begann ich, "wo mir dein Beweis
Ersetzt den Mangel eigener Erkenntnis.
Der ewigen Bewegung mittler Kreis,
Den man Aequator in der Kunst benannte,
Der fest bleibt zwischen Sonn' und Wintereis,
Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red' erkannte,
Sich nordwaerts hier, wie ihn die Juden sahn,
Wenn sich ihr Antlitz gegen Sueden wandte.
Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn?
Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen,
Steigt ja des Berges Gipfel himmelan."
Und er: "Wer ihn zu steigen unternommen,
trifft grosse Schwierigkeit an seinem Fuss,
Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen.
Drum, wird dir erst die Muehe zum Genuss,
Erscheint dir's dann so leicht, emporzusteigen,
Als ging's im Kahn hinab den muntern Fluss,
Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen,
Dann wirst du sanft von deinen Muehen ruh'n.
Dies ist gewiss, vom andern will ich schweigen."
Er sprach's, und eine Stimm' ertoente nun
Ganz nah bei uns: "Eh' ihr so weit gegangen,
Wird euch vielleicht zu sitzen noetig tun."
Wir sahn dorthin, woher die Wort' erklangen,
Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah,
Der bis dahin mir und auch ihm entgangen.
Hin schritten wir und fanden Leute da
Verdeckt vom Felsen und in seinem Schatten,
In welchen ich ein Bild der Traegheit sah.
Und einer, wie im gaenzlichen Ermatten,
Sass dorten und umarmte seine Knie,
Die das gesunkne Haupt inmitten hatten.
"Der ist gewiss der Faulheit Bruder! sieh,"
Begann ich, "sieh nur hin, mein suesser Leiter,
Denn sicher sahst du einen Traegern nie."
Da kehrt' er sich zu mir und dem Begleiter,
Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht
Und sprach: "Bist du so stark, so geh nur weiter."
Und da erkannt' ich ihn und saeumte nicht,
Noch atemlos vom Klettern, vorzustreben
Bis hin zu ihm, und sah ihn, als ich dicht
Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben.
"Zur Linken faehrt der Sonnenwagen fort,"
Begann er nun, "hast du wohl acht gegeben?"
Ich musste laecheln bei dem kurzen Wort
Und bei den faulen, langsamen Gebaerden;
Worauf ich sprach: "Belaqua, dieser Ort
Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden.
Doch sprich: harrst du des Fuehrers sitzend hier?
Wie? oder treibst du's hier noch wie auf Erden?"
"Bruder," sprach er, "was hilft das Steigen mir?
Ich wuerde doch zur Qual nicht kommen sollen,
Denn Gottes Pfoertner weist mich weg von ihr.
Hier aussen muss um mich der Himmel rollen,
So oft als er im Leben tat, da spaet
Und erst im Tod mein Herz bereuen wollen,
Wenn mir nicht frueher beispringt das Gebet,
Das sich aus glaeub'ger Brust emporgerungen.
Was huelf ein andres, da es Gott verschmaeht?"
Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen,
Und rief: "Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht
Die Sonne sich zum Mittagskreis geschwungen,
Und Mauritanien deckt der Fuss der Nacht."


Fuenfter Gesang

Schon hatt' ich, auf der Spur des Fuehrers steigend,
Mich ganz von jenen Seelen abgewandt,
Als ein', auf mich mit ihrem Finger zeigend,
Mir nachrief: "Seht den untern linker Hand
Die Sonne teilen und den Grund beschatten
Und tun, als lebt' er noch in jenem Land."
Sobald mein Ohr erreicht die Toene hatten,
Kehrt' ich mich ihnen zu, und jene sahn
Erstaunt nur mich, nur mich und meinen Schatten.
Da sprach Virgil: "Was zieht dich also an,
Dass du den Gang zum Gipfel aufgeschoben"
Und jenes Fluestern, was hat dir's getan?
Was man auch spreche, folge mir nach oben!
Steh wie ein fester Turm, des stolzes Haupt
Nie wankend ragt, wenn auch die Winde toben.
Das Ziel entweicht, dem man sich nah geglaubt,
Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen
Und einer stets die Kraft dem andern raubt."
"Ich komme schon!" Was koennt' ich anders sagen,
Da mich mein Fehler zum Erroeten zwang,
Das oft mir schon Verzeihung eingetragen?
Indessen sahn wir quer am Bergeshang
Nah vor uns eine Schar von Seelen kommen,
Die Vers fuer Vers ihr Miserere sang.
Wie sie an meinem Leibe wahrgenommen,
Dass er den Strahlen undurchdringlich sei,
Da ward ihr Sang zum Oh! lang und beklommen.
Und, gleich Gesandten, kamen ihrer zwei,
Uns beide zu befragen, wer wir waeren,
In vollem Laufe bis zu uns herbei.
Da rief Virgil: "Ihr koennt zurueckekehren.
Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein,
Und solches moegt ihr jenen dort erklaeren.
Und wenn sie, wie ich glaube, dort allein,
Um seinen Schatten anzusehn, verweilen,
So wissen sie genug, um froh zu sein."
Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuerpfeilen,
Entflammte Duenste, wenn die Nacht beginnt,
Durchs heitere Gewoelb des Himmels eilen;
So kehrten sie empor, um dann geschwind
Sich mit den andern nach uns umzudrehen,
Gleich einer Schar, die ohne Zaum entrinnt.
"Sieh, viele kommen jetzt, dich anzuflehen,
In dichtem Drang," so sprach mein Meister drauf,
"Doch geh nur immer fort und horch im Gehen."
"O du, der du zum Heil den Berg herauf
Die Glieder traegst, die immer dich umfingen,"
So riefen sie, "hemm' etwas deinen Lauf.
Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen,
Uns an--erkennst du Antlitz und Gestalt?
Was weilst du nicht? Was eilst du, vorzudringen?
Getoetet sind wir alle durch Gewalt.
Der Suend' uns bis zur letzten Stunde weihend,
Allein im Tod von Himmelsglanz umwallt,
Verstarben wir, bereuend und verzeihend,
Und fuehlten Gottes Frieden und das Licht,
Nach seinem Anschau'n Sehnsucht uns verleihend."
Und ich: "Zwar kenn' ich keinen von Gesicht,
Doch fordert nur, ihr, die ihr wohl geboren,
Und das, was ich vermag, verweigr' ich nicht.
Bei jenem Frieden sei es euch beschworen,
Den ich, fortklimmend auf des Fuehrers Spur,
Von Welt zu Welt, zum Ziele mir erkoren."
Darauf begann der eine: "Hindert nur
Nicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen
Wir dem, was du versprachst, auch ohne Schwur.
Und solltest du, ein Lebender, die Auen
Der Mark Ankona jemals wiedersehn
So will ich fest auf deine Guete bauen.
Lass die von Fano glaeubig fuer mich fleh'n,
Dass mir gestatten himmlische Gewalten,
Zur Reinigung von schwerer Schuld zu gehn.
Von dort war ich--allein die tiefen Spalten,
Woraus das Blut, in dem ich lebte, floss,
Hab' ich in Paduas Bezirk erhalten,
Des Schoss mich, den Vertrauenden, umschloss.
Zum Mord hatt' Este den Befehl gegeben,
Der mehr der Gall', als Recht, auf mich ergoss.
Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben,
Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor,
So wuerd' ich dort noch, wo man atmet, leben.
Ich lief zum Sumpf, und dort, in Schlamm und Rohr,
Verstrickt' ich mich und fiel und sah die Erde
Rings um mich her gemacht zum blut'gen Moor."
Ein andrer: "Wie dein Wunsch befriedigt werde,
Des Fittich hin zum Bergesgipfel fleugt,
So kuerz' auch mir mitleidig die Beschwerde.
In Montefeltro hat mich Guid' erzeugt;
Ach wenn Johannen noch mein Schicksal ruehrte,
Nicht ging' ich mehr mit diesem hier gebeugt."
"Welche Gewalttat, welch Verhaengnis fuehrte,"
So sprach ich, "dich so weit vom Campaldin,
Dass niemand noch bis jetzt dein Grab erspuerte."
"Oh," sprach er drauf, "am Fuss des Casentin
Stroemt vor der Archian, ein Fluss, entsprungen
Beim Kloster oberhalb im Apennin.
Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen,
Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fusse fort;
Und blutleer schon, von Todesfrost durchdrungen,
Verlor ich dorten Augenlicht und Wort,
Um in Marias Namen wohl zu enden,
Und fiel und liess die leere Huelle dort.
Da fuehlt' ich mich in eines Engels Haenden,
Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu:
"Wie, du vom Himmel, willst mir den entwenden?
Wahr ist's, was ewig ist, erbeutest du
Nur durch ein Traenlein, das ihn mir entzogen,
Doch goenn' ich nun dem andern keine Ruh'."
Du weisst, wenn feuchten Dunst emporgezogen
Die Sonne hat, so stuerzt er, wenn ihn dann
Die Kaelte fasst, zurueck in Regenwogen.
Zum Willen nun, der stets nur Boeses sann,
Fuegt' er Verstand, und Rauch und Sturm erregte
Die Kraft in ihm, die sie erregen kann.
Als drauf der Tag erloschen war, belegte
Er Pratomagnos Tal mit schwarzem Duft,
Der vom Gebirg sich drohend herbewegte.
Zu Fluten wurde nun die schwangre Luft,
Zum Strombett rann, was von den Regenguessen
Der Grund nicht trank, hervor aus Tal und Kluft.
Der Archian, gleich andern grossen Fluessen,
Ergoss zum Koenigsstrom den Sturmeslauf,
Dem Fels und Baum zertruemmert weichen muessen.
Wie nun den starren Leib, nicht weit herauf
Von seiner Muendung, jene Flut gefunden,
Da loeste sie das Kreuz am Busen auf,
Das ich gemacht, da Schmerz mich ueberwunden,
Und wirbelte zum Strom die traege Last.
Dort liegt sie nun im Grund, von Schlamm umwunden."
Als drauf der dritte Geist das Wort gefasst,
Sprach er: "Wenn du, zur Welt zurueckgekommen,
Erst ausgeruht vom langen Wege hast,
So lass dein Hiersein auch der Pia frommen.
Siena gebar, Maremma tilgte mich,
Und er, von dem ich einst den Ring bekommen,
Der Treue Pfand, er weiss, wie ich erblich."


Sechster Gesang

Wenn Spieler sich vom Wuerfelspiel entfernen,
Bleibt, der verlor, betruebt und aergerlich
Und wirft und wirft, um's besser zu erlernen
Doch alles draengt um den Gewinner sich.
Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange,
Ein andrer, seitwaerts, spricht: Gedenk' an mich.
Doch er verweilt nicht, hoert auf keinen lange,
Und wem er etwas gibt, der macht sich fort;
So kommt er los vom laestigen Gedrange.
So war ich in dem dichten Haufen dort,
Und musste hier den Kopf und dorthin wenden
Und loeste mich durch manch Verheissungswort;
Sah Benincasa, der den Wuetrichshaenden
Des Ghin erlag, und sah darauf auch ihn,
Des Los war, jagend in der Flut zu enden.
Novelle bat mich flehend, zu verzieh'n;
Auch der von Pisa dann, durch den der gute,
Der wackere Marzucco stark erschien.
Graf Orfo auch, und der im Frevelmute
Vertilgt ward, wie er sagt', aus Neid und Groll,
Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte,
Den Broccia mein' ich--mag sich demutsvoll
Zur Reue die Brabanterin bequemen,
Wenn sie zu schlechterm Tross nicht kommen soll.
Kaum war ich frei von allen jenen Schemen,
Die dort mich angefleht, zu fleh'n, dass sie
Zur Heiligung mit groessrer Eile kaemen;
Da sprach ich: "Du, der stets mir Licht verlieh,
Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben,
Den Schluss des Himmels beuge Flehen nie.
Doch hoertest du, wozu mich diese trieben.
Taeuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schar?
Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?"
"Nicht taeuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar,"
So sprach er drauf, "du magst es nur betrachten
Mit hellem Geist, so wird dir's offenbar.
Ist fuer gebeugt das strenge Recht zu achten,
Wenn das erfuellt der Liebe heisser Trieb,
Was jenen oblag und sie nicht vollbrachten?
Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb,
Da suehnte man durch Bitten keine Suenden,
Weil ungehoert von Gott die Bitte blieb.
Doch kannst du jetzt so tiefes nicht ergruenden,
So harr' auf sie, die zwischen deinem Geist
Und ew'ger Wahrheit wird ein Licht entzuenden.
Beatrix ist's, wenn du's vielleicht nicht weisst,
Die Laechelnde, Beglueckte, die zu sehen
Des hohen Berges Gipfel dir verheisst."
Und ich: "Mein Meister, lass uns schneller gehen!
Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag,
Und sieh, schon werfen Schatten jene Hoehen."
"Wir gehn soweit als moeglich diesen Tag,"
Entgegnet' er, "doch andres wirst du finden,
Als eben jetzt dein Geist sich denken mag.
Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden,
So, dass zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt,
Bevor wir uns empor zum Gipfel winden.
Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt,
Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest.
Gewiss, dass sie den naechsten Weg uns lehrt."
O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest,
So bliebst du stolzen, strengen Angesichts,
Indem du langsam ernst die Augen regtest.
Er liess uns beide gehn und sagte nichts,
Gleich einem Leu'n, der ruht, uns still betrachtend
Mit scharfem Strahle seines Augenlichts.
Allein Virgil, nur nach der Hoehe trachtend,
Befragt' ihn: "Wo erklimmt man diese Wand?"
Doch jener, nicht auf seine Fragen achtend,
Fragt' uns nach unserm Leben, unserm Land.
Und: "Mantua"--begann nun mein Begleiter;
Da hob der Schatten, erst in sich gewandt,
Sich schnell vom Sitz und ward teilnehmend heiter.
"Sordell bin ich, dein Landsmann!" rief er aus,
Und, selbst umarmt, umarmt' er meinen Leiter--
Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus,
Schiff ohne Steurer auf durchstuermten Meeren,
Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus;
Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren,
Beim suessen Klange seiner Vaterstadt
Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren.
Doch deine Lebenden sind nimmer satt,
Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden,
Selbst die umschlossen eine Mauer hat.
Elende, such' an deinen Meeresborden,
Im Innern such' und keinen Winkel letzt
Des Friedens Glueck im Sueden und im Norden.
Was hilft dir's, da dein Sattel unbesetzt,
Dass Justinian die Zuegel dir erneute?
Ohn' ihn waer' minder deine Schande jetzt.
Ihr hattet laengst mit frommem Sinn, ihr Leute,
Zu Caesars Sitz den Sattel eingeraeumt,
Verstuendet ihr, was Gottes Wort bedeute.
Seht, wie das wilde Tier sich tueckisch baeumt,
Seit niemand es die Sporen fuehlen lassen,
Und ihr es, die ihr's zaehmen wollt, entzaeumt.
O deutscher Albrecht, der dies Tier verlassen,
Das drum nun tobt in ungezaehmter Wut,
Statt mit den Schenkeln kraeftig es zu fassen,
Gerechtes Strafgericht fall' auf dein Blut
Vom Sternenzelt, auch sei es neu und offen,
Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut.
Was hat dich und den Vater schon betroffen,
Weil ihr, veroedend diese Gartenau'n,
Nach jenseits nur gestellt das gier'ge Hoffen.
Komm her, der Philipeschi Stamm zu schau'n
Leichtsinniger, komm, sieh die Cappelletten,
Die schon gebeugt, und die voll Angst und Grau'n!
Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten!
Sieh, ungestraft draengt sie der schnoede Feind!
Sieh Santafior in wilder Raeuber Ketten!
Komm her und sieh, wie deine Roma weint,
Und hoere Tag und Nacht die Witwe stoehnen:
Mein Caesar, ach, warum nicht mir vereint?
Komm her und sieh, wie alle sich versoehnen,
Komm her, und fuehlst du dann auch Mitleid nicht,
So schaeme dich, dass alle dich verhoehnen.
Verzeih, o hoechster Zeus im ew'gen Licht,
Der du fuer uns gekreuzigt wardst auf Erden,
Ist anderwaerts gewandt dein Angesicht?
Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden,
Ein neues Heil, von keinem Aug' entdeckt,
Nach deinem tiefen Rat bereitet werden?
Wie voll Italien von Tyrannen steckt!
Will sich ein Bauer der Partei verschwoeren,
Gleich heisst's von ihm, Marcell sei auferweckt.
Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hoeren,
Da dieser Abschweif nimmer dich beruehrt.
Nie liess sich ja dein wackres Volk betoeren.
Gerechtigkeit hegt vieler Herz, nur spuert
Man etwas spaet, wie sehr es ihr gewogen,
Indes dein Volk sie stets im Munde fuehrt.
Wenn Buergeraemtern viele sich entzogen,
Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit:
Seht her, mich hat die Buerde krumm gebogen!
Nun freue dich, wenn du verdienest Neid,
Du Reiche, du Friedselige, du Weise--
Ich red' im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit.
Man spreche von Athen und Sparta leise!
Sollt' ihr Gesetz wohl wert der Rede sein,
Wie sehr man's anpreist, neben deinem Preise?
Das, was du vorkehrst, ist gar duenn und fein;
Denn wenn du's im Oktober angesponnen,
Zerreisst es im November kurz und klein.
Wie oft hast du geendet und begonnen,
Hast ueber Muenz' und Art, Gesetz und Pflicht,
Und Haupt und Glieder anders dich besonnen;
Bist du nicht voellig blind fuer jedes Licht,
So musst du dich gleich einer Kranken sehen.
Ruh' findet sie auf ihren Kissen nicht
Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.


Siebenter Gesang

Nachdem sie wuerdig und voll Freudigkeit
Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben,
Da trat Sordell zurueck: "Sprecht, wer ihr seid?"
"Eh' sich zu diesem Berg gewendet haben
Die Seelen, welche Gott zu schauen wert,
Hat Octavianus mein Gebein begraben.
Ich bin Virgil.--Des Himmels Eingang wehrt
Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Suende,"
So sprach Virgil, als jener es begehrt.
Als ob ein Wunder ploetzlich hier entstuende,
Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht!
Und staunend glaubt, und nicht, dass man's ergruende;
So schien Sordell--dann neigt' er das Gesicht,
Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte
Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht.
"O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte,
Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier,
O ew'ger Preis der Stadt, die mich erzeugte,
Bringt mein Verdienst, mein Glueck dich her zu mir?
Und wenn ich wert mich solcher Huld erweise,
So sprich, auf welchem Wege bist du hier?"
Virgil darauf: "Ich kam durch alle Kreise
Des wehevollen Reichs in dieses Land,
Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise.
Nicht Tun, nein. Nichttun nur, hat mich verbannt,
Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen,
Die du ersehnst, die ich zu spaet erkannt,
Zu jenen tiefen nachterfuellten Talen,
Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertoent,
Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen;
Wo um mich her die Schar der Kindlein stoehnt,
Die ungetauft aus jener Welt geschieden,
Mit Gott fuer Adams Schuld noch unversoehnt.
Wo die sind, die mit ird'schem Wert zufrieden,
Die Tugenden, bis auf die heil'gen Drei,
Saemtlich geuebt und jede Schuld gemieden.
Doch, wenn du kannst, so bring' uns Kunde bei,
Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten,
Wo wohl der Laeut'rung wahrer Anfang sei."
Und er: "Ich darf umher und aufwaerts schreiten,
Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt.
Soweit ich gehn darf, will ich dich begleiten.
Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt,
Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen,
Weil man bei Nacht nicht in die Hoehe klimmt.
Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen;
Zu diesen, wenn du einstimmst, fuehr' ich dich,
Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen."--
Virgil: "Wenn's Nacht wird, steigt man nicht? So sprich,
Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde?
Wie, oder widersetzt dann jemand sich?"
Mit seinem Finger streifte nun die Erde
Sordell und sprach: "Nicht hoffe, dass bei Nacht
Dein Fuss den Strich nur ueberschreiten werde.
An Steigen hindert sonst dich keine Macht
Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet,
Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht.
Hinabzugehn und rueckwaerts ist gestattet,
Und irrend ringsumher zu gehn am Bord,
Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet."
Mein Meister stand erst wie bewundernd dort;
"Wie du versprachst," So hoert ich drauf ihn bitten,
"Geleit' uns an den angenehmen Ort."
Wir waren eben noch nicht weit geschritten,
Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn,
Ein Tal, das dort den Felsenrand durchschnitten.
"Dorthin", So sprach der Schatten, "lass uns gehn,
Seht dort den Berg von einer Hoehlung teilen,
Dort sehen wir den Morgen auferstehn."
Ein krummer Fusspfad fuehrte zwischen steilen
Felshoeh'n und Ebene zum Rand der Schlucht,
Da hiess Sordell am Abhang uns verweilen.
Gold, feines Silber und des Coccums Frucht,
Bleiweiss und Indiens Blau in hellster Reine,
Smaragd, zerbrochen kaum--in dieser Bucht,
Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine
Schwaend' ihrer Farben ganzer Glanz dahin,
Wie seinem Groessern unterliegt das Kleine;
Nicht war Natur allein hier Malerin,
Mit laufend wunderbar gemischten Dueften
Ergoetzte sie auch des Geruches Sinn.
Salve, Regina, toent' es in den Lueften
Von Seelen auf dem blumenreichen Beet,
Versteckt hierinnen zwischen Felsenklueften.
"Bevor die Sonne ganz zu Rueste geht,
Gehn", sprach Sordell, "wir nicht hinab zu ihnen,
Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht,
Erkennt ihr besser aller Art und Mienen,
Als sie im Tale selber, im Gedrang
So vieler grosser Schatten euch erschienen.
Der hoeher sitzt und scheint, als haett' er lang
Versaeumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden,
Und nicht den Mund regt bei der andern Sang,
Jst Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden
Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt,
So dass es spaet durch andre wird gefunden.
Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost erteilt,
Einst Herr des Landes, das der Fluss durchschneidet,
Der in die Elb', in ihr zur Meerflut eilt,
Hiess Ottokar--mit Windeln noch umkleidet,
Weit besser doch, als Wenzeslaus, sein Sohn,
Der Baert'ge, der an Ueppigkeit sich weidet.
Der Kleingenaste dort--von Reich und Thron
Scheint's, dass er mit dem andern, Guet'gen spreche--
Starb fliehend, zu der Lilien Schmach und Hohn.
Er schlaegt die Brust, als ob das Herz ihm breche.
Den andern fehl--es ruhet sein Gesicht
In seiner aufgestuetzten Linken Flaeche.
An Frankreichs Aussatz, an den Boesewicht,
Den Sohn und Eidam, denken sie, des Leben
Voll Schmutz und Schmach sie feindlich quaelt und sticht
Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben,
Dem Adlernas'gen, singt er im Akkord
Und ragt' einst hoch in jedem wackern Streben.
Und koennt', als er verstarb, der Juengling dort,
Der hinten sitzt, den Koenigsthron ererben,
So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort.
Jakob und Friederich, die andern Erben,
Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit,
Doch nicht des Vaters bessres Gut erwerben.
Denn selten nur soll Menschenredlichkeit,
Nach Gottes Schluss, neu aus der Wurzel Schlagen,
Weil er sie nur auf frommes Fleh'n verleiht.
Dem Adlernas'gen ist dies auch zu sagen,
So gut als feiern, welcher mit ihm singt,
Weshalb Provence und Puglien sich beklagen,
Weil so viel schlechtem Keim sein Same bringt,
Als hoeher sich Konstanzas Gatt' im Preise
Vor Beatrixens und Margretens schwingt.
Den Koenig seht von schlichter Lebensweise,
Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland,
Vergnuegt, dass sich ihm gleich sein Spross erweise.
Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt,
Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen
In Montferrat, in Canaveser Land
Und Alessandrias Tueck' und Krieg beweinen.


Achter Gesang

Die Stunde war es, die zu stillem Weinen
Vor Heimweh den geruehrten Schiffer zwingt,
Am Tag, da er verliess die teuren Seinen,
Die Liebesleid dem neuen Pilgram bringt,
Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen,
Der Abendglocken Trauerlied erklingt.
Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,
Und eine von den Seelen trat hervor
Und heischt' Aufmerksamkeit mit einem Zeichen
Und naht' und hob die beiden Haend' empor,
Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten!
Indem ihr Blick im Osten sich verlor.
Te Lucis Ante--diese Worte brachten
Dann ihre Lippen vor. So fromm, so schoen,
Dass sie mich meiner Selbst vergessen machten.
Mit andachtsvollem lieblichem Getoen
Stimmt' ein der Chor zu reicher Wohllauts Fuelle,
Den Blick emporgewandt zu Himmelshoeh'n.
Die Wahrheit liegt hier unter leichter Huelle;
Ist, Leser, jetzt dein Blick nur scharf und klar,
So wirst du leicht erspaeh'n, was sie verhuelle.
Demuetig, bleich, sah ich die edle Schar
Nach oben schau'n, erwartungsvoll und schweigend,
Und sah aus himmlischem Gewoelb' ein Paar
Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,
Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand,
Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend;
Gruen wie das Laub, das eben erst entstand,
Und, von der gruenen Fluegel Weh'n getrieben,
Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand.
Der eine blieb nah ueber uns, und drueben,
Jenseit des Tales, blieb der andre stehn,
So, dass die Schatten in der Mitte blieben.
Ich konnte wohl die blonden Haeupter sehn,
Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet,
Wie oft die Sinn' am Uebermass vergehn.
"Dies Paar ist aus Marias Schoss gesendet,
Zur Hut des Tales, weil die Schlange naht."
So sprach Sordell, uns beiden zugewendet.
Und ich, der ich nicht wusst', auf welchem Pfad,
Ich schaut' umher, indem ich starr vor Grauen
Fest an des treuen Fuehrers Ruecken trat.
Sordell begann aufs neu: "Geht mit Vertrauen
Jetzt zu den Grossen hin und sprecht sie an,
Denn lieb wird's ihnen sein, euch hier zu schauen.
Ich war im Grund, wie ich drei Schritt' getan,
Und nach mir forschend spaeh'n sah ich den einen,
Als sah' er ein bekanntes Antlitz nah'n.
Schon schwaerzte sich die Luft, doch zwischen seinen
Und meinen Blicken liess sie, nah, was sich
Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen.
Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.
"Mein edler Richter Nin, o welch Vergnuegen!
Hier--nicht bei den Verdammten--find' ich dich!"
Kein schoener Gruss ward zwischen uns verschwiegen.
Und er: "Wann bist du aus dem weiten Meer
Am Fusse dieses Berges ausgestiegen?"
"Heut morgen kam ich aus der Hoelle her",
Entgegnet' ich, "und bin im ersten Leben,
Doch suche hier des kuenftigen Gewaehr."
Und wie ich ihnen den Bescheid gegeben,
Da fuhr Sordell und er zurueck, verstoert,
Als halt' ein Wunder ploetzlich sich begeben,
Der dem Virgil, der einem zugekehrt,
Der dorten sass, am gruenen Talgestade:
"Auf, Konrad, sieh, was uns der Herr beschert."
Und drauf zu mir: "Erwies besondre Gnade
Dir der, des erster Grund verborgen ruht,
Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade,
So sag' einst jenseits dieser weiten Flut
Meiner Johanna, dass sie fuer mich flehe,
Zu ihm, der nach dem Fleh'n der Unschuld tut.
Nicht liebt die Mutter wohl mich noch wie ehe,
Da sie den Witwenschleier abgelegt,
Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe.
An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,
Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette
Jetzt Anschau'n, jetzt Betastung, neu erregt.
Gewiss wird einstens ihre Grabesstaette
Von Mailands Schlange nicht so schoen geschmueckt,
Als sie geschmueckt der Hahn Galluras haette."
Er sprach's, und ihm im Antlitz ausgedrueckt
War ein gerechter Eifer, der dem Weisen
Wohl durch das Herz, doch nur gemaessigt, zueckt.
Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen
Dorthin, wo traeger ist der Sterne Lauf,
So wie, der Achse nah, des Rades Kreisen.
Mein Fuehrer sprach: "Was blickst du dort hinauf?"
Und ich: "Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen
Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf."
Und er: "Die vier, die dir heut morgen schienen,
Sind tief jetzt unterm Horizont versteckt,
Und diese sind an ihrer Stell' erschienen."
Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:
"Den Widersacher seht!" Er sprach's und zeigte
Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt,
Wo sich das kleine Tal geoeffnet neigte;
Dort war die Schlange, die wohl jener glich,
Die Even einst die bittre Speise reichte.
Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,
Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Ruecken
Verdreht empor und leckt' und putzte sich.
Nicht sah ich und vermag's nicht auszudruecken,
Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug,
Doch deutlich sah ich sie herniederzuecken.
Und wie ihr Fluegelpaar die Luefte schlug,
Entfloh die Schlang', und jene beiden flogen
Zu ihrem Platz zurueck in gleichem Zug.
Der Schatten, der von Ninos Ruf bewogen
Sich uns genaehert, hatte bei dem Strauss
Die Blicke nimmer von mir abgezogen.
"Die Leuchte, die dich fuehrt zu Gottes Haus,
Sie find' in deinem Willen und Verstande
Ihr Oel und gehe bis zum Ziel nicht aus."
So sprach er, "doch wenn von der Magra Strande
Du wahre Kunde hast, so gib sie mir,
Denn wiss', ich war einst gross in seinem Lande.
Corrado Malaspina spricht mit dir,
Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen;
Die Meinen liebt' ich stets, doch reiner hier."
"Oh," sprach ich, "nimmer noch ist mir's gelungen,
Dies Land zu sehn, allein sein Nam' und Wert
Ist, wo man in Europa sei, erklungen.
Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,
Schallt zu der Herrn, schallt zu des Landes Preise,
So dass, wer dort nicht war, davon erfaehrt.
Ich schwoer' es dir beim Ziele meiner Reise,
Dass dein Geschlecht in voller Bluete steht,
Des Muts, der Gastlichkeit, der edlen Weise.
Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,
Sitt' und Natur wird ihm den Vorzug schenken,
Dass es allein den schlechten Weg verschmaeht."
Und er: "Jetzt geh, nicht siebenmal versenken
Wird sich die Sonn' im Bett an jenem Ort,
Den ringsumher des Widders Fuess' umschraenken,
So wird dir diese gute Meinung dort
In deinem Kopfe festgenagelt werden,
Mit bessern Naegeln als mit andrer Wort,
Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden."


Neunter Gesang

Schon Thithons Buhlerin, entgleitend
Dem Arm des suessen Freunds und einen Kranz
Von weissem Licht im Orient verbreitend,
Geschmueckt die Stirn mit der Demanten Glanz,
Die jenes kalten Tiers Gestaltung zeigen,
Das toedlich sticht mit seinem gift'gen Schwanz.
Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen
Die Nacht getan, um sich beim dritten jetzt
Mit ihren Fittichen herabzuneigen,
Als meine Sinne, da ich herversetzt
Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen
Und ich ins Gras sank, wo wir uns gesetzt.
Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen,
Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt,
Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen,
Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt,
Frei und entledigt von den Sorgen allen,
Im Traumgesicht beinahe goettlich wird.
Da sah ich, traeumend, an des Himmels Hallen
Mit goldenem Gefieder einen Aar,
Gespreizt die Fluegel, um herabzufallen.
Mir schien's der Ort, wo Ganymedes war,
Als er, indem die Seinen ihn umfingen,
Entrueckt ward zu der ew'gen Goetter Schar.
"Er pflegt vielleicht sich hier herabzuschwingen",
So dacht' ich, "und verschmaeht, von anderm Ort
In seinen Klauen uns emporzubringen."
Ein wenig kreist' er erst im Bogen dort,
Dann schoss er, schrecklich, wie ein Blitz, hernieder
Und riss mich bis zum Feuer aufwaerts fort.
Mir schien, ich brenn', auch brenne sein Gefieder,
Und ganz erglueht von dem ertraeumten Brand,
Erwacht' ich jaeh aus meinem Schlummer wieder.
So fuhr Achill empor im fremden Land
Und drehte dann die wachen Blick' im Kreise,
Weil er nicht wusste, wo er sich befand,
Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leise
Entfuehrt und ihn nach Skyros hingebracht,
Von wo Ulyss ihn rief zur grossen Reise;
Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht;
Doch fuehlt' ich Frost sich ueber mich verbreiten,
Gleich einem, den der Schreck erstarren macht.
Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten--
Zwei Stunden aufwaerts stieg die Sonne schon
Und vor mir lagen frei des Meeres Weiten.
Da sprach mein Herr: "Nicht fuerchte dich, mein Sohn.
Mut, denn uns ist das Schwerste nun gelungen,
Drum halte fest die Kraft, die fast entfloh'n.
Zum Fegefeuer bist du nun gedrungen.
Den Felsen sieh, der's einschliesst--sieh das Tor
Dort, wo, wie's scheint, der Stein entzweigesprungen,
Noch glaenzt' Aurora nicht dem Tage vor,
Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen,
Im Tale dort auf jenem Blumenflor,
Da kam ein Himmelsweib dahergegangen.
'Lucien seh--den Schlaefer nehm' ich fort,
Und leichter soll er so zum Ziel gelangen.'
Sordell blieb mit den andern Seelen dort;
Sie fasste dich, und als der Tag begonnen,
Stieg sie empor mit dir an diesen Ort.
Ich folgt' ihr; und als mir ihr Blick voll Wonnen
Das Tor gewiesen, legte sie dich hin
Und ging, und mit ihr war dein Schlaf entronnen."
Gleichwie wir, wenn uns offenen Gewinn
Die Wahrheit zeigte. Sorg' und Furcht verjagen,
Von Mut und Lust erfuellt den freien Sinn,
So ich--und da mich frei von Angst und Zagen
Mein Meister sah, so schritt er zu den Hoeh'n,
Und ich auch stand nicht an, den Gang zu wagen.
Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhoeh'n,
Drum staune nicht, wenn groessre Kunst die Worte,
Dem Stoff gemaess, sich aussucht, hoch und schoen.
Wir gingen fort und nahten einem Orte,
Der erst als Felsenspalt' erschien; doch nah
Erkannt' ich in der Oeffnung eine Pforte.
Drei Stufen von verschiednen Farben sah
Ich unter ihr, um zu ihr aufzusteigen;
Dann auch erkannt' ich einen Pfoertner da,
Der auf der hoechsten sass in tiefem Schweigen,
Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt
Mein Auge hatte, musst' ich's wieder neigen.
Er hatt' ein nacktes Schwert in seiner Hand,
Und wollt' ich auf dies Schwert die Blicke kehren,
So blitzt' es her der Sonne Glanz und Brand.
"Von dorten sprecht: Was moegt ihr hier begehren?"
Sprach er. "Wer bracht' euch bis zu mir empor?
Habt acht, sonst wird das Kommen euch beschweren."
Mein Meister drauf: "Uns sagte kurz zuvor
Ein Weib, vom Himmel selbst dazu berufen:
'Kehrt dorthin euren Schritt, dort ist das Tor!'
Da hoert' ich gleich den edlen Pfoertner rufen:
"So moegt ihr denn durch sie zum Heile ziehen;
Kommt, schreitet weiter vor zu unsern Stufen!"
Wir kamen hin--die erste Stufe schien
Von Marmor, weiss, von hoechster Glaett' und Reine,
Drin spiegelt' ich mich ab, wie ich erschien.
Die zweite schien mir von verbranntem Steine,
Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt,
Und ihre Farbe schwaerzlichdunkle Braeune.
Die dritte hoechste Stuf erschien mir itzt
Wie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle,
Die frisch und warm aus einer Ader spritzt.
Dem Pfoertner diente sie zur Ruhestelle
Fuer seine Fuss', und hoeher sass er dann
Auf der durchsicht'gen diamantnen Schwelle.
Gern folgt' ich meinem Fuehrer dorthinan,
Der sprach: "Jetzt geh, ihn flehend zu begruessen,
Denn er ist's, der das Schloss dir oeffnen kann."
Demuetig sank ich zu des Engels Fuessen,
Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich
Und bat ihn, aus Erbarmen aufzuschliessen.
Mit seines Schwertes scharfer Spitze strich
Er sieben P auf meine Stirn und machte
Sie wund und sprach: "Dort drinnen wasche dich."
Noch, wenn ich Asch' und Erdenstaub betrachte,
Seh' ich des Kleides Farb', aus welchem er
Mit seiner Hand hervor zwei Schluessel brachte.
Von Gold war dieser und von Silber der.
Den weissen sah ich ihn, den gelben drehen,
Und sieh, verschlossen war das Tor nicht mehr.
Er sprach darauf: "Trifft einer von den zween
Im Schloss beim Umdreh'n irgend Widerstand,
So bleibt die Tuere fest verschlossen stehen.
Mehr Wert hat der von Gold, doch mehr Verstand
Und Kunst wird jener, eh' er schliesst, beduerfen,
Denn er nur loest das vielverschlungne Band.
Beim Oeffnen sollt' ich eher irren duerfen,
Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschluss,
Wenn nur, die kaemen, erst sich niederwuerfen."
Er stiess ans heil'ge Tor und sprach zum Schluss:
"So geht denn ein, doch dass euch's nie entfalle,
Dass, wer rueckblickt, nach aussen kehren muss."
Beim Oeffnen drehte mit so lautem Schalle
Die heil'ge Pfort' in ihren Angeln sich,
Gemacht von starkem, klingendem Metalle,
Dass es dem Knarren jenes Tores glich,
Vom Schloss Tarpeja, dessen Riegel sprangen,
Als der Gewalt Metell, sein Waechter, wich.
Ich horcht' aufmerksam hin, denn Stimmen sangen,
Und ein Tedeum schien mir, was man sang,
Zu welchem volle suesse Toen' erklangen.
Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang,
War, wie wenn zu Gesaengen Orgeln gehen,
Und wir vor ihrem vollen hellen Klang
Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen.


Zehnter Gesang

Kaum war ich innerhalb der Tuer der Gnade,
Die selten aufgeht durch den schlechten Hang,
Der g'rad' erscheinen laesst die krummen Pfade,
Da hoert' ich, wie sie beim Verschliessen klang.
Wie ward's auch wohl entschuldigt, wie verziehen,
Wenn nach ihr umzuschau'n mich Neugier zwang?
Wir mussten durch gespaltnen Felsen ziehen,
Der vor- und rueckwaerts sprang vor unsrer Bahn,
Wie Wogen sich anwaelzen erst, dann fliehen.
"Jetzt gilt es", also fing mein Fuehrer an,
"Wohl etwas Kunst, um hier und dort den Seiten,
Da, wo sie rueckwaerts weichen, uns zu nah'n."
Wir durften drum nur Iangsam vorwaerts schreiten,
Und schon war Lunas Rand dem Meer genaht,
Schon sah ich sie hinab ins Bette gleiten,
Eh' wir zurueckgelegt den engen Pfad;
Doch blieben wir an seinem offnen Rande,
Da, wo der Berg etwas zuruecke trat,
Ich matt, und fremd wir beid' in diesem Lande,
In Zweifeln stehn auf einem ebnen Ort,
Der oed war wie ein Berg in Lybiens Sande.
Von wo sein Rand ans Leere grenzt, bis dort
Zum Fuss der Felsen, die sich jenseits heben,
Ging ebner Raum drei Menschenlaengen fort.
Soweit g'rad'aus der Blicke Fluegel schweben,
schien solch ein Raum zur recht' und linken Hand
Den Berg, gleich einem Kranze, zu umgeben.
Wie ich dort still mit meinem Fuehrer stand,
Erkannt' ich, dass der Felsrand, uns entgegen,
Der steil sich hob, gleich einer schroffen Wand,
Von weissem Marmor war und allerwegen
Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham,
Ja die Natur zum Neide zu erregen.
Der mit dem Friedensfchluss, den laengst in Gram
Die Welt ersehnt, aufs irdische Gefilde,
Den lang verschlossnen Himmel oeffnend, kam,
Der Engel war dort eingehau'n, und Milde
Und Liebe tat so wahr sein Wesen kund,
Dass niemand glaubt', es sei ein stumm Gebilde.
Man schwor, ein Ave schweb' auf seinem Mund,
Denn sie war dort, durch die des Himmels Riegel
Der Hoechste loest' im neuen Liebesbund.
Es zeigte der Gebaerde reiner Spiegel
Das Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgepraegt,
Wie sich im Wachs auspraegt das schoene Siegel.
"Was schaust du", sprach Virgil, "so unbewegt,
Als ob nur diesem Bild dein Blick gebuehrte?"--
Ich ging zur Seit' ihm, wo das Herz uns schlaegt,
Daher sich jetzt dorthin mein Auge ruehrte;
Und hinter der Maria war der Stein,
Zur andern Seite dessen, der mich fuehrte,
Geschmueckt mit andern schoenen Schilderei'n.
Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten,
Ihm naeher, um zum Schau'n bequem zu sein.
Der Wagen war, in Marmor eingeshnitten,
Die stierbespannte Bundeslade da,
Drob ungeheischtes Dienen Straf erlitten.
Das Volk voraus, in sieben Choeren, sah
Ich jubelnd zieh'n und sagt' ich: Ob sie singen?
So sagt' ein Sinn mir nein, der andre ja!
Sah Weihrauchduft sich in die Luefte schwingen,
Und auch bei diesem Bilde liessen schwer
Geruch sich und Gesicht zum Einklang bringen.
Im Tanze vor der heil'gen Lade her,
Sah ich erhoeht in Demut den Psalmisten,
Der minder hier, als Koenig, war, und mehr,
Und, wie erfuellt von Raenken und von Listen,
Am Fenster des Palasts mit schnoedem Wort
spoettisch bewundernd sich die Michal bruesten.
Darauf bewegt' ich mich von meinem Ort,
Um weiterhin ein andres Bild zu schauen,
Und sah den edlen Roemerherrscher dort
Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen,
Ihn, der zum grossen Siege den Gregor
Beseelt mit Kraft und glaeubigem Vertrauen.
Trajan, den Imperator, stellt' es vor,
Und eine Witw', ihm in die Zuegel fallend,
Die, schmerzerfuellt, mit Flehen ihn beschwor.
Rings Reiterei gedraengt. Trompeten schallend,
--so schien's dem Aug'--im goldenen Panier
Die Adler drueberhin im Winde wallend.
Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir:
"Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen,
Du raeche mich, die Rache ziemet dir."--
So warte, bis ich kehre!" Dies zu sagen
schien er, und sie darauf: "Und wenn du nun"
(Und ihre Worte schien der Schmerz zu jagen)
"Nicht wiederkehrst?"--So wird's mein Folger tun!"
"Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen,
Mag auch indes die Pflicht vergessen ruh'n?"--
"So troeste dich," entgegnet' er der Armen,
"Bevor ich ziehe, loes' ich meine Pflicht,
Gerechtigkeit gebeut's, mich haelt Erbarmen!"--
Sichtbar macht' er die Red', er, des Gesicht
Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen,
Doch uns ist's neu, weil uns die Kunst gebricht.
Indes ich mich ergoetzte, hinzuspaehen
Nach solcher Demut Bildern, deren Wert
Noch er erhoeht, durch welchen sie entstehen,
Da lispelte Virgil, mir zugekehrt:
Sieh jene dort, die langsam, langsam schreiten,
Von diesen wird uns wohl der Weg gelehrt."
Ich liess, da immer hier nach Neuigkeiten
Mein ganzes Streben war, voll Ungeduld
Nach dieser Seite hin die Blicke gleiten,
Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld
Bezahlen laesst, nicht denke drum zu weichen
Vom guten Pfad und trau' auf seine Huld.
Mag diese Qual auch der der Hoelle gleichen,
Denk' an die Folg'--im schlimmsten Falle wird
Nur bis zum grossen Spruch die Marter reichen.
Ich sprach: "Nur unklar seh' ich und verwirrt,
Was dort sich naht. Sind's menschliche Gestalten,
Was unstet itzt vor meinem Auge flirrt?"--
"Kaum seh' ich selbst ihr Bild sich klar entfalten,"
Entgegnet' er, "weil erdwaerts tiefgebueckt
Vor schwerer Last sie Haupt und Schultern halten.
Sieh, was dort unter Steinen naeher rueckt,
Sieh scharf, und du entwirrst gequaelte Schatten
Und siehst genau, was jeden niederdrueckt."--
Stolze Christen, o ihr Armen, Matten!
Der Fuss schluepft rueckwaerts, doch, an Geiste blind,
Glaubt ihr, vortrefflich geh eu'r Lauf vonstatten.
Bemerkt ihr nicht, dass wir nur Wuermer sind,
Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung,
Des Flug nie der Gerechtigkeit entrinnt.
Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung?
Gewuerm, das oefters, wenn's der Pupp' entflieht,
Verkrueppelt ist zu schnoeder Missgestaltung;
Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht,
Anstatt des Simses tragend Dach und Decken,
Gekruemmt, dass sich das Knie zum Busen zieht,
Die im Beschauer wahres Leid erwecken
Durch falschen Schmerz--so koennt' ich jetzo klar
Bei schaerferm Hinschau'n jene dort entdecken,
Den mehr, den minder tiefgebogen zwar,
Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege,
Doch der auch, der am meisten duldsam war,
Schien traenenvoll zu sagen: Ich erliege!


Elfter Gesang

"Oh Vater unser, in den Himmeln wohnend,
Du, nimmer zwar von ihrer Schrank' umkreist,
Doch lieber bei den ersten Werken thronend,
Es preis deinen Namen, deinen Geist,
Was lebt, weil deinem suessen Hauch hienieden
Der Mensch nur wuerdig dankt, wenn er ihn preist.
Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden,
Den keiner je durch eigne Kraft errang,
Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden.
Gleichwie die Engel beim Hosiannasang
Ihr Wollen auf das Deine nur beschraenken,
So opfre dir der Mensch des Herzens Hang.
Wollt unser taeglich Manna heut uns schenken;
Zurueckgeh'n ohne dies auf rauher Bahn
Die, so am meisten vorzuschreiten denken.
Wie wir, was andre Boeses uns getan,
Verzeih'n, oh so verzeih uns du in Hulden
Und sieh nicht das, was wir verdienen, an.
Nicht lass die schwanke Kraft Versuchung dulden
Vom alten Feinde, sondern mache los
Von ihm, des Arglist reizt zu Suend' und Schulden.
Fuer uns nicht, teurer Herr, fuer jene bloss
Geschieht, tut not die letzte dieser Bitten,
Die dort noch sind in unentschiednem Los."
So fuer sich selbst, fuer uns auch betend, schritten
Die Schatten langsam unter schwerer Last,
Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten,
Im ersten Kreise, der den Berg umfasst;
Sie laeutern sich vom Erdenqualm und tragen
Ungleiche Buerden, matt, doch ohne Rast.
Wenn stets fuer uns dort jene Gutes sagen,
Was kann fuer sie von solchen hier gescheh'n,
Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen?
Sie unterstuetze treulich unser Fleh'n,
Dass sie der Erdenschuld sich bald entringen
Und leicht und rein die Sternenkreise sehn.
"Euch moege Recht und Huld Erleicht'rung bringen,
Um zu dem Ziel, dass euch die Sehnsucht zeigt,
Mit freien Fluegeln bald euch aufzuschwingen.
Ihr aber zeigt uns, wo man aufwaerts steigt,
Weist uns den Weg, und gibt es mehr als einen,
So lehrt uns den, der minder steil sich neigt.
Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen
Von Adam her bekleidet und beschwert,
Muss wider Willen traeg im Steigen scheinen."
So sprach mein Fuehrer, jenen zugekehrt,
Und diese Rede ward darauf vernommen,
Doch wusst' ich nicht, von wem ich sie gehoert.
"Ihr koennt mit uns zur rechten Seite kommen,
Dort ist ein Pass, nicht steiler, als der Fuss
Des Lebenden schon anderwaerts erklommen.
Und drueckte nicht der Stein nach Gottes Schluss
Den stolzen Nacken jetzt der Erd' entgegen,
So dass ich stets zu Boden blicken muss,
So wuerd' ich nach ihm hin den Blick bewegen,
Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn', und um sein Mitleid zu erregen.
Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land,
Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte,
Erzeugte mich, und ist euch wohl bekannt.
Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen machte
So uebermuetig mich und stolz und roh,
Dass ich nicht mehr der Mutter aller dachte.
Und ich verachtete die Menschen so,
Dass ich drum starb, wie die Sanesen wissen
Und jedes Kind in Campagnatico.
Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen
Befleckt der Stolz, er hat auch alle schier
Von meinem Stamm ins Elend fortgerissen.
Bis ich dem Herrn genugtat, ruht auf mir
Die schwere Last, und was ich dort im Leben
Nicht tat, dass tu' ich bei den Toten hier."
Ich horcht' und ging gesenkten Blicks daneben,
Ein andrer aber, unterm Steine, fing
sich an zu winden, um den Blick zu heben.
Er sah, erkannt' und nannte mich und hing,
Kaum faehig, doch den Blick vom Grund zu trennen,
An mir, der ganz gebueckt mit ihnen ging,
"Du Odrisl" rief ich, froh, ihn zu erkennen,
Scheinst Gubbios Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein,
Die Miniaturkunst die Pariser nennen."
"Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderei'n,"
Versetzte jener, "Franks, des Bolognesen,
Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Teil nur mein.
So edel war' ich, lebend, nicht gewesen,
Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll
Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen.
Fuers solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll.
Wo ich, weil ich bereute, durch Beschwerden
Von seinem finstern Dampf mich laeutern soll.
O eitler Ruhm des Koennens auf der Erden!
Wie wenig dauert deines Gipfels Gruen,
Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden.
Als Maler sah man Cimabue blueh'n,
Jetzt sieht man ueber ihn den Giotto ragen,
Und jenes Glanz in trueber Nacht erglueh'n.
Den Ruhm der Sprache nahm in diesen Tagen
Ein Guid' dem andern, und ein andrer lauscht
Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen.
Ein Windstoss nur ist Erdenruhm. Er rauscht
Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen,
Indem er Seit' und Namen nur vertauscht.
Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen,
Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist,
Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen,
Eh' tausend Jahr' entflieh'n?--wohl kuerzre Frist
Zur Ewigkeit, als zu dem traegsten Kreise
Des Himmels deines Auges Blinken ist.
Ganz Tuscien scholl einst laut von dessen Preise,
Der dort vor mir so traeg und langsam schleicht,
Jetzt fluestert's kaum von ihm in Siena leise.
Dort herrscht' er, als, von dem Geschick erreicht,
Fiorenzas Wut erlag, der stolzen, kuehnen,
Der Stadt, die jetzt der feilen Hure gleicht.
Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Gruenen,
Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt,
Die erst es mild hervorrief, zu ergruenen."
Und ich: "Mir daempft den Stolz dein wahres Wort
Und weiss mir trefflich Demut einzupraegen;
Doch sprich: Wer geht so schwer belastet dort?"
Silvani," sprach er, "ist es, hier deswegen,
Weil sich so weit sein toller Stolz vergass,
Dem freien Siena Ketten anzulegen.
Drum ging er so und geht ohn' Unterlass,
Seitdem er starb--der Zoll wird hier erhoben
Von jedem, der sich dort zu hoch vermass."
Und ich: "Weilt jeder, welcher aufgeschoben
Bis zu dem Rand des Lebens Reu' und Leid.
Dort unten erst und dringet nicht nach oben,
Wenn ihm nicht Hilfe glaeubig Fleh'n verleiht,
Bis so viel Jahr', als er gelebt, vergangen,
Wie kam denn er herauf in kuerzrer Zeit?"--
Und er: "Er ist auf Sienas Markt gegangen
Zur Zeit, da er den hoechsten Ruhm erstrebt,
Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen,
Und, weil sein Freund in Carlos Haft gelebt,
Um Hilf ihm und Befreiung zu gewaehren,
Als Bettler dort an jedem Puls gebebt.
Ich red' unklar, doch wird's nicht lange waehren,
So handelt also deine Nachbarschaft,
Dass du vermagst, dir alles zu erklaeren--
Die Tat hat jene Schrank' ihm weggeschafft."


Zwoelfter Gesang

Gleichmaessig, wie zwei Stier' im Joche zieh'n,
Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten,
Solang es gut dem suessen Lehrer schien.
Doch als er sprach: "Lass ihn, um vorzuschreiten,
Hier gilt's. soviel man immer kann, den Kahn
Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!"
Da richtet' ich mich auf zur weitern Bahn
Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange
Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn,
Und folgte meinem Hort im regen Drange
Der Wissbegier, und beide zeigten wir,
Wie leicht wir waren, schon im raschen Gange;
Bis dass er sprach: "Zu Boden blicke hier,
Um, was dein Fuss beschreitet, zu gewahren,
Denn zu des Weges Kuerzung frommt es dir."
Wie, um der Freund' Erinnrung zu bewahren,
Auf ird'schen Graebern dargestellt erscheint,
Was, die drin ruhen, einst im Leben waren,
So dass bei diesem Anblick jeder weint,
Gereizt vom Schmerz der aufgerissnen Wunde,
Der's gut und fromm mit ihnen einst gemeint;
So wies der Vorsprung mir, der in der Runde,
Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloss,
Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde
Ihn, edler, als was je der Erd' entspross,
Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile
Des Blitzes hier vom Himmel niederschoss.
Dort aber auf des Weges anderm Teile,
In starrem Todesfrost und traeg und schwer,
Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile.
Mars, Phoebus, Pallas standen hoch und hehr,
Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend,
Bewaffnet noch, um ihren Vater her.
Am Fuss des grossen Werks den Nimrod stehend,
Erblickt' ich dann, und wie verwirrt und toll
Nach den Genossen seiner Arbeit spaehend.
Dich Niobe, dich sah ich jammervoll,
Hier sieben Kinder tot, dort andre sieben;
Wie jedem Aug' ein Traenenstrom entquoll.
Saul, du schienst, ins eigne Schwert getrieben,
Tot, wie auf Gilboa, das seit der Zeit
Von Tau und Regen unbenetzt geblieben.
Arachne, Toerin, einst voll Eitelkeit,
Halb Spinn' itzt, auf den Fetzen vom Gewebe,
Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid.
Rehabeam--es schien, als ob er bebe,
Als ob er, statt wie immer sonst, zu droh'n,
Im Wagen fluechtig, unverjagt, entschwebe.
Man sah Eriphylen und ihren Lohn,
Wie teuer das unselige Geschmeide
Ihr hier bezahlt ward von dem eignen Sohn:
Den Sanherib, den seine Soehne beide
Im Tempel toeteten voll Frevelmut
Und liegen liessen in dem letzten Leide.
Des Cyrus Tod und der Tomyris Wut--
Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen:
Dein Durst war Blut, nun fuell' ich dich mit Blut.
Dann der Assyrer Heer--es floh, geschlagen,
Nach Holofernes' Tod, und hinterdrein
Sah man mit grimmer Wut die Feinde jagen.
O Ilion, wie niedrig und wie klein!
Wohl standest du auf Trojas Fluren dreister
Als hier, in Asch' und Schutt, auf dem Gestein!
Wer war des Griffels und des Pinsels Meister,
Der Formen und Gebaerden ausgedrueckt
Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister?
Mir schien, wie ich dahinging, tiefgebueckt,
Was tot war, tot, was lebend war, zu leben,
Nicht besser hat's, wer's wirklich sah, erblickt.
Stolziert nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben,
Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Soehn', er weist
Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben!--
Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist,
Schon war die Sonne weiter fortgegangen,
Als ich bemerkt mit dem befangnen Geist;
Als er, des Fuss und Seele vorwaerts drangen,
Begann: "Blick' auf, erhebe Haupt und Sinn!
Nicht ist's mehr Zeit, den Bildern anzuhangen.
Ein Engel naht--drum blick' empor, dorthin!
Schon kehrt, von schnellen Fittichen getragen,
Zurueck des Tages sechste Dienerin.
Schmueck' itzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen,
Dann fuehrt er wohl mit Freuden uns empor.
Denk', nie wird dieser Tag dir wieder tagen."
Und da er mich ermahnt schon oft zuvor,
Die Zeit zu nutzen, kam es, dass ich nimmer
Den Sinn, den solch ein Wort verschloss, verlor.
Das schoene Wesen naht'--ein weisser Schimmer
War sein Gewand; dem Stern des Morgens war
Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer.
Die Arm' erschloss er, dann das Fluegelpaar,
Und sprach: "Kommt jetzt, denn nahe sind die Stufen
Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr.
Nur wen'ge nah'n von vielen, die berufen.
O Mensch, du faellst bei jedes Windes Weh'n,
Du, den zum Aufflug Gottes Haend' erschufen."
Bald liess er uns des Felsen Oeffnung sehn.
Dort schlug er meine Stirn mit seinem Fluegel
Und hiess mich dann gesichert weitergehn.
Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zuegel
So wohl zu fuehren weiss wie Recht und Pflicht,
Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Huegel,
Den kuehnen Schwung des Bergs die Treppe bricht,
Die man gebaut in jenen guten Zeiten,
Wo sicher war das Mass und das Gewicht;
So war der Fels, durch Stufen zu beschreiten,
Obwohl er jaeh sich senkt als steile Wand,
Doch streift man das Gestein von beiden Seiten.
Laut klang's, indem ich dort mich aufwaerts wand,
"Den geistlich Armen Heil!"--mit einem Sange,
Wie ich so suess noch keinen je empfand.
Wie anders war es hier, als bei dem Gange
Ins Hoellenreich! Bei Liedern klomm ich auf,
Und dort hinab bei wildem Jammerklange.
Die heil'gen Stiegen klommen wir hinauf,
Und leichter schien mir's hier, emporzukommen,
Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf.
Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen,"
So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt,
"Dass ich fast muehelos emporgeklommen?"
Und er: sind diese P, die zwar noch jetzt
Dein Antlitz traegt, doch die schon halb verschwunden,
Erst, wie das eine, voellig ausgewetzt,
Dann wird den Fuss dein Streben ueberwinden,
So dass ihm Klimmen keine Muehe macht,
Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden."
Da tat ich jenen gleich, die, sonder Acht,
Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen,
Bis sie bemerkt, dass man sich winkt und lacht;
Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spaehen,
Mit dieser suchen, finden und damit
Zuletzt erschau'n, was nicht die Augen sehen.
Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt
Ich an der Stirne hin, und sieh, vergangen
War eins der Zeichen, das der Engel schnitt.
Da schwebt' ein Laecheln um des Meisters Wangen.


Dreizehnter Gesang

Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen,
Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt,
Des Bergs, der laeutert, die hinaufgestiegen.
Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt,
Der, gleich dem ersten, rings die Hoeh' umwindet,
Nur dass ein Bogen noch sich schneller beugt,
Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet,
Daher man glatt den Weg und das Gestad
Von des Gesteins schwarzgelber Farbe findet.
"Dafern wir harrten, bis der Fuehrer naht,"
So sprach Virgil darauf, "hier saeumig stehend,
So waehlten wir zu spaet wohl unsern Pfad."
Dann macht' er, festen Blicks zur Sonne sehend,
Fuer die Bewegung seinen rechten Fuss
Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend.
"O suesses Licht, du floessest den Entschluss
Zum neuen Weg mir ein, du fuehr' uns weiter,"
Begann er, "wie ein treuer Fuehrer muss.
Du waermst die Welt, du machst sie hell und heiter;
Nie wandle man, wenn sich dein Glanz verhehlt,
Draengt nicht die Not, und er sei unser Leiter."
Soviel man hier auf eine Miglie zaehlt,
So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden
In wenig Zeit, vom regen Trieb beseelt.
Ein Geisterzug flog laengs den Felsgestaden,
Gehoert, doch nicht gesehn, herbei und schien
Zum Tisch der Lieb' uns freundlich einzuladen.
Der erste Geist rief im Vorueberflieh'n:
Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen
Dann nochmals hinter uns im Weiterzieh'n.
Und eh' sie, sich entfernend, ganz verklangen,
Da rief: Ich bin Orest!--ein zweiter Geist,
Und war im schnellen Flug vorbeigegangen.
"O", sprach ich, "Vater, sage, was dies heisst?"
Da klang die dritte Stimm' in meine Frage
Und rief: Liebt den, der Boeses euch erweist.
Und er: "Du findest hier des Neides Plage!
Gegeisselt wird er hier, doch Liebe schwingt
Der strengen Geissel Schnur zu jedem Schlage.
Doch wisse, dass der Zuegel anders klingt.
Du wirst ihn hoeren, eh' im Weitergehen
Dein Fuss zum Passe der Verzeihung dringt.
Versuch' es jetzo, scharf dorthin zu spaehen,
Und vor uns wirst du Leute, langgereiht,
An dieser Wand des Felsens sitzen sehen.
Da oeffnet' ich sogleich die Augen weit
Und sah die Schatten an der Felsenhalle,
An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid.
Und naeher hoert' ich sie mit lautem Schalle
"Bitte fuer uns, Maria!" bruenstig schrei'n,
"Michael und Petrus und ihr Heil'gen alle!"
Moecht' einer noch so hart und grausam sein,
Vor Mitleid waere doch sein Herz entglommen,
Haelt' er, wie ich, gesehn der Armen Pein.
Denn als ich nun so nahe hingekommen,
Dass ich Gebaerd' und Angesicht erkannt,
Da ward mein Herz durchs Auge schwer beklommen.
Ihr Anzug war ein schlechtes Bussgewand;
Sie lehnten sich an sich und ihren Ruecken
Sie allesamt an jene Felsenwand;
Den Blinden gleich, die Not und Hunger druecken,
Und die an Ablasstagen bettelnd stehn,
Und, Kopf an Kopf gedraengt, sich klaeglich buecken,
Indem sie, um das Mitleid zu erhoeh'n,
Nicht minder mit den jaemmerlichen Mienen,
Als mit den lauten Jammerworten fleh'n.
Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen
Den bangen Schatten, welchen ich genaht,
Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen.
Gebohrt war durch die Augenlider Draht,
Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernaehen;
Der, wild, nicht nach des Jaegers Willen tat.
Mir aber schien es unrecht, dass ich sehend,
Doch ungesehn dort ging, drum wandt' ich mich
Zum weisen Rat, nach seiner Meinung spaehend.
Er, der sogleich erriet, weswegen ich
Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte,
Sprach: "Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich."
An jener Seite, wo der Fels sich senkte,
Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war,
Weil kein Gelaender dort den Rand verschraenkte;
Zur andern Seite sass die fromme Schar,
Und durch die grause Naht gepresste Zaehren,
Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr.
"Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklaeren,"
Begann ich nun, "das einzig euer Traum,
Das einzig euer Wunsch ist und Begehren,
Die Gnade loes' euch des Gewissens Schaum
Und mache drin auf reinem lauterm Grunde
Der Seele klaren Fluss zum Stroemen Raum.
Doch bitt' ich euch, gebt mir gefaellig Kunde:
Ist eine Seel' aus Latium hier?--Ich bin
Fuer sie vielleicht dann hier zur guten Stunde."
"O Bruder, jede Seel' ist Buergerin
Von einer wahren Stadt--doch willst du fragen,
Ob ein' in Welschland lebt als Pilgerin."
So schien's, von mir noch etwas fern, zu sagen,
Daher ich, weil ich fast das Wort verlor,
Sogleich beschloss, mich weiter vor zu wagen.
Und eine wartete, so kam mir's vor,
Auf Antwort, und, um's deutlicher zu zeigen,
Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor.
"Du," sprach ich, "die sich beugt, um aufzusteigen,
Warst du's, die Antwort gab, so magst du mir
Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen."
"Ich war von Siena, und mit diesen hier",
So sprach sie, "laeutr' ich mich vom Lasterleben,
Und weinend fleh'n um Gottes Gnade wir.
Sapia hiess ich, ob ich gleich ergeben
Der Torheit war, denn mir schien andrer Leid
Weit groessre Lust, als eignes Glueck zu geben.
Doch zweifelst du an meinem tollen Neid,
So hoere nur!--Die Jugend war verflossen,
Und abwaerts ging der Bogen meiner Zeit,
Als nah bei Colle meine Landsgenossen
Den kampfbereiten starken Feind erreicht;
Da bat ich Gott um das, was er beschlossen.
Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht,
Und ich, erblickend, wie der Feind es jage,
Fuehl' eine Lust, der keine weiter gleicht,
So dass ich kuehn den Blick gen Himmel schlage
Und rufe: Gott, nicht fuercht' ich mehr dich jetzt!
Der Amsel gleich am ersten warmen Tage.
Nach Gottes Frieden sehnt' ich mich zuletzt
Am Rand des Lebens, aber meine Schulden,
Durch Reue waeren sie nicht ausgewetzt,
Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden
Gedacht in seinem heiligen Gebet;
Noch muesst' ich vor dem Tore harrend dulden.
Doch wer bist du, der offnen Auges geht,
So scheint's, um unsern Zustand zu erkunden,
Und dessen Atem noch beim Sprechen weht?"--
"Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden,"
So sprach ich, "doch ich hoffe kurze Frist,
Weil man's nur selten scheel vor Neid gefunden.
Mehr als das Leid, ob des du traurig bist,
Hat Sorge mir die untre Qual bereitet.
Schon fuehl' ich, wie die Buerde drueckend ist."
Und sie: "Wer also hat dich hergeleitet,
Dass du, um rueckzukehren, hier erscheinst?"
"Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet.
Ich leb', erwaehlter Geist, und wenn ich einst
Jenseits als Sterblicher fuer dich bewegen
Die Fuesse soll, so fordre, was du meinst."
"So Neues sagtest du," sprach sie dagegen,
"Dass es dir sicher Gottes Huld bewaehrt.
Verwende drum dein Fleh'n zu meinem Segen.
Ich bitte dich, bei allem, was dir wert,
Wirst du dich je im Tuscierland befinden,
So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt.
Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden,
Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn;
Und wie bei Dianas Quelle wird er schwinden,
Doch setzen mehr die Admirale dran."


Vierzehnter Gesang

"Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht,
Eh' ihn der Tod beschwingt--dem, nach Behagen,
Das Auge bald sich schliesst, bald offen steht?"
"Dass er allein nicht ist, das kann ich sagen,
Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin,
Magst du, damit er red', ihn hoeflich fragen."
So redeten, von mir zur Rechten hin,
Zwei Geister dort, sich zueinander neigend,
Dann, um zu sprechen, hoben sie das Kinn.
"O Seele, die, empor zum Himmel steigend,"
Sprach dann der eine, "noch im Koerper steckt,
O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend,
Woher? Wer bist du? Denn solch Staunen weckt
Die Gnade, die wir an dir schauen sollen,
Wie wenn, was nie gescheh'n, sich uns entdeckt."
Und ich: "Ein Fluss, der Falteron' entquollen,
Lustwandelt mitten durch das Tuscierland,
Dem hundert Miglien Laufs nicht g'nuegen wollen.
Ich bringe diesen Leib von seinem Strand.
Doch sagt' ich, wer ich sei--nicht wuerd' euch's frommen,
Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand."
"Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen,
Meinst du den Arno und sein Talgebiet?"
So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen.
Der zweite sprach darauf: "Warum vermied
Er, jenes Flusses Namen zu verkuenden,
Wie's sonst nur mit Abscheulichem geschieht?"
Und jener sprach: "Nicht kann ich dies ergruenden,
Doch wert des Untergangs ist jenes Wort,
Das nur Erinnrung weckt an Schmach und Suenden.
Denn von dem Ursprung im Gebirge dort,
Von dem sich einst Pelorum trennen muessen,
Dort wasserreich, wie sonst an keinem Ort,
Bis dahin, wo der Fluss mit ew'gen Guessen
Das, was dem Meer die Sonn' entsaugt, ersetzt,
Was Nahrung gibt den Baechen und den Fluessen,
Wird, sei's durch schlechte Sitt' und Neigung jetzt,
Sei's, dass der Ort an einem Fluche leide,
Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt.
Denn was im Tal, gedrueckt von schwerem Leide,
Nur irgend wohnt, hat die Natur verkehrt,
Als haett' es mitgeschmaust auf Circes Weide.
Zu garst'gen Schweinen, mehr der Eicheln wert
Als dessen, was Natur den Menschen spendet,
Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt.
Dann, wie er weiter seine Wogen sendet,
Trifft er ohnmaecht'ge kleine Klaeffer an,
Von welchen er die Stirn unwillig wendet
Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn,
Sieht der unsel'ge maledeite Graben
Die Hund' an Art sich mehr den Woelfen nah'n.
In tiefen Tuempeln scheint er drauf vergraben
Und trifft dann Fuechs, in List so eingeweiht,
Dass sie nicht scheu mehr vor dem Schlau'sten haben.
Frei red' ich. Sei der Horcher auch nicht weit,
Und gut wird's diesem sein, das zu behalten,
Was der wahrhafte Geist mir prophezeit.
Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten,
Der jene Woelfe so zu jagen weiss,
Dass sie vor grauser Todesangst erkalten.
Denn er verkauft sie lebend scharenweis,
Dann sticht er sie, gleich einem alten Schlachtvieh, nieder.
Das Leben raubt er vielen, sich den Preis.
Zuletzt verlaesst er, blutbespritzt die Glieder,
Den Wald gefaellt, und ringsum oed und tot,
Und tausend Jahr' erneu'n sein Laub nicht wieder."
Wie bei Verkuendigung zukuenft'ger Not
Des bangen Hoerers Zuege sich umschatten,
Der sich gefaehrdet glaubt und rings bedroht,
So sah ich jetzo jenen andern Schatten,
Der zugehorcht, verstoert und bange stehn,
Wie seinen Geist erfuellt die Worte hatten.
Was ich von dem gehoert, von dem gesehn,
Mich reizt' es, ihren Namen nachzufragen,
Und bittend liess ich meine Frag' ergehn.
Und den, der erst gesprochen, hoert' ich sagen:
"Du also willst, fuer dich tun soll ich dies,
Was du fuer mich zu tun mir abgeschlagen?
Doch kargen will ich nicht, denn herrlich liess
Gott in dir strahlen seine Huld und Guete.
Drum wisse, dass ich Guid del Duca hiess.
Von Neid verbrannt war also mein Gemuete,
Dass, wenn ich sah, ein andrer sei erfreut,
Ich schwarz vor Gall' in bitterm Ingrimm gluehte.
Hier maeh' ich Saat, die ich dort ausgestreut.
O Sterbliche, was muesst ihr das begehren,
Was Ausschluss der Genossenschaft gebeut!
Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren
Das Haus von Calboli gebracht, des Mut
Und Kraft und Wert die Erben ganz entbehren.
Denn alle sieht man jetzt aus seinem Blut
Das Schlechte tun, das Rechte traeg versaeumen,
Und zwischen Po, Berg, Ren und Meeresflut
Sieht man's nur sprossen noch in gift'gen Baeumen,
Und keinem Gaertner glueckt's, der schlechten Art
Wildwucherndes Gewuerzel wegzuraeumen.
Wo mag der wackre Licio, wo Manard,
Wo Traversar, wo Guid Carpigna bleiben?
Ist jeder Romagnol heut ein Bastard?
Ein Schmied muss in Bologna Aeste treiben,
Und in Faenza jetzt ein Bernardin,
Der edle Spross aus niederm Keim, bekleiden!
Nicht staune, Tuscier, dass ich traurig bin,
Wenn ich des Guid von Prata noch gedenke,
Und des, der mit uns war, des Ugolin.
Dann auf Tignoso die Erinnrung lenke,
Auf Traversars und Anastasens Haus,
Und ueber den enterbten Stamm mich kraenke;
Auf Ritter, Frau'n, auf Ruhe, Mueh' und Strauss,
Was wir aus Lieb' und Edelsinn begannen,
Wo jetzt die Herzen sind voll Tueck' und Graus.
Brettinoro, fliehst du nicht von dannen,
Da, um zu flieh'n Verderben, Schand und Hohn,
Die Guten allesamt aus dir entrannen!
Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn!
Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben
Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohen!
Gut handeln einst, wird erst ihr Daemon sterben,
Faenzas Herr'n, doch nimmer werden sie
Des Ruhmes reines Zeugnis sich erwerben.
Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie
Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen,
Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh.
Doch jetzt, Toskaner, geh; denn nicht zum Sprechen,
Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land,
Und presst mein Herz durch Untat und Verbrechen."
Durchs Ohr ward jenen unser Gehn bekannt,
Drum wussten wir, da sie es schweigend litten,
Dass wir uns auf den rechten Weg gewandt.
Indem wir einsam nun von dannen schritten,
Scholl eine Stimm' uns zu, eh wir's gedacht,
Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten:
Mich toetet, .wer mich trifft! Sie rief's mit Macht
Und floh im schnellen Flug dann und verhallte,
Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht.
Und wie sie kaum an uns vorueberwallte,
Braust' eine zweite schon an unser Ohr,
Die schrecklich, wie ein zweiter Donner schallte:
Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror!
Und als ich an Virgil mich draengen wollte,
Schritt ich vor grosser Angst zurueck, nicht vor.
Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte,
Da sprach Virgil: "Dies ist der harte Zaum,
Der auf der rechten Bahn euch halten sollte.
Doch winkt des alten Feindes Koeder kaum,
So lasst ihr euch in seinem Hamen fangen,
Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zuegel Raum.
Euch rufend, haelt der Himmel euch umfangen,
Der, ewig schoen, rings seine Kreise zieht,
Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen,
Und deshalb schlaegt euch der, der alles sieht."


Fuenfzehnter Gesang

So viel, als bis zum Schluss der dritten Stunde,
Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphaere macht,
Die wie ein Kindlein tanzt im ew'gen Runde,
So viel des Weges halt', eh' noch vollbracht
Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen;
Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.
Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen,
Schien uns die Sonne mitten ins Gesicht,
Weil wir jetzt g'rade gegen Westen gingen.
Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht
Mir auf die Stirn, mich mehr als erst zu blenden.
Ich staunt', und was es war, begriff ich nicht.
Schnell deckt' ich mir die Augen mit den Haenden
Als wie mit einem Schirm, dass vor der Glut
Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe faenden.
Gleich wie der Strahl vom Spiegel, von der Flut
Nach jenseits huepft, und dann beim Aufwaertssteigen,
So wie vorher beim Niedersteigen tut,
Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen,
So hier wie dort abweicht in gleichem Zug,
Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen;
So ward mein Auge jetzt in jaehem Flug
Getroffen vom zurueckgeworfnen Lichte,
Drob ich's in Eile schloss und niederschlug.
"Was, suesser Vater, ist dies? Dem Gesichte
Will, was ich tue, nicht zum Schutz gedeih'n.
Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!"
Drauf er: "Nicht staune, wenn in solchem Schein
Noch blendend dir des Himmels Diener nahen.
Ein Bote kommt und laedt zum Steigen ein.
Bald wird, was erst die Augen traenend sahen,
Dir so zur Lust, als du nur Faehigkeit,
Sie zu empfinden, von Natur empfahen."
Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit:
"Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen,
Als jene sind, die ihr gestiegen seid."
Indem wir nun zusammen aufwaerts stiegen,
Sang's hinter uns: "Heil den Barmherz'gen, Heil!"
Und wieder klang's: "Sei froh in deinen Siegen!"
Und da wir beid' allein, und minder steil
Die Treppen waren, dacht' ich: Noch im Gehen
Wird Lehre wohl vom Meister dir zuteil.
"Was mochte Guido bei dem Gut verstehen,
Das Ausschluss der Genossenschaft gebeut?"
Ich sprach's, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen.
"Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut"
Sprach drauf Virgil, "will er dich weiser machen
Und tadelt drum, was er nun schwer bereut.
Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen,
Die Mitbesitz verringert, die durch Neid
In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen.
Doch moechten in des Himmels Herrlichkeit
Des Menschen Wuensch' ihr rechtes Ziel erkennen,
War' eure Brust von solcher Angst befreit.
Je mehrere dies Gut ihr eigen nennen,
Je mehr besitzt des Guts ein jeder dort,
Je staerker fuehlt er sich in Lieb' entbrennen."
"Noch fass ich nichts," versetzt' ich meinem Hort,
"Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen
In meiner Seel' erweckt, als jetzt dein Wort.
Kann hoeher je der Reichtum vieler steigen,
Wenn man ein Gut verteilt, als wenn es nicht
Gemeinsam waere. Sondern einem eigen?"
Und er: "Weil, nur auf Erdengut erpicht,
Dein Geist noch nicht den hoehern Flug gewonnen,
Drum schoepfst du Finsternis aus wahrem Licht.
Des Himmels unaussprechlich grosse Wonnen,
Sie eilen so ins liebende Gemuet,
Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen
Sie geben sich je mehr, je mehr es glueht,
Und reicher stroemt die ew'ge Kraft hernieder,
Je freudiger des Herzens Lieb' erblueht.
Erhebt die Seel' erst aufwaerts ihr Gefieder,
Dann liebt sie mehr, je mehr zu lieben ist,
Denn eine strahlt den Glanz der andern wieder--
Und g'nuegt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist
Wird dort von dir Beatrix aufgefunden,
Durch welche du dann ganz befriedigt bist.
Jetzt sorge nur, dass bald von deinen Wunden
Die fuenf sich schliessen wie das erste Paar,
Das von der Stirn durch Reu' und Leid geschwunden."
Schon wollt' ich sagen: Deine Red' ist klar!
Da war ich an des andern Kreises Saume,
Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war.
In einen Tempel schien, von wachem Traume
Dahingerissen, meine Seel' entfloh'n,
Und Leute sah ich viel in seinem Raume.
Am Eingang schien mit suessem Mutterton
Und zaertlicher Gebaerd' ein Weib zu sagen:
"Was hast du dies an uns getan, mein Sohn?
Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen,
Ich und der Vater"--sprach's, und wundersam
Schien sie vom Weh'n der Luft davongetragen.
Drauf vors Gesicht mir eine zweite kam,
Von Zaehren nass, die--wohl war's zu erkennen--
Dem Aug' entpresste zornerzeugter Gram.
Sie rief: "Willst du den Herr'n der Stadt dich nennen,
Ob deren Namen Goetter sich gegrollt,
Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen,
Dann, Pisistrat, zahl' ihm der Frechheit Sold,
Der's wagte, deine Tochter zu umfassen!"
Allein der Herr, der liebreich schien und hold,
Entgegnet' ihr, die also rief, gelassen:
"Wird jener, der uns liebt, von uns verdammt,
Was tun wir dann an solchen, die uns hoffen?"--
Dann sah ich eine Schar, von Zorn entflammt,
Und einen Juengling dort, von ihr gesteinigt,
Tod! Tod! so schrien sie wuetend allesamt.
Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt,
Des Last ihn zu der Erde niederrang,
Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt,
Und fleht' empor zu Gott in solchem Drang:
"Vergib der Wut, die gegen mich entbrannte!"
Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang.
Als meine Seele sich von aussen wandte
Zurueck zu dem, was wahr ist ausser ihr,
Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte,
Da sprach mein Fuehrer, der, nicht weit von mir,
Mich gleich dem Schlaefer, der erwacht, erblickte:
"Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir?
Bereits seit einer halben Stunde knickte
Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach,
Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte."
"O suesser Vater, hoerst du's an"--dies sprach
Ich drauf zu ihm--"so will ich dir verkuenden,
Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach."
"Ob mir entgegen hundert Masken stuenden,"
Entgegnet' er, "und deckten dein Gesicht,
Doch wuerd' ich, was du denkst, genau ergruenden.
Das, was du sahst, du sahst's, damit du nicht
Dich ungemahnt verschloessest jenem Frieden,
Des Strom hervor aus ew'ger Quelle bricht.
Was ist dir? fragt' ich nicht, wie der danieden
Zu fragen pflegt, des Auge nicht mehr schaut,
Sobald die Seel' aus seinem Leib geschieden.
Die Fuesse dir zu kraeft'gen, fragt' ich laut,
Denn treiben muss man so den wachen Traegen,
Den Tag zu nuetzen, eh' der Abend graut."
Wir gingen beid' in sinnigem Erwaegen
Dem Abend zu und sah'n, soweit man kann,
Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen.
Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran,
Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte,
Und nirgends traf man Raum zum Weichen an,
Daher er bald uns Aug' und Himmel deckte.


Sechzehnter Gesang

Das Schwarz der Hoell' und einer Nacht, durchfunkelt
Nicht von des aermsten Himmels bleichstem Schein,
Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt,
Nie schloss es mich in grobem Schleier ein,
Als jener Rauch, der dorten uns umflossen;
Nie schien es mir so schmerzlich rauh zu sein.
Nicht koennt' ich steh'n, die Augen unverschlossen,
Drum nahte sich, und seine Schulter bot
Mein Fuehrer mir treu, weis' und unverdrossen.
So wie der Blinde gern in seiner Not
Dem Fuehrer nachfolgt, um nicht anzurennen
An was Gefahr bring' und vielleicht den Tod,
So folgt' ich ihm, ohn' etwas zu erkennen,
Durch widrig bittern Qualm und horcht' auf ihn,
Der sprach: "Gib Achtung, dass wir uns nicht trennen."
Ich hoerte Stimmen dort, und jede schien
Um Gnad' und Frieden zu dem Lamm zu stoehnen,
Ob des der Herr die Suenden uns verzieh'n.
Agnus Dei hoert' ich den Anfang toenen,
Wobei sich aller Wort und Weise glich,
Und voller Einklang herrscht' in ihren Toenen.
"Dies sind wohl Geister, Herr!" so wandt' ich mich
An ihn, und er: "Es ist, wie du entscheidest;
Sie loesen von der Zornwut Schlingen sich."
"Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest,
Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt,
Dass du die Zeit dir noch nach Monden scheidest?"
Die Rede ward von einem angestimmt,
Drum sprach mein Meister: "Stille sein Begehren
Und frag' ihn, ob man hier nach oben klimmt."
"Geschoepf, das, um zum Schoepfer heimzukehren,
Sich reiniget und schoen wird wie zuvor,
Begleite mich, dann sollst du Wunder hoeren!"
So ich, und er: "Ich schreite mit dir vor,
So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden,
Fuehr' uns im Rauch an Auges Statt das Ohr."
Drauf ich: "Obschon die Huellen mich umkleiden,
Die nur der Tod loest, schreit' ich doch hinauf
Und drang bis hierher durch der Hoelle Leiden.
Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf,
Dass ich vermag zu ihm emporzustreben,
Ganz gegen dieser Zeit gewohnten Lauf,
So sage mir, wer warst du einst im Leben,
Und ob ich hier die rechte Strasse hielt,
Denn unsre Richtung wird dein Wort uns geben."--
"Mark hiess ich einst, und was die Welt enthielt,
Ich konnt' es wohl und strebte nach dem Preise,
Nach welchem jetzt auf Erden keiner zielt.
G'rad' vor dir ist der Weg zum hoehern Kreise."
Er sprach's: "Noch bitt' ich dich," So fuegt' er bei,
"Fuerbittend denke mein am Ziel der Reise."
Und ich zu ihm: "Bei meiner Treu, es sei!
Doch wisse, dass ich einen Zweifel finde,
An dem ich berste, sag' ich ihn nicht frei.
Er war einst einfach; doppelt jetzt empfinde
Ich ihn in mir, nach dem, was du gesagt,
Sobald ich mit dem Dort das Hier verbinde.
Wahr ist's, die Welt, so wie du mir geklagt,
Ist oed an jeder Tugend, jeder Ehre,
Und ganz mit Bosheit schwanger und geplagt.
Doch dass ich sie erkenn' und aendern lehre,
So bitt' ich, deute jetzt die Ursach' mir.
Der sucht sie dort, der in des Himmels Sphaere."
Ein bang gepresstes Ach! entwand sich hier
Laut seiner Brust, und dann begann er: "Wisse,
Die Welt ist blind, und du, Freund, kommst von ihr.
Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es muesse
Der Himmel selber Schuld an allem sein,
Als ob er euch gewaltsam mit sich risse.
Waer's also, sprich, wo waere nur ein Schein
Von freiem Willen? Wie entspraech's dem Rechte,
Dass Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein?
Die Triebe pflanzen ein des Himmels Maechte,
Nicht sag' ich all; allein auch dies gesetzt,
Ward euch Erkenntnis auch fuers Gut' und Schlechte,
Und freier Will'--und, wenn er, auch verletzt
Und muede, standhaft mit dem Himmel streitet,
So siegt er, wohlgenaehrt, doch stets zuletzt.
Die Urkraft, welche sich durchs All verbreitet,
Beherrscht die Freien und erschafft den Geist,
Den nicht der Himmel mehr als Vormund leitet.
Drum, wenn die Gegenwart euch mit sich reisst,
In euch nur liegt der Grund, liegt in euch allen,
Wie, was ich sage, deutlich dir beweist.
Es kommt aus dessen Hand, des Wohlgefallen
Ihr laechelt, eh' sie ist, gleich einem Kind,
Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen,
Die junge Seele, die nichts weiss und sinnt,
Als dass, vom heitern Schoepfer ausgegangen,
Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind.
Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fuehlt Verlangen
Und rennt ihm nach, wenn sie kein Fuehrer haelt,
Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen.
Gesetz, als Zaum, ist noetig drum der Welt,
Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren,
Im Auge mindestens den Turm behaelt.
Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren?
Kein Mensch! Denn seht, ein Hirt, der wiederkaut,
Doch nicht gespaltne Klau'n hat, fuehrt die Scharen;
Daher die Herde, die dem Fuehrer traut,
Der das verschlingt, wonach sie selber luestert,
Nur dies verzehrt und nicht nach Hoeherm schaut.
Drum, was man auch von anderm Grunde fluestert,
Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt,
Nur schlechte Fuehrung hat die Welt verduestert.
Rom hatte, da's zum Glueck die Welt bekehrt,
Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt' eine,
Die andere den Weg zu Gott verklaert.
Verloescht ward eine von der andern Scheine,
Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand
Gefasst im uebel passenden Vereine.
Denn nicht mehr fuerchten, wenn man sie verband,
Sich Hirtenstab und Schwert--du kannst's begreifen,
Denn an den Fruechten wird der Baum erkannt.
Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen
Eh' man dem Kaiser Widerstand getan,
Stets edle Sitt' und Kraft und Tugend reifen.
Jetzt finden, die den Guten sich zu nah'n
Und sie zu sprechen, sich erroetend scheuen,
In jenem Land vollkommen sichre Bahn.
Die alten Zeiten schelten dort die neuen
Noch durch drei Greise von der echten Art,
Die sich des nahen Todes harrend freuen.
Konrad Pallazzo ist es, und Gherard
Und Guid Castel, der besser heissen wuerde
Nach fraenk'scher Art: der ehrliche Lombard.
Roms Kirche faellt, weil sie die Doppelwuerde,
Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt,
In Kot, besudelnd sich und ihre Buerde"--
"Mein Marco," sprach ich, "klares Licht empfaengt
Durch deine Rede jetzt mein Geist--ich sehe,
Was aus der Erbschaft Levis Stamm verdraengt.
Doch sage, welcher Gherard, meinst du, stehe
Als Truemmer noch versunkner guter Zeit,
So, dass er dieser Zeit Verderbnis schmaehe?--
"Betruegst, versuchst du mich in meinem Leid?"
So er: "Du, Tuscisch sprechend, tust dergleichen,
Als kenntest du nicht Gherards Trefflichkeit?
Den Namen kenn' ich, sonst kein andres Zeichen,
Wenn man's von seiner Gaja nicht entnimmt,
Gott sei mit dir, hier muss ich von euch weichen.
Sieh, wie in weissem Glanz der Rauch entglimmt.
Fort muss ich, denn schon ist der Engel dorten;
Ich scheid', eh' er mich wahr hier sprechend nimmt."
Er sprach's und horchte nicht mehr meinen Worten.


Siebzehnter Gesang

Denk', Leser, wenn dich Nebel je umstrickte,
Auf Alpenhoeh'n, durch den, wie durch die Haut
Des Maulwurfs Auge blickt, das deine blickte,
Wie, wenn der feuchte Qualm, der dich umgraut,
Nun duenn wird und beginnt, sich zu erhellen,
Dann matt hinein das Rund der Sonne schaut;
Und doch vermagst du kaum, dir vorzustellen,
Wie ich die Sonn' itzt wiedersah, die sich
Soeben senken wollt' ins Bett der Wellen.
So, gleichen Schritts mit meinem Hort, entwich
Ich aus der Wolk', als wie aus dunkler Klause,
Zum Strahl, der sterbend schon am Strand erblich.
Phantasie, die du aus ihrem Hause
Weithin die Seel' entrueckst, dass man's nicht spuert,
Ob ringsumher Trompetenschall erbrause,
Was regt dich auf, wenn nichts den Sinn beruehrt?
Das Himmelslicht erregt dich, das hernieder
Von selber stroemt, das auch ein Wille fuehrt.
Die Arge sah ich, die sich im Gefieder
Des Vogels barg, der ewig Reu' und Gram
Verhaucht im Klang der suessen Klagelieder.
Und ganz zurueckgedraengt ward wundersam
Hier meine Seel' in sich, zu nichts sich neigend
Und nichts aufnehmend, was von aussen kam.
Darauf erschien, der Phantasie entsteigend,
Ein Mann am Kreuz, so trotzig-stolz wie er
Von Ansehn war, sich auch im Tode zeigend.
Ich sah dabei den grossen Ahasver,
Esther, sein Weib, und Mardochai, den Frommen,
In Wort und Tat so ganz, rund um ihn her.
Und dieses Bild zersprang, kaum wahrgenommen,
Gleich einer Blase, die mit kurzem Schein
Im Wasser glaenzt, wenn sie emporgeschwommen.
Dann zeigte mein Gesicht ein Maegdelein.
"O Fuerstin, Mutter!" rief die Traenenvolle,
"Was wolltest du aus Zorn vernichtet sein!
Du starbst, dass dein Lavinia bleiben solle.
Bin ich nun dein? Nicht andrer Tod, es zwingt
Der deine mich zu bittrem Traenenzolle."
Gleich wie der Schlaf in jaehem Schreck zerspringt,
Wenn Strahlen an des Schlaefers Antlitz prallen,
Doch eh' er ganz erstirbt, sich straeubt und ringt,
So sah ich jetzt mein Traumbild niederfallen,
Als mir ein Licht ins Antlitz schlug, so klar,
Wie's nie zur Erde stroemt aus Himmelshallen.
Ich wandte mich, zu sehen, wo ich war,
Als eine Stimm' erklang: "Hier muesst ihr steigen!"
Und ich vergass des andern ganz und gar.
Sie zwang den Willen, sich dorthin zu neigen,
Zu sehn, wer sprach, und liess, bis ich belehrt,
Die Unruh' nicht in meinem Innern Schweigen.
Wie von der Sonne, die den Blick beschwert,
Durch zuviel Licht ihr eignes Bild bedeckend,
Ward von dem Glanze meine Kraft verzehrt.
"Ein Himmelsgeist ist's, uns den Weg entdeckend,
Der aufwaerts fuehrt, auch ohne dass wir fleh'n,
Und selber sich in seinem Licht versteckend.
Wie wir uns selber tun, ist uns gescheh'n,
Denn wer die Not erblickt und harrt der Bitte,
Ist boeslich schon geneigt, sie zu verschmaeh'n.
Auf! Solchem Rufe nach mit raschem Tritte!
Wir muessen aufwaerts, eh' das Dunkel naht,
Sonst loest der Tag erst die gehemmten Schritte."
Mein Fuehrer sprach's, worauf zum Felsgestad'
Wir, hingewandt nach einer Stiege, gingen,
Und wie ich auf die erste Stufe trat,
Fuehlt' ich ein Weh'n, wie von bewegten Schwingen
Im Angesicht, und laut erklang's, mir nah:
"Heil den Friedfert'gen, die den Zorn bezwingen."
Der Sonne letzte bleiche Strahlen sah
Ich ueber uns, gefolgt von naecht'gen Schatten.
Und schon erschienen Sternlein hier und da.
"O meine Kraft, was musst du so ermatten!"
So dacht' ich still bei mir, denn ich empfand,
Dass sich entstrickt der Fuesse Nerven hatten.
Wir waren auf der hoechsten Stufe Rand
Und standen fest, wie angeheftet, dorten,
Gleich einem Kahn in des Gestades Sand.
Aufmerksam lauscht' ich erst nach allen Orten,
Ob nichts zu hoeren sei, und wandte nun
Zu meinem Meister mich mit diesen Worten:
"Mein suesser Vater, sprich, welch uebles Tun
Fuehrt uns zur Laeuterung in diesem Kreise.
Lass nicht die Rede, gleich den Fuessen, ruh'n."
"Traegheit zum Guten", Sprach darauf der Weise,
"Zahlt hier die dort gemachten Schulden erst;
Hier wird der traege Rudrer schnell zur Reife.
Merk' auf, damit du's deutlicher erfaehrst,
Weil ungenutzt sonst unser Stillstand bliebe--
Frucht bringt dein Weilen, wenn du dich belehrst.
Nicht Schoepfer, noch Geschoepf ist ohne Liebe,
Noch war es je. Du weisst, in der Natur
Und in der Seel' entkeimen ihre Triebe.
Nie irrt die erste von der rechten Spur.
Die zweite kann im Gegenstande fehlen
Und bald zu stark sein, bald zu laessig nur.
Weiss sie zum Ziel das erste Gut zu waehlen,
Ist sie beim zweiten nicht zu heiss, zu kalt,
Dann reizt sie nicht zu schlechter Lust die Seelen
Doch schweift sie ab zum Boesen, ist sie bald
Zum Guten lau, zu eifrig bald im Rennen,
So tut dem Schoepfer das Geschoepf Gewalt.
So muss die Liebe, wie du wirst erkennen,
In euch die Saat zu jeder Tugend streu'n,
Doch auch zu allem, was wir Laster nennen.
Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freu'n
Die Liebe muss, an dessen Heil sich weiden,
Drum hat kein Ding den eignen Hass zu scheuen.
Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden
Und ohne dieses fuer sich selbst bestehn,
Muss dies zu hoffen jeder Trieb vermeiden.
Drum kannst du, folgr' ich richtig, deutlich sehn:
Dem Naechsten gilt die Liebe nur zum Schlimmen
Und kann aus dreifach schmutz'gem Quell entstehn.
Der hofft zur Herrlichkeit emporzuklimmen
Durch andrer Fall, und dieses muss zur Lust,
Die Groesse zu erniedrigen, ihn stimmen.
Der Gunst, des Ruhmes und der Macht Verlust
Scheut der, wenn sich ein andrer aufgeschwungen,
Und liebt das Gegenteil mit banger Brust.
Der ist entruestet von Beleidigungen,
Drob Durst nach Rach' in ihm sich offenbart,
Bis ihm dem andern weh zu tun gelungen.
Ob dieser Liebe von dreifacher Art
Weint man dort unten--jetzt vernimm von Liebe,
Die nicht durch rechtes Mass geregelt ward.
Nach einem Gute strebt mit dunkelm Triebe
Der Mensch und fuehlt, dass seiner Wuensche Glut,
Erreicht' er's nicht, ihm unbefriedigt bliebe.
Die traege Lieb' ist's zu dem wahren Gut,
Die saeumt, es zu erschau'n, es zu erringen,
Die hier nach echter Reue Busse tut.
Gut scheinen andre Gueter, doch sie bringen
Nicht wahres Glueck, sind Stoff und Wurzel nicht,
Aus welchen Fruechte wahren Heils entspringen.
Die Lieb', auf solches Gut zu sehr erpicht,
Buesst in drei Kreisen oberhalb mit Zaehren;
Doch wie sie dreifach irrt von Recht und Pflicht,
Das sollst du selbst dir suchen und erklaeren."


Achtzehnter Gesang

Mein hoher Lehrer hatte seiner Lehre
Ein Ziel gesetzt und blickt' aufmerksam mir
Ins Angesicht, ob ich zufrieden waere.
Ich, noch gereizt von frischem Durst nach ihr,
Schwieg aeusserlich, doch sprach bei mir im stillen:
"Beschwert ihn wohl zu viele Wissbegier?"
Doch der wahrhafte Vater, der den Willen,
Den schuechternen, bemerkt, gab sprechend jetzt
Mir neuen Mut, des Sprechens Lust zu stillen.
Drum ich: "Dein Licht, mein teurer Meister, letzt
Mein Auge so, dass es an allen Dingen,
Die du beschreibst, klar schauend sich ergoetzt.
Doch, suesser Vater, lass es tiefer dringen.
Was ist doch jene Lieb'--ich bitte, sprich!--
Aus welcher gut' und schlechte Werk' entspringen?"
"Scharf richte deines Geistes Aug' auf mich,"
Versetzt' er, "und den Irrtum jener Blinden,
Die sich zu Fuehrern machen, lehr' ich dich.
Der Geist, geschaffen, Liebe zu empfinden,
Bewegt sich schnell zu allem, was gefaellt,
Wenn Reize sich, ihn zu erwecken, finden.
Was Wirklichkeit euch vor die Augen stellt,
passt der Begriff, um es dem Geist zu zeigen,
Der dann dorthin nur sich gerichtet haelt.
Und diese Richtung, dies Entgegenneigen,
Lieb' ist es, ist Natur, die dem, was schoen
Und reizend ist, sich hingibt als ihm eigen.
Dann, wie die Flamm' emporglueht zu den Hoeh'n
Durch ihre Form bestimmt, dorthin zu streben,
Wo ihre Stoffe minder schnell vergeh'n,
So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben,
Der geistigen Bewegung, die nicht ruht,
Bis, was er liebt, sich zum Genuss ergeben.
Drum sieh, wie not die Wahrheit jenen tut,
Die, lehren wollend, noch den Irrwahn hegen,
Jedwede Lieb' an sich sei recht und gut.
Gut ist vielleicht ihr Grundstoff allerwegen;
Doch sei das Wachs auch echt und gut, man preist
Das Bild, drin abgedrueckt, noch nicht deswegen."
Drauf ich: "Dein Wort und mein folgsamer Geist,
Sie lassen mich der Liebe Wesen sehen,
Obgleich der Geist noch zweifelschwanger kreist.
Denn, muss durch aeussern Reiz die Lieb' entstehen,
Lenkt die Natur die Seele, wie ist's dann
Verdienstlich, ob wir krumm, ob g'rade gehen?"--
"Hoer' itzt, wie weit Vernunft hier schauen kann,"
So er, "dort stellt Beatrix dich zufrieden,
Denn jenseits faengt das Werk des Glaubens an.
Die wesentliche Form--sie ist geschieden
Vom Stoff und ihm vereint, und eine Kraft,
Die ihr nur eigen ist, ist ihr beschieden.
Sie kann, nicht fuehlbar, bis sie wirkt und schafft,
Durch Wirkung nur sich zeigen und bewaehren,
Wie durch das Laub des Baumes Lebenssaft.
Daher vermag der Mensch nicht, zu erklaeren,
Woher zuerst in ihm Begriff entstehn,
Woher das erste Sehnen und Begehren.
Denn wie den Trieb, dem Honig nachzugehn,
Die Bien' erhielt, so habt ihr sie erhalten,
Die nicht zu loben ist und nicht zu schmaeh'n.
Doch fuehlt ihr auch die Kraft, die Rat gibt, walten,
Und sie, der andern Haupt und Herrscherin,
Soll Wach' an eures Beifalls Schwelle halten.
Sie, des Verdienstes und der Schuld Beginn,
Nimmt, wie euch gut' und schlechte Lieb' entzuendet,
Sie auf und lenkt zu eurer Wahl euch hin.
Drum haben jene, so die Sach' ergruendet,
Die angeborne Freiheit wohl bedacht,
Und euch die Lehren der Moral verkuendet.
Mag wirklich nun im Innern, angefacht
Von der Notwendigkeit, die Lieb' entbrennen,
So habt ihr doch auch sie zu zuegeln Macht.
Die edle Kraft wird Beatrice nennen,
Wenn sie dir kund vom freien Willen tut,
Drum merk' es, um des Wortes Sinn zu kennen."
Der Mond, der fast bis Mitternacht geruht,
Kam itzt hervor, der Sterne Zahl beschraenkend,
Gleich einem Kessel anzusehn von Glut,
Den Pfad dem Himmelslauf entgegenlenkend,
Den Pfad, den Sol, von Rom gesehn, durchgluehe
Inmitten Sard' und Cors' ins Meer sich senkend.
Der edle Geist, ob des im Ruhme blueht
Pietola vor Mantuas andern Orten,
War jetzt nicht mehr durch meine Last bemueht.
Ich, der die Zweifel all in seinen Worten
Geloeset sah und alles hell und klar,
Stand wie ein Schlaefriger hinbruetend dorten.
Doch ploetzlich naht' im Kreislauf eine Schar
Und scheuchte diese Schlaefrigkeit des Matten,
Da sie bereits in unserm Ruecken war.
Und wie Boeotiens Fluess' in naecht'gen Schatten
Ein wild Gedraeng' an ihrem Strande sah'n,
Wenn die Thebaner Bacchus noetig hatten,
So sah ich jen' im Kreise trabend nah'n,
Und alle trieb--so wollte mir's erscheinen--
Gerechte Lieb' und wackrer Eifer an.
Und schon bei uns, denn zoegern sah ich keinen,
War angelangt der ganze grosse Hauf,
Da riefen die zwei Vordersten mit Weinen:
"Rasch zum Gebirge ging Marions Lauf;
Und Caesar, um Ilerda zu gewinnen,
Umschloss Marseill und brach nach Spanien auf."
"Rasch, lasst aus Traegheit nicht die Zeit entrinnen,"
Schrien alle nun, "es macht der rege Fleiss
Zum Guten neu der Gnade Lenz beginnen."--
"O ihr, in denen Eifer scharf und heiss
Das, was ihr dort aus Lauheit nicht vollbrachtet,
Was ihr versaeumt, wohl zu ersetzen weiss,
Der, welcher lebt--nicht sag' ich Luegen--trachtet
Emporzusteigen, eh' der Morgen wach,
Drum sagt den Weg, den ihr den naechsten achtet."
Mein Fuehrer sagte dies, und einer sprach:
"Wollt ihr zum Orte, wo der Fels, gespalten
Zur Schlucht, euch durchzieh'n laesst. So folgt uns nach.
Uns ist es nicht erlaubt, uns aufzuhalten,
Denn Eile treibt uns fort, drum moegt ihr nicht,
Was uns das Recht gebeut, fuer Grobheit halten.
Ich uebt' in Zenos Haus des Abtes Pflicht,
Unter des guten Rotbart Herrscherstabe,
Von welchem Mailand noch mit Schmerzen spricht.
Und einer, schon mit einem Fuss im Grabe,
Er weint, gedenkend jenes Klosters, bald,
Dass er gehabt dort Macht und Ansehn habe,
Weil er den Sohn, verpfuscht an der Gestalt,
Noch mehr verpfuscht an Geiste, schlechtgeboren,
Anstatt des wahren Hirten dort bestallt."
Ob er noch sprach? Ob schwieg?--vor meinen Ohren
Verklang, sich schnell entfernend, jener Ton.
Doch merkt' ich dies und hab' es nicht verloren.
Und er, in jeder Not mein Helfer schon,
Sprach: "Sieh dorthin, woher die beiden kommen,
Die Traegheit scheuchend und ihr selbst entfloh'n."
Sie riefen jenen nach: "Erst umgekommen
War jenes Volk, dem sich das Meer erschloss,
Bevor der Jordan seine Herr'n bekommen.
Und jenes, das die edle Mueh' verdross,
Bis an sein Ziel Aeneen zu begleiten,
Es ward seitdem ein ruhmlos schlechter Tross."
Die Schatten schwanden kaum in fernen Weiten,
Als ein Gedank' aufs neu' in mir entstand,
Und dieser erste zeigte bald den zweiten,
Dem sich verwirrt der dritte, viert' entwand,
Bis mir zuletzt die Augenlider sanken;
Und wie verschmelzend Bild um Bild verschwand,
Da ward zum Traum das Wogen der Gedanken.


Neunzehnter Gesang

Zur Stunde, da, vom Erdqualm ueberwunden,
Oft vom Saturn, den Nachtfrost zu durchlau'n,
Der Tagesglut die Kraft dahingeschwunden,
Wenn in dem Osten vor des Fruehlichts Grauen
Ihr groesstes Glueck die Geomanten sehen,
Wo's kurze Zeit sich haelt in naecht'gem Braun,
Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen,
Kalkweiss, verstuemmelt, stotternd, krummgebueckt,
Und schielend sah ich sie die Augen drehen.
Ich schaut' auf sie--wie der, den Nachtfrost drueckt,
Gestaerkt wird und belebt vom Blick der Sonnen,
So wurde sie von meinem Blick durchzueckt.
Schnell sprang das Band, das ihre Zung' umsponnen;
Sie richtete sich auf; ein roter Schein
Faerbt' ihr Gesicht, wie Hauch der Liebeswonnen.
Kaum fuehlte sie die Zunge sich befrei'n,
Als sie ein Lied begann, so holden Sanges,
Dass ich auf nichts horcht', als auf sie allein.
"Ich, der Sirenen Suesseste," so klang es,
"Ich bin's, durch die vom Weg der Schiffer schweift;
Denn wer mich hoert, ist voll des Wonnedranges.
Mir folgt' Ulyss, der lang' umhergestreift,
Und wie Entzuecken ihn und Wollust kirren,
Verlaesst mich keiner, der mich ganz begreift."
Noch hoert' ich in der Luft die Toene schwirren,
Sieh, da erschien ein heil'ges Weib, mir nah,
Die Saengerin beschaemend zu verwirren.
"Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?"
Sie rief's mit Zorn, als sie dies Weib entdeckte
Indes er fest nur ihr ins Auge fah.
Sie aber riss das Kleid, das jene deckte,
Ihr vorn entzwei, dass mir der Bauch erschien,
Aus dem Gestank quoll, welcher mich erweckte.
Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn.
"Schon dreimal rief ich dich," begann der Weise.
"Auf, lass uns jetzt zur Felsenoeffnung zieh'n."
Ich richtete mich auf, und alle Kreise
Des heil'gen Bergs erfuellte Morgenpracht
Und leuchtet' hinter uns zu unsrer Reise.
Ich folgt' ihm nach und neigte, laengst erwacht,
Die Stirn, wie einer, der in schweren Sinnen
Sich selbst zum halben Brueckenbogen macht.
"Kommt, hier steigt auf!" So hoert' ich's nun beginnen,
Mit Toenen, wie sie nie im ird'schen Land,
So huldvoll und so suess, das Herz gewinnen.
Die Fluegel, wie des Schwanes, ausgespannt,
Winkt' uns der Engel vor, und beide gingen
Wir durch des Felsens enge Doppelwand.
Er weht' uns an mit den bewegten Schwingen
Und sprach: "Heil dem, der stark das Leid ertraegt,
Denn reichen Trost wird seine Seel' erringen."
"Was hast du, das dich immer noch erregt?
Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?"
So sprach Virgil, als wir uns fortbewegt.
"Ein neu Gesicht--noch seh' ich die Gebaerden"--
Versetzt' ich, "macht mich so in Zweifeln gehn!
Noch kann ich dieses Bilds nicht ledig werden."--
"Die alte Hexe--hast du sie gesehn,
Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen,"
Sprach er, "und wie man's macht, ihr zu entgehn?
Doch weiter jetzt. Schau auf! In maecht'gen Kreisen
Wird dort im klaren himmlischen Gebiet
Lockbilder dir der ew'ge Koenig weisen!"
Wie erst der Falk auf seine Fuesse sieht,
Doch dann nicht saeumt, sich nach dem Ruf zu wenden,
Sich streckt und fliegt, wohin die Beut' ihn zieht.
So ich--so klomm ich zwischen Felsenwaenden,
Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund,
Bis wo die Stiegen auf dem Vorsprung enden.
Und als ich frei im fuenften Kreise stund,
Da lagen Leute, die sich weinend plagten,
Das Auge ganz hinabgewandt, am Grund.
"Ach, meine Seele klebt am Staube!" klagten
Sie all, und ihrer Seufzer laut Getoen,
Es liess mich kaum vernehmen, was sie sagten.
"Ihr Gotterwaehlte, deren Angstgestoehn
Gerechtigkeit und Hoffnung mild versuessen,
O sprecht, wo ist die Stiege zu den Hoeh'n?"
"Kommt ihr, gewiss, nicht liegend hier zu buessen,
So nehmt nur links den Felsen euren Lauf,
Dann liegt der Eingang bald vor euren Fuessen."
So bat Virgil, und so versetzt' es drauf
Nicht weit von uns, und, schnell erratend, klaerte
Ich, was drin sonst verborgen war, mir auf.
Als ich den Blick nach dem des Fuehrers kehrte, .
Stimmt' er mit frohem Winke gern mir bei,
Ich moege tun, was mein Gesicht begehrte.
Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei,
So sucht' ich ihn, des Wort den Sinn verborgen:
Er wisse nicht, dass ich noch lebend sei.
Und sprach: "O Geist, fuer den des Heiles Morgen
Durch Traenen frueher tagt, o lass fuer mich
Ein wenig ab von deinen groessern Sorgen.
Wer warst du? Und was kehrt dein Ruecken sich
Empor? Und dort, woher ich, noch im Leben,
Gekommen bin, dort bitt' ich dann fuer dich."
"Wie wir hier liegen fuer verkehrtes Streben,
Bald hoerst du's," sprach er, "doch vernimm zuvor:
Mir waren Petri Schluessel uebergeben.
Bei Siestri rollt aus einem Tal hervor
Ein schoener Fluss, den das Geschlecht der Meinen
Zu seinem ersten Titel sich erkor.
Ich fuehlt' als Papst fuenf Wochen lang, dass einen,
Der rein die Stola haelt, sie so beschwert,
Dass leicht, wie Flaum, all andre Buerden scheinen.
Und leider, ward ich nur zu spaet bekehrt;
Doch als ich zu dem Heil'gen Stuhl gelangte,
Da ward ich von des Lebens Trug belehrt.
Ich sah, dass dort das Herz nie Ruh' erlangte,
Dass jenes Leben mir nichts Hoeh'res bot,
Daher ich heiss nach diesem nur verlangte.
Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott,
Und voellig machte mich der Geiz zum Sklaven,
Dafuer sie mich bestraft mit dieser Not.
Die Laeutrungsqualen, die mich hier betrafen,
Tun dir des Geizes Art und Wesen kund,
Und auf dem Berg gibt's keine haertern Strafen.
Wie einst das Auge nicht nach oben stund,
Und nur gefesselt war von ird'schen Dingen,
So drueckt's Gerechtigkeit hier an den Grund.
Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen,
Der Geiz erstickt und nimmer handeln laesst,
So haelt Gerechtigkeit in festen Schlingen
Hier Hand und Fuss gebunden und gepresst;
So liegen wir, bis uns der Herr die Glieder
Einst wieder loest, hier unbeweglich fest."
Antworten wollt' ich ihm und kniete nieder,
Doch, da ich sprach und er durchs Ohr erkannt,
Dass Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder:
"Was kniest du hier?" Und ich drauf: "Ich empfand
Ob deiner Wuerde Vorwuerf im Gewissen,
Dass ich vor dir noch g'rad' und aufrecht stand."
"Bruder, steh auf!"--so er--"du musst ja wissen,
Dein Mitknecht bin ich nur von einer Macht,
Der du und ich und all uns beugen muessen.
Und hattest du des heil'gen Spruches acht:
Sie freien nicht, so wirst du dir erklaeren,
Was ich bei meiner Rede mir gedacht.
Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zaehren,
Die frueher mir--denk' an dein eignes Wort--
Das Morgenlicht des ew'gen Heils gewaehren.
Alagia, eine Nichte, hab' ich dort,
Gut von Natur, reisst nicht zu schlechten Trieben
Sie der Verwandten uebles Beispiel fort,
Und sie allein ist jenseits mir geblieben."


Zwanzigster Gesang

Schwer kaempft der Wille gegen bessern Willen,
Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund,
Weil er es wuenscht', ohn' erst den Durst zu stillen.
Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund
Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade,
Gleich engem Steg am Mauerzinnenrund.
Denn jene Schar, die sich im Traenenbade
Vom Uebel, das die Welt erfuellt, befreit,
Versperrt' uns mehr nach aussen hin die Pfade.
Du alte Woelfin, sei vermaledeit!
Kein Tier erjagt sich Beute gleich der deinen,
Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit.
O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen,
Der Erde Sein und Zustand wandeln soll,
Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen?
Wir gingen langsam fort und muehevoll
Ich, horchend, als aus jener Schatten Mitte
Ein jammervoller Klageton erscholl.
"Maria, Suesse!" klang's vor meinem Schritte,
Und wie ein kreissend Weib zu jammern pflegt,
So klaeglich schien der Ruf der frommen Bitte.
"Du warst so arm!" so sagt' es dann bewegt,
"Der Armut sehn wir jene Kripp' entsprechen,
In welche du die heil'ge Frucht gelegt."
"Fabricius, Wackrer!" hoert' ich's weiter sprechen,
"Tugend mit Armut schien dir mehr Gewinn
Als der Besitz des Reichtums mit Verbrechen."
Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn,
Und um zu sehn, wer von den Felsenbaenken
Sie ausgesprochen, wandt' ich mich dahin.
Und weiter sprach er noch von den Geschenken,
Die Nikolaus gemacht den Maegdelein,
Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken.
"O Geist, der du so wohl sprichst," fiel ich ein,
"Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde
Erneust du hier so wuerd'ges Lob allein?
Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde,
Kehr' ich zurueck zum Rest der kurzen Bahn
Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde."
Und er: "Nicht will von dort ich Hilf empfah'n,
Doch red' ich, denn mir strahlt im hellen Lichte
Die Huld, die Gott dir vor dem Tod getan.
Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte
Umschattung huellt die ganze Christenheit,
Von dem man selten nur pflueckt gute Fruechte.
Doch waere schon die Rache nicht mehr weit,
Wenn Macht Gent, Bruegge, Lille und Douai haetten,
Auch bitt' ich drum des Herrn Gerechtigkeit.
Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten,
Philipp' und Ludwige, die auf den Thron
Des schoenen Frankreichs jetzt sich ueppig betten.
Als ich lebt' in Paris, ein Metzgersohn,
Erstarb der Koenigsstamm in allen Zweigen,
Und nur noch einer lebt' in Schmach und Hohn;
Da macht' ich mir des Reiches Zaum zu eigen,
Und so vermehrt' ich meine Macht alsdann,
So sah ich sie durch Land und Freunde steigen,
Dass den verwaisten Thron mein Sohn gewann,
Von welchem nach dem Walten ew'ger Maechte
Die Reihe der Gesalbten dort begann.
Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte
Der Meinen nicht die heil'ge Scham entriss,
Galt's wenig zwar, allein vermied das Schlechte.
Seitdem veruebt' es Tat der Finsternis,
Log, raubt' und stahl, worauf's, aus Reu' und Busse,
Die Normandie und Ponthieu an sich riss.
Karl kam nach Welschland, und, aus Reu' und Busse,
Koepft' er den Konradin und sandte drauf
Den Thomas heim zu Gott, aus Reu' und Busse.
Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf,
Denn besser sollt ihr seine Sitt' erkennen
Und seines Stammes Art, aus Frankreich auf.
Zur Ruestung wird er nicht sich Zeit vergoennen,
Und nur mit Judas Lanze, so, dass dir,
Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen.
Nicht Land, nur Suend' und Schmach gewinnt er hier.
Und traegt er sie gar leicht und unbefangen,
So wird er einst noch mehr gedrueckt von ihr.
Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen,
Verschachert, wie die Sklavin der Korsar,
Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen.
Ach, was vermagst nicht du, o Geiz! Sogar
Sein eignes Fleisch beut, schmaehlich ueberwunden
Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar.
Doch ist der Frevel schon in nichts verschwunden;
Ich seh' Alagna, wo die Lilie weht!
Seh' im Statthalter Christum selbst gebunden.
Seh' ihn drauf verspottet und geschmaeht!
Seh' ihn aufs neue Gall' und Essig schmecken!
Seh' ihn, der unter Raeubern dann vergeht!
Den grimmigen Pilatus seh' ich schrecken
Und, noch nicht satt, ihn, ohne Kirchenschluss,
Die gier'ge Hand nach Kirchenguetern strecken.
Gott, was saeumt dein Raecherarm? Was muss
So lang' an mir gerechter Unmut nagen?
Die Frevler strafend, stille den Verdruss!--
Du hoertest mich vorhin von jener sagen,
Die einzig ist des Heil'gen Geistes Braut,
Und dies beweg dich, nach dem Grund zu fragen.
Von ihr erklingt das Flehen leis und laut
Beim Tageslicht, doch von den Gegensaetzen
Toent unsre Klage, wenn die Nacht ergraut.
Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen,
Der ein Verwandtenmoerder ward, ein Dieb
Und ein Verraeter aus Begier nach Schaetzen;
Des Midas, der so lang im Elend blieb,
Das jedem, der ihn sah, weil's ihn nicht freute,
Als er die Gier gestillt, zum Lachen trieb;
Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute,
Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann
Des Josua Zorn, der ihm im Leben draeute.
Sapphiren tadeln wir und ihren Mann
Und loben den, der hinwarf Heliodoren;
Den ganzen Berg umkreist mit Schande dann
Polynestor, der totschlug Polydoren.
Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt
Das Gold, das du zur Lieblingsspeis' erkoren?
Der redet laut, der leis und unentdeckt,
Je wie der Drang des Leids, das wir erproben,
Uns minder oder mehr erregt und weckt.
Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben,
Hier nicht allein, nur dass zu lautem Klang,
Die mir hier nah sind, nicht die Stimm' erhoben."
Wir richteten nun vorwaerts unsern Gang,
Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen,
So schleunig, als es nur der Kraft gelang.
Da aber zitterten des Berges Massen,
Als stuerz' er hin, und Furcht erfasste mich,
Wie sie den, der zum Tod geht, pflegt zu fassen.
Nicht schuettelte so heftig Delos sich,
Eh, beide Himmelsaugen zu gebaeren,
Dorthin zum sichern Nest Laton' entwich.
Rings braust' ein Ruf, um meine Furcht zu mehren,
Doch naeher trat zu mir mein Meister da:
"Ich fuehre dichl--was magst du Sorgen naehren?"
Und koennt' ich aus den Stimmen, die mir nah
Erklangen, recht das ganze Lied verstehen,
Klang's: Deo in excelsis gloria!
Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen,
Die diesen Sang zum erstenmal gehoert,
Und liessen Erdenstoss und Lied vergehen.
Doch dann, zum heil'gen Weg zurueckgekehrt,
Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen,
Schon wieder vom gewohnten Leid beschwert.
Noch nie bekaempften sich mit solchen Plagen
In mir Unwissenheit und Wissbegier,
Mag ich auch forschend die Erinnrung fragen:
Wonach ich gruebelnd je gespaeht?--wie hier.
Nicht fragen duerft' ich, denn er ging von hinnen,
Und nichts erklaeren koennt' ich selber mir;
So ging ich schuechtern fort in tiefem Sinnen.


Einundzwanzigster Gesang

Der Durst, den die Natur gegeben hat,
Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade
Die Samariterin den Heiland bat,
Verzehrte mich, und auf verengtem Pfade
Trieb Eile mich, dem Fuehrer nachzuzieh'n,
Voll Gram, dass Schuld uns so mit Leid belade.
Und sieh, wie Kunde Lukas uns verlieh'n,
Dass Christus zween, die unterweges waren,
Erstanden aus dem Grabgewoelb', erschien;
So uns ein Schatten--hinter uns, die Scharen,
Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort
Und liess sich sprechend erst von uns gewahren.
"Gott geb' euch Frieden, Brueder!" war sein Wort,
Das ploetzlich hin zu ihm uns beide kehrte;
Und ziemend dankt' ihm mein getreuer Hort
Und sprach: "Zu denen, so der Herr verklaerte,
Versetz' er dich, zu jenem sel'gen Chor,
Des Frieden er auf ewig mir verwehrte."
Und jener sprach: "Wenn Gott euch nicht erkor,"
(Doch saeumte nicht, indessen fortzugehen,)
"Wer leitet' euch die heil'ge Stieg' empor?"
Virgil darauf: "Sieh hier die Zeichen stehen,
Die diesem eingepraegt vom Engel sind,
Und dass er auserwaehlt ist, wirst du sehen.
Allein weil sie, die unablaessig spinnt,--
Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen,
Den Klotho anlegt, wenn ein Sein beginnt,
Haett' er, allein, die Hoehe nie gewonnen,
Weil seine Seele, Schwester dir und mir,
Noch nicht nach unsrer Art zu sehn begonnen.
Drum bin ich aus dem Hoellenschlunde hier,
Und meine Schule wies und weist ihm alles,
Was sie gewaehren kann der Wissbegier.
Doch sprich, was schwankte so gewalt'gen Pralles
Vorhin der Berg? Was toente bis zum Strand
Der allgemeine Ruf so lauten Schalles?"
Mein teurer Meister, also fragend, fand
So meiner Sehnsucht Ohr, dass mein Begehren,
Mein Durst durch Hoffnung Lindrung schon empfand.
Und jener sprach: "Den Berg, den heil'gen, hehren,
Nichts trifft ihn sonder Ordnung, was es sei,
Und ew'ge Regel herrscht in diesen Sphaeren.
Stets ist er hier von jeder Stoerung frei;
Wenn einen Geist von ihm Gott aufgenommen,
Verkuenden's Erdenstoss und Jubelschrei.
Wer jene kleine Stieg' emporgeklommen
Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Tau,
Nicht Hagel mehr, noch Schnee, noch Regen kommen.
Kein Woelkchen truebt hier je des Himmels Blau,
Nie blinkt des Blitzes Schnell verschwundne Helle'
Nie baut sich Iris' Brueck' auf dunkelm Grau.
Kein trockner Dunst steigt ueber jene Stelle,
Von der ich sprach, auf der die Fuesse stehn
Des Pfoertners von der diamantnen Schwelle.
Von Stuermen, die im Erdenschoss entstehn,
Mag's sein, dass unten oft der Berg erdroehne,
Hier--wie, begreif ich nicht--ist's nie gescheh'n.
Hier bebt er, wenn in neuer Rein' und Schoene
Die Seele fuehlt, sie woll' erhoben sein.
Ihr Steigen foerdern dann die Jubeltoene.
Der Reinheit Prob' ist dieser Will' allein;
Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu ruesten,
Und er verleiht ihr sicheres Gedeih'n.
Erst will sie zwar, doch fuehlt' auch, mit Geluesten
Nach laengrer Qual, dass nach Gerechtigkeit,
Die, so einst suendigten, erst leiden muessten.
Ich lag fuenfhundert Jahr' in diesem Leid
Und laenger noch und fuehlte mir soeben .
Zum Aufwaertszieh'n den Willen erst befreit.
Drum fuehltest du den ganzen Berg erbeben,
Drum pries den Herrn die ganze fromme Schar,
In Hoffnung, bald sich selber zu erheben."
Sprach's, und je heisser die Begierde war,
Je mehr fuehlt' ich vom Tranke mich erquicken
Und fuehlte mich gestaerkt und frei und klar.
Virgil drauf: "Welche Netz' euch hier umstricken,
Wie ihr entschluepft, was durch den Berg gezueckt,
Was Jubeltoen' empor die Seelen schicken,
Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrueckt.
Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen?
Und was hat hier so lang dich schwer gedrueckt?"
Drauf jener: "Damals, als das hoechste Wesen,
Das Blut zu raechen, das fuer schnoedes Geld
Judas verkauft, den Titus auserlesen,
Da lebt' ich mit dem Namen, der bei Welt
Und Nachwelt gilt, geschmueckt mit hoechstem Preise,
Doch war noch nicht vom Glaubenslicht erhellt.
So suess war des klangreichen Geistes Weise,
Dass Rom mich Tolosanen rief und hoch
Mich ehrte mit verdientem Myrtenreise.
Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch.
Von Theben hob' ich, vom Achill gesungen,
Bis unterwegs ich sank dem zweiten Joch.
Auch meine Glut ist an der Flamm' entsprungen,
Der goettlichen, die Funken ausgesprueht
Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen.
Sie, die Aeneis, ist's, die mich durchglueht,
Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten,
Und ohne sie war ich umsonst bemueht.
O haett' ich mit Virgil gelebt! Mit nichten
Schien mir's zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann,
Dafuer auf die Befreiung zu verzichten."
Bei diesen Worten sah Virgil mich an
Mit einem Blick, der schweigend sagte: Schweige!
Doch weil die Kraft, die will, nicht alles kann,
Nicht hindern kann, dass sich die Seele zeige,
Und, wie durch sie die jaehe Regung blitzt,
Traen' oder Laecheln uns ins Antlitz steige,
So blinkt' ich laechelnd mit den Augen itzt,
Drum sah mir jener, dem dies nicht entgangen,
Ins Auge, wo das Bild der Seele sitzt.
"So wie du moegst zum grossen Ziel gelangen,"
Begann er drauf, mir zugewandt, "So sprich:
Was schwebt' ein Laecheln jetzt um deine Wangen?"
Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich.
Der heisst mich schweigen, jener, offenbaren.
Ich seufze nur, doch man ergruendet mich.
"Du magst dir jetzt das laengre Schweigen sparen,"
Begann Virgil, "sprich nur, denn er beweist
.Zu grosse Sehnsucht, alles zu erfahren."
"Vielleicht wohl wundert's dich, du alter Geist,"
Also begann ich jetzo, "dass ich lachte,
Doch will ich, dass du mehr verwundert seist.
Er, der mich aufwaerts fuehrt, wohin ich trachte,
Es ist Virgil, der Quell, der deinen Sang
Von Helden und von Goettern stroemen machte.
Glaubst du, das andrer Grund des Lachens Drang
In mir erregt, magst du den Glauben lassen;
Es war dein Wort, das mich zum Lachen zwang."
Da neigt' er sich, die Knie ihm zu umfassen,
Zu meinem Hort, der sprach: "Lass, Bruder, lass!
Wir sind ja Schatten beid' und nicht zu fassen."
Und er stand auf und sprach: "Du wirst das Mass
Der Liebe, die mich an dich zieht begreifen,
Da ich der Koerper Mangel ganz vergass
Und Schatten sucht' als Festes zu ergreifen."


Zweiundzwanzigster Gesang

Schon hinter uns geblieben war der Engel,
Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt
Und mir getilgt ein Zeichen meiner Maengel.
Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt,
Sie riefen: "Heil dem Duerstenden!" und schwiegen,
Und ohne weitres war ihr Sinn erklaert.
Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen,
Ging aufwaerts, den behenden Geistern nach,
Und sonder Muehe ward der Kreis erstiegen.
"An Lieb', entzuendet von der Tugend," sprach
Mein Meister nun, "ist andre stets entglommen,
Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach.
Darum, seit Juvenal hinabgekommen
Zum Hoellenvorhof, und mit uns vereint,
Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen,
War ich in Liebe dir so wohlgemeint,
Wie wir sie selten Niegesehnen weihen,
So, dass nun kurz mir diese Stiege scheint.
Doch sprich und wolle mir als Freund verzeihen,
Loest mir zu grosse Sicherheit den Zaum,
Und wolle Kunde mir als Freund verleihen:
Wie fand der Geiz doch--ich begreif es kaum--
Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben
Errungen hat, in deinem Busen Raum?"
Hier sah ich Laecheln jenes Mund umschweben,
Dann sprach er: "Jedes Wort aus deinem Mund,
Zeugt's nur von Liebe, muss mir Freude geben.
Oft werden uns von aussen Dinge kund,
Die falsche Zweifel in der Seel' erregen,
Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund.
Du scheinst--die Frage zeigt's--den Wahn zu hegen,
Dass mich der Geiz auf Erden einst geplagt,
Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen.
Jetzt wisse, dass ich ihm zu sehr entsagt,
Und dieses Unmass hab' ich hier in Schlingen
So viele tausend Monden lang beklagt.
Dort unten muesst' ich, Steine waelzend, ringen,
Haett' ich dein zuernend Warnen nicht gehoert:
Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen.
Verfluchter Durst nach Gold, der uns betoert!--
Die ernste Mahnung hoert' ich dich verkuenden
Und ward aus eitlen Traeumen aufgestoert.
Dass nur zu offen meine Haende stuenden,
Dies ward mir nun in meinem Geiste klar,
Mit Reu' ob dieser und der andern Suenden.
Wieviel' erstehn einst mit verschnittnem Haar,
Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, dass Suehne
Durch Reu' auch diesem Fehler noetig war.
Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Buehne
Sich einer andern g'rad' entgegensetzt,
Verliert zugleich mit ihr hier ihre Gruene.
Drum sahst du mich bei jenen Scharen jetzt
Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen;
Drum hat das Gegenteil mich herversetzt."
"Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen.
Die Jokasten Gram zu Gram gefuegt,"
Sprach jener, dem das Hirtenlied gelungen,
"War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht truegt,
Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet,
Bei dessen Mangel keine Tugend g'nuegt.
Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet,
Welch irdisch Licht, dass du an deinem Kahn
Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?"
Und er: "Du zeigtest mir zuerst die Bahn
Zu dem Parnass und seinen suessen Quellen
Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nah'n.
Dem, der bei Nacht geht, warst du gleichzustellen,
Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht,
Um hinter ihm die Strasse zu erhellen,
Indem du sprachst: Erneuert wird die Zeit,
Ich seh' ein neu Geschlecht vom Himmel steigen
Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit.
Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen,
Durch dich ward ich den Christen beigesellt;
Wie? Soll sich dir in klarem Bilde zeigen.
Vom wahren Glauben schwanger war die Welt
Schon ueberall; es streuten diesen Samen
Die Boten ew'gen Reichs ins weite Feld.
Mit deinem oft beruehrten Worte kamen
Die neuen Pred'ger saemtlich ueberein,
Drum folgt' ich denen, die ihr Wort vernahmen.
Sie schienen mir so heilig und so rein--
Und als sie Domitian verfolgte, machten
Mich weinen ihre Klag' und ihre Pein.
Und ihnen beizustehn war all mein Trachten,
Da mir so redlich ihre Sitt' erschien;
All andre Sekten musst' ich drum verachten.
Eh' dichtend, ich an Thebens Fluesse zieh'n
Die Griechen liess, hatt' ich die Tauf empfangen,
Obwohl ich aeusserlich als Heid' erschien,
Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen;
Und ob der Lauheit hab' ich mehr als vier
Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen.
Sprich jetzo du, der du den Schleier mit
Gehoben hast vom Heile, das ich preise,
Denn Zeit genug beim Steigen haben wir:
Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise,
Caecilius, Plautus?--sprich, ich bitte sehr,
Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?"
"Sie, ich und mancher sonst," erwidert' er,
"Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten,
Den Musenmilch getraenkt, wie keinen mehr,
Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten;
Oft sprachen wir von jenem Berge schon,
Wo unsre suessen Naehrerinnen walten.
Dort ist Euripides, Anakreon
Mit vielen Griechen, die der Lorbeer kroente,
Mit dem Simonides und Agathon.
Auch sie, von welchen einst dein Lied ertoente,
Antigone, Ismene, so gebeugt,
Wie einst, da sie um den Verlobten stoehnte.
Auch jene, die das Kind, das sie gesaeugt,
Rueckkehrend von Langia, tot gefunden,
Und Daphne, von Tiresias erzeugt."
Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,
Vom Steigen frei und von der Felsenwand,
Und sah'n umher, das Weitre zu erkunden.
Die fuenfte Dienerin des Tages stand
Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten,
Der Deichsel Flammenspitz' emporgewandt.
"Wir kehren, denk' ich, unsre rechten Seiten",
Begann mein Herr, "zum freien Rande hin,
Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten."
So ward Gewohnheit unsre Fuehrerin;
Auch Statius winkte Beifall dem Genossen,
Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn,
Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,
Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort,
Die meinem Geist der Dichtung Tief' erschlossen.
Doch machte bald der Dichter suesses Wort
Ein Baum mit wuerzig duft'gen Aepfeln schweigen.'
Inmitten unsers Weges stand er dort;
Und wie die Tann' aufwaerts, von Zweig zu Zweigen
Sich enger abstuft, so von Spross zu Spross
Er niederwaerts, erschwerend das Ersteigen.
Auf jener Seite, wo der Weg sich schloss,
Fiel klares Nass vom hohen Felsensaume,
Das auf die Blaetter spruehend sich ergoss.
Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,
Aus dessen Zweigen eine Stimm' erscholl:
"Die Speise hier wird teuer eurem Gaume."
"Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll
Sie auszurichten, galt Marias Sinnen,
Nicht ihrem Mund, der fuer euch sprechen soll.
Nur Wasser tranken einst die Roemerinnen;
Nicht Koenigskost hat Daniel gewollt,
Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen.
Die Urzeit war so schoen wie lautres Gold,
Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen
Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt.
Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen
Der Taeufer in der Wueste nicht verschmaeht,
Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen,
Wie's offenbart im Evangelium steht."


Dreiundzwanzigster Gesang

Indes ins Laubwerk meine Blicke drangen,
So scharf und spaehend, wie sie einer spannt,
Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen,
Rief er, der mehr als Vatersorg' empfand:
"Sohn, komm. Die Zeit, die uns verlieh'n zum Reisen,
Sei eingeteilt und nuetzlicher verwandt."
Schnell wandt' ich Blick und Schritt zu beiden Weisen,
Die also sprachen, dass zum leichten Gang
Die Muehe ward, den Felsen zu umkreisen.
Sieh, da erklangen Klagen und Gesang:
"Herr, meine Lippen," klang's mit einem Stoehnen,
Das mich zugleich mit Lust und Leid durchdrang.
"Mein suesser Vater, welche Stimmen toenen?"
Ich rief's, und er drauf: "Schatten sind's, die nun
Fuer einst versaeumte Pflicht den Herrn versoehnen."
Wie unterweges eil'ge Wandrer tun,
Die Leut' einholen, welche sie nicht kennen,
Und sich zwar umsehn, doch nicht stehn und ruh'n;
So kam jetzt hinter uns in schnellerm Rennen
Ein frommer Haufe, lief vorbei und schaut'
Uns staunend an, um schweigend fortzurennen.
Die Augen tief und hohl und nachtumgraut,
Erschienen sie, die Hagern, die Erblassten,
Die Knochen alle sichtbar durch die Haut.
So mager, glaub' ich, war nach langem Fasten,
So ausgetrocknet nicht Erisichthon,
Als nun sein eignes Fleisch die Zaehn' erfassten.
Sie gleichen jenen, dacht' ich, da sie floh'n,
Die einst Jerusalem verloren haben,
Wo selbst die Mutter frass den eignen Sohn.
Tief war das Aug' in seinem Rund vergraben,
Das einem Ringe sonder Gemme glich,
Und Nas' und rings die Knochen scharf erhaben.
Dass eines Apfels Duft so jaemmerlich
Zurichten koenn' und Duft von einer Quelle,
Begier erzeugend, wer wohl daecht' es sich?
Schon staunt' ich, wie der Hunger sie entstelle,
Indem ich noch die Ursach' nicht verstund,
Von ihrem magern Leib und traur'gem Felle.
Da sah ich, wie aus seines Hauptes Grund
Ein Geist auf mich die Augen forschend richte,
Der ausrief: Welche Gnade wird mir kund?
Nie haett' ich ihn erkannt am Angesichte,
Doch durch die Stimme ward mir offenbart,
Wie Hunger Ansehn und Gestalt vernichte.
Und dieser Funke machte voellig klar
Mir die Erinnrung, dass ich sein gedachte,
Und sah, dass dies Foreses Antlitz war.
Und er begann nun flehend: "Ach, verachte
Die duerre Haut nicht, noch mein blass Gesicht,
Ob auch die Schuld um alles Fleisch mich brachte.
Gib wahrhaft mir von deinem Los Bericht,
Und von den zwei'n, die bei dir sind--ich flehe!--
Verweigre mir erwuenschte Kunde nicht."
"Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe,"
Begann ich, "als ich's tot sah, ich geklagt,
Betruebt mich mehr, da ich's so hager sehe.
Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt.
Nicht wolle, dass ich, weil ich staun', erzaehle,
Denn uebel spricht, wen selbst die Neugier plagt."--
"Vom ew'gen Rat", so sprach Foreses Seele,
"Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt,
Durch die ich hier mich abgemagert quaele.
Sie ist's, die jeden, der hier weinend singt,
Zur Heiligkeit vom wuesten Schwelgerleben
Durch Hunger und durch Durst zurueckebringt.
Der Duft, den jene Fruechte von sich geben,
Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust
Nach Speis und Trank ein nie gestilltes Streben.
Sooft im Kreis wir dorthin zieh'n gemusst,
Wird immer diese Pein in uns erneuert.
Ich sage Pein und sollte sagen: Lust,
Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert,
Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht,
Wo unsrer Schmach sein teures Blut gesteuert."
Drauf ich: "Forese, seit du jene Nacht
Vertauscht mit diesem bessern Leben, zaehlte
Man nur fuenf Jahr', die kaum den Lauf vollbracht.
Wenn dir die Kraft zu suend'gen eher fehlte,
Als du durchdrungen warst von gutem Leid,
Das stets die Seele neu mit Gott vermaehlte,
Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit?
Dort unten dich zu finden musst' ich meinen,
Wo man verlorne Zeit ersetzt durch Zeit."
Und er: "Zum suessen Wermutstrank der Peinen
Hat mich befoerdert meiner Nella Fleiss
In frommem Fleh'n und ihr unendlich Weinen.
Denn ihr Gebet, ihr Stoehnen fromm und heiss,
Hat mich der Kueste, wo man harrt, entzogen
Und mich befreit aus jedem andern Kreis.
Ihr. die ich so geliebt, ist Gott gewogen,
Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefaellt,
Sich ganz vom Pfad der andern abgezogen.
Der Sarden rohes Bergesland enthaelt
Mehr Scham und Sitte noch in feinen Frauen
Als das, wo ich sie liess in jener Welt.
O suesser Bruder, soll ich dir's vertrauen?
Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut
Nicht alt erscheinen wird, vor mir zu schauen,
Wo man den frechen Frau'n, die ungescheut
Den Busen mit den Bruesten offenbaren,
Dies von der Kanzel in Florenz verbeut.
Wann mussten Frau'n von Tuerken und Barbaren,
Um mit bedeckter Brust einherzugehn,
Von Staat und Kirche Ruegen erst erfahren?
Doch koennten nur die Unverschaemten sehn,
Was ihnen schon der Himmel vorbereitet,
Sie wurden heulend, offnen Mundes, stehn.
Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet,
Eh' auf des Wange, der jetzt eingelullt
Von Eipopeia wird, sich Flaum verbreitet.
Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld.
Sieh alle, die dorthin die Augen lenken,
Wo du die Sonne deckst, voll Ungeduld."
Und ich versetzt' ihm: "Willst du des gedenken,
Was du mit mir einst warst, und ich mit dir,
So wird noch jetzt dich die Erinnrung kraenken.
Vor kurzem hat von dort er, der vor mir
Als Fuehrer geht, mich mit sich fortgenommen,
Als rund euch schien der Bruder dieser hier."
--Die Sonne zeigt' ich--"Mir zum Heil und Frommen
Bin ich durch wahren Todes tiefe Nacht
Mit ihm in diesem wahren Fleisch gekommen.
Er hat im Kreislauf mich emporgebracht
Zu diesem Berg, wo die sich g'rad' erheben,
Die einst das Erdenleben krumm gemacht.
Er wird mir sein Geleit so lange geben,
Bis ich gelangt zu Beatricen bin;
Ohn' ihn dann muss ich weiter aufwaerts streben.
Es ist Virgil"--hier zeigt' ich nach ihm hin--
"Sieh auch den andern und erkenne diesen
Als den, ob des der Berg gebebt vorhin,
Da euer Reich ihn von sich weggewiesen."


Vierundzwanzigster Gesang

Nicht hemmt' uns Gehn im Reden, Red' im Gehn;
Der Lauf ging beim Gespraech so rasch vonstatten,
Wie eines Schiffs bei guten Windes Weh'n.
Und die, wie's schien, zweimal gestorbnen Schatten,
Sie sogen Staunen durch die Augen ein,
Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten.
"Wohl eil'ger", sprach ich weiter, "wuerd' er sein,
Zum Platz zu zieh'n, der dort ihm angewiesen,
War' er nicht aufgehalten von uns zwei'n.
Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen,
Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht,
Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?"
"Sie, meine Schwester, einst so schoen als gut,
Traegt dort, wo wir das ew'ge Licht erkennen,
Die Krone des Triumphs mit heiterm Mut."
Sprach's, und darauf: "Hier darf man alle nennen,
Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt,
Wuerd' einer sonst den andern nimmer kennen.
Sieh dort"--er sprach's, den Finger hingekehrt--
"Den Buonagiunta; sieh dort den Erblassten,
Vom Hunger mehr als jeden sonst, verheert,
Des Arme dort die heil'ge Kirch' umfassten.
Er war von Tours und buesst hier manchen Schmaus
Von weinersaeuften Aal mit schwerem Fasten."
Noch waehlt' er manchen von der Schar heraus
Und nannt' ihn mir, was jeden sehr erfreute,
Und keiner sah drum trueb und finster aus.
Ich Sah den Bonifaz, der viel Leute
Mit Pfruendenfett geatzt; den Ubaldin,
Der an den Zaehnen selbst vor Hunger kaeute;
Sah den Marchese, den, trotz allem Zieh'n
Aus seinem Krug, der Durst nur aerger brannte,
Und dem der Mund bestaendig trocken schien.
Doch wie, wer viel sah, eins nur waehlt. So wandte
Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt,
Der, wie es schien, mich dort am besten kannte.
Er murmelt' in sich, und von seinem Mund,
An dem sich hier der Schlemmer Suenden raechen,
Ward etwas wie das Wort Gentucca kund.
Ich sprach: "Der du das Schweigen abzubrechen
So luestern scheinst, sprich so, dass man's versteht,
Und dich und mich befriedige dein Sprechen."
Drauf er: "Ein Weib, das noch entschleiert geht,
Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen,
So sehr man diese Stadt auch immer schmaeht.
Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen,
Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit
Wird dir die Wirklichkeit er klarer sagen.
Doch sprich, erblick' ich den in meinem Leid,
Der jene neuen Weisen fand, beginnend:
Ihr Frau'n, die ihr der Liebe kundig seid."
Drauf ich: "Dem Hauch der Liebe lausch' ich sinnend;
Was sie mir immer vorspricht, nehm' ich wahr
Und schreib' es nach, nichts aus mir selbst ersinnend."
"Die Schlinge, Bruder," sprach er, "seh' ich klar,
Die von dem neuen suessen Stil gehalten
Mich diesseits hat, Guitton' und den Notar.
Ich seh', ihr lasset nur die Liebe walten,
Und eure Feder folgt, wie sie gebeut,
Wir aber liessen sie nicht also schalten.
Wer, Beifall suchend, keck sie ueberbeut,
Gibt Schwulst, statt des, was euch Natur verliehen."
Er schwieg und schien befriedigt und erfreut.
Wie Voegel, die zum Nil im Winter ziehen,
Sich oft versammeln in gedraengtem Hauf
Und schneller dann in Streifen weiterfliehen;
So machten alle dort sich wieder auf,
Die, abgewandt, sich eilig fort begaben,
Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf.
Und gleich wie einer, atemlos vom Traben,
Die andern laesst, um ganz gemach zu gehn,
Bis ausgeschnauft die heissen Laugen haben,
So war es mit Forese jetzt gescheh'n;
Er, hinter mir, liess zieh'n die heil'ge Herde
Und sprach: "Wann werd' ich wohl dich wiedersehn?"
"Nicht weiss ich es. Doch glaub' ich, dass der Erde",
Versetzt' ich, "nicht so schnell mein Geist entfleugt,
Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde.
Denn seh' ich dort den Ort, der mich erzeugt,
Tagtaeglich mehr vom Guten sich entbloessen
Und jaemmerlich bereits zum Sturz gebeugt!"
Und er: "Jetzt geh, den Stifter alles Boesen
Seh' ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort,
Von welchem Reu' und Traenen nie erloesen.
Stets schneller geht der Lauf des Tieres fort,
Und endlich laesst's den Leib des Jammervollen
Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort.
Nicht lange werden diese Kreise rollen"
--Zum Himmel blickt er auf--"und klar wird dir,
Was daemmernd nur mein Wort dir zeigen sollen.
Du bleibe jetzt; die Zeit ist teuer hier,
Und dass ich gleichen Schritts mit dir gegangen,
Dies kostet mich bereits zuviel von ihr."
Wie einer, wenn die Reiter vorwaerts drangen,
Hervorsprengt aus der Reih', in der er ritt,
Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen,
So trennt' er sich von uns mit groesserm Schritt,
Indes ich hinter ihm mit meinem Horte
Und mit dem andern Meister weiterschritt.
Schon war er vor uns an so fernem Orte,
Dass ihm mein Blick dahin durch weiten Raum,
Wie die Erinnrung folgte seinem Worte;
Als wir voll Obstes einen andern Baum
Mit ueppigem Gezweig nicht fern entdeckten,
Da wir uns bogen um des Kreises Saum.
Und Leute, die hinauf die Haende streckten,
Schrien auf zum Laub, das in die Luefte steigt,
Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten,
Die bitten, waehrend der Gebetne schweigt,
Und, um zu schaerfen die Begier, ihr Sehnen
Hoch hinhaelt und es frei und offen zeigt.
Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Waehnen;
Wir aber schritten zu dem Baum heran,
Der alle Bitten abweist, alle Traenen.
"Vorueber schreitet, denn ihr duerft nicht nah'n!
Der Baum, der Even reizt', ist weiter oben.
Von ihm hat dieser seinen Keim empfah'n."
So sprach, ich weiss nicht wer, vom Baume droben,
Weshalb Virgil mit Statius, engverschraenkt,
Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben.
"An die verfluchten Wolkensoehne denkt,"
Sprach's, "die dem Theseus mit den Doppelbruesten
Im Kampf getrotzt, von zuviel Wein getraenkt.
An die Hebraeer denkt und ihr Geluesten,
Und denkt, weshalb verschmaeht hat Gideon,
Mit ihnen gegen Midian sich zu ruesten."
So gingen wir, dem Felsen nah, davon,
Und hoerten aus des Laubs geheimer Regung
Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn.
Dann aber ging's mit freierer Bewegung
Auf breitem Pfad an laufend Schritte fort,
Und jeder schwieg in sinniger Erwaegung.
"Was geht ihr drei so ernst erwaegend dort?"
Rief's ploetzlich nun, ich aber fuhr zusammen,
Gleich einem scheuen Ross, bei diesem Wort.
Mein Haupt kehrt' ich dorthin, woher zu stammen
Die Rede schien, und sah in rotem Schein
Glas und Metall nie so im Ofen flammen,
Wie einen hier, der sprach: "Hier geht ihr ein,
Wollt ihr empor zur freien Hoehe kommen,
Und im Genuss des ew'gen Friedens sein."
Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen,
Drum wandt' ich mich zu meinen Fuehrern hin,
Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen.
Und wie des Morgenrots Verkuenderin,
Die, Duefte raubend, in den Blueten wuehlte,
Die Mailuft, weht, die suesse Schmeichlerin,
So fuehlt' ich an der Stirn ein Weh'n, so fuehlte
Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir
Das Antlitz mit Ambrosiadueften kuehlte.
Und dann erklang dies Wort: "O selig ihr,
Die ihr die Gnad' empfingt, dass unverduestert
Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier,
Indem euch nur, wie's ziemt, nach Speise luestert."


Fuenfundzwanzigster Gesang

Die Stund' erheischte rasches Steigen schon,
Nachdem die Sonne hier den Mittagsbogen
Dem Stier geraeumt, dort Nacht dem Skorpion.
Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen,
Was sich auch zeige, seines Weges zieht
Vom Drang der Not zu groesster Eil' bewogen,
So drangen wir ins hoehere Gebiet
Durch eine Stiege, die uns so beschraenkte,
Dass uns die Enge voneinander schied.
Und wie ein Stoerchlein, das die Fluegel schwenkte,
Aus Luft zum Flug, dann aber, sonder Mut,
Vom Neste fortzuzieh'n, sie wieder senkte,
So ich, bald lodernd, bald verloescht die Glut
Der Fragelust, das Antlitz also zeigend,
Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, tut.
Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend:
"Lass nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt,
Die Sehne nur bis hin zum Druecker beugend."
Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt,
Den Mund erschloss: "Wie wird man hier so mager,
Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhaelt?"
Drauf er: "Gedaechtest du an Meleager,
Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward,
Sich abgezehrt, du waerst kein solcher Frager.
Und daechtest du, wie gleich an Mien' und Art
Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern,
Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart.
Allein um alles dir nach Wunsch zu schildern,
Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht,
Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern."
"Entwickl' ich ihm das goettliche Gericht,"
Sprach Statius drauf, "hier, wo du gegenwaertig,
So sei's verzieh'n--du willst, drum weigr' ich nicht."
Und dann: "Jetzt sei dein Geist bereit und fertig
Fuer meine Rede, Sohn--dann sei des Wie?
Das du erfragst, in vollem Licht gewaertig.
Das reinste Blut, das von den Adern nie
Getrunken wird, vergleichbar einer Speise,
Die ueber den Bedarf Natur verlieh,
Empfaengt im Herzen wunderbarerweise
Die Bildungskraft fuer menschliche Gestalt,
Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise,
Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,
Den man nicht nennt, von wo's zu anderm Blute
In ein natuerlich Becken ueberwallt.
Dass beides zum Gebild zusammenflute,
Ist leidend dies, und taetig das, vom Ort,
In dem die hohe Bildungskraft beruhte.
Drin angelangt, beginnt's sein Wirken dort;
Geronnen erst, erzeugt es junges Leben
Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort.
Die Seel entsteht aus taet'ger Kraefte Streben,
Wie die der Pflanze, die schon stillesteht,
Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben.
Bewegung zeigt sich dann, Gefuehl entsteht,
Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten
Beginnt die taet'ge Kraft, was sie gesaet.
Nun beugt, nun dehnt die Frucht sich aus, beim Walten
Der Kraft des Zeugenden, die, nie verwirrt
Von fremdem Trieb, nur ist, um zu gestalten.
Doch, Sohn, wie nun das Tier zum Menschen wird,
Noch siehst du's nicht, und dies ist eine Lehre,
Worin ein Weiserer als du geirrt.
Er war der Meinung, von der Seele waere
Gesondert die Vernunft, weil kein Organ
Die Aeusserung der letztern uns erklaere.
Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgetan,
Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke!
Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfah'n,
Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,
Zu ihr der Schoepfer sich und haucht den Geist,
Den neuen Geist ihr ein, von solcher Staerke,
Dass er, was taetig dort ist, an sich reisst,
Und mit ihm sich vereint zu einer Seele,
Die lebt und fuehlt und in sich wogt und kreist.
Und, dass dir's nicht an hellerm Lichte fehle,
So denke nur, wie sich zum edlen Wein
Die Sonnenglut dem Rebensaft vermalte.
Gebricht es dann der Lachesis an Lein,
Dann traegt sie mit sich aus des Leibes Huelle
Des Menschlichen und Goettlichen Verein;
Die andern Kraefte saemtlich stumm und stille,
Doch schaerfer als vorher in Macht und Tat,
Erinnerung, Verstandeskraft und Wille.
Und ohne Saeumen faellt sie am Gestad,
An dem, an jenem, wunderbarlich nieder,
Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad.
Kaum ist sie nun auf sicherm Orte wieder,
Da strahlt die Bildungskraft rings um sie her,
So hell wie einst beim Leben ihrer Glieder.
Und wie die Luft, vom Regen feucht und Schwer.
Sich glaenzend schmueckt mit buntem Farbenbogen
Im Widerglanz vom Sonnenfeuermeer;
So jetzt die Luefte, so die Seel' umwogen,
Worein die Bildungskraft ein Bildnis praegt,
Sobald die Seel' an jenen Strand gezogen.
Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,
Wo irgendhin des Feuers Pfade gehen,
So folgt die Form, wohin der Geist sie traegt.
Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,
Die Schatten heisst; so bildet sich in ihr
Jedwed Gefuehl, das Hoeren und das Sehen.
Und daher sprechen, daher lachen wir,
Und daher weinen wir die bittern Zaehren
Und seufzen laut auf unserm Berge hier.
Der Schatten bildet sich, je wie Begehren
Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram.
Dies mag dir, was du angestaunt, erklaeren."
Und schon als ich zur letzten Marter kam,
Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verliessen,
Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam.
Den Felsen sah ich Flammen vorwaerts schiessen,
Der Vorsprung aber haucht' empor zur Wand
Windstoesse, die zurueck die Flammen stiessen.
Wir mussten einzeln gehn am freien Rand,
Und aengstlich hoert' ich hier die Flamme schwirren,
Indes sich dort ein tiefer Abgrund fand.
Mein Fuehrer sprach: "Hier lass dich nichts verwirren
Und halte straff der schnellen Augen Zaum,
Denn leicht ist's hier, mit einem Tritt zu irren."
Gott hoechster Gnade! hoert' ich's aus dem Raum,
Den jene grosse Glut erfuellte, singen
Und hielt den Blick an meinem Wege kaum.
Ich sah dort Geister, die durchs Feuer gingen,
Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang
Und liess den Blick von hier nach dorten springen.
Ich weiss von keinem Mann--dies Wort erklang
Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen,
Und neu begannen sie's mit leisem Sang,
Und riefen wieder, als sie's ausgesungen:
"Diana blieb im Hain und jagt' ergrimmt
Kalisto fort, die Venus' Gift durchdrungen."
Dann ward die Hymne wieder angestimmt,
Dann riefen sie von keuschen Frau'n und Gatten,
Die lebten, wie's zu Eh' und Tugend stimmt.
Und dies nur tun sie, ohne zu ermatten,
Wie's scheint, solang die Flamme sie umfliesst,
Bis solche Pfleg' und Arzenei den Schatten
Zuletzt die Wund' auf ewig wieder schliesst.


Sechsundzwanzigster Gesang

Indem wir, einer so dem andern nach,
Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite:
"Gib acht und nuetze, was ich warnend sprach."
Die Sonne schlug auf meine rechte Seite
Und uebergoss, ein blendend Strahlenmeer,
Mit lichtem Weiss des Westens blaue Weite.
In meinem Schatten schien die Glut noch mehr
Hochrot zu glueh'n, drum sah'n bei solchem Zeichen
Der Schatten viel im Gehen nach mir her.
Und dieses schien zum Anlass zu gereichen,
Dass ueber mich sich ein Gespraech erhob:
" Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen."
Soviel sie konnten, richteten sie drob
Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend,
Dass nie ihr Fuss der Flamme sich enthob.
"Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend,
Und nicht aus Traegheit nachgehst diesen zwei'n,
Oh, sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend
Und sprich, uns allen Labung zu verleih'n;
Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen,
Kann durst'ger nach dem Quell kein Libyer sein.
Wie machst du's doch, die Strahlen aufzufangen,
Gleich einer Wand, als waerest du dem Tod
Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen."
So rief der ein' in seiner Flammennot,
Und eben wollt' ich alles ihm verkuenden,
Als meinem Blick sich etwas Neues bot.
Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzuenden,
Entgegen jenen, kam ein zweiter Hauf,
Drum spaeht ich hin, das Weitre zu ergruenden.
Und die und jene machten schnell sich auf
Und kuessten sich mit kurzer Lust und waren
Zufrieden schon und floh'n im vollen Lauf.
So sieht man im Gewuehl der braunen Scharen
Sich Aems und Aemse mit den Ruesseln nah'n,
Vielleicht: Wie's geht? Wes Weges? zu erfahren,
Sobald der Gruss der Freundschaft abgetan,
Hob, eh' sie weiterzog, nach kurzer Weile
Die Schar wetteifernd laut zu schreien an.
"Sodom! Gomorra!" klang's von diesem Teile;
Von dort: "Pasiphae kroch in die Kuh,
Und also lockt' an sich den Stier die Geile."
Wie Kranichscharen teils nach kurzer Ruh'
Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise,
Teils scheu vor Hitze den Riphaeen zu,
So zieh'n die hier-, die dortenhin im Kreise
Und singen dann ihr Lied mit Reu' und Gram
Und schrei'n von ihrer Schuld nach alter Weise.
Doch jener, der vorhin mir naeher kam
Und bat, blieb wieder mit den andern stehen,
Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam.
Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen,
Begann: "O ihr, die Hoffnung aufrechthaelt,
Sei's, wann es sei, zum Frieden einzugehen,
Nicht reif noch unreif liess ich auf der Welt
Den Leib zurueck und hob' auf diesen Wegen
Mit Fleisch und Bein und Blut mich eingestellt.
Ich stieg empor, die Blindheit abzulegen,
Und geh'--ein Himmelsweib erfleht' es mir--
Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen.
Doch wie sich euch erfuellen mag, was ihr
So heiss ersehnt: zum Himmel euch zu Schwingen,
Dem lieberfuellten raeumigen Revier;
So sprecht, ich will's zu aller Kunde bringen:
Wer seid dort ihr, um die die Flamme schwirrt,
Und wer sind die, die euch entgegengingen?"
So stutzt, erstaunt, verbluefft, der Bergeshirt,
Dem beim Umherschau'n selbst die Worte fehlen,
Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt,
Wie sie--ihr Ansehn koennt' es nicht verhehlen--
Allein sobald ihr truebes Staunen schwand,
Das bald sich abklaert in erhabnen Seelen,
"Heil dir, des Fuss den Weg in unser Land,"
Sprach er, den ich aus frueh'rer Frage kannte,
"Des Geist zur Besserung Erfahrung fand!
Vernimm, dass jene Schar im Trieb entbrannte,
Ob des man Caesarn, so, dass er's gehoert,
Einst beim Triumphe Koenigin benannte,
Drum schrien sie: Sodom!--was sie einst betoert,
Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen;
So wird der Brand durch Scham noch aufgestoert.
Im Zwittertriebe waren wir entglommen,
Doch weil wir menschliches Gesetz verlacht,
Von tierischen Geluesten eingenommen.
Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht,
Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen,
Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht.
Nun hortest du mich unsre Schuld bekennen,
Doch unsre Namen kundzutun verbeut
Die Zeit; auch wuesst' ich alle nicht zu nennen.
Wer ich bin, hoere, wenn es dich erfreut.
Guid Guinicell, zur Laeutrung zugelassen,
Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut."--
Wie hergestuerzt, die Mutter zu umfassen,
Die Soehne, da sein Schwert Lykurgus schwang,
So wollt' ich tun, doch musst' ich mehr mich fassen,
Als meines Vaters Name mir erklang,
Des Vaters manches, der vom suessen Minnen
Besser als ich in holden Weisen sang.
Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen
Und sagte nichts und hoerte keinen Laut,
Auch liess die Glut nicht weiter mich nach innen.
Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut,
Erbot ich mich, in allem ihm zu dienen,
In solcher Art, der gern der andre traut.
Und er: "Wie du so freundlich mir erschienen.
Tilgt deine Spur in mir nicht Leibes Flut,
Und ewig wirst du meinen Dank verdienen.
Doch meinst du's wirklich denn mit mir so gut,
So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder
So liebevoll auf mir dein Auge ruht?"
Und ich darauf: "Ob deiner suessen Lieder,
Die teuer sind den Herzen fort und fort,
Sinkt nicht der neuern Sprache ganz danieder."
"Ach, Bruder," sprach er, und bei diesem Wort
Zeigt' er mit seinem Finger hin auf einen,
"Der Sprache bessrer Schmied war jener dort,
Der in Romanz' und Liebesliedern keinen
Unueberwunden liess; und Toren sind,
Die ihn von Giraut uebertroffen meinen.
Nicht nach der Wahrheit--nach des Rufes Wind
Gerichtet werden Meinung und Gesichter;
So laesst Vernunft und Kunst sie taub und blind.
So machten's mit Guitton viel alte Richter,
Des Lob so viele schrien, weil andre schrien,
Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter.
Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verlieh'n,
Dass dir's erlaubt ist, zu dem Kloster droben,
Wo Christus selber Abt ist, hinzuzieh'n,
So bet' ein Paternoster doch dort oben
Bei ihm fuer mich, soweit's in dieser Welt
Noch not fuer uns, die wir der Suend' enthoben."
Drauf schwand er, jenem, der sich nah gestellt,
Vielleicht Platz machend, in der Flammen Roete,
Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt.
Und dem Gewiesnen naht' ich mich und flehte
Ihn inniglich um seinen Namen an,
Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht boete.
Worauf er gleich mit frohem Mut begann:
"Die edle Frage weisst du zu verschoenen,
Dass ich mich bergen weder will noch kann.
Ich bin Arnald und geh' in Schmerz und Stoehnen,
Den Wahn erkennend der Vergangenheit,
Und singe, hoffend, dann in Jubeltoenen.
Jetzt bitt' ich dich, hast du die Herrlichkeit
Auf dieses Berges Gipfel aufgefunden,
Dann denke meines Leids zur rechten Zeit."
Hier war er in der Laeutrungsglut verschwunden.


Siebenundzwanzigster Gesang

Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage
Im Lande glaenzt, benetzt von Gottes Blut,
Wenn Ebro hinfliesst unter hoher Wage.
Und Mittagshitz' erwaermt des Ganges Flut,
So stand die Sonn' itzt, drob der Tag entflohe,
Als uns ein Engel glaenzt' in heitrer Glut.
Er sang am Felsrand, ausserhalb der Lohe:
"Beglueckt, die reines Herzens sind!"--und mehr
Als menschlich war sein Ton, der maecht'ge, frohe.
Drauf: "Weiter nicht, ihr Heil'gen, bis vorher
Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!"
Dies Wort ertoente jetzt, da wir zusammen
Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hoert' ich mich zum schwersten Tod verdammen.
Ich sank auf die gefaltnen Haende vor,
Ins Feuer schauend--wen ich brennen sehen,
Des Bild stieg jetzt vor meinem Geist empor.
Die Fuehrer nahten sich, mir beizustehen,
Und troestend sprach zu mir Virgil: "Mein Sohn,
Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen.
Gedenk', gedenke--konnt' ich frueher schon
Dich sicher auf Geryons Ruecken fuehren
Wie jetzt, viel naeher hier bei Gottes Thron?
War' auch die Glut noch loher anzuschueren,
Und stuendest du auch tausend Jahre drin,
Doch duerfte sie dir nicht ein Haar beruehren.
Glaubst du, dass ich nicht treu der Wahrheit bin,
So nahe dich und halt, um selbst zu schauen,
Des Kleides Saum mit deinen Haenden hin.
Leg' ab, mein Sohn, leg' ab hier jedes Grauen,
Dorthin sei sicher jetzt dein Fuss gewandt!"
Doch saeumt' ich, wider besseres Vertrauen.
Er, sehend, dass ich starr und stille stand,
Sprach, fast unwillig: "Wie, Sohn, noch verdrossen?
Von Beatricen trennt dich diese Wand!"
Wie sterbend Ppyramus den Blick erschlossen,
Da's: Thisbe! klang, gekehrt zum teuren Bild,
Als blut'ges Rot die Maulbeer' uebergossen;
So kehrt' ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,
Zum Fuehrer mich, sobald der Nam' erschollen,
Der ewig frisch in meinem Herzen quillt.
Drob schuettelt er das Haupt und sagte: "Sollen
Wir diesseits bleiben?" laechelnd, denn ich tat
Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen.
Drauf trat er vor mir in die Flamm' und bat
Den Statius, uns folgend, nachzukommen,
Der uns vorher getrennt den langen Pfad.
Ich folgt' und haett', um Kuehlung zu bekommen,
Mich in geschmolznes Glas gestuerzt. So war
Im hoechsten Uebermass die Flamm' entglommen.
Doch bot mir Trost mein suesser Vater dar,
Sprechend von ihr, und half mir weiter dringen,
Und sprach: "Ich seh' im Geist ihr Augenpaar!"
Wir hoerten jenseits eine Stimme singen,
Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach,
Indem wir, wo man stieg, der Flamm' entgingen.
"Gesegnete des Vaters, kommt!" so sprach
Die Stimm' aus einem Licht, dort aufgegangen,
Bei dessen Anschau'n mir das Auge brach.
"Die Sonne geht, der Abend kommt"--so klangen
Die Toene fort--"nicht weilt, beeilt den Lauf,
Bevor den Westen dunkles Grau umfangen."
G'rad' durch den Felsen ging der Weg hinauf,
Und, ostwaerts steigend, hielt vor meinen Tritten
Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf.
Und als wir wenig Stufen aufgeschritten,
Bemerkten wir am Schatten, der verging,
Sol, uns im Ruecken, sei ins Meer geglitten.
Eh gleiches Grau den Horizont umfing
In allen seinen unermessnen Teilen,
Eh Nacht um alles ihren Schleier hing,
Da musst' auf einer Stufe jeder weilen,
Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm
Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen.
Gleichwie die Ziegenherde, satt und zahm,
Im Schatten wiederkaeut in stillem Brueten,
Die, hungrig, jaehen Sprungs zur Hoehe kam,
Wenn nun im Mittagsbrand die Luft' entgluehten,
Indes der Hirt den Stab zur Stuetze macht,
Und dorten steht, gestuetzt, um sie zu hueten;
Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,
Damit kein wildes Tier der Herde schade,
Und sie zerstreu', entlang der Huerde wacht;
So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,
Der Zieg' ich gleich, den Hirten jenes Paar,
Umschlossen hier und dort vom Felsgestade.
Ob wenig gleich zu sehn nach aussen war,
Doch sah ich durch dies wenige die Sterne
Weit mehr, als sonst gewoehnlich, gross und klar.
Indes ich staunt' in unermessne Ferne,
Befiel mich Schlaf, der oefters uns befaellt,
Damit der Geist die Zukunft kennen lerne.
Zur Stunde, glaub' ich, da vom Sternenzelt
Cytherens erster Strahl die Hoehe schmueckte.
Wie immerdar, von Liebesglut erhellt,
Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrueckte,
Ein schoenes junges Weib, das hold bewegt,
Durch Wiesen ging und singend Blumen pflueckte.
"Lea bin ich, dies wisse, wer mich fragt,
Ich liebe, Kraenze windend, hier zu wallen,
Und emsig wird die schoene Hand geregt.
Ich will, geschmueckt, im Spiegel mir gefallen.
Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruh'n,
Und laesst dem Spiegel keinen Blick entfallen.
Und freut sie sich der schoenen Augen nun,
So bin ich froh, mich mit den Haenden schmueckend,
Denn schau'n befriedigt sie, und mich das Tun."
Des Tages Vorlicht, um so mehr entzueckend,
Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort
Der Heimat nah ist, scheuchte, hoeher ruckend,
Die Finsternis von allen Seiten fort,
Mit ihr den Traum; drum eilt' ich, aufzusteigen,
Und sah schon aufrecht beide Meister dort.
"Die suesse Frucht, die auf so vielen Zweigen
Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier,
Bringt alle deine Wuensche heut zum Schweigen!"
Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir,
Und nie empfand bei Erdenherrlichkeiten
Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr.
Hinauf! Mich trieb's und trieb's, hinauf zu schreiten!
So fuehlt' ich nun mit jedem Schritt zum Flug
Die Schwingen wachten und sich freier breiten.
Und wie er mich empor die Stufen trug,
Stand bald ich auf der hoechsten dort mit beiden,
Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug.
"Des zeitlichen und ew'gen Feuers Leiden
Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr
Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden.
Durch Geist und Kunst geleitet' ich dich her;
Zum Fuehrer nimm fortan dein Gutbeduenken;
Dein Pfad ist fuerderhin nicht steil und schwer.
Sieh dort die Sonn' auf deine Stirne blinken,
Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat
Entkeimt, dir Gras, Gestraeuch und Blumen winken.
Bis sich dir froh ihr schoenes Auge naht
Das mich zu dir einst rief mit bittern Zaehren,
Ruh' oder wandle hier auf heiterm Pfad.
Nicht harre fuerder meiner Wink' und Lehren,
Frei, g'rad', gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler waer' es, deiner Willkuer wehren,
Drum sei fortan dein Bischof und dein Fuerst.


Achtundzwanzigster Gesang

Begierig schon, zu spaehn umher und innen
Im goettlichen, lebend'gen, dichten Wald,
Der sanft den Morgen milderte den Sinnen,
Verliess ich das Gestad nun alsobald,
Um langsam, langsam in das Feld zu treten,
Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt.
Von einem Lueftchen, einem sanften, steten,
Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt,
Nicht mehr, als ob mich Fruehlingswind' umwehten.
Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt,
Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen,
Wohin der Berg den ersten Schatten schlaegt.
Doch nicht so heftig wuehlt' er in den Zweigen,
Dass es die Voeglein hindert', im Gesang
Aus gruenen Hoeh'n all ihre Kunst zu zeigen.
Nein, wie der Luefte Hauch ins Dickicht drang,
Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen,
Wozu, begleitend. Laubgefluester klang,
So klingt's, wenn Zweig' um Zweige sich bewegen
Im Fichtenwald an Chiassis Meergestad,
Sobald sich des Schirokko Schwingen regen.
Schon war ich mit langsamem Schritt genaht,
Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen,
Dass nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat.
Da sieh die Bahn durch einen Bach verschlossen,
Der links hin, mit der kleinen Wellen Schlag
Die Graeser bog, die seinem Bord entsprossen.
Das reinste Wasser hier am klarsten Tag,
Trueb scheint es und vermischt mit fremden Dingen,
Vergleicht man's dem, wo nichts sich bergen mag,
Obwohl, da Schatten ewig es umringen,
Es dunkel, dunkel stroemt und nie hinein
Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen.
Es stand mein Fuss; doch jenseits in den Hain
Liess uebern Fluss ich meine Blicke schreiten,
Und sah dort mannigfache gruene Mai'n.
Und mir erschien--so stellt dem Blick zuzeiten
Sich unversehn Erstaunenswertes dar,
Den Geist von allem andern abzuleiten--
Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar
Im Gehen sang, aufsammelnd Bluet' um Bluete,
Womit vor ihr bemalt der Boden war.
"O Schoene, die du, zeigt sich das Gemuete,
Wie's pflegt, im Aeussern, mich zu glauben zwingst,
Dass an der Liebe Strahl dein Herz entgluehte,
O kaeme Lust dir, dass du naeher gingst,"
Ich sprach's zu ihr, den Fuss zum Bache lenkend,
"Dass ich verstehen koenne, was du singst.
Dich seh' ich jetzt, Proserpinens gedenkend,
Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor,
Und sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend."
Und wie die Taenzerin, die kaum empor
Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend,
Ein zartes Fuesslein kaum dem andern vor;
So sah ich sie, durch bunte Blumen schreitend,
Jungfraeulich bodenwaerts den Blick gewandt,
Und Ehrbarkeit und Wuerde sie begleitend,
5o dass ich bald den Wunsch befriedigt fand,
Indem ich, wie sie naeher hergezogen,
Den Sinn des suessen Liedes wohl verstand.
Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen
Den gruenen Rasen am Gestad besprueh'n,
Erhob sie hold der Wimpern schoene Bogen.
Nicht mocht', als Amor, uebermaessig kuehn,
Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte,
In solcher Lust Cytherens Auge glueh'n.
Am rechten Ufer stand sie dort und lachte,
Und pflueckte Blumen von der Wiese Saum,
Die ohne Saat hervor die Hoehe brachte.
Das Baechlein trennt' uns um drei Schritte kaum,
Doch Hellespont, den Xexes ueberschritten,
Noch jetzt dem hoechsten Menschenstolz ein Zaum,
Hat schaerfer nicht Leanders Hass erlitten,
Indem er Sestos und Abydos schied,
Als meinen er, ein Hemmnis meinen Schritten.
"Ihr seid hier neu und weil in dem Gebiet,"
Begann sie nun, "das an der Menschheit Morgen
Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied,
Ich laechle, staunt ihr noch und seid in Sorgen.
Doch zeigt der Psalm: Herr, du erfreutest mich--
Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen.
Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich;
Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhaengen,
Drum frage nur, und ich befried'ge dich."
"Das Wasser," sprach ich, "samt des Waldes Klaengen,
Sie muessen das, worauf ich kaum getraut,
Da sie ihm widersprechen, hart bedraengen."
Drum sie: "Vom Grunde des, was du geschaut,
Und was gehoert, sei Kunde dir beschieden;
Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut.
Das hoechste Gut, allein in sich zufrieden,
Den Menschen schuf's zum Guten gut, und wies
Dies Land ihm an, als Pfand fuer ew'gen Frieden,
Aus welchem bald ihn seine Schuld verstiess,
Die Schuld, die suesse Spiele mit Beschwerden,
Mit Zaehren ehrbar Lachen wechseln liess.
Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden
Die Duenste, die der Hitze nach, so weit
Es moeglich ist, emporgezogen werden,
Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit,
Stieg himmelwaerts der Berg in solcher Weise,
Und ist vom Tor an ganz von Dunst befreit.
Nun, weil noch immerfort im ersten Gleise
Der Luefte ganzer Zirkellauf sich dreht,
Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise,
Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht,
Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend,
Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht.
Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend,
Beschwaengert dann die Luft mit ihrer Kraft,
Und diese streut sie aus in jede Gegend.
Die Laender, wie ihr Boden wirkt und schafft,
Ihr Himmelsstrich und ihre Lage, treiben
Dann Baeume von verschiedner Eigenschaft.
Nun wird dies fuerder nicht ein Wunder bleiben,
Wie manche Pflanzen, wo man nicht bestellt,
Ja, ohne sichtbar'n Samen doch bekleiben.
Und wissen sollst du, dass im heil'gen Feld,
In dem du bist, die Samen alle spriessen,
Und Fruechte, nie gepflueckt in eurer Welt.
Den Fluss auch siehst du nicht aus Adern fliessen,
Genaehrt vom Dunst, den Kaelte niederpresst,
Die bald vertrocknen, bald sich wild ergiessen.
Ihm ward ein Quell, aus welchem, staet und fest,
Die Waesser, die dem Doppelarm entfluten,
Die Wille Gottes neu ersetzen laesst.
Der Arm hier hat die Kraft, dass in den Fluten
Jedweder Schuld Erinnerung versinkt;
Der andre dort erneuert die des Guten,
Der hier heisst Lethe; aber dorten winkt
Dir Eunoe--allein nur jenen letzen
Wird seine Kraft, der aus dem erstem trinkt.
Kein Wohlgeschmack ist seinem gleich zu schaetzen;
Und waere schon genuegend, was ich sprach,
Vermoecht' ich auch nichts weiter zuzusetzen,
Doch bring' ich gern noch einen Zusatz nach,
Und deinen Dank vermein' ich zu verdienen,
Wenn ich dir mehr erfuell', als ich versprach.
Den alten Dichtern, glaub' ich, wenn von ihnen
Gepriesen ward das Glueck der goldnen Zeit,
War dieser Ort im Traumgesicht erschienen.
Hier spross die Menschheit ohne Schuld und Leid,
Hier jede Frucht in ew'gem Fruehlingsleben,
Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit."
Und als sie noch mir solches kundgegeben,
Kehrt' ich mich um, und sah ein Laecheln hier,
Bei diesem Schluss, der Dichter Mund umschweben,
Dann aber wandt' ich wieder mich zu ihr.


Neunundzwanzigster Gesang

In Sang, nach liebentgluehter Frauen Art,
liess sie zuletzt der Rede Schluss verhallen:
"Heil, wem bedeckt jedwede Suende ward."
Und gleichwie Nymphen, in der Waldnacht Hallen,
Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort
Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen;
Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord,
Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte,
Ging sie begleitend gegenueber fort.
Kaum hundert waren mein' und ihrer Tritte,
Da bog mit beiden Ufern sich der Bach,
Und ostwaerts ging ich durch des Waldes Mitte.
Nicht lange zog ich dieser Richtung nach,
Da sah ich sich zu mir die Schoene wenden:
"Mein Bruder, halt' itzt Ohr und Auge wach!"
Sie sprach's, und gleich durchlief von allen Enden
Ein schnell entstandner Glanz den grossen Hain;
Ich glaubt', es moege mich ein Blitzstrahl blenden,
Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein
Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte,
So dacht' ich still bei mir: Was mag das sein?
Und durch die Luft, die helle, lichtverklaerte,
Zog suesser Laut, und eifrig schalt ich jetzt.
Dass Evas Frevelmut zu viel begehrte.
Wo Erd' und Himmel nicht sich widersetzt,
Da fuehlt' ein Weib sich, kaum der Ripp' entsprossen,
Vom Schleier, der ihr Aug' umzog, verletzt.
O haette sie sich fromm in ihm verschlossen,
Haett' ich die ueberschwaenglich grosse Lust,
Wohl frueher schon und laenger dann genossen.
Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewusst,
In diesen Erstlingswonnen fortgegangen,
Mit Drang nach groessern Freuden in der Brust,
Da glueht', als war' ein Feuer aufgegangen,
Die Luft im Laubgewoelb'--es scholl ein Ton,
Und deutlich hoert' ich bald, dass Stimmen sangen.
Hochheil'ge Jungfrau'n, wenn ich oefter schon
Frost, Hunger, Wachen treu fuer euch ertragen,
Jetzt treibt der Anlass mich, jetzt fordr' ich Lohn.
Lasst auf mich her des Pindus Wellen schlagen,
Urania sei meine Helferin,
Was schwer zu denken ist, im Lied zu sagen.
Ich glaubte sieben Baeume weiterhin
Von Gold zu schau'n, allein vom Schein betrogen
War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn.
Denn als ich nun so nahe hingezogen,
Dass sich vom Umriss, der den Sinn betoert,
Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen,
Da liess die Kraft, die den Verstand belehrt,
Anstatt der Baeume Leuchter mich erkennen,
Und deutlich ward Hosiannasang gehoert.
Und oben sah ich das Geraete brennen,
Und heller ward die Flamm' als Lunas Licht
In Monats Mitt' um Mitternacht zu nennen.
Zum Fuehrer wandt' ich staunend mein Gesicht,
Doch nichts vermocht' er weiter vorzubringen,
Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht.
Da blickt' ich wieder nach den hohen Dingen,
Die langsamer als eine junge Braut,
Sich stillbewegend, mir entgegengingen.
"Was bist du doch", so schalt die Schoene laut,
"Fuer die lebend'gen Lichter so entglommen,
Dass nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?"
Und hinter ihnen sah ich Leute kommen,
Wie man dem Fuehrer folgt, weiss ihr Gewand,
Weiss, wie man nichts auf Erden wahrgenommen.
Das Wasser glaenzte mir zur linken Hand,
Worin, wenn ich in seinen Spiegel saehe,
Ich meine linke Seite wiederfand.
Als ich am rechten Platze war, so nahe,
Dass nur der Fluss mich schied, hemmt' ich den Schritt,
Um besser zu erschau'n, was dort geschahe.
Ich sah, wie jede Flamme vorwaerts glitt,
Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen,
Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt.
So sah man sieben Streifen oben strahlen,
Sie allesamt in jenen Farben bunt,
Die Phoebes Gurt und Phoebus' Bogen malen.
Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund,
Doch sah ich, dass an beiden aeussern Grenzen
Zehn Schritt der erste von dem letzten stund.
Und wie ich also sah den Himmel glaenzen,
Da zogen drunten, zwei an zwei gereiht,
Zweimal zwoelf Greise her in Lilienkraenzen.
Und alle sangen: "Sei gebenedeit
In Adams Toechtern! Herrlich und gepriesen
Sei deine Huld und Schoen' in Ewigkeit."
Und als nun die bebluemten frischen Wiesen,
Die jenseits das Gestad des Bachs begrenzt,
Die Auserwaehlten nach und nach verliessen,
Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glaenzt,
Vier Tiere dort zunaechst sich offenbaren,
Und jedes ward mit gruenem Laub bekraenzt
Und war versehn mit dreien Fluegelpaaren,
Mit Augen ihre Federn ganz besetzt,
Wie die des Argus, als er lebte, waren.
Nicht viel der Reime, Leser, wend' ich jetzt
Auf ihre Form, denn sparsam muss ich bleiben,
Da groessrer Stoff mich noch in Kosten setzt.
Lass von Ezechiel sie dir beschreiben;
Von Norden sah er sie, so wie er spricht,
Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben.
Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht,
Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen
Mir voellig bei und dem Propheten nicht.
Es stellt' im Raum sich, den die Tier' umfingen,
Ein Siegeswagen auf zwei Raedern dar,
Des Seil' an eines Greifen Haelse hingen.
Und in die Streifen ging der Fluegel Paar,
Die hoch, den mittelsten umschliessend, standen,
So, dass kein Streif davon durchschnitten war.
Sie hoben sich so hoch, dass sie verschwanden;
Gold schien, soweit er Vogel, jedes Glied,
Wie sich im andern Weiss und Rot verbanden.
Nicht solchen Wagen zum Triumph beschied
Rom dem Augustus, noch den Afrikanen;
Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht,
Sols Wagen, der, entrueckt aus seinen Bahnen,
Verbrannt ward auf der Erde frommes Fleh'n
Durch Zeus' gerechten Ratschluss, wie wir ahnen,
Man sah im Kreis drei Frau'n sich tanzend dreh'n
Am Rande rechts, und hochrot war die eine,
Gleich lichter Glut der Flammen anzusehn.
Die zweite glaenzte hell in gruenem Scheine,
Gleich dem Smaragden, und die dritte schien
Wie frisch gefallner Schnee an Weiss' und Reine.
Die Weisse sah man bald den Reigen zieh'n,
Die Rote dann, und nach dem Sang der letzten
Die andern langsam gehn und eilig flieh'n.
Links vier im Purpurkleid, die sich ergoetzten,
Und, wie die eine, mit drei Augen, sang,
Nach ihrer Weis im Tanz die Schritte setzten.
Nach allen diesen kam den Pfad entlang,
Ungleich in ihrer Tracht, ein paar von Alten,
Doch gleich an Ernst und Wuerd' in Mien' und Gang.
Der erste war fuer einen Freund zu halten
Des Hippokrat, den die Natur gemacht,
Um ihrer Kinder liebste zu erhalten.
Der andre schien aufs Gegenteil bedacht,
Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte,
Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht.
Dann kamen vier daher, demuet'ge, schlichte,
Und hinter ihnen kam ein Greis, allein
Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte.
Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein
Den ersten zweimal zwoelf, doch nicht umbluehten
Die Haeupter Lilienkraenz' in weissem Schein,
Rosen vielmehr und andre rote Blueten,
Und wer vom weiten sie erblickte, schwor,
Dass oberhalb der Brau'n sie alle gluehten.
Mir gegenueber fuhr der Wagen vor,
Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte,
Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor,
Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.


Dreissigster Gesang

Sobald der Empyre'n Gestirn des Norden,
(Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt,
Und das durch Suenden nur umnebelt worden;
Bei welchem jeder dort der Pflicht gedenkt,
Zu der es leitet, wie den Kahn hienieden,
Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt),
Stillstand, da wandten, die's vom Greifen schieden,
Die zweimal zwoelf und vier Wahrhaften, sich
Zum Wagen hin als wie zu ihrem Frieden.
Und einer, der des Himmels Boten glich,
Rief dreimal singend zu der andern Sange:
"Komm, Braut vom Libanon, und zeige dich!"
Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange
Der Sel'gen Schar, mit leichtem Leib umfahn,
Dem Grab erstehen wird mit eil'gem Drange,
So hoben von des heil'gen Wagens Bahn
Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle,
Des ew'gen Lebens Diener, himmelan.
"Heil dir, der kommt!" so klang's im Widerhalle,
"Streut Lilien jetzt mit vollen Haenden hin!"
Und Blumen warfen rings und oben alle.
Schon sah ich bei des Tages Anbeginn
Geschmueckt den Osten sich mit Rosen zeigen,
Sah klar den Himmel und die Koenigin
Des Tages, sanft umschattet, hoeher steigen,
So dass, da ihren Schimmer Dunst umfloss,
Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen.
Hier, durch die. Blumenflut, die sie umschloss,
Und niederstuerzend um und in den Wagen,
Sich aus der Himmelsboten Hand ergoss,
Sah ich ein Weib in weissem Schleier ragen,
Olivenzweig' ihr Kranz, und ums Gewand,
Das Feuer schien, des Mantels Gruen geschlagen.
Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand,
Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben
Demuet'gen Staunens bange Lust empfand,
Fuehlt', eh das Aug' ihm-Kunde noch gegeben,
Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll,
Die alte Liebe maechtig sich erheben.
Kaum war der hohen Kraft die Seele voll,
Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen
Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll,
So wandt' ich links mich hin, mit dem Verlangen,
Mit dem ein Kind zur Mutter laeuft und Mut
Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen,
Um zu Virgil zu sagen: "Ach mein Blut!
Kein Troepflein blieb mir, das nicht bebend zuecke--
Ich kenne schon die Zeichen alter Glut."
Doch sein beraubt liess uns Virgil zuruecke,
Virgil, der vaeterliche Freund--Virgil,
Dem sie mich uebergab zu meinem Gluecke.
Was Eva einst verloren, da sie fiel,
Nicht half es mir, die Traenen zu vermeiden,
Wovon ein Strom die Wangen niederfiel.
"O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,
Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht;
Zu weinen ziemt dir ueber andres Leiden!"
Und wie mit ernstgebietendem Gesicht
Ein Admiral, der, musternd seine Scharen
Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht,
So war sie links im Wagen zu gewahren,
Als ich nach meines Namens Klang mich bog,
Den hier die Not mich zwang, zu offenbaren;
Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog,
Als sie erschien, in jener Engelfeier,
Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog.
Doch ihr vom Haupte wallend liess der Schleier,
Der von Minervens Laub umkraenzet ward,
Mir ihren Anblick nur noch wenig freier.
Stolz sprach sie nun mit koeniglicher Art,
Gleich einem, der erst mild spricht, anzuschauen,
Und sich das haertre Wort fuers Ende spart:
"Schau' her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen
Fuehrt dich zu diesen Hoeh'n? Wie? Weisst du nicht,
Beglueckte wohnen nur in diesen Auen."
Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,
Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben,
Gedrueckt die Stirn von schwerer Scham Gewicht.
So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben,
Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort
Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben.
Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort
Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen,
Bis: Stellest meine Fuss auf weiten Ort.
Wie auf den Ruecken Welschlands, welcher offen
Den Stuermen ragt, der Schnee, im Frost gehaeuft,
Zu Eis erstarrt, vom slaw'schen Wind getroffen,
Dann, in sich selbst versickernd, niedertraeuft,
Wenn laue Wind' aus Libyen ihn verzeihen,
So wie, dem Feuer nah, das Wachs zerlaeuft;
So war ich ohne Seufzer, ohne Zaehren,
Bevor die Engel sangen, deren Sang
Nur Nachklang ist vom Lied der ew'gen Sphaeren.
Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang,
Wohl heller klang, als haetten sie gesungen:
"Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?"
Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen,
Zu Hauch und Wasser bald und kam durch Mund
Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen.
Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund,
Sie wandte sich dem Engelchor entgegen,
Und tat den heil'gen Scharen dieses kund:
"Ihr wacht im ew'gen Tag, und nimmer moegen
Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht,
Den das Jahrhundert tut auf seinen Wegen.
Drum ist die Antwort wohl fuer ihn bedacht,
Der drueben weint, damit sie klar beweise,
Dass grosse Schuld auch grosse Schmerzen macht.
Nicht durch die Kraft allein der ew'gen Kreise,
Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt,
Das ihm sein Stern gesteckt fuer seine Reise,
Durch das auch, was die Gnade Gottes schenkt,
Sie, deren Regen solche Duenst' umgeben,
Dass sich kein Blick in ihre Tiefen senkt,
War dieser einst in seinem neuen Leben
Gar hoch begabt, um sich zur Trefflichkeit
Durch rechte Sitte maechtig zu erheben.
Doch wilder wird in schnoeder Ueppigkeit
Jedweder schlechte Same sich entfalten,
Je kraeft'ger ist des Bodens Fruchtbarkeit.
Wohl wusst' ich ein'ge Zeit ihn festzuhalten,
Indem ich ihm die jungen Augen wies;
Da liess er gern als Fuehrerin mich walten.
Doch hatt' er, als ich kaum die Welt verliess,
Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen,
Indem er andern ganz sich ueberliess.
Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen,
Und hoeh're Tugend, hoehern Reiz empfah'n,
Da war er minder hold mir und gewogen.
Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn,
Trugbildern folgend schnoeden Wonnelebens,
Den falschen Lockungen und leerem Wahn.
Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens,
Und Mahnung haucht' ich ihm und Warnung ein,
Doch blieb er taub im Leichtsinn eiteln Strebens.
Ein Mittel koennt' ihm nur zum Heil gedeih'n,
So tief schon hatt' er sich im Wahn verloren,
Und solches war der Anblick ew'ger Pein.
Deswegen drang ich zu der Hoelle Toren
Und habe den, der ihn herauf gefuehrt,
Mit Bitten und mit Traenen dort beschworen.
Nicht waer's, wie sich's nach ew'gem Rat gebuehrt,
Wenn er durch Lethe ging' und sie genoesse,
Und nicht vorher, bussfertig und geruehrt,
In Reuezaehren seine Schuld ergoesse.


Einunddreissigster Gesang

"Du, jenseits dort am heil'gen Strom," so kehrte
Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich,
Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte,
Fortfahrend ohne Saeumen: "Sprich, o sprich,
Ist dieses wahr? Erkennst du deine Fehle?
Auf solche Klage ziemt die Beichte sich."
Die Stimme regte sich, doch in der Kehle
Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld.
Verwirrte finstre Strenge meine Seele.
Nur wenig hatte sie mit mir Geduld:
"Was sinnst du? Sprich! Noch tilgten nicht die Wogen
Der Lethe die Erinnrung deiner Schuld."
Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen
Ein Ja! aus meinem Mund, das zwar erblickt
Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen.
Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt,
Und, wenn sich Sehn' und Bogen ueberschlagen,
Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele Schickt,
So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen,
Ich jetzt in Seufzer aus und Traenenflut
Und liess den Ton sich nicht ins Freie wagen.
Drum sie zu mir: "In meiner Wuensche Glut,
Die einst dich jenes Gut zu lieben fuehrte,
Das unserm Wunsch entrueckt all andres Gut.
Welch eine Kette war's, die dich umschnuerte,
Das auf den Fortschritt, mit verzagtem Sinn,
Die Hoffnung abzulegen dir gebuehrte.
Und welche Foerdrung, welcherlei Gewinn,
Die lockend dir von andrer Stirne lachten?
Was fuehrte dich zu ihrem Wege hin?"
Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten
Sich Toene muehsam frei aus meiner Brust,
Die kaum als Wort' hervor die Lippen brachten.
"Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust,"
So weint' ich, "hat, als eure Blick' entschwanden,
Rueckwaerts zu wenden meinen Schritt gewusst."
"Verschwiegst, vermeintest du, was du gestanden,"
Sprach sie, "nicht minder waer's dem Richter kund,
Vor dessen Blick die Luege nie bestanden.
Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund.
So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache,
Und Gnade macht des Suenders Herz gesund.
Drum, dass dein Wahn dich mehr erroeten mache,
Und dass dein Herz zu jeder andern Zeit
Die Lockung der Sirenen kuehn verlache,
Lass ab vom Weinen jetzt und Traurigkeit;
Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen
Dir ziemend war, als mich der Tod befreit.
Nichts liess Natur und Kunst dir je gefallen,
Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien,
Des schoene Glieder jetzt in Staub zerfallen.
Und sahest du die hoechste Wonn' entflieh'n
Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen?
Welch ird'sche Lust dich fuerder an sich zieh'n?
Beim Reiz der Dinge, die das Herz betruegen,
Bei ihrem ersten Pfeil, war's ziemend, mir,
Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen.
Nicht niederzieh'n sollt' er die Schwingen dir,
Nicht harren solltest du der andern Pfeile,
Des Maegdleins nicht, nach andrer eitlen Zier.
Der junge Vogel harrt in traeger Weile
Des zweiten Pfeils, doch der beschwingte flieht
Und schuetzt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile."
Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht,
Wenn Vorwurf und Bewusstsein ihn verstoeren,
Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht;
So stand ich dort: "Betruebt dich schon das Hoeren,"
Sie sprach's, "So sei emporgewandt dein Bart;
Das Schauen wird noch deinen Schmerz vermehren."-
In ihrem Widerstande minder hart,
Laesst ihrem Grund die Eiche sich entreissen,
Wenn sie von Nordsturms Macht durchschuettelt ward,
Als ich das Kinn erhob, da sie's geheissen.
Auch fuehlt' ich, da sie Bart fuer Antlitz sprach,
Des Wortes Gift an meinem Herzen reissen.
Das Antlitz hob ich zoegernd und gemach,
Und sieh, die schoenen englischen Gestalten,
Sie liessen jetzt im Blumenstreuen nach.
Mein Blick, kaum faehig noch, ein Bild zu halten,
Erschaute sie, dem Greifen zugewandt,
In dem, dem einen, zwei Naturen walten.
Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand,
Das, was sie einst war, jetzt zu ueberwinden,
Wie sie vordem die andern ueberwand.
Wie musst' ich da der Reue Schmerz empfinden!
Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust
Der eiteln Welt jetzt hassenswuerdig finden!
So nagte Selbstbewusstsein meine Brust,
Dass ich hinsank--mit welchem innrem Beben,
Ihr, die es mir erregt, ihr ist's bewusst.
Als aeussre Kraft das Herz mir neu gegeben,
Sprach ueber mir sie, die mir erst allein
Erschienen war: "Mich fass, um dich zu heben!"
Sie zog mich bis zum Hals den Fluss hinein,
Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken,
Auf seiner Flaech' und zog mich hinterdrein,
Um mich zum sel'gen Ufer hinzulenken.
Dort klang's: "Entsuend'ge mich!" so suess--ich kann
Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken.
Die schoene Frau erschloss die Arme dann,
Umschlang mein Haupt und taucht' es in die Wogen,
Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann.
Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen,
Bot sie zum Tanze mich den schoenen vier,
Die hold um meinen Hals die Arme bogen.
"Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier.
Und als zur Welt Beatrix kam, so gingen
Als ihre Dienerinnen wir mit ihr.
Wir werden dich ihr vor die Augen bringen;
Dir schaerfen dann, fuers holde Licht darin
Den Blick die drei, die schauend tiefer dringen."
Sie sangen diese Worte zum Beginn,
Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten.
Dort wandte sie nach uns das Antlitz hin.
Sie sprachen dann: "Hier darfst du frei betrachten,
Wir stellten dich vor der Smaragden Licht,
Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten."
Mir weckt' ein gluehend Sehnen ihr Gesicht
Und band an ihrer Augen Glanz die meinen;
Die ihren wichen vor dem Greifen nicht.
Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen,
Gleichwie die Sonn' im Spiegel, schimmernd klar,
Als diesen bald, als jenen bald erscheinen.
Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar,
Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken,
Obwohl das Urbild stets dasselbe war.
Indes die Seel' in Staunen und Entzuecken
Die Speise kostete, die groessern Drang
Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken,
Da sah ich jene drei vom hoechsten Rang,
Dies zeigte die Gebaerd', uns nahe kommen,
Den Engeltanz begleitend mit Gesang.
"Beatrix, lass den Blick, den heil'gen, frommen,"
So sangen sie, "auf deinen Treuen sehn,
Der dich zu schau'n so hoch emporgeklommen.
Enthuell' aus Gnad' ihm deinen Mund, wir fleh'nl
Die zweite Schoenheit, die du noch verborgen,
O lass sie auf vor seinen Augen gehen!"
O Glanz lebend'gen Lichts! o ew'ger Morgen!
Wer trank so tief aus des Parnassus Flut,
Wer ward so bleich in seinen Mueh'n und Sorgen,
Dass er vermag, mit freiem, kuehnem Mut
Sich deiner Schilderung zu unterfangen,
Wenn du bei Himmelsharmonien in Glut
Den unbewoelkten Lueften aufgegangen?


Zweiunddreissigster Gesang

Den zehenjaehr'gen Durst zu loeschen, hingen
An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier,
Dass mir die andern Sinne ganz vergingen.
Seitwaerts baut' eine Mauer dort und hier
Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten,
Zog mich ihr heil'ges Laecheln hin zu ihr.
Da wandten mir die himmlischen Gestalten
Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht,
Mit diesem Ruf: Im Schauen Mass gehalten!
Nun stand ich dort wie einer, den das Licht
Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet,
Und dem zunaechst die Sehkraft ganz gebricht.'
Doch als das wen'ge sie mir neu gespendet--
Nach jenem vielen wenig und gering,
Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet--
Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing
Sich rechts zu kehren an, indem's den Lichten,
Den sieben, nach, der Sonn' entgegenging.
Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten,
Sie unterm Schild sich mit der Fahne dreh'n,
Eh' sie, geschwenkt, sich ganz zum Rueckzug richten,
So war die Schar des Himmelreichs zu sehn,
Und eh' sich um des Wagens Deichsel legte,
Sah man den Zug vor' und voruebergehn.
Die sieben Frauen rechts und links, bewegte
Der Greif die heil'ge Last mit stiller Macht,
So dass an ihm sich keine Feder regte.
Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht,
Wir leiteten dem Rade nach die Schritte,
Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht.
So ging es durch des hohen Waldes Mitte,
Oed', weil der Schlang' einst Eva Glauben gab,
Und Engelsang gab Mass fuer unsre Tritte.
Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab
Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen,
Und Beatrice stieg vom Wagen ab.
"Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen,
Und einen Baum, von Laub und Blueten leer,
Umringt' im Kreise nun die Schar der Frommen.
Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr
Er aufwaerts steigt, hoch, dass er selbst den Indern
Durch seine Hoehe zum Erstaunen war'.
"Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel pluendern
Willst du nicht diesen Baum, der Suesses zwar
Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Suendern."
So rief rings um den starken Baum die Schar.
Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden:
"So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr."
Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,
Schob er zum oeden Stamm und liess am Baum,
Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden.
Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum
Das grosse Licht sich senkt, von dem umschlossen,
Das nach den Fischen glaenzt am Himmelsraum,
Sich ueppig blaeh'n zu neuen jungen Sprossen,
Jede gefaerbt nach der Natur Gebot, .
Eh' Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen;
So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot
Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze,
Die erst verwaist erschien und kahl und tot.
Und wie sie nun erblueht' im neuen Glanze,
Ertoent' ein nie gehoerter Lobgesang,
Doch nicht ertrug mein mueder Sinn das Ganze.
Koennt' ich euch malen, wie mit suessem Klang
Von Pan und Syrinx einst Merkur den Spaeher,
Den unbarmherz'gen, zum Entschlummern zwang,
So zeigt' ich, wie nach einem Urbild, eher,
Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht,
Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher.
Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht,
Da mir ein Glanz zerriss den dunkeln Schleier,
Und eine Stimme rief: Steh auf, hab' acht!
Wie zu der Blut' des Baums, des Apfel teuer
Den Engeln sind, den nichts erschoepfen kann,
Der Speise gibt zur ew'gen Hochzeitsfeier,
Gefuehrt, Jakobus, Petrus und Johann
Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann,
Und nun vermindert ihre Schule fanden.
Denn Moses und Elias waren fort,
Und ihren Herrn in anderen Gewanden;
So ich--und ueber mich gebogen dort
Stand jetzt die Schoene, wie um mein zu hueten,
Die mich gefuehrt entlang des Flusses Bord.
"Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir gluehten
Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach
Die Schoene, "sitzt sie unter neuen Blueten.
Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach
Entfloh'n empor die anderen, mit Sange,
Der suesser, tiefer klang, als dort am Bach.
Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,
Nicht weiss ich es, denn mir im Auge stand
Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange.
Sie sass allein auf jenem reinen Land,
Wie's schien, zur Hut des Wagens dort gelassen,
Den an den Baum der Zweigestalt'ge band.
Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,
Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist
Des Nord- und Suedwinds nie sich loeschen lassen.
"Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist
Und wirst mit mir als ew'ger Buerger bleiben
In jenem Rom, wo Christus Roemer ist.
Zum Heil der Welt mit ihrem boesen Treiben
Schau' auf den Wagen, um, was du gesehn,
Zurueckgekehrt, den Menschen zu beschreiben."
Beatrix sprach's--wie koennt' ich widerstehn?
Ganz so, wie's der Gebieterin gefallen,
Liess ich voll Demut Geist und Auge gehn.
Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen.
Aus dichter Woelk', ein flammendes Geschoss,
Den Blitz aus fernster Hoehe niederfallen,
Als auf den Baum Zeus' Vogel niederschoss,
Nicht wuehlend bloss in Blueten und in Blaettern,
Die Rind' auch brechend, die sein Mark umschloss.
Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,
Der bei dem Stosse rechts und links sich bog,
Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern.
Dann war ein Fuchs, der jaehen Sprunges flog,
Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen,
Wohin ihn Gier nach bessrer Speise zog.
Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen,
Trieb meine Herrin ihn so eilig fort,
Als laufen konnten seine magern Knochen.
Und nochmals stuerzte von dem hohen Ort,
Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,
Und liess ihm viel von seinen Federn dort.
Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,
Klang aus dem Himmel eine Stimm' und sprach:
"Mein Schifflein, schlechte Ladung musst du tragen!"
Und unten, zwischen beiden Raedern, brach
Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,
Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach.
Dann zog er ihn zurueck, wie's Wespen machen,
Nahm einen Teil des Bodens mit und schien,
Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen.
Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn
Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet,
Wie ueppig Land mit Gras, sich ueberzieh'n.
Und dieses Werk war so geschwind vollendet,
Und voll die Deichsel und das Raederpaar,
Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet.
Und Haeupter trieb, als er verwandelt war,
Der Wagen vor, an den vier Ecken viere,
Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr,
Die letzten drei gehoernt wie die der Stiere,
Die ersten vier mit einem Horn versehn;
So glich er nie geschautem Wundertiere.
Und sicher, wie auf Bergen Schloesser stehn,
Sass eine zuegellose Hure drinnen
Und liess umher die flinken Augen spaeh'n.
Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen,
Stand ihr zur Seit' ein Ries', und diese zwei
Sah ich sich kuessen und sich zaertlich minnen.
Allein, weil sie die Augen gierig frei
Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier
Vom Kopf zum Fuss mit wuetendem Geschrei.
Drauf loest' er ab vom Baum das Ungeheuer,
Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg,
Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier
Die Hure samt dem Wundertier verbarg.


Dreiunddreissigster Gesang

Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen,
Abwechselnd drei und vier, mit suessem Klang,
Doch traenenvoll, die Frauen an zu singen.
Beatrix horchte schweigend dem Gesang,
Verwandelt wie Maria, die mit Grauen
Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang.
Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen
Erst Raum gegeben, sah ich sie erstehn,
G'rad', aufrecht, gleich dem Feuer anzuschauen.
" Ueber ein kleines sollt ihr nicht mich sehn,
Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben,
Ueber ein kleines werdet ihr mich sehn."
Sie sprach's und stellte vor sich alle sieben,
Und hinter sich, durch ihren Wink allein,
Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben.
Sie ging, doch mochten's kaum zehn Schritte sein,
Die sie gegangen und uns gehen lassen,
Da blitzt' ins Auge mir des ihren Schein.
"Geh itzt geschwinder," sagte sie gelassen,
"Komm naeher her, dass, red' ich nun mit dir,
Du wohl vermoegend seist, mein Wort zu fassen."
Kaum war ich, wie ich sollte, nah bei ihr,
Da sprach sie: "Bruder, bist mir nah gekommen,
Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?"
Wie wenn von zuviel Ehrfurcht schwer beklommen
Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann
Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen,
So sprach ich jetzt, da ich zu ihr begann:
"O Herrin, Ihr erkennt ja mein Verlangen,
Und was ich brauch', und was mir frommen kann."
Und sie: "Mach' itzt dich los von Scham und Bangen,
Ich will's, und rede sicher nun und klar,
Und nicht wie einer, der im Traum befangen.
Der Wagen, den die Schlange brach, er war,
Doch wer dies zu verschulden sich nicht scheute,
Er fuerchte Gottes Rach' auf immerdar!
Nicht immer sonder Erben wird, wie heute
Der Adler sein, der ihm die Federn liess,
Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute.
Schon nahen Sterne sich--wie ich's gewiss
Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen--
Da kommt, von Schranke frei und Hindernis,
Fuenfhundert fuenf und zehn hervorgebrochen,
Ein Gottgesandter, der die Dirn' erschlaegt
Zusamt dem Riesen, der mit ihr verbrochen.
Und hab' ich jetzt dir Worte vorgelegt,
Wie Sphinx und Themis, schwierig zu erraten,
Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt,
So loesen bald dies Raetsel dir die Taten
Statt der Najaden auf, und unbedroht
Verbleiben drob die Herden und die Saaten.
Merk', was ich sagt', und hoere mein Gebot:
Du sollst es dort den Lebenden erzaehlen,
Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod.
Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen,
Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich:
Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen.
Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich
Verletzt, kraenkt Gott mit taet'gen Laesterungen,
Denn er schuf heilig nur den Baum fuer sich.
Fuer solchen Raub hat qualenvoll gerungen
Fuenftausend Jahr und mehr der erste Geist
Nach ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen.
Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weisst,
So hoch sei jener Baum aus tiefen Gruenden,
Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist.
Und haette nicht, wie Elsas Flut, mit Rinden
Von Stein dein Gruebeln die Vernunft bedeckt,
Und war' ihr Licht dir nicht getruebt von Suenden,
So haettest du, was das Verbot bezweckt,
Und wie darin der Herr gerecht erscheine,
Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt.
Doch weil dein Geist verhaertet ist zum Steine,
Befleckt von Schuld, verworren und berueckt
Und bloede bei der Wahrheit hellem Scheine,
So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrueckt
Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen,
Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmueckt."
Und ich: "So fest, als nur im Wachse drinnen
Das Bild sich haelt, das drein das Siegel graebt,
Trag' ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen.
Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt,
Fliegt eu'r ersehntes Wort in solche Sphaeren,
Dass er es mehr verliert, je mehr er strebt."
"Auf, dass du wissest, welcher Schule Lehren",
So sprach sie, "du gefolgt, und sehst, wie weit
Sie meinem Wort zu folgen sich bewaehren;
Und wie ihr fern mit eurem Wege seid
Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden
Des hoechsten Himmels Glanz und Herrlichkeit."
Und ich: "Nicht will's mir klar im Geiste werden,
Dass ich mich je entfernt von eurer Spur;
Nicht fuehl' ich im Gewissen drob Beschwerden."
"Entsinnst du dessen dich nicht mehr?" so fuhr
Sie laechelnd fort; "doch von der Lethe Fluten
Trankst du noch heute, des gedenke nur.
Und, wie man richtig schliesst vom Rauch auf Gluten,
So siehest du durch dies Vergessen klar,
Dass du dich abgewandt vom wahren Guten.
Jetzt wahrlich stellt, von jeder Huelle bar,
Soviel, im engsten Kreise sich bewegend,
Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar."
Und flammender, sich traegem Schrittes regend,
Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet,
Das stets ein andres ist in andrer Gegend.
Da standen still, wie, wer als Fuehrer zieht
Vor einer Schar, sich schickt zum Stillestande,
Wenn er auf seinem Wege Neues sieht,
Die sieben Frau'n an dichten Schattens Rande.
Wie gruenbelaubt schwarzaestig Waldgeheg
Auf kalte Fluess' ihn fliesst im Alpenlande.
Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg
Sich aus derselben Quelle zu ergiessen,
Sich dann, wie Freunde, trennend, still und traeg.
"O Licht, der Menschheit Ruhm, welch Wasser spriessen
Seh' ich aus einem Ursprung hier und dann
Sich von sich selbst entfernend weiterfliessen?"
Auf diese Bitte hob Beatrix an:
"Mathilden bitt',"--und diese sprach dagegen,
Wie wer vom Vorwurf leicht sich loesen kann:
"Dies und noch anderes ihm auszulegen,
Versaeumt' ich nicht, was, des bin ich gewiss,
Der Lethe Waesser nicht zu tilgen pflegen."
Beatrix drauf: "Die groessre Sorg' entriss,
Wie's oft geschieht, dies seinem Angedenken
Und liess sein geistig Aug' in Finsternis.
Doch Eunoe sieh--eil', ihn dahin zu lenken,
Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut
Mit Leben die erstorbne Kraft zu traenken."
Wie ohn' Entschuldigung, wer, mild und gut,
Als eignen Willen fremden aufgenommen,
Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, tut,
So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,
Die schoene Frau und sagte weiblich mild
Zu Statius: "Auch du sollst mit ihm kommen."
Haett' ich, o Leser, Raum zu groesserm Bild,
So wuerd' ich dir zum Teil die Wonnen singen
Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt.
Doch laesst sich nichts mehr auf die Blaetter bringen,
Die ich zu diesem zweiten Lied erkor,
Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen.
Ich ging aus jener heil'gen Flut hervor,
Wie neu erzeugt, von Leid und Schwaeche ferne,
Gleich neuer Pflanz' in neuen Lenzes Flor,
Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.




Das Paradies


Erster Gesang

Der Ruhm des, der bewegt das grosse Ganze,
Durchdringt das All, und diesem Teil gewaehrt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.
Im Himmel, den sein hellstes Licht verklaert,--
War ich und sah, was wiederzuerzaehlen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.
Denn, nah'n dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,
Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,
Dann muss der Rueckweg dem Gedaechtnis fehlen.
Doch alles, was im heiligen Gebiet
Nur einzusammeln war von sel'ger Schoene,
Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied.
Apollo, Guet'ger, leih mir deine Toene
Zum letzten Werk--mach' ein Gefaess aus mir,
Wert, dass es dein geliebter Lorbeer kroene.
Mir g'nuegt' ein Gipfel des Parnass bis hier,
Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger gruessen,
So fleh' ich jetzt um beid' empor zu dir.
Den Odem hauch' in mich, den reinen, suessen,
Dass du hier stark, wie bei dem Wettkampf, seist,
Den Marsyas kaempft', um frevlen Stolz zu buessen.
O Goetterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst,
Den Nachschein von des sel'gen Reiches Glanze
Zu malen aus dem Bild in meinem Geist,
Dann siehest du mich nah'n der teuren Pflanze
Und, durch den Stoff und dich des wert, geschmueckt
Und reichgekroent mein Haupt mit ihrem Kranze.
Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflueckt,
Um Caesars und des Dichters Sieg zu ehren,
Weil Schuld und Schmach den Willen niederdrueckt,
Muss Freud' es wohl dem freud'gen Gott gewaehren,
Den Delphos preist, kehrt nun mit kuehnem Mut
Nach Daphnes Laub ein Herz all sein Begehren.
Und weckt ein kleiner Funk' oft grosse Glut,
So fleht nach mir zu hoeherer Verkuendung
Ein andrer wohl um deine Hilf und Hut.--
Den Sterblichen entsteigt aus mancher Muendung
Das Licht der Welt; allein in einer sind
Vier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung,
Wo's bessern Lauf mit besserm Stern beginnt,
So dass der Erde Wachs in diesem Zeichen
Von ihm ein schoeneres Gepraeg gewinnt.
In ihm hiess Sol den Tag bei uns erbleichen
Und dort entglueh'n; und auf dem Halbkreis hier
Die schwarze Nacht sich nah'n und dort entweichen.
Und links gewandt erschien Beatrix mir,
Und wie kein Aar je fest und ungeblendet
Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr.
Und wie der erste Strahl den zweiten sendet,
Der, ihm entflammt, hell auf- und rueckwaerts blitzt,
Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet,
So macht' ihr Blick, der durch die Augen itzt
Mein Innres traf, zur Sonn' auch meinen steigen,
Mit groessrer Kraft, als onst der Mensch besitzt.
Viel darf man dort, was hier zu uebersteigen
Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht,
Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen.
Nicht lang' ertrug ich's, doch so wenig nicht,
Um nicht zu sehn, dass, wie dem Feu'r entnommen,
Das Eisen sprueht, sie sprueht' in Glut und Licht.
Und ploetzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen,
Als sei durch den, der's kann, am Himmelsrand
Noch eine zweite neue Sonn' entglommen.
Fest schauend nach den ew'gen Kreisen, stand
Beatrix dort, und ihr ins glanzerhellte
Gesicht sah ich, von oben abgewandt,
Und fuehlte, da mir Lust das Innre schwellte,
Was Glaukus fuehlt', als er das Kraut geschmeckt,
Das ihn im Meer den Goettern zugesellte.
Verzueckung fuehlt' ich. Was sie sei, entdeckt
Die Sprache nicht, mag's drum dies Beispiel Iehren,
Wenn je in euch die Gnade sie erweckt.
Ob ich nur Seele war?--Du magst's erklaeren,
O Liebe, Himmelslenkerin, die mich
Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphaeren.
Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich
In Sehnsucht rollt, mein Aug' an sich gezogen
Mit Harmonien, verteilt, gemischt durch dich,
Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen
So weit hin, wie von Strom und Regenflut
Kein See noch je erstreckt die breiten Wogen.
Des Klanges Neuheit und die lichte Glut,
Sie machten, dass ich vor Begierde brannte,
Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut;
Drob sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte,
Mir zu befried'gen den erregten Geist,
Noch eh' ich fragte, schon sich zu mir wandte
Und sprach: "Ein Wahn ist Schuld, dass du nicht weisst,
Was du sogleich erkennen wirst und sehen,
Sobald du dich von seinem Trug befreist.
Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen,
Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland
So schnell, wie du jetzt eilst, hinaufzugehen."
Kaum dass der erste Zweifel mir verschwand,
Durchs kurze Wort und ihres Laechelns Frieden,
Als wieder schon ein neuer mich umwand.
Ich sprach: "Vom Staunen ruht' ich schon zufrieden;
Doch steig' ich jetzt durch leichte Stoff' empor,
Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden."
Ein Seufzer weht' aus ihrem Mund hervor,
Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben
Die Mutter blickt, die sagen will: Du Tor!
"Die Dinge saemtlich", so begann sie, "haben
Unter sich Ordnung, und das All ist nur
Durch diese Form gottaehnlich und erhaben.
Die hoehern Wesen sehn in ihr die Spur
Der Kraft, der ew'gen, die zum Ziel gegeben
Vom Schoepfer ward der Ordnung der Natur.
Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben,
Ob hoch ihr Los, ob niedrig sei; ob mehr,
Ob minder nah sie ihrem Ursprung leben.
Sie treiben durch des Seins unendlich Meer,
Geleitet vom Instinkt, den Gott als Steuer
Jedwedem gab, auf mancher Bahn daher.
Er traegt zum Mond empor das rege Feuer,
Er ist's, der rund den Bau der Erde drueckt,
Er ist der Herzschlaeg' Ordner und Erneurer.
Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, zueckt
Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile,
Auf die auch, die Vernunft und Liebe schmueckt.
Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Teile,
Die durch ihr Licht des Himmels Ruh' erhaelt,
In dem der Kreis sich dreht von groesster Eile,
Laesst zum bestimmten Platz in jener Welt
Uns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen,
Die, was sie treibt, nach heiterm Ziele schnellt.
Wahr ist's, dass, wie oft Formen nicht gelingen,
Wie sie in sich des Kuenstlers Geist empfah'n,
Wenn sproede mit der Kunst die Stoffe ringen,-
So das Geschoepf oft weicht von seiner Bahn,
Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen,
Trotz jener Kraft, sich anderm Ziel zu nah'n,
Wenn erdenwaerts es falsche Reize ziehen;
Wie aus der Wolke, wenn das Wetter grollt,
Zum Boden hin des Feuers Strahlen fliehen.
Nun staunst du, war ich klar, wie ich gewollt,
So wenig drob, dass du emporgestiegen,
Als dass der Bach vom Berg zur Tiefe rollt.
Bliebst du, von Hemmnis frei, am Boden liegen,
Erstaunenswerter waer's, als saehest du
Traeg an den Grund sich lebend Feuer schmiegen."
Hier wandt' ihr Antlitz sich dem Himmel zu.


Zweiter Gesang

O ihr, die ihr, von Hoerbegier verleitet,
Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt,
Das mit Gesange durch die Fluten gleitet,
Kehrt wieder heim zu dem verlassnen Strand,
Schifft nicht ins Meer, denn, die mir folgen, waeren
Vielleicht verirrt, wenn meine Spur verschwand.
Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren;
Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit,
Neun Musen zeigen mir am Pol die Baeren.
Ihr andern wen'gen, die zur rechten Zeit
Ihr euch geneigt zum Engelsbrot, das Leben
Hienieden uns nie Saettigung verleiht,
Ihr koennt euch kuehn aufs hohe Meer begeben,
Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt,
Eh' wieder gleich das Wasser wird und eben.
Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt,
Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen,
Anstaunten, dass zum Pflueger Jason ward.
So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogen
- Wir fort, zum Reich, dem Gott die Form verlieh,
Vom angebornen, ew'gen Durst gezogen.
Beatrix blickt' empor und ich auf sie,
Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen
Vom Bogen pflegt und fliegt und ruht--da sieh
Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen
Gefesselt ward, schon angelangt mit ihr;
Und sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen,
Sie wandte sich so froh, wie schoen, zu mir:
"Auf, bring' itzt Gott des Dankes Huldigungen!
Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier."
Mir schien's, als hielt' uns eine Wolk' umschlungen,
Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein,
Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen.
Die ew'ge Perle nahm uns also ein,
Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen,
In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein.
Wenn ich nun Leib war, und wir nicht erkennen,
Wie sich in einem Raum ein zweiter fand,
So, dass im Koerper Koerper tauchen koennen,
Was sind wir drum nicht mehr vom Trieb entbrannt,
Das Ursein zu erschau'n, in dem wir schauen,
Wie unserer Natur sich Gott verband.
Dort wird uns das, worauf wir glaeubig bauen,
Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar,
Der ersten Wahrheit gleich, auf die wir trauen.
"Ihm, Herrin," sprach ich, "der mich wunderbar
Der Erd' entrueckt, ihm bring' ich jetzt, entglommen
Von frommer Glut, des Dankes Opfer dar.
Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommen
Auf dieses Koerpers Scheib', aus welchen man
Zur Kainsfabel dort den Stoff entnommen."
Sie laechelt' erst ein wenig und begann:
"Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen,
Die nicht der Sinne Schluessel oeffnen kann,
So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen,
Erkennend, dass, den Sinnen nach, nicht weit
Sich die Vernunft erhebt mit ihren Schwingen.
Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!"
Und ich: "Von duennern oder dichtern Stellen
Kommt, wie mir scheint, des Lichts Verschiedenheit."
Drauf sie: "Du wirst bald selbst das Urteil faellen,
Dass falsch die Meinung sei, drum gib wohl acht,
Was ich fuer Gruend' ihr werd' entgegenstellen.
Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht,
An Gross' und Eigenschaften sehr verschieden,
Wie ihr verschiednes Ansehn kenntlich macht.
War' dies durch Duenn' und Dichtigkeit entschieden,
So gaeb's in allen ja nur eine Kraft,
Dem mehr, dem minder, jenen gleich beschieden.
Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft
Verschiedne Kraeft', und alle diese schwanden,
Nach deinem Satz, vor einer Eigenschaft.
Dann, wenn die Flecken durch die Duenn' entstaenden,
So denke, dass entweder hier und dort
Sich durch und durch stoffarme Stellen faenden;
Oder, gleichwie im Leib an manchem Ort
Die Fettigkeit das Magre deckt, so gingen
Die Schichten durch den Mond abwechselnd fort.
Das Erste wuerd' ans Licht die Sonne bringen,
Wenn sie verfinstert ist--es ward' ihr Schein
Dann wie durch andre duenne Stoffs dringen.
Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit' allein,
Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen,
Dann wird dein Satz als falsch erwiesen sein.
Kann durch und durch der duenne Stoff nicht gehen,
So muss wohl eine Grenze sein, und hier
Der dichte Stoff den Strahlen widerstehen.
Zuruecke blitzt sodann der Strahl von ihr--
So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite
Mit Blei belegt, zurueck dein Bildnis dir--
Nun sagst du wohl, dass, weil aus groessrer Weite
Der Strahl sodann auf dich zurueckeprallt,
Er deshalb auch geringres Licht verbreite.
Doch diesen Einwurf widerlegt dir bald
Erfahrung, der, als seiner ersten Quelle,
Jedweder Strom der Wissenschaft entwallt.
Drei Spiegel nimm und zwei von diesen stelle
Gleich weit von dir--dem dritten gib sodann
Entfernter zwischen beiden seine Stelle.
Kehrst du dich ihnen zu, so stelle man
Drauf hinter dich ein Licht, das sich in allen
Zum Widerstrahl des Schimmers spiegeln kann.
Ins Auge wird der fernre kleiner fallen,
Doch wird auf dich von ihnen allzumal
Ein gleich lebendig Licht zurueckeprallen.
Jetzt aber, wie beim warmen Sonnenstrahl
Des Schnees Massen in sich selbst zergehen,
Und Farb' und Frost zerrinnt im lauen Tal,
So soll's dem Wahn in deinem Geist geschehen,
Und durch mein Wort sollst du lebend'ge Glut
Vor deinem Blick in regem Schimmer sehen.
Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht,
Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten
Das Sein all des, was er enthaelt, beruht.
Der naechste Himmel, reich an Lichtgestalten,
Verteilt dies Sein verschiednen Koerpern drauf,
Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten.
Aus aendern Kreisen von verschiednem Lauf
Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend,
Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf.
So siehst du diese Weltorgane schwebend,
In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad,
Von oben nehmend und nach unten gebend.
Betrachte wohl den Weg, den ich betrat,
Auf dem ich dir erwuenschte Wahrheit weise,
Dann findest du wohl kuenftig selbst den Pfad.
Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise
Von Lenkern an, die ew'ges Heil beglueckt,
Wie Stein sich formt nach seines Kuenstlers Weise.
Den Himmel, den die Schar der Sterne schmueckt,
Wird von dem Geist, durch den sie rollend Schweben,
Gepraeg' und Bildnis maechtig eingedrueckt.
Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben,
Durch Glieder von verschiedner Art beweist,
Was in ihr fuer verschiedne Kraefte leben,
So zeiget seine Huld der Weltengeist,
Der ewig einer ist, hier, vielgestaltet,
Im Sternenheer, das durch die Himmel kreist.
Daher verschiedne Kraft verschieden waltet
Im edlen Koerper, welchen sie durchdrang,
In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet.
Und da sie heiterer Natur entsprang,
Glaenzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte,
Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang.
Durch sie also, und nicht durchs Duenn' und Dichte,
Erhaelt verschiednen Glanz der Sterne Schar;
Dass sie ein Denkmal ihrer Huld errichte,
Schafft diese Bildnerin, was trueb und klar."


Dritter Gesang

Die Sonne, die mich einst mit Glut erfuellt,
Beweisend hatte sie und widerlegend
Der Wahrheit holdes Antlitz mir enthuellt.
Und ich, belehrt, nicht laenger Zweifel hegend,
Wollt' eben, dass ich's sei, gestehn und stand,
Das Haupt, soweit sich's ziemt, emporbewegend.
Doch ein Gesicht erschien, und so gespannt
Hielt ich den Blick darauf, um's zu gewahren,
Dass mein Gestaendnis der Erinnrung schwand.
Und wie von Glaesern, von durchsicht'gen, klaren,
Von Weihern, welche seicht, doch still und rein,
Den Boden unverdunkelt offenbaren,
Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein,
Dass man erkennen wuerd' in groessrer Schnelle
Auf weisser Stirn der Perle bleichen Schein;
So sah ich manch Gesicht an jener Stelle
Und war im Gegensatz des Wahns, durch den
Einst Lieb' entflammt ward zwischen Mann und Quelle.
Denn ploetzlich glaubt' ich, wie ich sie ersehn,
Es waeren Spiegelbilder, und bemuehte
Mich, ringsumher ihr Urbild zu erspaeh'n.
Doch sah ich nichts, und, zweifelnd im Gemuete,
Schaut' ich ins Licht der suessen Fuehrerin,
Die laechelnd in den heil'gen Augen gluehte.
Und sie begann: "Nicht staun' in deinem Sinn.
Belacht' ich deine kindischen Gedanken.
Noch gehst du auf der Wahrheit strauchelnd hin,
Um, wie du pflegst, dem Wahne zuzuwanken.
Wirkliche Wesen zeigt dir dies Gesicht,
Die, untreu dem Geluebd', in Schuld versanken.
Sprich, hoer' und glaube; denn das wahre Licht,
Das sie beseligt, wird es nie gestatten,
Dass ihm zu folgen sich ihr Fuss entbricht.
Ich wandte mich und sprach zu einem Schatten,
Der sprechenslustig schien, schnell, als ein Mann,
Den laengst gequaelt der Neugier Stacheln hatten:
"O Seele, die das ew'ge Licht gewann,
Die selig hier die Suessigkeiten machten,
Die nur, wer sie geschmeckt, begreifen kann,
O sei jetzt freundlich mir. Mein ganzes Trachten
Ist ja dein Nam' und euer Los. Drum sprich!"--
Und sie, bereit, mit Augen, welche lachten,
Sprach: "Unsre Lieb' erschliesst sich williglich
Gerechtem Wunsch, gleich der, der Liebe Bronnen,
Die ihr Gefolg gebildet will nach sich.
Dort auf der Welt gehoert' ich zu den Nonnen,
Doch wende nur mir die Erinnrung zu,
Und durch die hoeh're Schoenheit, hoehern Wonnen,
Dass ich Piccarda bin, erkennest du,
Mit diesen allen, die sich selig nennen,
Zum traegsten Kreis versetzt in Wonn' und Ruh'.
All unsre Triebe, die allein entbrennen
In Lust des Heil'gen Geist's, sind hoch ergetzt,
Weil sie in seiner Weihe sich erkennen.
Dies Los, von dir vielleicht geringgeschaetzt,
Ward uns zuteile, weil wir dort auf Erden
Verabsaeumt die Geluebd' und sie verletzt."
Drauf ich: "Euch glaenzt in Antlitz und Gebaerden,
Ich weiss nicht was, von Gottheit, wunderbar,
Und laesst die ersten Zueg' unkenntlich werden,
Drob ich so saeumig im Erkennen war,
Jetzt hilft mir, was du sprichst, dem Auge trauen
Und stellt mir deutlicher dein Bildnis dar.
Doch sprich: Ihr, gluecklich hier in diesen Auen,
Zieht euch nach hoeherm Ort nicht die Begier,
Um mehr euch zu befreunden, mehr zu schauen?"
Ein wenig laechelten die Schatten hier,
Denn, als ob sie in erster Liebe gluehte,
Erwiderte sie froh und wonnig mir:
"Bruder, hier stillt die Kraft der Lieb' und Guete
Jedweden Wunsch, und voellig g'nuegt uns dies,
Und nicht nach anderm duerstet das Gemuete.
Denn wenn es hoeherm Wunsch sich ueberliess,
So wuerd' es ja dem Willen widerstehen,
Der uns in diesen niedern Kreis verwies.
Dies kann in diesen Sphaeren nicht geschehen;
Lieb' ist das Band des ewigen Vereins,
Mit der nicht Kampf noch Widerstand bestehen.
Vielmehr ist's Wesen dieses sel'gen Seins,
Nur in dem Willen Gottes hinzuwallen,
Drum schmilzt hier aller Wunsch und Trieb in eins.
Und, wie wir sind von Grad zu Grad, muss allen
Wie ihm, des Will' allein nach seiner Spur
Den unsern lenkt, dies ganze Reich gefallen.
Und unser Frieden ist sein Wille nur,
Dies Meer, wohin sich alles muss bewegen,
Was er schafft, was hervorbringt die Natur."--
Nun sah ich: Paradies ist allerwegen
Wo Himmel ist, stroemt auch von oben her
Vom hoechsten Gut nicht gleich der Gnade Regen.--
Wie bei verschiednen Speisen man nicht mehr
Von dieser will und sich nach jener wendet,
Fuer diese dankt und noch verlangt von der,
So ich mit Wink und Wort, als sie geendet,
Um zu erfahren, was sie dort gewebt,
Allein verlassen, ehe sie's vollendet.
"Vollkommnes Leben und Verdienst erhebt
Ein Weib", so sprach sie, "zu den hoehern Kreisen,
In deren Tracht und Schleier manche strebt,
In Schlaf und Wachen treu sich zu erweisen
Dem Braeutigam, dem jeder Schwur gefaellt,
Den reine Liebestrieb' ihm schwoeren heissen.
Ihr nachzufolgen floh ich jung die Welt,
Weiht' ihrem Orden mich und war beflissen,
Dem g'nugzutun, was sein Gesetz enthaelt.
Doch Menschen, ruchlos mehr, als gut, entrissen
Gewaltsam dem Verlies, dem suessen, mich
Wie drauf mein Leben war--Gott wird es wissen--
Der andre Glanz, der mir zur Rechten dich
So freudig hell bestrahlt, denn er entzuendet
In unsrer Sphaere ganzem Schimmer sich,
Versteht von sich, was ich von mir verkuendet.
Denn man entriss, wie meinem, ihrem Haupt
Den Schleier, der der Nonnen Stirn umwindet.
Doch, ob man Rueckkehr ihr zur Welt erlaubt,
Blieb doch ihr Herz bekroent mit jenem Kranze,
Den ihrer Stirn verruchte Tat geraubt.
Sie ist das Licht der trefflichen Konstanze,
Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenland
Den dritten zeugt', umstrahlt vom letzten Glanze."
Piccarda sprach's, mir heiter zugewandt,
Und fing ein Ave an, indem sie singend,
Wie Schweres in der tiefen Flut, verschwand.
Mein Blick, ihr nach, soweit er konnte, dringend,
Erhob sich dann, sobald er sie verlor,
Nach einem Ziele groessern Sehnens ringend,
Zu Beatricens Antlitz ganz empor,
Doch als ihr Aug', ein Blitz, in meins geschlagen,
So dass zuerst es niedersank davor,
Da macht' es zoegern mich mit weitern Fragen.


Vierter Gesang

Zwischen zwei Speisen, gleich entfernt und lockend,
Ging hungrig wohl ein freier Mann zugrund',
Nicht von der einen noch der andern brockend.
So stund' ein Laemmchen zwischen Schlund und Schlund
Von zweien Woelfen fest, in gleichem Zagen,
So stund' auch zwischen zweien Reh'n ein Hund.
So liess' verschiedner Zweifel mich nicht fragen.
Ich schwieg nur, weil ich musst', und kann davon
Drum weder Gutes jetzt noch Boeses sagen.
Ich schwieg, doch ward mein Wunsch vom Antlitz schon
Klar ausgedrueckt und deutlicher vernommen,
Als haett' ich ihn erklaert mit klarem Ton.
Beatrix tat wie Daniel, als entglommen
Nebukadnezar war in blinder Wut,
Die des Propheten Deutung ihm benommen.
"Dass dich zwei Wuensche draengen, seh' ich gut,"
Begann sie, "die dich fesseln. So dass keiner
Von beiden sich nun kund nach aussen tut.
Du fragst: Bleibt unser Will' ein guter, reiner,
Wie macht Gewalttat andrer dann den Wert
Und wie den Umfang des Verdienstes kleiner?
Hiernaechst auch zweifelst du, weil Plato lehrt,
Dass, wie's ihm scheint, zu ihrem Sternenkreise
Die Seele von der Erde wiederkehrt.
Die beiden Zweifel draengen gleicherweise
Auf deinen Willen ein, daher ich Ietzt
Der schlimmern Meinung Falschheit erst beweise.
Der Seraph, den der reinste Schimmer letzt,
Moses und Samuel--die je heilig waren,
Ja, selbst Marien nenn' ich dir zuletzt,
Sind nicht in anderm Himmel als die Scharen
Der sel'gen Geister, die du jetzt gesehn,
Sind reicher nicht und aermer nicht an Jahren.
Die erste Sphaere machen alle schoen,
Doch ist verschiedner Art ihr suesses Leben,
Wie mehr und minder Gottes Hauche weh'n.
Sie zeigten hier sich, nicht, weil ihnen eben
Der Kreis zuteil ward, nein, weil dies beweist,
Dass sie zum Hoechsten minder sich erheben.
So sprechen muss man ja zu eurem Geist,
Den nur die Sinne zu dem allen leiten.
Was die Vernunft sodann ihr eigen heisst.
Drum laesst sich auch zu euren Faehigkeiten
Die Schrift herab, wenn sie von Gott euch spricht,
Von Hand und Fuss, um andres anzudeuten.
Die Kirche zeigt mit menschlichem Gesicht
Gabriel' und Michael' und Raphaelen,
Der neu geklaert Tobias' Augenlicht.
Doch des Timaeus Lehre von den Seelen
Ist andrer Art. Er glaubt auch, was er lehrt,
Und scheint darin kein Sinnbild zu verhehlen.
Dass sich zu ihrem Stern die Seele kehrt,
Er spricht's und glaubt, dass sie von dort gekommen,
Als die Natur sie uns zur Form gewaehrt.
Allein wird dies nicht woertlich angenommen,
So kann er doch vielleicht mit dem Beweis
Dem Ziel der Wahrheit ziemlich nahekommen,
Dafern er meinte, dass aus jedem Kreis
Das Gut' und Boese stamm', und deshalb lehrte,
Dem kehre Schimpf zurueck und jenem Preis.
Und dieser schlechtverstandne Satz verkehrte
Fast alle Welt, so dass in Sternen man
Den Mars, Merkur und Jupiter verehrte.--
Der andre Zweifel, welcher dich umspann,
Hat mindres Gift, indem er nicht entruecken
Dich meinem Pfad durch seine Schlingen kann.
Denn scheint auch ungerecht den Menschenblicken
Unsre Gerechtigkeit, nun, so beweist
Dies Glauben nur, nicht ketzerische Tuecken.
Allein wohl faehig ist des Menschen Geist,
In diese Wahrheit tiefer einzudringen,
Drum will ich jetzt, dass du befriedigt seist.
Ist das Gewalt, wenn jenen, welche zwingen,
Der, welcher leidet, nie sich willig zeigt,
So kann sie jenen nicht Entschuld'gung bringen.
Denn Wille, der nicht will, bleibt ungebeugt,
Wie Feuer, mag der Sturmwind tosend Schwellen,
Oft hingeweht, neu in die Hoehe steigt.
Der Wille wird zu der Gewalt Gesellen,
Wenn er sich beugt; drum fehlte jenes Paar
Rueckkehren koennend zu den heil'gen Zellen.
Blieb jener Nonnen Will' unwandelbar,
Wie auf dem Rost Laurentius geblieben,
Wie Scaevola, der streng der Rechten war,
So haett' er sie, befreit, zurueckgetrieben
Denselben Pfad, auf dem man sie entfuehrt;
Doch selten sind, die solchen Willen lieben.
Noch haettest du den Zweifel oft gespuert,
Der jetzt gewiss vor meinem Wort geschwunden,
Wenn du wohl aufgemerkt, wie sich's gebuehrt.
Doch haelt ein andrer schon dein Aug' umwunden,
Und gaenzlich schwaende deine Kraft dahin,
Eh' du dich Selbst aus ihm herausgefunden.
Ich legt' es als gewiss in deinen Sinn,
Die Seele, die der ersten Wahrheit Pforten
Stets nahe bleibt, sei niemals Luegnerin.
Doch nun erfuhrst du durch Piccarda dorten,
Dass ihren Schlei'r Konstanze nie vergass,
Und dies scheint Widerspruch mit meinen Worten.
Oft, Bruder, die Gefahr zu flieh'n, geschah's,
Dass sich ein Mensch, auch wider Willen, dessen,
Was nimmer sich zu tun geziemt, vermass.
So hat Alkmaeon, welcher sich vermessen
Des Muttermords, weil ihn sein Vater bat,
Die Sohnespflicht aus Sohnespflicht vergessen.
Daraus erkennst du diese Wahrheit: hat
Der Wille sich vermischt dem aeussern Drange,
So liegt in ihm die Schuld der boesen Tat.
Der unbedingte Wille trotzt dem Zwange,
Doch stimmt insofern bei, als der Gefahr
Er zagend weicht, vor groesserm Schaden bange.
Piccarda sprach, dies siehst du jetzo klar,
Vom unbedingten Willen nur zum Guten,
Vom zweiten Ich, und beider Wort ist wahr."
So war das Wogen jener heil'gen Fluten
Dem Quell entstroemt, dem Wahrheit nur entquillt,
Dass suess befriedigt meine Wuensche ruhten.
"Liebste des ersten Liebenden, o Bild
Der Gottheit," rief ich, "deren Rede regnet,
Erwaermt und mehr und mehr belebt und stillt.
Oh, war' mit Inbrunst doch mein Herz gesegnet
Zum Dank, der g'nuegte deiner Huld--doch dir
Sei nur von ihm, der sieht und kann, entgegnet.
Nie saettigt sich der Geist, dies seh' ich hier,
Als in der Wahrheit Glanz, dem Quell des Lebens,
Die uns als Wahn zeigt alles ausser ihr.
Doch fand er sie, dann ruht die Qual des Strebens,
Und finden kann er sie, sonst waere ja
Jedweder Wunsch der Menschenbrust vergebens.
Dann laesst der Geist, wenn er die Wahrheit sah,
An ihrem Fuss den Zweifel Wurzel schlagen
Und treibt von Hoeh'n zu Hoeh'n dem Hoechsten nah.
Dies ladet nun mich ein, dies heisst mich wagen,
Nach einer andern dunkeln Wahrheit jetzt
Voll Ehrfurcht, hohe Herrin, Euch zu fragen.
Kann wohl der Mensch, der ein Geluebd' verletzt,
Durch andres gutes Werk dies so vergueten,
Dass Ihr's, nach Eurer Wag', als g'nuegend schaetzt?
Sie sah mich an, und Liebesfunken spruehten
Aus ihrem Aug' so goettlich klar hervor,
Dass ich, besiegt, sobald sie mir ergluehten,
Gesenkten Blicks mich selber fast verlor.


Fuenfter Gesang

"Wenn ich in Liebesglut dir flammend funkle,
Mehr, als es je ein irdisch Auge sieht,
So, dass ich deines Auges Licht verdunkle,
Nicht staune drum--es macht, dass dies geschieht,
Vollkommnes Schauen, welches, wie's ergruendet,
In dem Ergruendeten uns weiterzieht.
Schon glaenzt, ich seh's in deinem Blick verkuendet.
In deinem Geist ein Schein vom ew'gen Licht,
Das, kaum gesehen, Liebe stets entzuendet.
Und liebt ihr, weil euch andrer Reiz besticht,
So ist's, weil, unerkannt, vom Licht, dem wahren,
Ein Strahl herein auf das Geliebte bricht.
Ob andrer Dienst, dies willst du jetzt erfahren,
Gebrochenes Geluebd' ersetzen kann,
Um vor dem Vorwurf euer Herz zu wahren."
So fing ihr heil'ges Wort Beatrix an
Und setzte dann, die Rede zu vollenden,
Ununterbrochen fort, was sie begann.
"Die groesste Gab' aus Gottes Vaterhaenden
Und seiner reichen Guete klarste Spur,
Von ihm geschaetzt als hoechste seiner Spenden,
Ist Willensfreiheit, so die Kreatur,
Der er Vernunft verlieh, von ihm bekommen,
Von diesen jede, doch auch diese nur.
Hieraus ersieh den hohen Wert des frommen
Geluebdes, wenn es so beschaffen ist,
Dass Gott, was du geboten, angenommen.
Denn, wer mit Gott Vertrag schliesst, der vermisst
Sich, diesen Schatz zum Opfer darzubringen,
Mit dessen Werte sich kein andrer misst.
Wie kann drum je hier ein Ersatz gelingen?
Brauchst du auch wohl, was du geopfert hast,
So ist's nur Wohltat mit gestohlnen Dingen.
Du hast das Wichtigste nun aufgefasst,
Doch weil die Kirche vom Geluebd' entbindet,
So zweifelst du an meiner Wahrheit fast.
Drum bleib am Tisch ein wenig noch. Hier findet,
Ob du auch Unverdauliches gespeist,
Das Mittel sich, vor dem der Schmerz verschwindet.
Dem, was ich sag', erschliesse deinen Geist,
Denn Hoeren gibt nicht Weisheit, nein, Behalten;
Behalt es drum, damit du weise seist.
In diesem Opfer sind zwei Ding' enthalten;
Das erste: des Geluebdes Gegenst and--
Das zweite: der Vertrag, es treu zu halten.
Der letztere hat ewigen Bestand,
Bis er erfuellt ist, und wie er zu achten,
Dies macht' ich oben dir genau bekannt.
Drum mussten die Hebraeer Opfer schlachten,
Obwohl fuer das Gelobte dann und wann
Sie, wie du wissen musst, ein andres brachten.
Der Gegenstand kann also sein, dass man,
Auch ohne Reu' und Vorwurf zu empfinden,
Mit einem andern ihn vertauschen kann.
Nur mag sich dessen niemand unterwinden
Nach eigner Wahl, wenn ihn der ersten Last
Der gelb' und weisse Schluessel nicht entbinden.
Und jeder Tausch der Buerd' ist Gott verhasst,
Wenn, die wir nehmen, die wir von uns legen,
Nicht wie die Sechs die Vier, voll in sich fasst.
Drum, ziehet das, was man gelobt, beim Waegen
Jedwede Wag' herab durch sein Gewicht,
So gibt's auch nirgendwo Ersatz dagegen.
Scherzt, Sterbliche, mit dem Geluebde nicht.
Seid treu, doch seht euch vor; denn schwer beklagen
Wird's jeder, der, wie Jephtha, blind verspricht.
Ihm ziemt' es besser: Ich tat schlimm! zu sagen,
Als, haltend, schlimmer tun--und gleiche Scham
Sah man davon den Griechenfeldherrn tragen;
Drob Iphigenia weint' in bitterm Gram
Und um sich weinen Weis' und Toren machte,
Ja, jeden, der von solchem Dienst vernahm.
Sei nicht leichtglaeubig, Christenvolk, und trachte,
Nicht wie der Flaum im Windeshauch zu sein;
Dass dich nicht jedes Wasser waescht, beachtet
Das Alt' und Neue Testament ist dein,
Der Kirche Hirt ist Fuehrer ihren Soehnen,
Und dieses g'nuegt zu eurem Heil allein.
Und reizt euch jemand, schlechtem Trieb zu froenen,
Nicht Schafe seid ihr, eurer unbewusst,
Drum lasst vom Nachbar Juden euch nicht hoehnen.
Tut nicht dem Lamm gleich, das der Mutter Brust
Aus Einfalt laesst und, dumm und geil, vergebens
Nur mit sich selber kaempft nach seiner Lust."
Beatrix sprach's und wandte, regen Strebens,
Ganz Sehnen, ihren Blick zum hellem Licht,
Empor zur schoenen Welt des hoehern Lebens.
Ihr Schweigen, ihr verwandelt Angesicht
Geboten dem begier'gen Geiste Schweigen
Und liessen mich zu neuen Fragen nicht.
Und schnell, wie sich beschwingte Pfeile zeigen,
Ins Ziel einbohrend, eh' die Sehne ruht,
So eilten wir, zum zweiten Reich zu steigen.
Die Herrin sah ich so in frohem Mut,
Da uns der Flug zum neuen Glaenze brachte,
Dass heller ward des Sternes Licht und Glut.
Wenn der Planet nun, sich verwandelnd, lachte,
Wie ward wohl mir, mir, den verwandelbar
Schon die Natur auf alle Weisen machte?
Gleichwie im Teich, der ruhig ist und klar,
Wenn das, wovon die Fischlein sich ernaehren,
Von aussen kommt, her eilt die muntre Schar,
So sah ich hier zu uns sich Strahlen kehren
Wohl Tausende, von welchen jeder sprach:
"Seht, der da kommt, wird unser Lieben mehren!"
Und wie sie uns sich nahten nach und nach,
Da sah ich suesser Wonne voll die Seelen,
Im Glanz, der hell hervor aus jeder brach.
Bedenke, Leser, wollt' ich dir verhehlen,
Was ich noch sah, und schweigend von dir gehn,
Wie wuerde dich der Durst nach Wissen quaelen?
Du wirst daraus wohl durch dich selbst verstehn,
Wie ich ihr Los mich sehnte zu erfahren,
Sobald mein Aug' in ihren Glanz geseh'n.
"Begnadigter, dem hier sich offenbaren
Des ewigen Triumphes Thron', eh' dort
Du noch verlassen hast der Krieger Scharen,
Wir sind entglueht vom Licht, das fort und fort
Den Himmel fuellt--drum, wuenschest du Erklaerung,
So saettige nach Wunsch dich unser Wort."
Ein frommer Geist verhiess mir so Gewaehrung,
Beatrix drauf: "Sprich, sprich und glaub' ihm fest,
So fest, als war' es goettliche Belehrung."
"Ich sehe, wuerd'ger Geist, du hast dein Nest
Im eignen Licht, das, wie du laechelst, immer
Mit hellerm Glanz dein Auge strahlen laesst,
Doch wer bist du? Was ward der schwache Flimmer
Der niedern Sphaere dir zum Sitz gewaehrt,
Die uns umschleiert wird durch fremden Schimmer?"
So sprach ich, jenem Lichte zugekehrt,
Das erst gesprochen hatt', und sah's in Wogen
Von Strahlen drum weit mehr als erst verklaert.
Denn gleichwie Sol, von dichtem, Dunst umzogen,
In zu gewalt'gen Glanz sich selber huellt,
Wenn Glut der Nebel Schleier weggesogen,
So barg sich jetzt, von groessrer Lust erfuellt,
Die heilige Gestalt im Strahlenringe,
Und sie entgegnete mir, so verhuellt,
Das, was ich bald im naechsten Sange singe.


Sechster Gesang

"Nachdem der Kaiser Konstantin, entgegen
Der Himmelsbahn, gewendet jenen Aar,
Der einst ihr folgt' auf des Aeneas Wegen,
Da sah man mehr als schon zweihundert Jahr'
Zeus' Vogel an Europens Rand verbringen,
Nah dem Gebirg, dem er entflogen war.
Beherrschend unterm Schatten heil'ger Schwingen
Von dort die Welt, ging er von Hand zu Hand,
Bis ihm beim Wechsel meine Hand' empfingen.
Caesar war ich, Justinian genannt,
Der, nach der ersten heil'gen Liebe Walten,
Unmass und Leeres ins Gesetz gebannt.
Und eh' ich's unternahm, dies zu gestalten,
Lebt' ich zufrieden in dem Wahne fort,
Ein Wesen sei in Christo nur enthalten.
Doch Agapet, der hoechste Hirt und Hort,
Er lenkte mich zurueck zum Echten, Wahren,
Zum rechten Glauben durch sein heilig Wort.
Ich glaubt' ihm und bin jetzt ob des im klaren,
Was er mir sagt'--und du auch wirst nun sehn,
Dass Wahr und Falsch im Gegensatz sich paaren.
Kaum fing ich an, der Kirche nachzugehn,
So floesst' es Gott mir ein, mich aufzuraffen,
Und nur dem hohen Werke vorzustehn.
Dem Belisar vertraut' ich meine Waffen,
Und ihm verband des Himmels Rechte sich
Zum Zeichen mir, ich soll' in Ruhe schaffen.
Befriedigt hab' ich nun im ersten dich,
Was du gefragt; allein die Art der Frage
Verbindet noch zu einem Zusatz mich,
Damit du sehst, welch Unrecht jeder trage,
Der dieses hehren, heil'gen Zeichens Macht
An sich zu zieh'n und ihr zu trotzen wage.
Du siehst die Kraft, die's wert der Ehrfurcht macht,
Seit seiner Herrschaft Pallas, ueberwunden,
Sein Leben selbst zum Opfer dargebracht;
Weisst, dass es drauf den Aufenthalt gefunden,
Dreihundert Jahr' und mehr in Albas Au'n,
Bis drei und drei dafuer den Kampf bestunden;
Weisst, was vom Raube der Sabinerfrau'n
Es tat bis zu Lukreziens Schmerz, durch sieben,
Die ringsumher besiegt die Nachbargau'n.
Weisst, wie es Brennus, Pyrrhus auch vertrieben,
Getragen vor der wackern Roemer Schar
Und siegreich noch in manchem Kampf geblieben;
Drob Quinctius, benannt vom wirren Haar,
Drob auch Torquatus, Decier, Fabier glaenzen
In freud'gem Ruhme durch den heil'gen Aar.
Er schlug der Libyer Stolz, die, Welschlands Grenzen
Einst Hannibal verfuehrt, zu ueberzieh'n,
Wo Alpen deinen Quell, o Po, umkraenzen.
Ein Juengling noch, hob Scipio sich durch ihn.
Pompejus auch, zu des Triumphes Ehren,
Der bitter deinem Vaterlande schien.
Dann, nah der Zeit, in der die Welt verklaeren
Der Himmel wollt' in seinem eignen Schein,
Nahm Julius Caesar ihn auf Roms Begehren.
Was er dann tat vom Varus bis zum Rhein,
Jser' und Seine sahn's, es sahns, bezwungen,
Die Tale, die der Rhon' ihr Wasser Ieih''n.
Wie er den Rubikon dann uebersprungen,
Was er dann tat, das war von solchem Flug,
Dass Zung' und Feder nie sich nachgeschwungen.
Nach Spanien lenkt' er dann den Siegerzug,
Dann nach Durazz' und traf Pharsaliens Auen
So, dass man Leid am heissen Nile trug.
Sah wieder dann den Simois, die Gauen,
Von wo er kam, wo Hektor ruht und schwang
Sich auf dann, zu des Ptolemaeus Grauen.
Worauf er blitzend hin zum Juba drang;
Dann sah man ihn die Fluegel westwaerts schlagen,
Wo ihm Pompejus' Kriegsdrommet' erklang.
Was er mit dem tat, der ihn dann getragen,
Bellt Brutus, Cafsius noch in ew'ger Not,
Sagt Modena, Perugia noch mit Klagen.
Kleopatra beweint's noch, die, bedroht
Von seinem Zorn, entfloh und an die Brueste
Die Schlange nahm zu schnellem, schwarzem Tod.
Mit diesem eilt' er bis zur roten Kueste,
Mit diesem schloss er fest des Janus Tor,
Weil Fried' und Ruh' den ganzen Erdball kuesste.
Doch was der Adler je getan zuvor,
Und was noch drauf getan dies hohe Zeichen,
Das Gott zur Herrschaft ird'schen Reichs erkor,
Muss dem gering erscheinen und erbleichen,
Der's in der Hand des dritten Caesar schaut
Mit klarem Blick, dem Wahn und Irrtum weichen.
Denn die Gerechtigkeit, die jeden Laut
Mir einhaucht, hat ihn, ihren Zorn zu raechen.
Der Hand des, den ich dir benannt, vertraut.
Jetzt staun' ob dessen, was ich werde sprechen:
Er nahm, begleitend dann des Titus Bahn,
Rach' an der Rache fuer ein alt Verbrechen.
Und als darauf der Langobarden Zahn
Die Kirche biss, sah unter seinen Schwingen
Man Karl den Grossen ihr mit Hilfe nah'n.
Nun siehst du selbst, wie jene sich vergingen,
Von denen ich, sie hart anklagend, sprach,
Die ueber euch all euer Uebel bringen.
Der trachtet selbst dem Reicheszeichen nach,
Der will es durch die Lilien ueberwinden,
Und schwer zu sagen ist, wer mehr verbrach.
Der Ghibellin moeg' andres Zeichen finden,
Denn schlechte Folger sind dem heil'gen Aar,
Die standhaft nicht das Recht und ihn verbinden.
Der neue Karl mit seiner Guelfenschar,
Nicht trotz' er ihm, der wohl schon staerkerm Leuen
Das Vlies abzog mit seinem Klauenpaar.
Oft muss der Sohn des Vaters Fehl bereuen.
Nicht glaub' er seine Lilien Gott so lieb,
Um ihrethalb sein Zeichen zu erneuen--
Der kleine Stern, der fern und daemmernd blieb,
Ist Wohnsitz derer, die zum taet'gen Leben
Der Durst allein nach Ruf und Ehre trieb.
Und wenn so falsch gelenkt die Wuensche streben,
So muss sich wohl der wahren Liebe Licht
Mit minderm Glanz zum rechten Ziel erheben.
Doch waegen wir dann des Verdiensts Gewicht
Mit dem des Lohns, so wird uns Wonn' und Frieden,
Weil eins dem andern so genau entspricht.
Dann stellt uns die Gerechtigkeit zufrieden
Und sichert uns vor jedem suend'gen Hang,
Denn gluecklich macht uns das, was uns beschieden.
Verschiedne Toen' erzeugen suessen Klang;
So bilden hier die Harmonie der Sphaeren
Die lichten Kreise von verschiednem Rang.
Du siehst in dieser Perle sich verklaeren
Romeos Licht, musst' auch sein schoenes Tun
Auf Erden des verdienten Lohns entbehren.
Allein die Pprovenzalen lachen nun
Nicht ihres Grolls, denn solche nah'n dem Falle,
Die sich in andrer Guttat Schaden tun.
Vier Toechter hatt', und Koeniginnen alle,
Graf Raimund, und Romeo tat ihm dies,
Der niedre Fremd' in stolzer Fuerstenhalle.
Und jener folgt', als ihm die Scheelsucht hiess,
Dem Biedermanne Rechnung anzusinnen,
Der acht und vier fuer zehn ihm ueberwies.
Arm und veraltet ging er dann von hinnen;
Und wusste man, mit welchem Herzen er
fortzog, sein Brot als Bettler zu gewinnen,
Man preist ihn hoch und pries' ihn dann noch mehr.


Siebenter Gesang

Hosianna dir, du Gott der Macht und Wahrheit,
Dir, der du hier der sel'gen Flammen Glanz
Reich ueberstroemst mit Fuelle deiner Klarheit!"
So schien, zurueckgewandt zu ihrem Tanz,
Die Seel' im Lied den hoechsten Herrn zu feiern,
Umringt ihr Licht von neuem Strahlenkranz.
Den Reigen sah ich alle nun erneuern,
Und Funken gleich, die durch die Luefte flieh'n,
Von ploetzlicher Entfernung sie verschleiern.
Ich zweifelte. "Sprich, sprich, zur Herrin," schien
Mein Herz zu sprechen bei des Mundes Schweigen,
"Die stets dir Lab' in suessem Tau verlieh'n."
Allein die Ehrfurcht, der ich immer eigen
Als Sklav' war, wo nur be nd ice klang,
Liess, gleich dem Schlaefrigen, das Haupt mich neigen.
Sie aber duldete mich so nicht lang;
In Laecheln strahlte mir das hohe Wesen,
Das Feuerpein umschuef in Wonnedrang.
Sie sprach: "Ich hab' in deiner Brust gelesen,
Wie ist--dies ist's, was dir im Haupte kreist--
Gerechter Rache Zuecht'gung Recht gewesen.
Doch bald entwirren will ich deinen Geist,
Damit du, wenn dein Sinn sich mir erschlossen,
Um eine grosse Wahrheit reicher seist.
Der Mensch, der nicht geboren ward, verdrossen,
Zu dulden, sich zum Heil, des Willens Zaum,
Verdammte sich und mit sich seine Sprossen;
Drob das Geschlecht in Wahn und falschem Traum
Viel hundert Jahre krank lag, matt und truebe,
Bis sich das Wort geneigt zum niedern Raum,
Wo's der Natur, die sich im irren Triebe
Vom Schoepfer abgekehrt, sich ganz verband,
Bloss durch das Walten seiner ew'gen Liebe.
Scharf sei dein Blick jetzt auf mein Wort gespannt.
Diese Natur, dem Schoepfer hingegeben
Und ihm vereint, war rein, wie sie entstand.
Doch durch sie selbst war sie fuer falsches Streben
Vom Paradies verbannt, weil sie die Bahn
Verlassen, wo nur Wahrheit ist und Leben.
Drum ward die Strafe, durch das Kreuz empfah'n,
Mit groesserm Recht, als jemals irgendeine,
Der angenommenen Natur getan.
So war die Straf auch ungerecht wie keine,
In Hinsicht des, der sie erlitten hat,
Mit der Natur, der ird'schen, im Vereine.
Verschieden war die Wirkung einer Tat.
Gott und den Juden musst' ein Tod gefallen,
Drob Erd' erbebt' und Himmel auf sich tat.
Schwer wird dir's nicht mehr zu begreifen fallen,
Wenn man von dem gerechten Richter spricht,
Des Rach' auf rechte Rache schwer gefallen.
Doch deinen Geist, gleich einem Netz, umflicht
Gedank' itzt und Gedank' in engem Kreise,
Aus dem er sehnlich Loesung sich verspricht.
Der Rache Recht war klar in dem Beweise,
Denkst du; doch weshalb waehlt' in seiner Macht
Gott zur Erloesung ebendiese Weise?
Der Schluss, mein Bruder, birgt sich dem in Nacht,
Dem nicht, wenn hell der Liebe Flammen brennen,
Die Glut den Geist zur Muendigkeit gebracht.
Vernimm deshalb, weil wenig zu erkennen,
Wo viel der Blick umsonst sich spaehend mueht,
Warum die Art die wuerdigste zu nennen.
Die ew'ge Gut', in sich nie zornentglueht,
Zeigt, wenn im All sich ihre Schoenheit spiegelt,
Wie sie die Funken eigner Glut versprueht.
Was ihr unmittelbar entstroemt--verriegelt
Ist dem des Todes Tuer, und fest und treu
Ist das Gepraege, wenn sie selber siegelt.
Was ihr unmittelbar entstroemt, ist frei,
Ist voellig frei, und deshalb wohnt dem Neuen
Die Kraft nicht, es zu unterjochen, bei.
Je mehr's ihr gleicht, je mehr muss sie's erfreuen,
Drum will die heil'ge Glut, das Licht der Welt,
Aufs aehnlichste den hellsten Schimmer streuen.
In allem dem ist hoch der Mensch gestellt,
Der aber, wenn nur eins ihm fehlt, entweihet,
Mit Schmach herab von seinem Adel faellt.
Die Suend' allein ist das, was ihn entfreiet.
Unaehnlich macht sie ihn dem hoechsten Gut,
Das wenig drum von seinem Glanz ihm leihet.
Nie kehrt zurueck ihm seine Wuerde, tut
Er dem nicht G'nuege durch gerechte Leiden,
Was er gefehlt in suend'ger Lueste Glut.
Eure Natur, die in den ersten beiden
Ganz suendigte, ward, wie der Wuerd' entsetzt,
So auch verdammt, das Paradies zu meiden.
Und Moeglichkeit, dahin zurueckversetzt
Dereinst zu sein, gab's nur auf zweien Pfaden,
Wenn scharf dein Geist der Dinge Wesen schaetzt:
Entweder Gott verzieh allein aus Gnaden,
Oder es musste sich, der ihn gekraenkt,
Der Mensch, g'nugtuend, selbst der Schuld entladen.
Dein Blick sei in den Abgrund jetzt versenkt
Des ew'gen Rates, und mit ernstem Schweigen
Sei ganz dein Geist nach meinem Wort gelenkt.
G'nugtuung konnte nie der Mensch erzeigen,
Und, eng beschraenkt, so tief nicht niedergehn,
Gehorchend, nicht sich so in Demut neigen,
Als, ungehorsam, er sich wollt' erhoeh'n;
Drum koennt' er nie sich von der Schuld befreien,
Genugtuung nicht durch ihn selbst gescheh'n.
Drum waehlt', ihn neu zum Leben einzuweihen,
Gott, so gerecht wie gnaedig, seinen Pfad
Und fuehrt' auf diesem ihn, vielmehr auf zweien.
Doch weil so werter ist des Taeters Tat,
Je heller strahlt die Gut' in dem Gemuete,
In dem die Handlung ihre sQuelle hat,
Hat, die die Welt gestaltet, Gottes Guete,
Auf jedem Wege, der ihr offen lag,
Euch neu erhoeht zu eurer ersten Bluete.
Und zwischen letzter Nacht und erstem Tag
Ist nie so Hohes, Herrliches gediehen
Fuer sie und euch, was er auch schaffen mag.
Freigeb'ger war's, dass Gott sich selbst verliehen,
Drob zu erstehn der Mensch genuegend ward,
Als haett' er ihm nur aus sich selbst verziehen,
Karg war' erfuellt in jeder andern Art
Das Recht, wenn Gottes Sohn um euretwillen
Nicht demutsvoll dem Fleische sich gepaart.
Jetzt, um noch besser deinen Wunsch zu stillen,
Und dass du seh'st, gleich mir, das volle Licht,
Will ich noch eins dir deutlicher enthuellen.
Ich sehe Feuer, sehe Luft--so spricht
Dein Zweifel--Wasser, Erd', in mannigfachen
Vermischungen, und alle dauern nicht.
Geschoepfe sind ja alle diese Sachen;
Und sollte dies, wenn ich dich recht verstand,
Sie nicht vor der Verderbnis sicher machen?
Die Engel, Bruder, und dies reine Land,
Sie duerfen wohl sich fuer erschaffen halten,
Weil, wie sie sind, ihr volles Sein entstand.
Doch alles, was die Element' entfalten,
Die Elemente selbst, sie laesst allein
Der Hoechste durch geschaffne Kraft gestalten.
Geschaffen ward ihr Stoff, ihr erstes Sein,
Geschaffen ward die Bildungskraft dem Tanze
Der Sterne, die um eure Welt sich reih'n.
Die Seele jedes Tiers und jeder Pflanze
Zielet nach verschiedner Bildungsfaehigkeit
Regung und Licht aus ihrem heil'gen Glanze.
Allein der hoechsten Guete Hauch verleiht
Unmittelbar uns selber unser Leben
Und Liebe, die dann ihr sich sehnend weiht.
Wie aus der Gruft die Leiber sich erheben,
Erkennst du, wenn du denkest, wessen Ruf
Dem Menschenleib sein erstes Sein gegeben,
Als er die beiden ersten Eltern schuf.


Achter Gesang

Die Welt glaubt' einst, unsel'gen Irrtum hegend,
Dass Cypris toller Liebe Glut entflammt,
Im dritten Epizyklus sich bewegend.
Drob nicht zu ihr allein mit Opferamt
Und Weiherufen sich anbetend kehrte
Das alte Volk, im alten Wahn verdammt;
Nein, auch Dionen und Cupiden ehrte,
Als ihre Mutter sie, ihn als das Kind,
Dem Dido ihren Schoss zum Sitz gewaehrte.
So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt,
Der Stern benannt, der, bald der Sonn' im Ruecken,
Bald ihr im Angesicht liebaeugelnd minnt.
Nicht fuehlt' ich mich in diesen Stern entruecken,
Doch dass ich wirklich drinnen sei, entschied
Der Herrin hoeh'res, schoeneres Entzuecken.
Und wie man Funken in der Flamme sieht,
Und wie wir Stimmen in der Stimm' erkennen,
Die aushaelt, wenn die andre kommt und flieht;
So sah ich Lichter hier im Lichte brennen,
Und, nach dem Mass des innern Schau'ns erregt,
So schien's, im Kreis mehr oder minder rennen.
Kein Wind, unsichtbar oder sichtbar, pflegt
So schnell aus kalter Wolk' herabzugleiten,
Dass er nicht langsam schien' und schwer bewegt
Dem, der die Lichter uns entgegenschreiten
Im Flug gesehn, aus jenem Kreis hervor,
Den hohe Seraphim bewegend leiten.
Und hinter diesen ersten klang's im Chor:
Hosianna! Und seit ich den Ton vernommen,
Sehnt stets nach ihm sich bruenstig Herz und Ohr.
Und einen sah ich dann uns naeher kommen,
Und er begann allein mit frohem Klang:
"Willfaehrig sind wir alle, dir zu frommen.
Wir wandeln hin, ein Kreis, ein Schwung, ein Drang,
Uns nie vom Pfad der Himmelsfuersten trennend,
Zu welchem du gejagt in deinem Sang:
Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend;
Fuer dich wird uns nicht schwer ein Stillestand,
Fuer dich in so inbruenst'ger Liebe brennend."
Als ich zu ihr voll Ehrfurcht mich gewandt,
Und so der Herrin Blick sich ausgesprochen,
Dass ich mich sicher und befriedigt fand,
Schaut' ich zum Licht, das mir in sich versprochen
So vieles hatt', und sprach: "Wer bist du, sprich!"
Den Ton vor grosser Inbrunst fast gebrochen.
O wie vermehrte, wie verschoente sich
Der frohe Glanz in Mienen und Gebaerden
Bei meinem Wort!--Dann sprach er freudiglich:
"Nur kurze Zeit verweilt' ich auf der Erden,
Verweilt' ich mehr, dann waeren viele nicht
Der Uebel, die dich noch betreffen werden.
Nur meine Freude birgt dir mein Gesicht,
Nur sie verhuellt mich rings im Strahlenrunde,
So wie den Seidenwurm die Seid' umflicht.
Du liebtest mich, und wohl aus gutem Grunde;
Denn lebt' ich noch, gewiss dir keimten jetzt
Nicht Blaetter nur aus unserm Liebesbunde.
Der linke Strand, den Rhodanus benetzt,
Nachdem er mit der Sargue sich verbuendet,
Sah einst im Geist durch mich den Thron besetzt;
So auch Ausoniens Horn, wo, festbegruendet,
Bari, Gaeta und Crotona droh'n,
Von wo im Meere Verd' und Tronto muendet.
Auch schmueckte mich des Landes Krone schon,
Das laengs durchstreift der Donau Wogenfuelle,
Nachdem sie aus Germaniens Gau'n entflob'n.
Trinacria--bedeckt von schwarzer Huelle
Zwischen Pachino und Pelor, am Schlund
Des Meers, das schaeumt bei Eurus' Wutgebruelle,
Durch Typhoeus nicht, nein, durch den Schwefelgrund
Der Fuersten harrt' es noch, der edeln Sprossen
Rudolfs und Karls aus meinem Ehebund,
Wenn schlechte Herrschaft, welche stets verdrossen
Der Unterworfne traegt, zum Mordgeschrei
Nicht in Palermo jeden Mund erschlossen.
Ging' Ahnung dessen meinem Bruder bei,
So wuerd' er Kataloniens Bettler jagen,
Damit ihr Geiz kein Sporn zum Aufruhr sei.
Nottut's fuerwahr, dass ihm die Freund es sagen,
Wenn er's nicht sieht: dass volle Ladung schon
Sein Nachen hat, und nichts kann weiter tragen.
Er, des freigeb'gen Vaters karger Sohn,
Braucht Diener, die nicht Gold nur zu gewinnen
Begierig sind, nicht bloss erpicht auf Lohn."--
"Herr, weil ich glaube, dass die Lust hierinnen,
Die deine Rede stroemt in meine Brust,
Du, wo die Gueter enden und beginnen,'
So deutlich schauest, wie sie mir bewusst,
Wird sie mir werter--dass du beim Betrachten
Des Herrn sie schauest, gibt mir neue Lust.
Mach' itzt, wie froh mich deine Worte machten,
Mich klar und schaffe noch dem Zweifel Ruh':
Wie suesse Saaten bittre Fruechte brachten?"
So ich--und er: "Die Wahrheit fasse du,
Und dem. was du gefragt, kehrst du zufrieden,
Wie jetzt den Ruecken, dann das Antlitz zu.
Das Gut, das ihren Lauf und ihren Frieden
Den Himmeln gab, hat jedem Stern den Schein
Und eine Kraft, als Vorsehung, beschieden.
Nicht nur der Wesen vorbestimmtes Sein
Hat der durch sich vollkommne Geist erwogen,
Er schliesst in sich auch ihre Wohlfahrt ein.
Drum, was nur immer fliegt von diesem Bogen,
Kommt, gleich dem Pfeil, auf vorbestimmtem Gang
Gewiss herab zu seinem Ziel geflogen.
War' dieses nicht, dann wuerd' im wirren Drang,
Was diese Himmel irgend wirkend schaffen,
Kein Kunstwerk sein, nein, Graus und Untergang.
Dies kann nicht sein, wenn jene nicht erschlaffen,
Die Geister, lenkend diese Sternenschar,
Der Urgeist auch, der dann sie schlecht erschaffen.
Ist diese Wahrheit nun dir voellig klar?"
Und ich: "Gewiss, ich seh's, Natur bleibt immer
In dem, was noetig ist, unwandelbar;"
Drum er: "Nun sprich, waer's fuer den Menschen schlimmer,
Wenn er nicht Buerger ward und einsam blieb'?"
Ich: "Ja, und weitern Grund begehr' ich nimmer!"
"Und waer' ein Staat, wenn in verschiednem Trieb
Die Menschen nicht verschieden sind erwiesen?
Nein, wenn die Wahrheit euer Meister schrieb!"
So folgert' ich bis jetzt, um hier zu schliessen:
"Drum also muss der Menschen Tun hervor
Verschieden aus verschiedner Wurzel Spriessen.
Und Solon sprosst' und Xerres so empor,
Also Melchisedek, und der Erfinder,
Der bei dem luft'gen Flug den Sohn verlor.
Natur, im Kreislauf, so die Menschenkinder
Wie Wachs auspraegt, uebt ihre Kunst und sieht
Auf dies und jenes Haus nicht mehr noch minder.
Dies ist's, was Esaus Keim von Jakobs schied,
Drob auch Quirin entspross so niedrer Lende,
Dass man als Vater ihm den Mars beschied.
Und stets auf der Erzeuger Wegen faende
Man die, so sie erzeugten, nur, wenn nicht
Die Vorsehung des Hoechsten ueberwaende.
Was hinter dir war, sieh jetzt im Gesicht;
Doch wie ich dein mich freue, geb' ich Kunde
Und dir durch einen Zusatz bessres Licht.
Ist die Natur nicht mit dem Glueck im Bunde,
Dann kommt sie uebel fort, wie jede Saat,
Die man gesaet auf fremdem, falschem Grunde.
Und folgte der Natur des Menschen Pfad,
Suchtet auf ihrem Grund ihr nach dem Rechten,
Dann gab' es gute Leut' und wackre Tat.
Doch solche, die geboren sind, zu fechten,
Macht ihr zu Priestern wider die Natur
Und macht zu Fuersten die, so pred'gen moechten,
Und deshalb schweift ihr von der rechten Spur.


Neunter Gesang

Noch sprach dein Karl, als er mich aufgeklaert,
Schoene Clemenza, von den Raenkevollen,
Durch welche schnoeden Trug sein Sam' erfaehrt.
Doch sagt' er: "Schweig und lass die Jahre rollen!"
Drum sag' ich nur, dass eurem Schaden bald
Gerechte Straf und Klage folgen sollen.
Schon war das Leben jener Lichtgestalt
Zur Sonn', in deren Strahl es ganz genesen,
Zum Gut, das allem g'nuegt, zurueckgewallt.
Betrogne Seelen, gottvergessne Wesen!
Was wendet ihr das Herz von solchem Gut
Und habt nur Eitelkeit zum Ziel erlesen!
Und sieh, ein andres jener Lichter lud
Mich, nahend, ein und zeigte seinen Willen,
Mich zu befriedigen, in hellrer Glut.
Beatrix, die den Blick, den heil'gen, stillen,
Auf mich gewandt, wie erst, erlaubte mir,
Durch teure Zustimmung, den Wunsch zu stillen.
Ich sprach: "O g'nuege meiner Wissbegier,
Bewaehr', o Geist, den Fried' und Lust durchdringen,
Dass, was ich denke, widerstrahl' in dir."
Das Licht, das ich aus seinem Innern singen
Vorher gehoert, sprach, mir noch unbekannt,
Wie der, den's freut, das Gute zu vollbringen:
"Doch im verkehrten schnoeden welschen Land
Zwischen der Brenta und der Piave Quelle
Und des Rialto meerumflossnem Strand,
Dort hat ein niedrer Huegel seine Stelle;
Von ihm herab stuerzt' eine Fackel sich
Und macht' in grausem Brand die Gegend helle.
Aus einer Wurzel sprossten sie und ich.
Ich, einst Cunizza, glaenz' in diesem Sterne,
Denn seines Schimmers Reiz besiegte mich.
Und meines Schicksals Grund verzeih' ich gerne
Mir selber hier, da's mir nicht bitter duenkt,
So schwer eu'r Poebel dies auch fassen lerne.
Sieh diesen Glanz, der mir am naechsten blinkt
In unserm Kreis, den leuchtenden, den teuern!
Gross blieb sein Ruhm, und, eh' er ganz versinkt,
Wird fuenfmal das Jahrhundert sich erneuern.
Sieh, wenn das erste Sein ein zweites schenkt,
Soll dies zur Trefflichkeit euch nicht befeuern?
Doch dies ist's nicht, woran die Rotte denkt,
Die Tagliamento hier, dort Etsch umfliessen,
Die selbst das Unglueck nicht zur Reue lenkt.
Doch faerbend wird sich Paduas Blut ergiessen
Zum Sumpfe, der Vicenzas Mauer wahrt,
Weil die Verstockten sich der Pflicht verschliessen.
Und dort, wo sich Tagnan mit Sile paart,
Herrscht einer, hoch die stolze Stirne tragend,
Zu dessen Fang das Netz schon fertig ward.
Schon seh' ich Feltre, den Verrat beklagend
Des Hirten, der dort herrscht, an Schaendlichkeit,
Was je gefuehrt nach Malta, ueberragend.
Kein Pass auf Erden ist so hohl und weit,
Um alles Ferrareser Blut zu fassen,
Das zum Geschenk der wackre Pfaff verleiht,
Um als Parteiglied recht sich sehn zu lassen;
Und solcherlei Geschenk wird wohl zum Geist
Und zu des Landes Art und Leben passen.
Von hohen Spiegeln, die ihr Throne heisst,
Glaenzt Gott, der Richtende, zu uns hernieder,
Worin als wahr sich, was ich sprach, erweist."
Sie sprach's, von mir gekehrt, und wandte wieder
Sich hin zu ihrem Kreis, wo sie verschwand,
So wie sie kam, beim Klang der Himmelslieder.
Die andre Wonne, mir bereits bekannt,
Ward leuchtender in Mienen und Gebaerden,
Wie in der Sonne Blitz der Diamant.
Dort gibt die Wonne Glanz, wie sie auf Erden
Das Laecheln zeugt, indes bei innrer Pein
Die aeussern Schatten unten dunkler werden.
"Alles sieht Gott--du siehst in seinen Schein,"
Sprach ich, "und kann in ihn dein Auge dringen,
So muss dir klar sein ganzer Wille fein.
Drum deine Stimme, die im frommen Singen
Den Himmel mit dem Sang der Feuer letzt.
Die sich bekleiden mit sechsfachen Schwingen,
Warum nicht g'nuegt sie meinen Wuenschen jetzt?
Auch ungefragt harrt' ich so lang nicht saeumend,
War' ich in dich, wie du in mich versetzt."--
"Das groesste Tal, worin das Wasser schaeumend
Sich ausgedehnt," begann des Sel'gen Wort,
"Ausser dem Meere, rings die Erd' umsaeumend,
Geht zwischen Feindesufern westlich fort,
So weit, dass hier, an seinem letzten Strande,
Gesichtskreis ist, was Mittagsbogen dort.
Ich lebt' an dieses grossen Tales Rande
Zwischen Ebro und Magra, die, nicht lang,
Trennt Genuas Gebiet vom Tuskerlande.
Fast einen Aufgang hat und Niedergang
Buggea und die Stadt, der ich entsprossen,
Sie, deren Blut einst warm den Port durchdrang.
Mich hiessen Folco meine Zeitgenossen
Und diesen Stern schmueckt meine Freudigkeit,
Wie dort sein Licht sich in mein Herz ergossen.
Nicht zu Sichaeus' und Creusas Leid
Fuehlt' in sich Dido solche Flammen wogen,
Wie ich einst fuehlt' in meiner Jugendzeit;
Nicht Phyllis, von Demophoon betrogen;
Und nicht Alcid, nachdem in seine Brust
Eurytos' Tochter siegend eingezogen.
Doch fuehlt man hier nicht Reue drob, nein Lust,
Ganz die Erinnerung der Schuld verlierend,
Und nur des ew'gen Ordners sich bewusst.
Und jene Kunst, die Welten herrlich zierend,
Sehn wir, und sehn zu gutem Zwecke nun
Die obre Welt die untere regierend.
Doch um dem Wunsche ganz genugzutun,
Der dich durchdrungen hat in dieser Sphaere,
Darf ich noch nicht in meiner Rede ruh'n.
Du moechtest wissen, wer der Schimmer waere,
Der nahe hier so strahlt, als ob die Glut
Der Sonn' in reinem Wasser sich verklaere.
So wisse, dass darinnen Rahab ruht,
Die hier, in unsern Orden aufgenommen,
Sich kund im hoechsten Glanz des Sternes tut.
Vor jedem andern Geist der Hoell' entrommen,
Ist sie zum Stern, wo sich vom Erdenrund
Der Schatten spitzt, durch Christi Sieg gekommen.
Der Sieg, den er, an beiden Haenden wund,
Errungen hat, wird hier von ihr verkuendet;
Den Himmeln tut sie, als Trophae', ihn kund,
Weil sie des Josua ersten Ruhm begruendet
Durch ihre Hilf in jenem heil'gen Land,
Das jetzt der Papst kaum wert der Sorge findet.
Und deine Stadt, die einst durch den entstand,
Des Neid euch alles Missgeschick bereitet,
Und der zuerst von Gott sich abgewandt,
Sie ist's, die das verfluchte Geld verbreitet,
Das einzig, weil's zum Wolf den Hirten macht,
Vom rechten Wege Schaf und Laemmer leitet.
Drum wird nicht an die Bibel mehr gedacht,
Doch hat man sehr genau--war's zu verhehlen,
So zeigt's der Rand--der Dekretalen Acht.
Drin wird studiert von Papst und Kardinaelen
Und Nazareth, wo Gabriel das Wort
Verkuendigt hat, wird fremd den geiz'gen Seelen.
Doch Vatikan, samt jedem heil'gen Ort
In Rom, wo Petri Folger einst gepredigt,
Der Maertyrer geweihte Graeber dort,
Bald werden sie des Ehebruchs entledigt.


Zehnter Gesang

Urkraft, der Liebe voll den Sohn beschauend,
Die ihr und ihm allewiglich entweht,
Die Unaussprechliche, das All erbauend,
Schuf, was ihr nur mit Geist und Aug' erseht
So ordnungsvoll, dass sie mit Wonneregung
Den ganz durchdringt, der ihre Werk' erspaeht.
Erheb, o Leser, Blick und Ueberlegung
Miit mir zum Himmel jetzt, gerad' dahin,
Wo sich durchkreuzt die doppelte Bewegung.
Von dort an letz' am Kunstwerk deinen Sinn,
Denn selbst der Meister sieht es mit Vergnuegen
Und spiegelt liebend seinen Blick darin.
Von dort verteilt sich zu verschiednen Zuegen
Der schiefe Kreis, der die Planeten traegt,
Um denen, die sie rufen, zu genuegen.
Und war' ihr Lauf von dort nicht schief bewegt,
So waere viele Himmelskraft verschwendet,
Und nichts beinah auf Erden angeregt.
Und war' er mehr und minder abgewendet
Vom g'raden Weg, so blieb' auf Erden dort,
Wie hier, die Weltenordnung unvollendet.
Jetzt bleib, o Leser, still auf deinem Ort,
Um dem, was du gekostet, nachzudenken,
Und eh' du matt wirst, reisst dich Wonne fort.
Ich gab dir Wein--du magst dich selber traenken,
Denn alle meine Sorgen muss ich nur
Auf jenen Stoff, den ich beschreibe, lenken.
Die Dienerin, die groesste, der Natur,
Die sich die Himmelskraft zum Spiegel machte,
Die leuchtend zeigt der Zeiten Mass und Spur.
Vereint dem Orte, dessen ich gedachte,
Sah man in schraubenfoerm'gem Kreis sich dreh'n,
In dem sie schneller hier die Tage brachte.
Ich war in ihr--allein wie dies gescheh'n,
Das spuert' ich nur, wie wir Gedanken spueren,
Bevor sie noch in unserm Geist entstehn.
Beatrix, die so schnell uns weiss zu fuehren,
Vom Guten uns zum Bessern einzuweih'n,
Dass sich indessen nicht die Stunden ruehren,
Wie leuchtend musste sie von selber sein!
Und was ich drinnen in der Sonne schaute,
Durch Farbe nicht, durch hellen Glanz allein,
Ob ich auf Geist und Kunst und Uebung baute,
Nie stellt' es doch mein Wort euch deutlich vor,
Drum sehne sich, zu schau'n, wer mir vertraute.
Nicht staunt, wenn Phantasie die Kraft verlor,
Dass sie zu solchen Hoeh'n sich schwach erweise;
Kein Blick fliegt ueber diesen Stern empor.
So war ich nun im vierten Kinderkreise
Des Vaters, der, ihm zeigend, wie er weht,
Und wie er zeugt, ihn naehrt mit ew'ger Speise.
Beatrix sprach: "Dank, Dank sei dein Gebet.
Zur Engelsonne lass ihn sich erheben,
Die dich zu dieser sichtbaren erhoeht."
Kein Menschenherz war je mit allem Streben
Zur Andacht noch so freudig hingewandt,
Keins noch so ganz und innig Gott ergeben,
Als ich bei diesem Worte meins empfand,
Das so zu ihm hin all sein Lieben wandte,
Dass in Vergessenheit Beatrix schwand.
Sie zuernte nicht; ihr laechelnd Aug' entbrannte
Drob so in Glanz, dass nun mein Geist, der nicht
An andres dacht', itzt andres doch erkannte.
Und sieh, viel siegendes lebend'ges Licht
Macht' uns zum Mittelpunkt und sich zur Krone
Suesser im Sang, als leuchtend im Gesicht.
So schmueckt ein Kranz die Tochter der Latone,
Wenn dunstgeschwaengert sie die Luft umzieht,
Die widerstrahlt den Streif der lichten Zone.
Am Himmelshof, von dem ich wieder schied,
Gibt's viele Schoene, koestliche Juwelen,
Nicht auszufuehren aus des Reichs Gebiet.
Dergleichen eins war der Gesang der Seelen;
Doch wer nicht selbst zu jenen Hoeh'n sich schwang.
Der lasse von den Stummen sich's erzaehlen.
Nachdem dreimal die Sonnen mit Gesang,
Gleich Nachbarsternen, die den Pol umkreisen,
Uns rings umtanzt in Glut und Wonnedrang,
Da schienen sie wie Frau'n sich zu erweisen,
Die horchend stehn, noch nicht geloest vom Tanz,
Bis sie gefasst das Mass der neuen Weisen.
"Wenn, wahre Lieb' entzuendend, dir der Glanz
Der Gnade lacht, der sich durch Liebe mehret,"
So sprach ein Licht aus jenem Strahlenkranz,
"Wenn er in dir vervielfacht sich verklaeret,
So, dass er dich empor die Stiege lenkt,
Die niemand absteigt, der nicht aufwaerts kehret,
So wird der, welcher deinen Durst nicht traenkt
Mit seinem Wein, so wenig Freiheit zeigen,
Als Wasser, das sich nicht zum Meere senkt.
Erfahren moechtest du, von welchen Zweigen
Des Kranzes Blumen sind, der feiernd sich
Um sie schlingt, die dich staerkt, emporzusteigen.
Von Dominiks geweihter Schar war ich,
Der solche Wege leitet seine Herden,
Wo wohl gedeiht, wer nicht dem Wahne wich.
Man hiess mich Thomas von Aquin auf Erden,
Und meines Meisters, meines Bruders Schein,
Albrechts von Koeln, sieh rechts hier heller werden
Und willst du aller andern sicher sein,
So folge mit den Augen meinen Worten
Auf diese Blumen, die zum Kranz sich reih'n.
Den Gratian sieh wonneflammend dorten;
Dem doppelten Gerichtshof dienend, fand
Er frohen Einlass an des Himmels Pforten.
Auch jenen Petrus sieh von Lust entbrannt;
Als Scherflein bot er, nach der Witwe Weise,
Der Kirche seinen Schatz mit treuer Hand.
Der fuenfte Glanz, der schoenste hier im Kreise,
Haucht solche Liebe, dass die ganze Welt
Nach Kunde gierig ist von seinem Preise.
So tiefes Wasser ist's, das er enthaelt,
Dass, ist das Wahre wahr, ihm nie ein zweiter
Als Weiser sich und Seher gleichgestellt.
Sieh neben ihm den leuchtenden Begleiter.
Niemand war je auf Erden noch im Amt
Und der Natur der Engel eingeweihter.
Das kleinre Licht, das dorten laechelnd flammt,
Des Glaubens Anwalt ist's, aus des Lateine
In Augustini Schriften manches stammt.
Verfolgend nun mein Lob von Schein zu Scheine
Mit geist'gem Blick, erspaehst du duerstend jetzt,
Wer in dem achten Lichte dir erscheine.
Jedwedes Gut in sich zu schau'n, ergetzt
Die heil'ge Seele, die den Trug danieden
Dem offen kund tut, der sie hoert und schaetzt.
Der Leib, von dem sie durch Gewalt geschieden
Liegt in Cield'or, und sie kam aus Gefahr
Und Bann und Maertyrtum zu diesem Frieden.
Bedo und Isidor sieh hell und klar,
Sieh Richard dann die Liebesstrahlen spenden,
Der mehr als Mensch einst im Betrachten war.
Das Licht, von dem zurueck zu mir sich wenden
Dein Auge wird, rief, bei der Erde Gram
Tiefsinnig ernst, den Tod, um ihn zu enden.
Sigieri ist's, der zu der Toren Scham
Einst im Strohgaesschen las und, streng und truebe,
Durch Folgerung auf bittre Wahrheit kam."--
Dann wie, uns rufend, frueh der Uhr Getriebe,
Wenn Gottes Braut aufsteht, das Morgenlied
Singend dem Braeutigam, dass er sie liebe,
Hierhin und dorthin kreisend draengt und zieht
Tini tin! verklingend in so suessem Tone,
Dass frische Lieb' in frommen Herzen blueht;
So regte sich die edle Strahlenkrone,
Mit Suessigkeit im himmlischen Gesang,
Die nur begreift, wer dort am Sternenthrone
Die ewig ungetruebte Lust errang.


Elfter Gesang

O menschliche Begier voll Wahn und Trug,
Wie mangelhaft sind doch die Syllogismen,
Die dir herabzieh'n des Gefieders Flug!
Der ging dem Jus nach, der den Aphorismen;
Der sucht' als Priester Ehren und Gewinn;
Der herrschte durch Gewalt, der durch Sophismen;
Der stahl, der hatt' ein Staatsamt nur im Sinn;
Der muehte sich, in Fleischeslust befangen,
Und jener gab dem Muessiggang sich hin;
Indes ich, allem diesem Tand entgangen,
Im Himmel oben mit Beatrix war,
So herrlich und so ruhmvoll dort empfangen.
Still stand nun jeder von der sel'gen Schar
Im Kreis zurueckgekehrt zur ersten Stelle,
Und stellte sich, wie Licht auf Leuchtern, dar.
Da schien es mir, aus jenem Schimmer quelle,
Der mich zuerst gesprochen, neuer Laut,
Und laechelnd sprach er dann in reinrer Helle:
"Wie, wenn ins ew'ge Licht mein Auge schaut,
Mich dieses ganz mit seinem Strahl entzuendet,
So ist mir deines Denkens Grund vertraut.
Du zweifelst noch und hoertest gern verkuendet
In offnen Worten und verstaendlich breit,
So, dass sie deine Fassungskraft ergruendet,
Was wohl mein ob'ges Wort: Wo wohl gedeiht--
Und dann: Kein zweiter kam ihm gleich--bedeutet.
Und hier ist noetig scharfer Unterscheid.
Die ew'ge Vorsicht, die das Weltall leitet,
Mit jener Weisheit, die in Tiefen ruht,
Zu welchen kein erschaffnes Auge gleitet,
Damit sich dem Geliebten ihre Glut,
Die Glut der Braut, die er mit lautem Schreie
Sich anvermaehlt hat durch sein heil'ges Blut,
Sichrer in sich und ihm getreuer, weihe,
Hat, ihr zur Gunst, zwei Fuersten ihr bestallt.
Und hier und dorten fuehren sie die zweie.
Der eine war von Seraphsglut umwallt,
Der andre zeigt' im Glanz der Cherubinen
Die Weisheit dort im ird'schen Aufenthalt.
Von einem sprech' ich, weil, wen man von ihnen
Auch preisen mag, man nie vom andern schweigt,
Da beide wirkten, einem Zweck zu dienen.
Beim Bach, der von Ubaldos Huegel steigt,
Und dem Tupino, hebt sich, zwischen beiden,
Ein Berg, des Abhang fruchtbar gruen sich neigt.
Von ihm muss Hitz' und Frost Perugia leiden,
Und hinter diesem Berg liegt Gualdo dicht,
Und fuehlt mit Nocera des Joches Leiden.
Dort, wo sich seines Abhangs jaehe bricht,
Dort sah man einer Sonne Glanz entbrennen,
Gleich der am Ganges klar im hellsten Licht.
Nicht moege man den Ort Ascesi nennen,
Denn wenig sagt, wer also ihn benannt;
Nein, was er war, gibt Orient zu erkennen.
Schon als der Glanz nicht fern dem Aufgang stand,
Begann er solche Kraft zu offenbaren,
Dass sich dadurch erquickt die Erde fand.
Denn mit dem Vater stritt er, jung an Jahren,
Fuer eine Frau, vor der der Freuden Tor
Die Menschen fest, wie vor dem Tod, verwahren,
Bis vor dem geistlichen Gericht und vor
Dem Vater sie zur Gattin er sich waehlte
Und taeglich lieber hielt, was er beschwor.
Sie, des beraubt, der sich ihr erst vermaehlte,
Blieb ganz verschmaeht mehr als elfhundert Jahr',
Da, bis zu diesem, ihr der Freier fehlte,
Obgleich durch sie Amicias in Gefahr
So sicher ruht', als dessen Stimm' erklungen,
Des Maecht'gen, der der Erd' ein Schrecken war;
Obgleich sie standhaft, kuehn und unbezwungen,
Als selbst Maria unten blieb, sich dort,
An Christi Kreuz, zu ihm emporgeschwungen.
Allein nicht mehr in Raetseln red' ich fort;
Franziskus und die Armut sieh in ihnen,
Die dir geschildert hat mein breites Wort.
Der Gatten Eintracht, ihre frohen Mienen
Und Lieb' und Wunder und der suesse Blick
Erweckten heil'gen Sinn, wo sie erschienen.
Und solchem Frieden eilte, solchem Glueck
Barfuss erst Bernhard nach, der Ehrenwerte,
Und glaubte doch, er bliebe traeg zurueck.
O neuer Reichtum! Gut von echtem Werte!
Egid, Silvester folgten bald dem Mann
Barfuss, weil hoher Reiz die Frau verklaerte.
Der Vater und der Meister ging sodann
Nach Rom mit deiner Frau und mit den Seinen,
Die schon des niedern Strickes Band umspann.
Nicht feig sich beugend sah man ihn erscheinen,
Als Peter Bernardones niedrer Sohn,
Mocht' er auch aermlich und veraechtlich scheinen,
Nein, kund tat er vor Innocenzens Thron
Den strengen Plan mit koeniglicher Wuerde,
Und der besiegelte die Stiftung schon.
Dann, als die Schar der Armen in der Huerde
Des Hirten wuchs, des Wunderleben hier,
Im Himmelsglanz, man besser singen wuerde,
Verlieh der frommen heiligen Begier,
Auf Gottes Eingebung, zum Eigentume
Honorius der zweiten Krone Zier.
Dann predigend, aus Durst nach Maertyrtume,
Kuehn in des stolzen Sultans Gegenwart,
Von Christi und von seiner Folger Ruhme,
Fand zur Bekehrung er das Volk zu hart,
Drob, da ihm hier sein edles Werk nicht glueckte,
Von ihm bebaut Italiens Garten ward.
Und auf Alvernas Felsenboehen drueckte
Das letzte Siegel noch ihm Christus ein,
Das dann zwei Jahre seine Glieder schmueckte.
Als der, der ihn berufen, aus der Pein
Zur Wonn' ihn rief, den Lohn hier zu erwerben,
Dass er sein Knecht war, niedrig, arm und klein,
Empfahl er noch, als seinen rechten Erben,
Den Bruedern seine Frau, ihm lieb und wert,
Zu treuer Lieb' im Leben und im Sterben.
Eh' ihrem Schoss die Seele, schon verklaert,
Entfloh, heimkehrend zu des Vaters Reiche,
Ward nur die Erd' als Sarg von ihm begehrt.
Jetzt denke selbst, wer dem an Wuerde gleiche,
Der, sein Genoss, durchs Meer fuehrt Petri Kahn,
Dass er auf g'radem Weg das Ziel erreiche.
Dies Amt hatt' unser Patriarch empfah'n,
Und gute Ware traegt auf deiner Reise,
Wer treu ihm folgt auf der befohlnen Bahn.
Doch deine Herd' ist jetzt nach neuer Speise
So luestern, dass sie ueppig huepft und springt
Und sich zerstreut und irrt vom rechten Gleise.
Je weiter hin der Schaeflein Herde dringt,
Dem Hirten fern sich irrend zu zerstreuen,
Je minder Milch zum Stalle jedes bringt.
Wohl gibt's noch welche, die den Schaden scheuen.
Die folgen, angedraengt dem Hirten, nach,
Doch wenig Tuch gibt Kutten diesen Treuen.
Jetzt aber, war mein Wort nicht trueb und schwach,
Verblieb dein Ohr, aufmerksam meinen Lehren,
Rufst du zurueck dem Geiste, was ich sprach,
Dann wird's Befried'gung deinem Wunsch gewaehren,
Dann zeigt der Baum, von dem ich pflueckte, sich,
Und meines Tadels Grund wird sich erklaeren:
Wo wohl gedeiht, wer nicht dem Wahne wich."


Zwoelfter Gesang

Sobald mir nur das letzte Wort erschollen,
Das aus der sel'gen Himmelsflamme drang,
Begann die heil'ge Muehl' im Kreis zu rollen.
Doch eh' sie rundherum sich voellig schwang,
War sie umringt von einem zweiten Kranze,
Eingreifend Tanz in Tanz und Sang in Sang;
Sang, hold verhaucht bei diesem Strahlentanze,
Dem unsrer Musen und Sirenen Lied
So weicht, wie Widerschein dem ersten Glanze.
Wie auf Gewoelk, das leicht das Blau umsieht,
Man zwei gleichfarb'ge, gleichgespannte Bogen,
Wenn Juno ihrer Magd befiehlt, ersieht,
Erzeugt vom innern der, der ihm umzogen--
Der Rede jener gleich, die Liebesglut,
Wie Sonnenglut die Duenste, weggesogen--
Die Bogen, die nach allgemeiner Flut
Der Herr dem Noah zeigte, zum Beweise
Des Bunds, durch den die Erde sicher ruht;--
So drehte jetzt um uns sich gleicherweise
Der ew'gen Rosen schoener Doppelkranz,
So glich der aeussere dem innern Kreise.
Und als zuletzt der festlich frohe Tanz,
Die Lust des Sangs, der lichten Flammen schweben,
Das Spiegeln einer in der andern Glanz,
Still ward in einem Nu, mit gleichem Streben,
Wie sich die Augen, wenn es dem gefaellt,
Der sie bewegt, verschliessen und erheben;
Klang aus dem Kreis, von neuem Licht erhellt,
Ein Laut, nach dem ich mich so eilig kehrte,
Wie der Magnet nach seinem Sterne schnellt.
Er sprach: Die Liebe, die mich schoen verklaerte,
Ist's, die vom zweiten Hort mich sprechen heisst,
Durch den man hier so hoch den meinen ehrte.
Vom andern spreche, wer den einen preist,
Zusammen glaenzt' ihr Ruhm, so wie sie stritten
Fuer einen Zweck und mit gleich tapferm Geist.
Des Heilands Heer, fuer welches schwer gelitten,
Der's neu bewehrt, zog zweifelnd und voll Leid
Der Fahne nach, schwach und mit traegen Schritten,
Als er, der herrscht in Zeit und Ewigkeit,
Den Kriegern half, die hart gefaehrdet waren,
Aus Gnad' und nicht ob ihrer Wuerdigkeit;
Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren.
Zwei Kaempfer rief, durch deren Wort und Tat
Gesammelt wurden die zerstreuten Scharen.
Woher der Zephir haucht, um am Gestad'
In Tal und Au die Knospen froh zu schwellen,
Wenn sich der Lenz im Schmuck Europen naht,
Dort, nah dem Strand, wo hochgetuermte Wellen
Weit hergewaelzt, von Sturmeswut bekriegt,
Dem Sonnenstrahl sich oft entgegenstellen,
Dort ist der Platz, wo Callaroga liegt,
Beschuetzt und wohlgedeckt vom grossen Schilde,
Auf dem der Leu obsiegt und unterliegt.
Dort ward erzeugt im gluecklichen Gefilde
Der Glaubenstreue Buhle, der Athlet,
Dem Feind ein Graus, den Seinigen voll Milde. '
Dem Geist, erschaffen kaum, ward zugeweht
Vom hoechsten Geiste Kraft und hohe Gabe,
Und ungeboren war er schon Propbet.
Als mit der Glaubenstreue drauf der Knabe
Verloebnis hielt, vom heil'gen Quell benetzt,
Wo gegenseit'ges Heil die Morgengabe,
Da ward die Zeugin, die Sein Ja! ersetzt,
Schon von der Wunderfrucht, die ihm entspriesse,
Und seiner Schul', im Traumgesicht ergetzt.
Und dass sich, was er war, erkennen liesse,
Gebot ein Geist, vom Himmel hergesandt,
Dass man nach ihm, der ihn besass, ihn hiesse.
Dominikus ward er darum benannt,
Der Gaertner, welchen als Gehilfen Christus
Fuer seinen Garten waehlt' und sich verband.
Wohl schien er Bot' und treuer Knecht von Christus,
Wie das, was er zuerst geliebt, bezeugt,
Denn er vollzog den ersten Rat von Christus.
Wohl fand ihn oefters die, so ihn gesaeugt,
Am Boden liegend, wach, in tiefem Schweigen,
Als spraech' er aus: Hierzu bin ich gezeugt.
O du, sein Vater, Felix wahr und eigen!
O Mutter, wahrhaft als Johann' erblueht,
Wenn wir bis zu des Namens Wurzel steigen!
Nicht fuer die Welt, fuer die man jetzt sich mueht,
Nach des von Ostia, des Thaddaeus Lehren,
Nein, fuers wahrhafte Manna nur entglueht,
Sollt' er als Lehrer bald sich gross bewaehren,
Den Weinberg pflegend, der bald Unkraut traegt,
Wenn nicht des Winzers Hand' ihm emsig wehren.
Vom Stuhl, der einst die Armen mild gehegt--
Einst, nicht durch Schuld des Stuhls--durch dessen Suenden
Der sitzt, und aus der Art der Vaeter schlaegt,
Erbat er Zehnten nicht, noch fette Pfruenden,
Erlaubnis nicht, Ablass und Heil fuer Geld,
Um drei und vier fuer zehen, zu verkuenden;
Nein die, zu kaempfen mit der irren Welt,
Durch jenen Samen, dem die Baeum' entspringen,
Die, zweimal zwoelf, sich um dich her gestellt,
Die Pflichten des Apostels zu vollbringen,
Strebt' auf sein Will' und seine Wissenschaft,
Gleich Stroemen, die aus tiefer Ader Springen.
Und ihre Wellen stuerzten grausenhaft
Auf ketzerisch Gestruepp, es auszubrechen,
Und mit dem Widerstand wuchs ihre Kraft.
Er gab darauf den Ursprung manchen Baechen,
Die hinzieh'n durch der Kirche Gartenland,
Drob ihre Baeume schoenre Frucht versprechen--
Wenn so ein Rad des Kriegeswagens stand,
Auf dem den Kampf die heil'ge Kirche wagte,
Als sie die innern Meut'rer ueberwand,
So muss dir jetzt, wie hoch das andre ragte
An Trefflichkeit, vollkommen deutlich sein,
Und was von ihm dir Thomas Gutes sagte.
Allein das Gleis haelt jetzo niemand ein,
Das in den Grund der Schwung des Rades praegte,
Und Essig wird, was vormals suesser Wein.
Die Schar, die seiner Spur zu folgen pflegte,
Hat jetzt der Fuesse Stellung ganz gewandt
Und geht zurueck, wo er sich vorbewegte.
Wie schlecht die Saat ist, wird euch bald bekannt,
Denn bei der Ernte wird das Korn erlesen
Und eingescheuert, doch der Lolch verbrannt.
Zwar, will man Blatt fuer Blatt das Buch durchlesen,
Das unsre Namen zeigt, so sagt ein Blatt
Noch hier und dort: Ich bin, was ich gewesen.
Doch nicht Casal, noch Aquasparta hat
Dergleichen Glieder unsrer Schar gegeben,
Da der zu streng ist, der zu schlaff und matt.
Jetzt wiss', ich bin Buonaventuras Leben,
Von Bagnoregio, und gering erschien
Beim grossen Amt mir jedes andre Streben.
Hier sind Jlluminat und Augustin,
Zwei von den ersten barfussarmen Scharen,
Die durch den Strick in Gottes Huld gedieh'n.
Hier sind der von Sankt Viktor zu gewahren,
Und Mangiador, der Spanier Peter dann,
Des Ruhm der Welt zwoelf Buecher offenbaren.
Nathan der Seher, Erzbischof Johann,
Anselm, Donat, der sich dem Werke weihte,
Des sich die erste Kunst beruehren kann.
Ruban ist hier; und solchen Bruedern reihte
Sich dieser an, begabt mit Sehergeist
Abt Joachim, helleuchtend mir zur Seite.
Wenn solchen Kaempfer meine Rede preist,
So ist's des Thomas liebentflammte Weise,
Die mit sich fort auch meine Rede reisst,
Und mit mir fortzieht all in diesem Kreise.


Dreizehnter Gesang

Wer wohl verstehn will, was ich nun gesehen,
Bild' itzt sich ein und lass im Geist das Bild,
Indes ich spreche, fest, wie Felsen, stehen,
Fuenfzehen Sterne, die man am Gefild
Des Himmels in verschiedner Gegend findet,
So glanzvoll, dass ihr Licht durch Nebel quillt;
Den Wagen, der um unsern Pol sich windet,
Und sein Gewoelb' bei Tag und Nacht durchreist,
Drob er beim Deichselwenden nicht verschwindet;
Bild' ein sich, was der Mund des Hornes weist,
Das anfaengt an der Himmelsachse Grenzen,
Um die das erste Rad nie rastend kreist;
Die Sterne denk' er sich in zweien Kraenzen,
Die, dem gleich, der sich zur Erinnrung flicht
An Ariadnens Tod, am Himmel glaenzen,
Umringt den einen von des andern Licht,
Und beid' im Kreis gedreht in solcher Weise,
Dass dem, der vorgeht, der, so folgt, entspricht;
Dann glaub' er, dass sich ihm ein Schatten weise
Des wahren Sternbilds, welches, zweigereiht,
Den Punkt, auf dem ich stand, umtanzt' im Kreise.
Denn was wir kennen, steht ihm nach, so weit,
Als nur der Chiana traeger Lauf dem Rollen
Des fernsten Himmels weicht an Schnelligkeit.
Dort sang man nicht von Bacchus, von Apollen,
Nein, drei in einem--Gott und Mensch nur eins,
Die Lieder waren's, welche dort erschollen.
Als Sang und Tanz des heiligen Vereins
Vollbracht war, wandt' er sich zu uns, von Streben
Zu Streben, ewig froh des sel'gen Seins.
Und jenes Licht hoert' ich die Stimm' erheben
Im eintrachtsvollen Kreis, das mir vorher
Erzaehlt des heil'gen Armen Wunderleben.
Es sprach zu mir: Das eine Stroh ist leer
Und wohlverwahrt die Saat, allein entglommen
Von suesser Liebe, dresch' ich dir noch mehr.
Du glaubst: Der Brust, aus der die Ripp' entnommen
Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernach
Der ganzen Welt so hoch zu stehn gekommen,
Und jener, die, als sie der Speer durchstach,
So nach wie vor so grosse G'nuege brachte,
Dass sie die Macht jedweder Suende brach,
Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte,
Und des er faehig ist, voll eingehaucht
Von jener Kraft, die jen' und diese machte;
Und staunst, dass ich vorhin das Wort gebraucht:
Der fuenfte Glanz sei bis zum tiefsten Grunde
Der Weisheit, wie kein zweiter mehr, getaucht.
Erschliess itzt wohl die Augen meiner Kunde;
Mein Wort und deinen Glauben siehst du dann
Im Wahren, wie den Mittelpunkt im Runde.
Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann,
Ist nur als Glanz von der Idee erschienen,
Die, liebreich zeugend, unser Heer ersann.
Denn jenes Licht des Lebens, das entschienen
Dem ew'gen Lichtquell, ewig mit ihm eins,
Und mit der Lieb', als dritter, eins in ihnen,
Eint gnaediglich die Strahlen seines Scheins
Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend,
Im ewigen Verein des einen Seins.
Von dort sich zu den letzten Kraeften neigend,
Wird schwaecher dann der Glanz von Grad zu Grad,
Zuletzt nur Dinge kurzer Dauer zeugend.
Die Dinge, die mein Wort bezeichnet hat,
Sind die Erschaffnen, welche die Bewegung
Des Himmels zeugt, so mit wie ohne Saat.
Ihr Wachs ist ungleich, und die Kraft der Praegung
Und von des Urgedankens Glanz gewahrt
Man drum hier schwaechere, dort staerkre Regung;
Daher denn auch von Baeumen gleicher Art
Bald bessere, bald schlechtre Fruechte kommen,
Und euch verschiedne Kraft des Geistes ward--
War' irgendwo das Wachs rein und vollkommen,
Und ausgepraegt mit hoechster Himmelskraft,
Rein wuerde das Gepraeg' dann wahrgenommen.
Doch die Natur gibt's immer mangelhaft
Und wirkt dem Kuenstler gleich, der wohl vertrauen
Der Uebung kann, doch dessen Hand erschlafft.
Drum, bildet heisse Lieb' und klares Schauen
Der ersten Kraft, dann wird sie, rein und gross,
Vollkommenes erschaffen und erbauen.
So ward gewuerdiget der Erdenkloss,
Die tierische Vollkommenheit zu zeigen,
Und so geschwaengert ward der Jungfrau Schoss.
Darum ist deine Meinung mir auch eigen:
Dass menschliche Natur in jenen zwei'n
Am hoechsten stieg und nie wird hoeher steigen.
Hielt' ich mit meinen Lehren jetzo ein,
So wuerdest du die Frage nicht verschieben:
Wie koennt' ein dritter ohnegleichen sein?
Doch, dass erscheine, was versteckt geblieben,
So denke, wer er war, und was zum Fleh'n,
Als ihm gesagt ward: "Bitt'!" ihn angetrieben.
Aus meiner Rede konntest du ersehn:
Als Koenig fleht' er um Verstand, beflissen,
Damit dem Reiche g'nuegend vorzustehn,
Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen,
Nicht, ob Notwend'ges und Zufaelligkeit
Notwendiges als Schluss ergeben muessen;
Nicht, was zuerst bewegt, Bewegung leiht;
Nicht, ob ein Dreieck in dem halben Kreise
Noch anderen, als rechten Winkel, beut--
Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise.
Du siehst: eine Seher sondergleichen war
Durch Koenigsklugheit jener hohe Weise,
Auch ist mein Wort: dem nie ein zweiter, klar;
Von Koen'gen sprach ich nur an jenem Orte,
Die selten gute sind, ob viele zwar.
Mit diesem Unterschied nimm meine Worte,
Dass nicht im Streit damit dein Glaube sei
Vom ersten Vater und von unserm Horte.
Und dieses leg' an deine Fuesse Blei
Und mache schwer dich, gleich dem Mueden, gehen
Zum Ja! und Nein! wo nicht dein Auge frei,
Weil die selbst unter Toren niedrig stehen,
Die sich zum Ja und Nein, ohn' Unterschied,
Gar schnell entschliessen, eh' sie deutlich sehen;
Drob sich die Meinung, wie es oft geschieht,
Zum Irrtum neigt, und dann im Drang des Lebens
Die Leidenschaft das Urteil mit sich zieht--
Wer nach der Wahrheit fischt und, irren Strebens,
Die Kunst nicht kennt, der kehrt nicht, wie er geht,
Und schifft vom Strand drum schlimmer als vergebens,
Wie ihr dies an Melissus deutlich seht
Und an Parmenides und andern vielen,
Die gingen, eh' sie nach dem Ziel gespaeht;
Drob Arius und Sabell in Torheit fielen.
Gleich Schwertern waren sie dem heil'gen Wort
Und machten die geraden Blicke schielen.
Nicht reiss' euch Wahn zum schnellen Urteil fort,
Gleich denen, die das Korn zu schaetzen wagen,
Das eh' es reift, vielleicht im Feld verdorrt.
Denn oefters sah ich erst in Wintertagen
Den Dornenbusch gar rauh und stachlicht stehn.
Und auf dem Gipfel dann die Rose tragen.
Und manches Schiff hab' ich im Meer gesehn,
Gerad' und flink auf allen seinen Wegen,
Und doch zuletzt am Hafen untergehn.
Nicht glauben moege Hinz und Kunz deswegen,
Weil dieser stiehlt und der als frommer Mann
Der Kirche schenkt, mit Gott schon Rat zu pflegen.
Da der erstehn und jener fallen kann.


Vierzehnter Gesang

Vom Rand zur Mitte sieht man Wasser rinnen
Im runden Napf, vom Mittelpunkt zum Rand,
Je wie man's treibt nach aussen oder innen.
Dies war's, was jetzt vor meiner Seele stand,
Als stille schwieg des Thomas heil'ges Leben
Und suess verhallend seine Stimme schwand,
Ob jener Aehnlichkeit, die sich ergeben,
Da er erst sprach, dann Beatricens Mund,
Der's jetzt gefiel, die Stimme zu erheben:
"Ihm tut es not, obwohl er's euch nicht kund
In Worten gibt, noch laesst im Innern lesen,
Zu spaeh'n nach einer andern Wahrheit Grund.
Sagt ihm, ob dieses Licht, das euer Wesen
So schoen umblueht, euch ewig bleiben wird
Im selben Glanze, wie's bis jetzt gewesen.
Und, bleibt's. So sagt, damit er nimmer irrt,
Wie, wenn ihr werdet wieder sichtbar werden,
Es euren Blick nicht blendet und verwirrt."
Wie mit verstaerkter Lust oft hier auf Erden
Die Tanzenden im heitern Ringeltanz
Die Stimm' erhoeh'n und froher sich gebaerden;
So zeigte neue Lust der Doppelkranz,
Als sie ihn bat, so rasch, doch fromm-bescheiden,
In freud'gem Dreh'n und Wundersang und Glanz--
Wer klagt, dass wir den Tod auf Erden leiden,
Um dort zu leben, oh, der fuehlt und denkt
Nicht, wie wir dort am ew'gen Tau uns weiden.
Dass drei und zwei und eins, das alles lenkt
Und ewig lebt in einein, zwei'n und dreien,
Und, ewig unumschraenkt, das All umschraenkt,
Gesungen ward's in solchen Melodeien
Dreimal im Chor, um vollen Lohn der Pflicht
Und jeglichem Verdienste zu verleihen.
Und eine Stimm' entklang dem hellem Licht
Des kleinern Kreises dann und wich an Milde
Wohl der des Engels der Verkuendung nicht.
"Solang die Lust im himmlischen Gefilde,
So lange waehrt auch unsre Lieb' und tut
Sich kund um uns in diesem Glanzgebilde.
Und seine Klarheit, sie entspricht der Glut,
Die Glut dem Schau'n, und dies wird mehr uns frommen,
Je mehr auf uns die freie Gnade ruht.
Wenn wir den heil'gen Leib neu angenommen,
Wird unser Sein in hoehern Gnaden stehn,
Je mehr es wieder ganz ist und vollkommen.
Drum wird sich das freiwill'ge Licht erhoeh'n,
Das wir vom hoechsten Gut aus Huld empfangen,
Licht, welches uns befaehigt, ihn zu sehn,
Und hoeher wird zum Schau'n der Blick gelangen,
Hoeher die Glut sein, die dem Schau'n entglueht,
Hoeher der Strahl, der von ihr ausgegangen.
Doch, wie die Kohle, der die Flamm' entsprueht,
Sie an lebend'gem Schimmer ueberwindet
Und wohl sich zeigt, wie hell auch jene glueht;
So wird der Glanz, der jetzt schon uns umwindet,
Dereinst besiegt von unsres Fleisches Schein,
Wenn Gott es seiner Grabeshaft entbindet.
Nicht wird uns dann so heller Glanz zur Pein;
Denn stark, um alle Wonnen zu geniessen,
Wird jedes Werkzeug unsers Koerpers sein."--
Und Amen riefen beide Choer' und liessen
Durch Einklang wohl den Wunsch ersehn, den Drang,
Sich ihren Leibern wieder anzuschliessen.
Und wohl fuer sich nicht nur, nein, zum Empfang
Der Vaeter, Muetter und der andern Teuern,
Die sie geliebt, eh' sie die Flamm' umschlang.
Und sieh, zum Glanz von diesen ew'gen Feuern
Kam gleiche Klarheit rings, wie wenn das Licht
Des Tags der Sonne goldne Pfeil' erneuern.
Wie, wenn allmaehlich an der Abend bricht,
Am Himmel Punkte, klein und bleich, erglaenzen,
So dass die Sach' als wahr erscheint und nicht;
So glaubt' ich jetzt in neuen Ringeltaenzen
Noch zweifelnd, neue Wesen zu erspaeh'n,
Weit ausserhalb von jenen beiden Kraenzen.
O wahrer Schimmer, angefacht vom Weh'n
Des Heil'gen Geist's so ploetzlich hell!--Geblendet
Koennt' ihm mein Auge jetzt nicht widerstehn.
Doch als ich zu Beatrix mich gewendet,
War sie so lachend schoen, so hochbeglueckt,
Dass solches Bild kein irdisch Wort vollendet.
Da ward von neuer Kraft mein Aug' entzueckt;
Ich schlug es auf und sah mich schon nach oben
Mit ihr allein zu hoeherm Heil entrueckt.
Wohl nahm ich wahr, ich sei emporgehoben.
Denn gluehend laechelte der neue Stern
Und schien von ungewohntem Rot umwoben.
Von Herzen, in der Sprache, welche fern
Und nah gemeinsam ist den Voelker Scharen,
Bracht' ich Dankopfer dar dem hoechsten Herrn.
Und lustentzuendet koennt' ich schon gewahren,
Eh' ich die ganze Glut ihm dargebracht,
Dass angenehm dem Herrn die Opfer waren.
Denn Lichter, in des Glanzes hoechster Macht,
Sah ich aus zweien Schimmerstreifen scheinen,
Und rief: O Gott, du Schoepfer solcher Pracht!--
So tut, besaet mit Sternen, gross' und kleinen, '
Galassia zwischen Pol und Pol sich kund,
Von welcher dies und das die Weisen meinen,
Wie diese Streifen, bildend auf dem Grund
Des roten Mars das hochgeehrte Zeichen,
Gleich vier Quadranten, wohlgefuegt im Rund.
Wohl muss die Kunst hier dem Gedaechtnis weichen,
Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus;
Wo gaeb's ein Bild, ihm wuerdig zu vergleichen?
Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus,
Von ihm wird das, was ich verschwieg, verzieh'n,
Denn blitzen sieht auch er im Glanze Christus.
Von Arm zu Arm, vom Fuss zur Hoeh' erschien
Bewegtes Licht, hier hell in Glanz entbrennend,
Weil sich's verband, dort beim Vorueberzieh'n.
So sieht man wohl, hier traeg bewegt, dort rennend,
Atome, hier g'rad', dort krummgeschweift,
Und lang und kurz, sich einend und sich trennend,
Wirbelnd im Strahl, der durch den Schatten streift,
Nach dem, wenn heiss die Sonnengluten flirren,
Der Mensch mit Witz und Kunst begierig greift.--
Und wie harmonisch Laut' und Harfe schwirren,
Sind nur die vielen Saiten rein gespannt,
Ob auch im Ohr die Toene sich verwirren;
So hoert' ich jetzt den Sang vom Kreuz und stand,
Als ob in Lust die Sinne sich verloeren,
Obwohl ich von der Hymne nichts verstand.
Doch hohen Preis vernahm ich in den Choeren,
Denn: Du erstehst und siegst!--erklang's, und ich
Glich denen, welche nicht verstehn, doch hoeren.
Und so durchdrang hier suesse Liebe mich,
Dass, welche holde Band' auch mich umfingen,
Doch keins bis dahin diesem Bande glich.
Vielleicht scheint sich zu kuehn mein Wort zu schwingen,
Nachsetzend selbst der schoenen Augen paar,
Die jeden Wunsch in mir zur Ruhe bringen.
Doch nimmt man die lebend'gen Stempel wahr,
Die, hoeher, immer schoeneres gestalten,
Und denkt, dass ich gewandt von jenen war,
So wird man drob mich fuer entschuldigt halten
Und sehn, dass ich vom Wahren nicht geirrt;
Doch duerft' auch hier die heil'ge Wonne walten,
Die, wie man aufsteigt, immer reiner wird.


Fuenfzehnter Gesang

Gewogner Will', in welchem immer dir
Sich offen wird die echte Liebe zeigen,
Wie boeser Wille kund wird durch Begier,
Gebot der suessen Leier Stilleschweigen
Und hielt im Schwung der heil'gen Saiten ein,
Die Gottes Rechte sinken macht und steigen.
Wie werden taub gerechter Bitte sein
Sie, die einhellig den Gesang itzt meiden,
Um Mut zur Bitte selbst mir zu verleih'n.
Oh, wohl verdienen ewiglich zu leiden
Die, weil die Lieb' in ihrer Brust erwacht
Fuer Irdisches, sich jener Lieb' entkleiden.
Wie durch die Heiterkeit der stillen Nacht
Oft Feuer laeuft, vom Augenblick geboren,
Und des Beschauers Augen zuecken macht,
Gleich einem Stern, der andern Platz erkoren,
Nur, dass an jenem Ort, wo er entbrannt,
Sich nichts verliert und er sich schnell verloren;
So sah ich aus dem Arm zur rechten Hand
Jetzt einen Stern zum Fuss des Kreuzes wallen,
Aus jenem Sternbild, das dort glaenzend stand.
Die Perl' war nicht aus ihrem Band gefallen;
Sie lief am lichten Streif dahin und war
Wie Feuer hinter glaenzenden Kristallen.
So, redet unsre groesste Muse wahr,
Stellt' in Elysiums Hainen seinem Sprossen
Anchises sich mit frommer Liebe dar.
"O du, mein Blut, auf welches sich ergossen
Die Gnade hat, wem hat der hoechste Hort
Zweimal, wie dir, des Himmels Tuer erschlossen?"
Mir zog den Geist zum Lichte dieses Wort;
Drauf, als ich mich zu meiner Herrin wandte,
Ward mir Entzueckung, Staunen, hier wie dort,
Weil ihr im Auge solch ein Laecheln brannte,
Dass, wie ich glaubte, meins den Grund darin
Von meinem Himmel, meiner Gnad' erkannte.
Der Geist dann fuegte Dinge zum Beginn,
Er, angenehm zu hoeren und zu sehen,
Die ich nicht fasste vor zu tiefem Sinn.
Doch wollt' er nicht, ich soll' ihn nicht verstehen;
Es musste sein, weil Reden solcher Art
Weit uebers Ziel der Menschenfassung gehen.
Doch als der Schwung, in dem sich offenbart
Der Liebe Glut, insoweit nachgelassen,
Dass jenes Ziel nicht ueberflogen ward,
Sprach er, was ich nun faehig war, zu fassen:
"Preis dir, Dreieiner, der du auf mein Blut
So reich an Gnade dich herabgelassen."
Und dann: "Der Sehnsucht lange, suesse Glut.
Entflammt, da ich im grossen Buch gelesen,
Das kund unwandelbar die Wahrheit tut,
Stillst du, mein Sohn, im Licht, aus dem mein Wesen
Jetzt freudig zu dir spricht; Dank ihr, die dich
Zum Flug beschwingt und dein Geleit gewesen!
Du glaubst, dass alles, was du denkst, in mich
Vom Urgedanken stroemt; denn es entfalten
Die fuenf und sechs ja aus der Einheit sich;
Drum fragst du nicht nach mir und meinem Walten,
Und weshalb hoeher meine Freude scheint
Als die der andern dieser Lichtgestalten.
Dein Glaub' ist wahr, weil gross und klein vereint
In diesem Reich, nach jenem Spiegel blicken,
Wo, eh' du denkest, der Gedank' erscheint,
Doch, um die Lieb', in die mit wachen Blicken
Ich ewig schau', und die die Suessigkeit
Der Sehnsucht zeugt, vollkommner zu erquicken,
Erklinge sicher, kuehn, voll Freudigkeit
Die Stimm' in deinem Willen, deinem Sehnen,
Und die Entgegnung drauf ist schon bereit."
Ich sah auf sie, die, eh' die Wort' ertoenen,
Mich schon versteht, und laechelnd im Gesicht,
Hiess sie mich frei des Willens Fluegel dehnen.
Ich sprach: "Die Neigung und des Geistes Licht
Sind, seit die erste Gleichheit ihr ergruendet,
Bei jeglichem von euch im Gleichgewicht,
Weil euch die Sonne, die euch hellt und zuendet
Mit Licht und Glut, damit sogleich durchdringt,
Dass man, was sonst sich gleicht, hier ungleich findet.
Doch Will' und Witz, wie sie der Mensch erringt,
Sie sind aus dem euch offenbaren Grunde
Mit sehr verschiedner Kraft zum Flug beschwingt.
Dies fuehl' ich Sterblicher in dieser Stunde,
Und danke deine Vaterliebe dir
Drum mit dem Herzen nur, nicht mit dem Munde.
O du lebendiger Topas, du Zier
Des edlen Kleinods, hell in Glanz entglommen,
Still' itzt, dich nennend, meine Wissbegier!"
"Mein Spross, laengst froh erwartet, jetzt willkommen,
In mir sieh deine Wurzel!" So der Geist,
Und setzt' hinzu, nachdem ich dies vernommen:
"Und er, nach welchem dein Geschlecht sich heisst,
Der hundert Jahr' und mehr fuer stolzes Wesen
Des Berges ersten Vorsprung schon umkreist,
Er ist mein Sohn, dein Urgrossahn, gewesen,
Und dir geziemt's, von solcher langen Pein
Durch gute Werk' ihn schneller zu erloesen.
Florenz, im alten Umkreis, eng und klein,
Woher man jetzt noch Terzen hoert und Nonen,
War damals friedlich, nuechtern, keusch und rein.
Nicht Kettchen hatt' es damals noch, nicht Kronen,
Nicht reichgeputzte Frau'n--kein Guertelband,
Das sehenswerter war als die Personen.
Bei der Geburt des Toechterleins empfand
Kein Vater Furcht, weil man zur Mitgift immer,
So wie zur Zeit, die rechten Masse fand.
Und oede, leere Haeuser gab's da nimmer;
Nicht zeigte dort noch ein Sardanapal,
Was man vermag in Ueppigkeit der Zimmer.
Nicht uebertroffen ward der Montemal
Von dem Uccellatojo noch im Prangen,
Und wie im Steigen, also einst im Fall.
Ich sah vom schlichten Ledergurt umfangen
Bellincion Berti noch und sah sein Weib
Vom Spiegel gehn mit ungeschminkten Wangen.
Ich sah ein unverbraemtes Wams am Leib
Des Nerli und des Vecchio--und den Frauen
War Spill' und Rocken froher Zeitvertreib.
Gluecksel'ge Fraun! In eurer Heimat Auen
War euch ein Grab gewiss--durch Frankreichs Schuld
War keiner noch das oede Bett zum Grauen.
Die, wach und emsig an der Wiege, lullt'
In jener Sprach' ihr Kindlein ein, die jeden
Der Vater ist, entzueckt in Suess' und Huld.
Die, ziehend aus dem Rocken glatte Faeden,
Letzt' ihrer Kinder Kreis von Roemertat,
Von Troja, Fiesole mit klugen Reden.
Was ihr an einer Cianghella saht,
An Salterell, solch Wunder haett's gegeben,
Als itzt Cornelia gab' und Cincinnat.
So ruhigem, so schoenem Buergerleben,
So treuer Buergerschaft, so teurem Land,
Gab mich Maria, die mit Angst und Beben
Die Mutter anrief, als sie Weh'n empfand,
Und dort, in unserm Taufgebaeu, dem alten,
Ward ich ein Christ und Cacciaguid genannt.
Zwei Brueder hatt' ich, und zu treuem Walten
Im Haufe kam die Gattin mir vom Po,
Von der den zweiten Namen du erhalten.
Den Kaiser Konrad folgt' und dient' ich, so,
Dass er mich weihte zu des Ritters Ehren,
Und immer blieb ich seiner Gnade froh.
Mit ihm wollt' ich des Greuels Reich zerstoeren,
Des Volk, durch eurer Hirten Fehler, sich
Der Laender anmasst, die euch angehoeren.
Und dort, von jenem schnoeden Volk, ward ich
Vom Trug der Welt entkettet und geschieden,
Der viele Herzen jeder Zeit beschlich,
Und kam vom Maertyrtum zu diesem Frieden.


Sechzehnter Gesang

O du geringer Adel unsers Bluts,
Kannst du hienieden uns zum Stolz verfuehren,
Wo wir noch fern vom Schau'n des wahren Guts.
So werd' ich nimmer drob Verwundrung spueren;
Denn dort, wo falsche Lust uns nicht erreicht,
Fuehlt' ich darob in mir den Stolz sich ruehren.
Du bist ein Mantel, der, sich kuerzend, weicht,
Setzt man nicht Neues zu von Tag zu Tagen,
Weil rings die Zeit mit ihrer Schere schleicht--
Mit jenem ihr, das Rom zuerst ertragen,
Das jetzt die Roemer minder brauchen, trat
Ich naeher hin, beginnend neue praegen.
Beatrix drum, zur Seite stehend, tat,
Laechelnd, gleich jener, die beim ersten Fehle
Ginevrens, wie man schreibt, gehustet hat.
"Ihr seid mein Vater; Ihr erhebt die Seele,
Dass ich mehr bin als ich; Ihr gebt mir Mut
Mit Euch zu sprechen frei und sonder Hehle.
Mir stroemt zur Brust vielfacher Wonne Flut,
Doch sie ertraegt es, ohne zu zerspringen,
Weil suess das Herz in eigner Freude ruht.
Drum sprecht, mein Urahn, welche Vordern gingen
Euch noch voraus, und wie bezeichnet man
Die Jahre, die Euch hier itzt Fruechte bringen?
Vom Schafstall sprecht des heiligen Johann;
Wie gross war er? Wer ist, den, hochzustehen
In jenem Volk, man wuerdig preisen kann?"
Gleichwie, belebt von frischen Windeswehen,
Die Kohl' in Flammen glueht, so war das Licht
Bei meinem Liebeswort in Glanz zu sehen.
Und so verschont er jetzt sich dem Gesicht,
Wie seine Sprache sich dem Ohr verschoente;
Doch war's nicht jene, die man jetzo spricht.
Er sprach: "Seitdem des Engels Ave toente,
Bis meine Mutter, heilig itzt, in Qual
Sich meiner Last entledigend, erstoehnte,
Kam allbereits fuenfhundertachtzigmal
Dies Feuer zu den Fuessen seines Leuen,
Dort zu erneuern seinen Flammenstrahl.
Des ersten Lichts sollt' ich am Ort mich freuen,
Den Vaetern gleich, wo man das Sechsteil fand.
In dem sich eure Jahreslaeuf' erneuen.
Und dies sei von den Ahnen dir bekannt;
Wer sie gewesen, und woher entsprossen,
Wird schicklicher verschwiegen als benannt.
Was da, von Mars und Taeufer eingeschlossen,
Befaehigt war, sich zum Gefecht zu reih'n,
Ein Fuenfteil war's der jetzigen Genossen.
Allein die Buergerschaft, jetzt gross zum Schein,
Vermischt mit Campis und Certaldos Scharen,
War noch im letzten Handwerksmanne rein.
Wohl besser waeren, die einst Nachbarn waren,
Es jetzo noch--wohl besser war's, Galluzz
Und Trespian als Grenzen zu bewahren,
Als innerhalb der Bauern Stank und Schmutz
Von Aguglion und Signa zu ertragen,
Die listig schachern allem Recht zum Trutz.
Wenn sich, der gaenzlich aus der Art geschlagen,
Am Kaiser nicht stiefvaeterlich verging,
Statt ihn am Herzen vaeterlich zu tragen,
War' mancher Schachrer, den Florenz empfing,
Bereits zurueckgekehrt nach Simifonte,
Wo sein Grossvater schmaehlich betteln ging.
Wie Montemurlo Grafschaft bleiben konnte,
So waeren noch die Cerchi in Acon,
Vielleicht in Valdigriev die Buondelmonte.
In Volksvermischung fand man immer schon
Den ersten Keim zu einer Stadt Verfalle,
Wie Speis auf Speisen unsern Leib bedroh'n.
Ein blinder Stier stuerzt hin in jaeherm Falle
Als blindes Lamm, und oefters ist ein Schwert
Mehr wert als fuenf und schneidet mehr als alle.
Sieh Luni, Urbifaglia schon verheert,
Sieh Chiusi in derselben Not sich winden,
Die Sinigaglia, jenen gleich, erfaehrt;
Dann wirst du's nicht mehr neu und schrecklich finden,
Huellt Nacht des Todes die Geschlechter ein,
Da Staedte selbst vom festen Grund verschwinden.
Was euer ist, das traegt, wie euer Sein,
Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt,
Verbirgt ihn euch, denn eure Zeit ist klein.
Und wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt
Und ihn in Ebb' und Flut entbloesst und deckt,--
So ist's, wie das Geschick Florenz behandelt.
Drum werde dir kein Staunen mehr erweckt,
Sprech' ich von Edeln deiner Stadt, von ihnen,
Die in Vergessenheit die Zeit versteckt.
Die Ughi hob' ich und die Catellinen
Der Greci und Ormanni Stamm gesehn,
Die selbst im Fall erhabne Buerger schienen.
Mocht' alt, wie hoch, der von Sanella stehn,
Er musste mit Soldanier, den von Arke
Und den Bostichi klaeglich untergehn.
Am Tor, das jetzt an Hochverrat so starke
Belastung hat, dass in den Wogen bald
Versinken wird die ueberladne Barke,
Dort war der Ravignani Aufenthalt,
Das Stammhaus derer, so den Namen fuehren
Des Bellincion, der edel ist und alt.
Wohl wusste, wie sich's zieme, zu regieren,
Der della Pressa--Galigajo nahm
Das Schwert, das goldnes Blatt und Knauf verzieren.
Gross war die graue Saeul' und wundersam,
Gross waren die Sachetti, die Barucci
Und die ein Scheffel jetzt durchglueht mit Scham.
Gross war vordem der Urstamm der Calfucci;
Zu jeglichem erhabnen Platz im Staat
Rief man die Sizii, die Arrigucci.
Wie gross war't ihr! Allein des Stolzes Saat
Trug Untergang--wie blueht auf allen Aesten
So edler Staemme Mut und grosse Tat!
So waren deren Vaeter, die in Festen,
Wenn man den Sitz des Bischofs ledig sieht,
Im Konsistorium sich behaglich maesten.
Das prahlende Geschlecht, das dem, der flieht,
Zum Drachen wird, doch sanft wird, gleich dem Lamme,
Wenn man die Zahne weist, den Beutel zieht
Kam schon empor, allein aus niederm Stamme,
Drum zuernt' Ubert dem Bellincion, dass er
Zu solcherlei Verwandtschaft ihn verdamme.
Von Fiesole kam Caponsacco her
Auf euren Markt und trieb in jenen Tagen,
Wie Infangato buergerlich Verkehr.
Unglaubliches, doch Wahres werd' ich sagen:
Ein Tor des Staedtchens liess man ungescheut
Den Namen des Geschlechts der Pera tragen.
Wen nur des schoenen Wappens Schmuck erfreut,
Des grossen Freiherrn, dessen Preis und Ehren
Alljaehrlich noch das Thomasfest erneut.
Liess Ritterwuerden sich von ihm gewaehren,
Mag der auch, der's mit goldner Zier umwand,
Jetzt im Vereine mit dem Volk verkehren.
Da hoch der Stamm der Gualterotti stand,
So wuerd' in Kriegsnot Borgo minder beben,
Wenn er sich mit den Nachbarn nicht verband.
Das Haus, das euch zum Weinen Grund gegeben,
Da's in gerechtem Grimm euch Tod gebracht
Und ganz beendigt euer heitres Leben,
Stand mit den Seinen fest in Ehr' und Macht.
Buondelmont, was hattest du Verlangen
Nach andrer Braut? Was fremden Antriebs acht?
Wohl viele wuerden froh sein, die jetzt bangen,
Wenn Gott der Ema dich vermaehlt, als du
Zum ersten Male nach der Stadt gegangen.
Doch wohl stand dieser Stadt das Opfer zu,
Das sie der Brueckenwacht, dem wuesten Steine,
Mit Blut gebracht in ihrer letzten Ruh'.
Mit diesen und mit andern im Vereine
Sah ich Florenz des suessen Friedens wert,
Indem's nie Ursach' fand, weshalb es weine.
Mit diesem sah ich hoch sein Volk geehrt,
Gerecht und treu, in ruhig stiller Haltung,
Und nie am Speer die Lilie umgekehrt'
Und nimmer rotgefaerbt durch innre Spaltung.


Siebzehnter Gesang

Wie der, der Vaeter karg gemacht den Soehnen,
An Climene um Kunde sich gewandt
Von dem, was man gejagt, ihn zu verhoehnen;
So war ich jetzt in mir, und so empfand
Beatrix mich und er, des Liebesregung
Vom Flammenkreuz ihn zu mir hergebannt.
Drum sie: "Folg' itzt der inneren Bewegung
Und lass den Wunsch hervor, nur sei er rein
Bezeichnet durch des innern Stempels Praegung.
Er soll nicht groessre Kenntnis uns verleih'n,
Doch mutig sollst du deinen Durst bekennen,
Als ob ein Mensch ihn stillen sollt' in Wein."
"O teurer Ahn, hochragend im Erkennen,
Gleich wie der Mensch sieht, dass im Dreieck nicht
Zwei stumpfe Winkel sich gestalten koennen,
So siehst du, was da sein wird, das Gesicht
Dem Spiegel zugewandt, der alle Zeiten
Als Gegenwart dir zeigt im klaren Licht.
Als noch Virgil bestimmt war, mich zu leiten,
Um auf den Berg, der unsre Seelen heilt,
Und zu der toten Welt hinabzuschreiten,
Ward von der Zukunft Kunde mir erteilt,
Die hart ist, mag ich auch als Turm mich fuehlen,
Der trotzend steht, wenn ihn der Sturm umheult.
Drum wuesst' ich gern, um meinen Wunsch zu kuehlen,
Welch ein Geschick mir naht. Vorausgeschaut,
Scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwuehlen."
Ich sprach's zum Licht, das mir mit suessem Laut
Gesprochen hatt', und hatt' ihm nun vollkommen,
Nach meiner Herrin Wink, den Wunsch vertraut.
In Raetseln nicht, wie man sie einst vernommen,
Bestimmt, ein Netz fuer Torenwahn zu sein,
Eh' Gottes Lamm die Suend' auf sich genommen,
In klarem Wort und buendigem Latein,
Antwortete mir jene Vaterliebe
Verschlossen in der eignen Wonne Schein:
"Der Zufall, Werk allein der Erdentriebe,
Malt sich im ew'gen Blick, wie vorbestimmt,
Und keiner ist, der ihm verborgen bliebe,
Obwohl er euch die Freiheit nicht benimmt
So wenig, als das Aug' ein Schifflein leitet,
Das drin sich spiegelt, wenn's stromunter schwimmt.
Wie Orgelharmonie zum Ohre gleitet,
So kann mein Aug' im ew'gen Blicke sehn,
Welch ein Geschick die Zukunft dir bereitet.
Wie Hippolyt, vertrieben aus Athen
Von der Stiefmutter treulos argen Raenken,
So musst du aus dem Vaterlande gehn.
Dies wollen sie, dies ist's, worauf sie denken;
Und wo man Christum frech zu Markte traegt,
Dort wird zur Tat, was nottut, dich zu kraenken.
Und dem verletzten Teil folgt, wie er pflegt,
Der Ruf der Schuld--allein die Wahrheit kuenden
Wird Gottes Rache, die den Argen schlaegt.
Du wirst dich allem, was du liebst, entwinden
Und wirst, wenn dies dir bittern Schmerz erweckt,
Darin den ersten Pfeil des Banns empfinden.
Wie fremdes Brot gar scharf versalzen schmeckt,
Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen,
Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt.
Doch wird so schwer nichts seinen Ruecken biegen,
Als die Gesellschaft jener schlechten Schar,
Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen.
Ganz toll und ganz verrucht und undankbar
Bekaempft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen,
Ihr Kopf, nicht deiner, wer im Rechte war.
Wie dumm sie ist, das wird ihr Tun besagen;
Und dass du fuer dich selbst Partei gemacht,
Wird dir erwuenschte, schoene Fruechte tragen.
Die erste Zuflucht in der harten Acht
Wird dir der herrliche Lombard gewaehren,
Den heil'ger Aar und Leiter kenntlich macht.
Zwischen euch wird von Geben und Begehren
Das, was sonst spaeter kommt, das erste sein,
So sorgsam wird auf dich sein Blick sich kehren.
Dort siehst du ihn, dem dieses Sternes Schein
Bei der Geburt im hellsten Licht entglommen,
Ihm das Gepraeg' zu hoher Tat zu leih'n.
Und hat die Welt noch nichts davon vernommen,
So ist's, weil eben erst zum neuntenmal
Die Sonn' um ihm den Zirkellauf genommen.
Doch glaenzt er, ungeruehrt durch Gold und Quael,
Bevor sich des Gascogners Tuecken zeigen
Bei Heinrichs Zug, in heller Tugend Strahl.
Hochherrlich wird sein Ruhm zum Himmel steigen;
Der Feind selbst kann, obwohl voll Ungeduld
Bei seiner Taten Lob, es nicht verschweigen.
Gewaertig sei denn sein und seiner Huld;
Aus Armen macht er Reich' und Arm' aus Reichen,
Hebt arme Tugend, stuerzt die reiche Schuld.
Lass nicht dies Wort aus dem Gedaechtnis weichen,
Doch sage nichts!" Dann sagt' er Dinge mir,
Die dem selbst, der sie sah, noch Wundern gleichen.
"Sohn," also sprach er weiter, "siehe hier,
Zu dem, was dir verkuendet ward, die Glossen.
Schon droht man aus dem Hinterhalte dir.
Doch nicht beneide deine Landsgenossen,
Denn lang, bevor du sinkst ins dunkle Grab,
Ist dem Verrat gerechte Rach' entsprossen."
Hier brach die heil'ge Seel' ihr Reden ab
Und hatte das Gewebe ganz vollendet,
Wozu ich fragend ihr den Aufzug gab.
Und wie man zweifelnd sich an jemand wendet,
Der innig liebt und Rechtes will und sieht,
Nach gutem Rat--so ich, als er geendet:
"Ich seh's, wie rasch heran die Stunde zieht,
Um gegen mich den scharfen Pfeil zu kehren,
Der schwerer trifft, wen die Besinnung flieht.
Drum muss ich wohl mit Vorsicht mich bewehren,
Um fern dem Ort, der, was ich lieb', enthaelt,
Nicht durch mein Lied der Zuflucht zu entbehren.
Denn reifend durch die endlos bittre Welt,
Dann auf die Hoeh', wo mich vom Angesichte
Der Herrin Licht zum hoehern Flug erhellt,
Dann durch den Himmel selbst von Licht zu Lichte,
Erfuhr ich, was wohl manchen brennt und beisst
Durch aetzenden Geschmack, wenn ich's berichte.
Und zagt, der Wahrheit feiger Freund, mein Geist,
Dann, fuercht' ich, bin ich tot bei jenen allen,
Bei welchen diese Zeit die alte heisst."
Und neuen Glanz sah ich dem Licht entwallen,
Das Strahlen, wie ein goldner Spiegel, warf,
Auf den der Sonne Feuerblicke fallen.
"Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf,"
Sprach er, "wen eigne Schmach, wen fremde druecket,
Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf.
Dennoch verkuende ganz und unzerstuecket
Was du gesehn, von jeder Luege frei
Und lass nur den sich kratzen, den es juecket.
Ob schwer dein Werk beim ersten Kosten sei,
Doch Nahrung hinterlaesst's zu kraeft'germ Leben,
Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei.
Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben,
Der hohe Gipfel staerker schuettelnd fasst,
Und dies wird Grund zu groessrer Ehre geben.
Drum sind beruehmte Seelen alle fast,
Die du im dunkeln, wehevollen Schlunde
Und auf dem Berg und hier gesehen hast.
Denn niemand traut beruhigt einer Kunde,
Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt,
Die Wurzel tief im unbekannten Grunde,
Und nur was schimmert ueberzeugt die Welt."


Achtzehnter Gesang

Schon freute sich der sel'ge Geist alleine
An seinem Wort. und ich, mit Suessigkeit
Das Bittre maessigend, genoss das meine.
Und jene Frau, zum Hoechsten mein Geleit,
Sprach: "Wechsle die Gedanken--denk', ich wohne
Dem nah, der mildert unverdientes Leid."
Ich, hingewandt zum suessen Liebestone,
Konnt' in den heil'gen Augen Liebe schau'n,
Die ich nicht sing' in dieser niedern Zone.
Denn nicht der Sprache nur muss ich misstrau'n;
Selbst das Gedaechtnis kehrt nicht, ungetragen
Vom Flug der Gnade, zu den sel'gen Au'n.
Ich kann von jenem Augenblick nur sagen:
Ich fuehlte jeden Wunsch der Brust entflieh'n,
Als ich den Blick zur Herrin aufgeschlagen,
Bis, die nun selbst aus ihrem Auge schien,
Die ew'ge Luft, vom schoenen Angesichte
Im zweiten Anblick G'nuege mir verlieh'n,
Besiegend mich mit eines Laechelns Lichte.
"Nicht mir im Aug' allein ist Paradies."
Sie sprach's. "Horch auf! Dorthin die Augen richte!"
Wie Lieb' auf Erden wohl sich mir erwies,
Die laechelnd glaenzt' auf eines Freundes Zuegen,
Der seine Seele ganz ihr ueberliess,
So zeigt' in Glanz und wonnigem Vergnuegen
Des Urahns Geist die liebende Begier,
Mir noch durch ein'ge Reden zu genuegen:
"In dieses Baumes fuenfter Stufe hier,
Der von dem Gipfel Nahrung zieht und Leben,
Stets reich an Frucht und frischer Blaetter Zier,
Sind Sel'ge, die, eh' sie emporzuschweben
Der Himmel rief, in eurem Erdental
Durch Ruhm der Muse reichen Stoff gegeben.
Sieh auf die Arme hin am Kreuzesmal,
Und zeigen wird sich jeder, den ich nannte,
Wie in der Wolk' ihr schneller Feuerstrahl.
Und sieh, ein Licht, gleich schnellem Blitz, entbrannte,
Beim Namen Josua--so dass ich Wort
Und Tat in einem Augenblick erkannte.
Den Makkabaeus nannt' er dann, und dort
War kreisend Feuer glaenzend vorgedrungen,
Und Freude trieb den heil'gen Kreisel fort.
Als Karl der Gross' und Roland dann erklungen,
Folgt' ich so aufmerksam dem Glanz, als man
Dem Falken folgt, der sich emporgeschwungen.
Wilhelm zog meinen Blick zum Kreuz hinan,
Und Rinoard, bei ihres Namens Klange.
Auch Herzog Gottfried, Robert Guiscard dann.
Drauf mischte sich dem schimmernden Gedrange
Die Seele, die erst sprach, als Meisterin
Sich zeigend in dem himmlischen Gesange.
Ich kehrte mich zur rechten Seite hin,
Um in Beatrix; meine Pflicht zu lesen,
In Wink und Wort der heil'gen Fuehrerin,
Und sah so rein ihr Aug', ihr ganzes Wesen
So hold, dass, was ich hab an Himmelsluft,
Sie uebertraf, ja, was sie je gewesen.
Und, wie des guten Wirkens sich bewusst,
In groessrer Wonne man von Tag zu Tagen
Der Tugend Wachstum merkt in eigner Brust;
So merkt' ich jetzt, vom Himmel fortgetragen
In seinem Schwung, gewachsen sei der Kreis,
Sobald ich sah dies schoenre Wunder tagen.
Und wie das Rot der Scham, die gluehend heiss
Gefaerbet hat der zarten Jungfrau Wangen,
Bald wieder schwindet vor dem lautern Weiss;
So, nach dem roten Licht, das mich umfangen,
Sah ich mich in den Silberglanz entrueckt
Des sechsten Sterns, der mich in sich empfangen.
Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmueckt,
War frohes Liebesfunkeln zu gewahren,
Durch unsrer Sprache Zeichen ausgedrueckt.
Wie Voegel, die empor vom Strande fahren,
Gemeinsam neuer Weide froh, sich bald
In runden, bald in langen Haufen scharen;
So flatterten, von Himmelslicht umwallt,
In Saengen Sel'ge hin, im Fluge zeigend
Des D und dann des I und L Gestalt,
Im Sang, erst bald gesenkt, bald wieder steigend,
Und war die Ordnung diesen Zeichen gleich,
Einhaltend in des Fluges Schwung und schweigend.
Kalliope, die du die Geister reich
An Ruhme machst, sie ewig zu erhalten,
Die du erhaeltst mit ihnen Stadt und Reich,
Erleuchte mich, damit ich die Gestalten
Getreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl;
Lass deine Kraft in kurzen Reimen walten!--
Vokal' und Konsonanten--siebenmal
Fuenf waren's, die mein Auge dort ergoetzten,
Auch merkt' ich wohl die Ordnung dieser Zahl.
Diligite iustitiam--So setzten
Erst Haupt' und Zeitwort sich; dann sieh sofort:
Qui iudicatis terram--als die letzten.
Und alles blieb beim M im fuenften Wort
Geordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend.
So stand die Schrift wie Gold in Silber dort.
Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingend
Zum Haupt des M, dort still und unbewegt,
Vom Gut, so schien es, das sie anzieht, singend.
Dann, wie wenn man mit Feuerbraenden schlaegt,
Draus unzaehlbare Funken spruehend flammen,
Woraus die Torheit wahrzusagen pflegt;
So hoben dort sich mehr als tausend Flammen,
Und die stieg mehr, und minder die empor,
Wie sie die Sonne trieb, aus der sie stammen.
Als jed' an ihrer Stelle war, verlor
Sich das Gewuehl--da trat in Flammenzuegen
Der Kopf und Hals von einem Adler vor.
Der dorten malt, weiss selbst sich zu genuegen;
Er, ungeleitet, lenkt des Kuenstlers Hand,
Damit der Form sich die Gebilde fuegen.
Die sel'ge Schar, die dort zufrieden stand,
Das M bekroenend mit dem Lilienkranze,
Vollendete das Bild jetzt, leicht gewandt.
So sah ich, schoener Stern, der Himmel pflanze
In uns die Keime der Gerechtigkeit,
Der Himmel, den du schmueckst mit deinem Glanze.
Zum Geist, der Kraft dir und Bewegung leiht,
Fleh' ich, nach jenem Rauche hinzuschauen,
Der deinen Strahl verdunkelt und entweiht.
Sein Zorn mach' einmal noch dem Volke Grauen,
Das in dem Tempel schachert und verkehrt,
Den er aus Wundern liess und Martern bauen.
Himmelskriegerschar, dort hellverklaert,
Bitte fuer die, so noch der Leib umschlossen,
Die schlechtes Beispiel falsche Wege lehrt.
Einst kriegte man mit Schwertern und Geschossen,
Doch jetzt, das Brot wegnehmend dort und hie,
Das unser frommer Vater nie verschlossen.
Du, der du schreibst, um auszustreichen, sie:
Fuer jenen Weinberg, welchen du verdorben,
Starb Paul und Petrus, doch noch leben sie.
Du aber denkst: Hab' ich nur den erworben,
Der in die Einsamkeit der Wuest' entrann,
Und der zum Lohn fuer einen Tanz gestorben,
Was kuemmern Paulus mich und Petrus dann?


Neunzehnter Gesang

Vor mir erschien mit offnem Fluegelpaar
Das schoene Bild, wo, selig im Vereine,
Der Geister lichter Kranz verflochten war.
Jedweder war wie ein Rubin, vom Scheine
Der Sonne so in Licht und Glut entbrannt,
Als ob sie selbst mir in die Augen Scheine.
Der Schilderung, zu der ich mich gewandt,
Wie kann die Sprache sie, die Feder wagen,
Da Phantasie dergleichen nie erkannt?--
Ich sah den Aar und hoert' ihn Worte sagen,
Und in der Stimm' erklangen Ich und Mein,
Als Wir und Unser ihm im Sinne lagen:
Er sprach: "Fuer frommes und gerechtes Sein
Sollt' ich zu dieser Glorie mich erheben,
Die jeden Wunsch uns zeigt als arm und klein.
Und solch Gedaechtnis liess ich dort im Leben,
Dass es fuer ruehmlich selbst den Boesen gilt,
Die nicht auf meiner Spur zu wandeln streben."
Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt,
So toente jetzt von vielen Liebesgluten
Ein einz'ger Ton mir zu aus jenem Bild.
"Ihr ew'ge Blueten des endlosen Guten,"
Begann ich, "die ihr mir als einen jetzt
Lasst eure Wohlgeruech' entgegenfluten,
Ich bitt' euch nun, mit eurem Hauch ergetzt
Mich Hungrigen und reicht mir jene Speise,
Mit welcher mich die Erde nie geletzt.
Wohl weiss ich, spiegelt sich in anderm Kreise
Des Himmels ab des Herrn Gerechtigkeit,
Dass sie sich euch nicht unterm Schleier weise.
Ihr wisst, zum Hoeren bin ich schon bereit,
Auch wisst ihr, welch ein Zweifel mich befangen,
Der unbefriedigt ist seit langer Zeit."
Gleichwie ein edler Falk, der Kapp' entgangen,
Das Haupt bewegt, sich schoen und freudig macht,
Stolz mit den Fluegeln schlaegt und zeigt Verlangen,
So machte sich des hohen Zeichens pracht,
Das Gottes Gnade laut dem All verkuendet,
Mit Sang, wie der nur hoert, der dort erwacht.
Und es begann: "Er, der die Welt gerundet
Und sie begrenzt, hat viel Geheimes drin
Und Offenbares viel darin begruendet;
Doch hat er seine Kraft vom Anbeginn
Nicht voellig ausgepraegt im Weltenaue,
Denn endlos ueberragt's sein hoher Sinn.
Der erste Stolze, welcher hoeh'r als alle
Geschoepfe stand, sank drum im frevlen Zwist,
Des Lichts nicht harrend, frueh in jaehem Falle.
Denn jegliches der kleinern Wesen ist
Zu eng, um jenes Gut darein zu bringen,
Das, endlos, sich nur mit sich selber misst,
Drum kann so weit der Menschenblick nicht dringen,
Er, nur ein Strahl von jenes Geistes Schein,
Der Urstoff ist und Grund von allen Dingen,
Kann nie durch eigne Kraft so maechtig sein,
Um Seinen Ursprung deutlich zu ersehen,
Denn Nebel huellt fuer ihn so Tiefes ein;
Drob zu der Urgerechtigkeit das Spaehen
Des Menschenblicks sich nur so weit erstreckt,
Als in den Grund des Meers die Augen gelten.
Leicht wird der Grund am Strand vom Aug' entdeckt,
Doch nie im Meer, wie sehr sich's mueh' und uebe;
Grund ist dort, doch zu tief und drum versteckt.
Nur aus der Heiterkeit, die nimmer truebe,
Kommt Licht--all andres ist nur Dunkelheit,
Ist Schatten oder Gift der Fleischestriebe.
Sieh das Versteck, das die Gerechtigkeit
Dir lang verhehlt, jetzt offen dem Verstande,
Und ruh'n wird nun in dir der Zweifel Streit.
Erzeugt wird jemand an des Indus Strande,
So sprachst du, doch wer spricht von Jesus Christ,
Wer liest und schreibt von ihm in jenem Lande?
Wenn er, soweit es die Vernunft ermisst,
In Tat und Willen rein und unverdorben
Und ohne Suend' in Wort und Leben ist
Und er unglaeubig, ungetauft gestorben,
Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfaellt?
Wo Schuld, dass er den Glauben nicht erworben?--
Und wer bist du, der sich so hoch gestellt,
Um, richtend, tausend Meilen weit zu springen,
Da eine Spanne kaum dein Blick enthaelt?
Gewiss, dass die mir nach im Forschen ringen,
War' ueber euch nicht Gottes heil'ges Wort,
Zum Zweifel und Erstaunen Grund empfingen.
O Tier aus Erd'! Ihrr groben Geister dort!
Der erste Wille, gut von selber, gehet
Nie aus sich selbst, dem hoechsten Gute, fort.
Gerecht ist, was mit ihm in Einklang stehet.
Ihn kann nicht anzieh'n ein erschaffnes Gut,
Das nur aus seiner Strahlenfuell' entstehet."--
Wie ueber ihrem Nest die Stoerchin tut,
Wenn sie die Brut gespeist, im Kreise schwebend,
Und wie nach ihr hinschaut die satte Brut;
So tat--und so auch ich, das Aug' erhebend--
Das heil'ge Bild, das seine Fluegel Schwang,
Den Willen kund der freud'gen Scharen gebend,
Indem's, im Kreis sich schwingend, also sang:
"So wie du nicht verstehst, was ich verkuendet,
So kennt ihr nicht des ew'gen Urteils Gang."
Dann, noch im Zeichen, das den Ruhm begruendet
Der Roemer hat, stand still die sel'ge Schar,
Von lichter Glut des Heil'gen Geists entzuendet.
"In dieses Reich", begann aufs neu' der Aar,
"Stieg keiner je, der nicht geglaubt an Christus,
Vor oder nach, als er gekreuzigt war.
Doch siehe, viele rufen: Christus! Christus!
Und stehn ihm ferner einst beim Weltgericht
Als jene, welche nichts gewusst von Christus.
Das Strafurteil fuer solche Christen Spricht
Der Heid' einst aus, wenn sich die Scharen trennen,
Die zu der ew'gen Nacht und die zum Licht.
Wie wird ein Perser eure Fuersten nennen,
Zeigt ihm sich aufgeschlagen jenes Buch,
In dem er ihre Schmach wird lesen koennen?
Die Tat des Albrecht wird mit hartem Spruch
Er in dem Buch dann eingetragen sehen,
Ob der ihn trifft, des Boehmerreiches Fluch.
Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen,
In den es durch den Muenzverfaelscher faellt,
Der durch des Ebers Stoss wird untergehen.
Dort steht der Stolz, der Durst nach Land und Geld,
Drob Schott' und Engellaender tun gleich Tollen,
Und keiner sich in seiner Grenze haelt.
Dort wird die Ueppigkeit sich zeigen sollen
Des Spaniers und des Boehmen, welcher nie
Die Trefflichkeit gekannt, noch kennen wollen.
Dort, Lahmer von Jerusalem, dort sieh
Mit einem M bezeichnet deine Suenden,
Und deine Tugenden mit einem I.
Dort wird sich auch der niedre Geiz verkuenden
Des, der dort herrschet, wo Anchises ruht
Nach langer Fahrt, bei Aetnas Feuerschluenden.
Und wie gering er ist an Kraft und Mut,
Das wird die abgekuerzte Schrift bezeugen,
Die vieles kund auf engem Raums tut.
Auch wird das schmutz'ge Tun des Ohms sich zeigen,
Und das des Bruders kund sein ueberall,
Die mit dem edlen Stamm zwei Kronen beugen.
Auch den von Norweg, den von Portugal
Und den von Rascia wird man unterscheiden,
Der Schuld ist an Venedigs Muenzverfall.
Moeg' Ungarn fernerhin nicht Unbill leiden!
Navarra, es verteidige getrost
Die Bergesreih'n, die es von Frankreich scheiden!
Und Nicosia ist und Famagost,
Vorlaeufig und als Angeld, sehr mit Fuge,
Wie jeder zugibt, auf ihr Vieh erbost,
Das mit dem andern geht in gleichem Zuge."


Zwanzigster Gesang

Wenn sie, die hell die ganze Welt verklaert,
Von unsrer Hemisphaer' herabgeschwommen
Und rings der Tag ersterbend sich verzeiht,
Dann zeigt der Himmel, erst von ihr entglommen,
Von ihr allein, viel Sterne rings im Rund,
Die all ihr Licht von einem Licht entnommen.
Dies war's, was jetzt vor meiner Seele stund,
Als unsrer Welt und ihrer Herrscher Zeichen
Stillschweigen liess den benedeiten Mund.
Denn alle Lichter, jene wonnereichen,
Erglaenzten mehr im Sang, an dessen Macht
Nicht irdischer Erinnrung Schwingen reichen.
O Lieb', umkleidet mit des Laechelns Pracht,
Wie sah ich Glanz dich in die Funken giessen,
Die heil'ger Sinn allein dort angefacht!
Dann, als die Edelsteine, die mit suessen
Lichtstrahlen hold das sechste Licht erhoeh'n,
Die Engelsglocken wieder schweigen liessen,
Schien mir's, es zeig' in murmelndem Getoen
Ein Fluss, von Fels zu Felsen niederfallend,
Wie reich sein Quell entstand auf Bergeshoeh'n.
Und wie ein Ton, aus reiner Laute schallend,
An ihrem Hals sich formt und wie der Wind
Durchs Mundloch eindringt, die Schalmei durchhallend;
So hatte jener Murmelton geschwind
Sich bis zum Hals des Adlers aufgeschwungen
Und drang, wie aus der Kehle, suess und lind
Und ward zur Stimm', und, dort hervorgedrungen,
Ward er gebildet zum erwuenschten Wort,
Und wohl behaelt mein Herz, was mir erklungen.
"Den Teil in mir, der bei den Adlern dort
Die Sonne sieht und traegt, schau' an!" so hoben
Die Wort' itzt an und fuhren weiter fort:
"Denn von den Feuern, die mein Bild gewoben,
Stehn, die hier glaenzen an des Auges Statt,
In allen Wuerden vor den andern oben.
Der, so den Platz des Augenapfels hat,
Des Heil'gen Geistes Saenger war's und brachte
Die Bundeslade fort von Stadt zu Stadt.
Wie der, der ihn begeistert, seiner achte
Und seines Sangs, das kann er jetzo sehn,
Da er dem Wert gleich die Belohnung machte.
Von fuenf, die um mein Aug' als Braue stehn,
Sieh naechst dem Schnabel den, der eh'mals Weile
Dem Heer gebot auf einer Witwe Fleh'n.
Wie, wer nicht Christo folgt zu seinem Heile,
Dies teuer buesst, das hat er nun erkannt
In dieser Wonn' und in dem Gegenteile.
Der Naechst' im Kreise, der mein Aug' umspannt,
Ist jener, der den Tod auf fuenfzehn Jahre
Durch wahre Reue von sich abgewandt.
Jetzt sieht er ein, der Herr, der ewig Wahre,
Bleib' ewig wahr, obwohl sein Urteil sich
Auf wuerd'ges Fleh'n von heut auf morgen spare.
Der nachfolgt, fuehrte das Gesetz und mich,
Durch guten Sinn zu schlimmem Tun bewogen,
Nach Griechenland, weil er dem Hirten wich.
Jetzt sieht er, dass, vom Guten abgezogen,
Das Uebel, das in Truemmern euch begraebt,
Ihm dennoch nichts von seiner Wonn' entzogen.
Sieh Wilhelm, wo der Bogen abwaerts strebt,
Ob dessen Tod des Landes Buerger weinen,
Das weint, weil Karl und Friederich gelebt.
Jetzt sieht er, Gott liebt zaertlich, als die Seinen,
Gerechte Fuersten, und, in Glanz erhellt,
Laesst er dies hier in frohem Blitz erscheinen.
Wer glaubt' es in der wahnbefangnen Welt,
Dass Ripheus, den Trojaner, hier im Runde
Des fuenften Lichtes heil'ger Glanz enthaelt?
Jetzt hat er wohl von Gottes Gnade Kunde
Und siehet mehr, als eurer Welt sich zeigt,
Dringt auch sein Blick nicht bis zum tiefsten Grunde."
Wie in die Luft die kleine Lerche steigt,
Erst singend flattert, aber dann, zufrieden,
Vom letzten suessen Ton gesaettigt, schweigt;
So schien mir jenes Bild, durch das hienieden
Des Hoechsten ew'ger Wille zu uns spricht,
Der jedem Ding das, was es ist, beschieden.
Und barg ich auch den Zweifel minder dicht,
Als Glas die Farbe, litt er doch mein Schweigen,
Und laengres Harren auf Verkuendung nicht.
Er zwang dies Wort, dem Munde zu entsteigen:
"Was sah ich dort!" durch seines Dranges Macht,
Denn Freudenfunkeln sah ich dort sich zeigen.
Im Auge hellre Gluten angefacht,
Sprach drauf der Adler, um mich aufzuregen,
Den Staunen fesselte bei solcher Pracht:
"Ich sah, du glaubest dies, doch nur deswegen,
Weil ich's gesagt, und siehest nicht das Wie?
Wie wir Verborgenes zu glauben pflegen,
Wie man der Sache Namen lernt, doch sie
Nicht kann nach ihrem Wesen unterscheiden,
Wenn nicht ein anderer uns Licht verlieh.
Das Reich der Himmel muss Gewalt erleiden,
Wenn Kraft der Lieb' und Hoffnung es bekriegt,
Denn Gottes Wille wird besiegt von beiden;
Nicht wie ein Mensch dem Staerkern unterliegt;
Nein, er siegt, denn er will sich ja ergeben.
Drob er, besiegt durch seine Guete, siegt.
Du staunst beim ersten und beim fuenften Leben
In meiner Brau' und nennst es wunderbar,
Dass beide hier in hellem Glanze schweben.
Als Christen, nicht als Heiden, starb dies Paar.
Der glaubt' ans Leiden, das schon eingetroffen,
Der zweit' an das, das noch zu dulden war.
Der ist vom Hoellenschlund, der nimmer offen
Zur Rueckkehr war, zum Leib zurueckgekehrt,
Und dies verdankt er nur lebend'gem Hoffen;
Lebend'gem Hoffen, das von Gott begehrt,
Ihn zu befreien aus des Todes Banden,
Damit er lebe, wie das Wort gelehrt.
Und die ruhmwuerd'ge Seele kehrt' erstanden
Auf kurze Zeit zum Leib und glaubt' an ihn,
Des Allmacht auf ihr Fleh'n ihr beigestanden.
Und fuehlte, glaubend, sich so hell erglueh'n
In wahrer Liebe, dass sie dieser Wonnen
Bei ihrem zweiten Tode wert erschien.
Der zweit', aus Gnade, die so tiefem Bronnen
Entquollen ist, dass nie die Kreatur
Die Quell' erspaehen kann, wo er begonnen,
Weiht' all sein Lieben einst dem Rechte nur,
Drum hob ihn Gott empor zu Gnad' und Gnaden
Und zeigt' ihm kuenftiger Erloesung Spur.
Er glaubt' an sie und schalt sodann, entladen
Des Heidentums, von seinem Stanke frei,
Die, so noch wandelten auf falschen Pfaden.
Anstatt der Taufe standen ihm die drei,
Die du am rechten Rad im Tanz gesehen,
Wohl tausend Jahre vor der Taufe bei.
O Gnadenwahl, wie tief verborgen stehen
Doch deine Wurzeln jenem Blick, der nicht
Vermag den Urgrund voellig zu erspaehen!
Kurz sei dein Urteil, Mensch, wie dein Gesicht,
Da wir nicht all die Auserwaehlten wissen,
Wir, die wir schau'n in Gottes ew'ges Licht.
Und suess ist uns auch das, was wir vermissen,
Da daraus uns das hoechste Heil entquillt,
Dass dessen, was Gott will, auch wir beflissen."
So reichte jenes gottgeliebte Bild,
Der schwachen Sehkraft Staerkung zu bereiten,
Mir Arzeneien, wundersuess und mild.
Und wie mit lieblichem Geschwirr der Saiten
Die guten Lautner guter Saenger Lied
Zu groessrer Suessigkeit des Sangs begleiten;
So regt', indes der Adler mich beschied,
Der benedeiten Lichter Paar, zusammen,
Wie man die Augen blicken sieht,
Bei seinem Wort die hellen Wonneflammen.


Einundzwanzigster Gesang

Schon heftet' ich die Augen aufs Gesicht
Der Herrin wieder, Augen und Gemuete,
Und dachte drum an alles andre nicht.
Sie laechelte mir nicht, doch sprach voll Guete:
"Dafern ich lachte, wuerde dir gescheh'n
Wie Semelen, als sie in Staub vergluehte.
Wenn meine Schoenheit, die, wie du gesehn,
Beim Steigen in dem ewigen Palaste
Sich mehr entflammt, je mehr wir uns erhoeh'n,
Sich deinem Blick nicht maessigte, sie fasste
Dich wie ein Blitz--du waerst von ihr erdrueckt,
Zerschmettert, gleich dem blitzgetroffnen Aste.
Wir sind zum Glanz, dem siebenten, entrueckt,
Der vom Gebild des Himmelsleu'n umgeben,
Aus seiner Glut den Strahl herniederzueckt.
Lass itzt den Geist, dem Blicke nach, sich heben;
Und deinen Blick--mach' itzt zum Spiegel ihn
Fuers Bild, das kund wird dieser Spiegel geben."
Wer wuesste, wie ihr Blick so selig schien,
Wie er dem meinen ward zur suessen Weide,
Als sie gebot, ihn wieder abzuzielen,
Oh, der erkennt auch wohl, mit welcher Freude
Ich dem gehorcht, was sie mir auferlegt,
Denn Wonne hielt das Gleichgewicht dem Leide.
In dem Kristall, das, um die Welt bewegt,
Vom teuren Fuehrer, unter dem entweichen
Die Bosheit musste, noch den Namen traegt,
Erblickt' ich einer Leiter schimmernd Zeichen,
An Farbe gleich dem Gold, durchglaenzt vom Strahl,
Hoch, dass zur Hoeh' nicht Menschenblicke reichen.
Und auf den Sprossen stieg in solcher Zahl
Die Schar der sel'gen Himmelslichter nieder,
Als stroem' hier alles Licht mit einemmal.
Und wie, nach ihrer Art, die Kraeh'n, wenn wieder
Der Tag beginnt, sich rasch bewegend zieh'n.
Um zu erwaermen ihr erstarrt Gefieder,
Und die von dannen ohne Rueckkehr flieh'n,
Die rueckwaerts fliegen, andre dann, im Bogen
Dieselbe Stell' umkreisend, dort verzieh'n;
So sah ich's jetzt in jenem Glanze wogen,
Der sich als Strom ergoss. Sobald die Flut
Bis zu gewissen Stufen hergezogen.
Und einer glaenzte, der, uns nah, geruht,
Drum wollte schon dies Wort der Lipp' entsteigen:
"Ich seh' es wohl, du zeigst mir Liebesglut."
Doch sie, die mir zum Sprechen und zum Schweigen
Das Wie und Wann bestimmt, sie schwieg, und ich
Tat wohl, nicht fragend meinen Wunsch zu zeigen.
Doch sie erklaerte wohl mein Schweigen sich,
In ihm, der alles sieht, mich klar erschauend,
Und sprach: "Still' itzt den heissen Wunsch und sprichl"
Und ich begann: "Nicht dem Verdienste trauend,
Halt' ich von dir mich einer Antwort wert;
Ich frag', auf sie, die mir's gestattet, bauend,
O sel'ges Leben, das du schoen verklaert
Dich in der Freude birgst, aus welchem Grunde
Hast du zu mir dich liebevoll gekehrt?
Und sage mir, weswegen diesem Runde
Die Paradiessymphonie gebricht,
Die tiefer dort erklang im frommen Bunde?"
Und er:"Dein Ohr ist schwach, wie dein Gesicht,
Weshalb Beatrix nicht gelacht, deswegen
Ertoent der Sang in diesem Kreise nicht.
Ich kam von heil'ger Leiter dir entgegen,
Um mit der Red' und mit dem Licht, das mir
Zum Kleide dient, dich freudig aufzuregen.
Und nicht aus groessrer Liebe bin ich hier;
Nein, mehr und gleiche Liebe glueht in ihnen,
Die dorten sind, und Schimmer zeigt sie dir.
Doch hoechste Liebe, die uns treibt, zu dienen
Dem ew'gen Rat, braucht, wen sie waehlt, dabei,
Wie dir in dem, was du gesehn erschienen."
"Ich sehe," sprach ich, "dass die Liebe, frei,
An diesem Hof den Schluessen nachzugehen
Der ew'gen Vorsehung, genuegend sei.
Doch bleibt mir eins noch schwierig zu verstehen:
Warum bist du von allen jenen dort
Schon im voraus zu diesem Amt ersehen?"
Noch war ich nicht gelangt zum letzten Wort,
Da drehte sich, sich um sich selber schwingend,
Das Licht im Kreis gleich einer Muehle fort.
"Da jenes Licht, dem Urquell selbst entspringend,"
Antwortete die Liebe drin, "mir scheint,
Das, welches mich in sich verschliesst, durchdringend,
Hebt seine Kraft, mit meinem Schau'n vereint,
Mich ueber mich, so dass in seinem Schimmer
Das Ursein, das ihn ausstroemt, mir erscheint.
Und daher kommt mein freudiges Geflimmer,
Denn wie des Blickes Klarheit sich vermehrt,
Vermehrt sich auch der Flammen Klarheit immer.
Doch der, der sich im reinsten Licht verklaert,
Der Seraph selbst, der Gott am hellsten siebet,
Genuegt dir nicht in dem, was du begehrt.
Denn in dem Abgrund ew'gen Rats umziehet
Das, was du fragtest, Nacht, die, nie erhellt,
Es jeglichem geschaffnen Blick entziehet.
Verkuende dies, zurueckgekehrt, der Welt
Und warne sie vor jenem stolzen Streben,
Das so Erhabnes sich zum Ziele stellt.
Der Geist, von Licht hier, dort von Rauch umgeben,
Sucht, wie er kann, zum hoechsten Ziel hinauf,
Das er nicht sehn kann, dort den Blick zu heben."
Dies trug das Wort des Seligen mir auf,
Drum liess ich demutsvoll von diesen Fragen
Und fragte nur nach seinem Lebenslauf.
"Zwischen Italiens beiden Kuesten ragen
Gebirge, Tuscien nah, so hoch empor,
Dass unter ihren Hoeh'n die Wolken jagen.
In ihnen springt ein Bergeshoecker vor,
Catria genannt, und drunter liegt die Oede,
Die Gott zu seinem echten Dienst erkor."
Also begann er seine dritte Rede
Und fuhr dann fort: "Dort staerkt' ich meine Kraft
Im Dienste so, dass ich der Speisen jede
Mit nichts mir wuerzt' als mit Olivensaft;
Dort hat Beschauung mir in vielen Jahren
Bei Hitz' und Frost Zufriedenheit verschafft.
Fruchtbare Felder fuer den Himmel waren
Im Klosterbann--jetzt wuchert Unkraut dort,
Und wohl geziemt sich's, dies zu offenbaren.
Pier Damian war ich an jenem Ort.
(Petrus Peccator lebt' in Unsrer Lieben
Frau'n heil'gem Kloster an Ravennas Bord.)
Nur wenig Leben war mir noch geblieben,
Da rief, ja zog man mich zu jenem Hut,
Der jetzt zu Schlimmen reizt und schlimmem Trieben.
Petrus war mager einst und unbeschuht,
Paulus ging so einher in jenen Tagen
Und fand die Kost in jeder Huette gut.
Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen,
Sieht man gestuetzt, gefuehrt und schwerbewegt,
Und hinten laesst man gar die Schleppe tragen.
Wenn uebers Prachtross sich ihr Mantel schlaegt,
Sind zwei Stueck Vieh in einer Haut beisammen.
O goettliche Geduld, die viel ertraegt!"--
Hier stiegen von der Leiter viele Flammen
Und kreisten dort, so dass sie mehr und mehr
Bei jedem Kreis in schoenem Lichte schwammen.
Sie stellten sich um jenen Schimmer her,
Mit einem Rufe von so lautem Schalle,
Dass nichts auf Erden toent so laut und schwer.
Doch nichts verstand ich in dem Donnerhalle.


Zweiundzwanzigster Gesang

Ich kehrte mich, vom Staunen ueberwunden,
Zu meiner Fuehrerin, gleich einem Kind,
Das Hilfe sucht, wo's immer sie gefunden.
Sie sprach, der Mutter gleich, die sich geschwind
Zum Knaben kehrt, der atemlos, beklommen
In ihrer Stimme frischen Mut gewinnt:
"Bedenk's, dich hat der Himmel aufgenommen,
Wo alles heilig ist, wo heissem Drang
Gerechten Eifers, was geschieht. entglommen.
Wie dich mein Laecheln, wie dich der Gesang
Verwandelt haetten, wirst du jetzt verstehen,
Da jener Ruf dich so mit Graus durchdrang.
Verstuendest du das drin enthaltne Flehen,
So waere dir die Rache schon erklaert,
Die du noch wirst vor deinem Tode sehen.
Von droben faellt zu fruehe nicht das Schwert,
Und nicht zu spaet, wie's dem scheint, der mit Grauen
Es harrend fuerchtet oder es begehrt.
Jetzt blicke nur auf andres mit Vertrauen,
Sieh dortenhin; du wirst in grosser Zahl
Dort hochberuehmte sel'ge Geister chauen."
Ich sah, den Blick gewandt, wie sie befahl,
Wohl hundert Kreise, welche Funken Spruehten,
Verschoenert von dem gegenseit'gen Strahl.
Wie auch in mir der Sehnsucht Stacheln gluehten,
Doch wagt' ich keine Frag' und hiess sie ruh'n,
Um vor zu grosser Kuehnheit mich zu hueten.
Die groesste, hellste Perle nahte nun,
Um jenem Wunsch, den sie in mir ergruendet,
Mit suessem Liebeswort genugzutun.
"Wenn du die Liebe saeh'st, die uns entzuendet,"
So sprach die Stimme jetzt aus jenem Licht,
"Du haettest, was du denkst, mir frei verkuendet.
Doch horch, auf dass du, harrend, spaeter nicht
Zum hohen Ziel gelangest, und ich deute
Dir, was zu fragen dir der Mut gebricht.
Des Berges Hoeh', an dessen Abhang heute
Cassino liegt, war einst Versammlungsort
Fuer viel Betrueger und betrogne Leute.
Der erste, nannt' ich dessen Namen dort,
Der jene Wahrheit, die uns hoch erhoben,
Der Erde bracht' in seinem heil'gen Wort.
Und solche Gnade glaenzt' auf mich von oben,
Dass ich das Land umher vom Dienst befreit,
Der mit verruchtem Trug die Welt umwoben.
Wer hier glaenzt, lebt' einst in Beschaulichkeit,
Und keiner liess in sich die Flamm' erkalten,
Die Blueten treibt und heil'ge Frucht verleiht.
Sieh des Maccar, des Romuald Lichtgestalten,
Sieh meine Brueder, die im Klosterbann
Den Fuss gehemmt und fest das Herz gehalten."
"Dein liebevolles Wort", so hob ich an,
"Und diese Freundlichkeit, die es begleitet,
Die ich an jedem Glanz bemerken kann,
Sie haben also mein Vertrau'n erweitet,
Wie Sonnenschein die Rose, welche sich,
Soweit sie kann, erschliesset und verbreitet.
Und, so vertrauend, Vater, bitt' ich dich,
Dich meinen Blicken unverhuellt zu zeigen,
Ist solche Gnade nicht zu gross fuer mich."
"Wenn so hoch", sprach er, "deine Wuensche steigen,
Beut dir der letzte Kreis Erfuellung dar.
Durch sie wird jeder Wunsch, auch meiner, schweigen.
Dort wird vollkommen, reif und ganz und wahr,
Was nur das Herz ersehnt--und dort nur findet
Sich jeder Teil da, wo er ewig war,
Weil jener Kreis sich nicht im Raum befindet;
Doch unsrer Leiter Hoeh' erreichet ihn,
Daher sie also deinem Blicke schwindet.
Als sie dem Jakob einst im Traum erschien,
Sah er die Spitze bis zum Himmel streben
Und drauf die Engel auf und nieder zieh'n.
Jetzt mag man nicht den Fuss vom Boden heben,
Um sie zu steigen, und bei Schreiberei'n
Bleibt an der Erde traeg mein Orden kleben.
Denn Raeuberhoehlen sind, was einst Abtei'n,
Und ihrer Moenche weisse Kutten pflegen
Nur Saecke, voll von dumpf'gem Mehl, zu sein.
Kein Wucher ist so sehr dem Herrn entgegen
Als jene Frucht, auf die die Moench' erpicht,
Drob sie im Herzen solche Torheit hegen.
Das, was die Kirche wahrt, gehoert nach Pflicht
Den Armen nur zur Lind'rung der Beschwerden,
Nicht Vettern, noch auch schlechterem Gezuecht.
Schwach ist des Menschen Fleisch, so, dass auf Erden
Ein guter Urspung nicht genuegen kann,
Bis Eichensprossen Eichenbaeume werden.
Petrus fing ohne Gold und Silber an,
Und ich begann mit Fasten und mit Flehen,
Franz seinen Orden als ein niedrer Mann.
Willst du nach eines jeden Ursprung spaehen,
Dann sehn, wie ihn verfuehrt der Uebermut,
So wirst du Schwarzes statt des Weissen sehen.
Traun! dass sich aufgetuermt des Jordans Flut
Auf Gottes Wink, ist wunderbar zu finden,
Mehr als die Hilfe, die euch noetig tut."
Sprach's, um mit seiner Schar sich zu verbinden;
Zusammen draengte sich die Schar und fuhr
Vereint empor, gleich schnellen Wirbelwinden.
Und ihnen nach, mit einem Winke nur,
Trieb mich die Herrin aufwaerts jene Stiegen;
So zwang jetzt ihre Kraft mir die Natur.
Hienieden, wo bald sinkt, was erst gestiegen,
Gibt die Natur nie solche Schnelligkeit,
Dass sie vergleichbar ist mit meinem Fliegen.
So wahr ich, Leser, zu der Herrlichkeit
Einst kehren will, fuer die ich oft in Zaehren
Den Busen Schlag' in Reu' und tiefem Leid;
Du kannst ins Feu'r den Finger tun und kehren
So schnell nicht, als ich war im Sterngebild,
Das nach dem Stier durchrollt die Himmelssphaeren.
O edle Sterne, kraftgeschwaengert Bild,
Dem das, was ich an Geist und Witz empfangen,
Sei's wenig oder sei es viel, entquillt,
In euch ist auf-, in euch ist untergangen
Die Mutter dessen, was auf Erden lebt,
Als mich zuerst Toskanas Luft umfangen.
Als ich zum hohen Kreis, in dem ihr schwebt,
Gefuehrt von reicher Gnad', emporgeflogen,
Da ward zuteil mir, dass ich euch erstrebt.
Fromm seufz' ich jetzt zu euch, seid mir gewogen!
Wollt Kraft zum schweren Pfade mir verleih'n,
Der meine Seele ganz an sich gezogen,
"Zum letzten Heile fuehr' ich bald dich ein,"
Sie sprach's, die mich zu diesen Hoehen brachte,
"Und scharf und klar muss itzt dein Auge sein.
Darum, bevor du tiefer dringst, betrachte
Was unten liegt, und sieh, wie viele Welt
Ich unter deinem Fuss schon liegen machte.
Damit dein Herz, soviel es kann, erhellt,
Bereit sei, vor den Siegern zu erscheinen,
Die froehlich sich in diesem Kreis gesellt."
Durch alle sieben Sphaeren warf ich meinen
Blick nun zurueck und sah dies Erdenrund,
So dass ich laechelt' ob des niedern, kleinen.
Und jener Rat beruht' auf gutem Grund,
Denn die dies Rund verschmaeh'n in hoeherm Streben,
Nur ihnen wird die echte Weisheit kund.
Ich sah in Glut Latonas Tochter schweben,
Von jenem Schatten frei, der mir zum Wahn
Vom Duennen und vom Dichten Grund gegeben.
Dich, strahlenreicher Sohn Hvperions, sahn
Jetzt meine Blicke fest und ungeblendet,
Und um dich Majas und Diones Bahn.
Dich sah ich, Zeus, der maess'gen Schimmer spendet,
Zwischen Saturn und Mars, auch ward mir klar,
Wie seinen Wechsellauf ein jeder wendet.
Wie gross die sieben sind, ward offenbar,
Wie schnell sie sind, den Weltenraum durchreisend,
Auch stellte mir sich ihre Ferne dar.
Und mit dem ew'gen Zwillingspaare kreisend,
Sah ich die Scheibe, die so stolz uns macht,
Mir Land und Meer und Berg' und Taeler weisend.
Dann kehrt' ich mich zu ihrer Augen Pracht.


Dreiundzwanzigster Gesang

Gleichwie der Vogel, der, vom Laub geborgen,
Im Nest bei seinen Jungen suess geruht,
Indes die Nacht die Dinge rings verborgen,
Um zu erschauen die geliebte Brut
Und ihr zu bringen die willkommne Speise,
Um die bemueht, er selbst sich guetlich tut,
Noch vor der Zeit, sobald am Himmelskreise
Aurora nur erschien, in Lieb' entbrannt,
Der Sonn' entgegenschaut vom offnen Reife;
So, aufmerksam, das Haupt erhebend, stand
Die Herrin, nach dem Teil der Himmelsauen,
Wo minder eilig Sol sich zeigt, gewandt.
Ich konnte harrend sie und sehnend schauen,
Und war gleich dem, der anderes begehrt,
Doch freudig ist in Hoffnung und Vertrauen.
Und bald ward Schau'n fuer Hoffen mir gewaehrt,
Denn fort und fort sah ich den Glanz sich mehren
Und sah den Himmel mehr und mehr verklaert.
Beatrix sprach: "Sieh in den sel'gen Heeren
Christi Triumph und sieh geerntet hier
Die ganze Frucht des Rollens dieser Sphaeren!"
Als reine Glut erschien ihr Antlitz mir,
Als reine Wonn' ihr Blick--und nimmer braechten
Die Wort' hervor ein wuerdig Bild von ihr.
Wie in des Vollmonds ungetruebten Naechten
Luna inmitten ew'ger Nymphen lacht,
Die das Gewoelb' des Himmels rings durchflechten;
So ueber tausend Leuchten stand in Pracht
Die Sonne, so die Gluten all erzeugte,
Wie unsre mit den Himmelsaugen macht.
Und, glaenzend durch lebend'gen Schimmer, zeigte
Der Lichtstoff sich, in solcher Herrlichkeit
Mir im Gesicht, dass es, besiegt, sich neigte.
O Herrin! teures, himmlisches Geleit!--
Sie sprach zu mir: "Was hier dich ueberwunden,
Ist Kraft, vor der nichts Hilf und Schutz verleiht.
Hier ist's, wo Weisheit sich und Macht verbunden;
Sie machten zwischen Erd' und Himmel Bahn,
Nach welcher Sehnsucht laengst die Welt empfunden."
Wie wenn der Wolken Schoss sich aufgetan,
Die Feuer sich, sie sprengend, niedersenken
Und gegen ihren Trieb der Erde nah'n;
So rang mein Geist, von diesen Himmelstraenken
Gestaerkt, vergroessert, aus sich selber sich,
Doch, wie ihm ward, wie koennt' er des gedenken?
"Sieh auf, und wie ich bin, erschaue mich!
Durch das Erschaute hast du Kraft empfangen,
Und nicht vernichtet mehr mein Laecheln dich."
Ich war, wie einer, dem sein Traum entgangen,"
Und der, vom dunklen Umriss nur betoert,
Umsonst sich mueht, die Bilder zu erlangen,
Als ich dies Wort, so wert des Danks, gehoert,
Dass in dem Buch, das den vergangnen Dingen
Gewidmet ist, es keine Zeit zerstoert.
Und moechten mit mir alle Zungen singen,
Die von der hohen Pierinnen Schar
Die reinste Milch zum Labetrunk empfingen,
Doch stellt' ich's nicht zum Tausendteile dar,
Wie hold ihr heil'ges Laecheln, wie entzuendet
In lauterm Glanz ishr heil'ges Wesen war.
Und so, da's Paradieses Lust verkuendet,
Muss jetzo springen mein geweiht Gedicht,
Gleich dem, der seinen Weg durchschnitten findet.
Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht,
Und dass es schwache Menschenschultern tragen,
Der schilt mich, wenn ich drunter zittre, nicht.
Durch Wogen, die mein kuehnes Fahrzeug schlagen,
Darf sich kein Schiffer, scheu vor Not und Mueh'n,
Darf sich kein kleiner schwanker Nachen wagen.
"Was macht mein Blick dich so in Lieb entglueh'n,
Um nicht zum schoenen Garten hinzusehen,
Wo unter Christi Strahlen Blumen blueh'n.
Die Rose siehe dort, in der's geschehen,
Dass Fleisch das Wort ward--sieh die Lilien dort,
Bei deren Duft wir gute Wege gehen."
Beatrix sprach's,--ich aber, ihrem Wort
Gehorsam stets, erneute, mit den matten
Besiegten Augen doch den Kampf sofort.
Wie ich besonnt oft sah bebluemte Matten,
Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt,
Indes bedeckt mein Auge war von Schatten;
So sah ich Scharen dort, von Glanz umwallt,
Der, Blitzen gleich, auf sie von oben spruehte,
Doch sah ich nicht den Quell, dem er entwallt.
Du, die du ihn verstroemst, o Kraft voll Guete,
Du bargst dich in den Hoeh'n, so dass mein Sinn
Ertragen konnte, was dort strahlend bluehte.
Der Name klang der Blumenkoenigin,
Zu der ich ruf in allen Erdenleiden,
Und zog mich ganz zum groessten Feuer hin.
Kaum malte sich in meinen Augen beiden
Die Groess' und Glut des Sterns, den Strahl und Glanz
Siegreich, wie hier einst, so itzt dort umkleiden,
Da kam, gleich einer Kron', ein Feuerkranz
Vom Himmel her, die Blume zu bekroenen,
Umwand sie auch mit Strahlenkreisen ganz.
Was auch hienieden klingt von suessen Toenen,
Von Harmonie, die hold das Herz erweicht,
Scheint wie zerrissner Wolke Donnerdroehnen,
Wenn man's mit jener Leier Ton vergleicht,
Der Leier, den Saphir als Kroen' umgebend,
Der zu des klarsten Himmels Schmuck gereicht.
"Ich bin die Engelslieb', im Kreise schwebend,
Und von der Lust, die uns der Leib gebracht,
Der unser Sehnen aufnahm, Kunde gebend.
Und kreisen werd' ich, wenn in hoeh'rer Pracht,
Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen,
Bei deinem Nah'n die hoechste Sphaere lacht."
Hier war des Kreises Melodie verklungen.
Maria! toent' es aus dem andern Licht
Mit einem Klang, doch wie von tausend Zungen.
Der Koenigsmantel, der die Stern' umflicht,
Entglueht in lebensvollerm Strahlenbrande
In Gottes Hauch und Strahlenangesicht,
War ueber uns mit seinem innern Rande
So weit entfernt, dass er noch nicht erschien,
Noch nicht erkennbar war von meinem Stande.
Drum war dem Auge nicht die Kraft verlieh'n,
Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen,
Der Flamme, der bekroenten, nachzuzieh'n.
Und wie das Kindlein, wenn's die Milch genossen,
Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt,
Von Liebesglut auch aussen uebergossen;
So sah ich hier, die Flamm' emporgestreckt,
Jedweden Glanz; so ward sein innig Lieben
Zur hohen Jungfrau-Mutter mir entdeckt.
Worauf sie noch mir im Gesichte blieben,
Als ihr Regina coeli!--mir erscholl
Im Sang, des Lust mir keine Zeit vertrieben.
O wie sind dorten doch die Scheuern voll
Von reicher Frucht, die jeder, der hienieden
Gut ausgesaet, in Lust geniessen soll.
Dort lebt bei solchem Schatz in sel'gem Frieden,
Der weinend ihn erlangt in Babylon
Und sich im Bann vom Erdengut geschieden;
Dort triumphieret unterm hohen Sohn
Der Jungfrau und des Herrn, und mit dem Alten
Und Neuen Bund, so nah dem ew'gen Thron,
Er, der die Schluessel solchen Reichs erhalten.


Vierundzwanzigster Gesang

"O auserwaehlte Tischgenossenschaft
Beim grossen Mahl des Lamms, dass solcherweise
Euch speiset, dass euch's voll G'nuege schafft,
Wenn er, durch Gottes Huld' sich an der Speise,
Die eurem Tisch entfaellt, vorkostend stillt,
Eh' ihn der Tod beschwingt zur letzten Reise
So denkt, wie seine Brust vor Sehnen schwillt;
Netzt ihn mit eurem Tau--auch letzt die Quelle,
Der alles, was er sinnt und denkt, entquillt."
Beatrix sprach's--wie um des Poles Stelle
Sich Sphaeren dreh'n, so jene Sel'gen nun,
Flammend, Kometen gleich, in Glut und Helle.
Wie, wohlgefuegt, der Uhren Raeder tun--
In voller Eil' zu fliegen scheint das letzte,
Das erste scheint, wenn man's beschaut, zu ruh'n
Also verschieden in Bewegung setzte
Sich jeder Kreis, drob, wie er sich erwies,
Schnell oder trag, ich seinen Reichtum schaetzte.
Und aus dem Kreis, den ich den schoensten pries,
Sah ich ein so beseligt Feuer schweben,
Dass es nichts Klareres drin hinterliess.
Um Beatricen Schwang dies heil'ge Leben
Sich erst dreimal, und Sang entquoll dem Licht,
Den keine Phantasie kann wiedergeben.
Drum springt die Feder hier und schreibt es nicht,
Weil, wo der Phantasie die Kraft benommen,
Sie noch weit mehr dem armen Wort gebricht.
"O heil'ge Schwester, die du in so frommen
Gebeten flehst, durch deine Liebesglut
Bin ich aus schoenerm Kreis herabgekommen!"
Nachdem das heil'ge Feu'r im Tanz geruht,
Wandt' es den Hauch zur Herrin mit den Worten,
Die mein Gedicht euch kund hier oben tut.
"O ew'ges Licht des grossen Manns, dem dorten"
--Sie sprach's--"der Herr die Schluessel liess, die er
Getragen, zu des Wunderreiches Pforten,
Pruef ihn mit ein'gen Fragen, leicht und schwer,
Wie dir's gefaellt, ob jener Glaub' ihm eigen,
Durch welchen du gegangen auf dem Meer.
Ob er gut liebt, gut hofft und glaubt--verschweigen
Kann er dir's nicht, denn dort ist dein Gesicht,
Wo abgemalt sich alle Dinge zeigen.
Doch weil man hier durch wahren Glaubens Licht
Zum Buerger wird, so wird es Fruechte tragen,
Wenn er mit dir zu seinem Preise spricht."
Gleichwie der Bakkalaur, des Meisters Fragen
Erwartend, stillschweigt, denn er ruestet sich,
Entscheidung nicht, doch den Beweis zu wagen;
So ruestet' ich mit jedem Grunde mich,
Indes sie sprach, um schnell und wohlerfahren
Zu reden, wenn der Meister spraeche: Sprich!
"Sprich, guter Christ, um dich zu offenbaren:
Was ist der Glaub'?"--Ich hob die Stirne schnell
Zum Lichte, dem entweht die Worte waren.
Zur Herrin blickt' ich dann, die, froh und hell,
Mir Mut verlieh, die Flut hervorzulassen,
Wie sie entstroemte meinem innern Quell.
"Hat Gnade", fing ich an, "mich zugelassen
Zur Beichte bei der Streiter hohem Hort,
So lasse sie mich klar die Antwort fassen.
Die Wahrheit, Vater," also fuhr ich fort,
"Hab' ich in deines Bruders Buch getroffen,
Der Rom bekehrt hat durch sein heilig Wort.
Glaub' ist der Stoff des, was wir froehlich hoffen,
Ist der Beweis von dem, was wir nicht sehn.
Und hierin zeigt sich mir sein Wesen offen."
"Wohl richtig denkst du," hoert' ich's jetzo weh'n,
"Wenn du den Grund erkennst. Darum verkuende:
Was mocht' er bei Beweis und Stoff verstehn?"
Drauf ich: "Die Dinge, die ich hier ergruende,
Die ihres Anblicks Wonne mir verleih'n,
Sind so versteckt dem Blick im Land der Suende,
Dass dorten nur im Glauben ist ihr Sein,
Auf welchen wir die hohe Hoffnung bauen,
Und deshalb ist er auch ihr Stoff allein.
Auch muss dann, ohn' auf anderes zu schauen,
Vom Glauben aus nur folgern der Verstand;
Drum muss man ihm auch als Beweise trauen."
Ich hoerte drauf: "Wuerd' alles so erkannt,
Was dort auf Erden die Gelehrten lehren,
So waere der Sophisten Witz verbannt."
Den Hauch liess jene Liebesglut mich hoeren
Und fuhr dann fort: "Fuerwahr, ich sehe dich
Die Muenz' als echt in Schrot und Korn bewaehren.
Allein hast du sie auch im Beutel? Sprich!"
Und ich drauf: "Ja, so hell und so gerundet,
Dass beim Gepraeg' nie Zweifel mich beschlich."
Da sprach es aus dem Licht, dort hellentzuendet:
"Wie ward dies teure Kleinod dein, dies Gut,
Auf welches sich jedwede Tugend gruendet?"
Und ich: "Des Heil'gen Geistes Regenflut,
Die sich so reich aufs Pergament ergossen,
Das kund den Alten Bund und Neuen tut,
Sie ist der Grund, aus dem ich es geschlossen
So scharf, dass anderer Beweis und Grund
Mir stumpf erscheint wie Tand und leere Possen." .
Ich hoerte drauf: "Der Alt' und Neue Bund,
Durch den dein Geist, so folgernd, dieses dachte.
Wie wurden sie als Gottes Wort dir kund?"
Und ich: "Das, was mir klar die Wahrheit machte,
Die Werke sind's, von der Art, dass Natur
Sie nie hervor in ihrer Werkstatt brachte."
Drauf klang's: "Wo aber ist die klare Spur,
Dass sie gescheh'n? Dies waere zu bewaehren,
Da's niemand dir bezeugt mit sicherm schaemt."--
"Dass ohne Wunder sich zu Christi Lehren
Die Welt bekehrt--dies Wunder schon bezeugt
Die Wahrheit sichrer, als wenn's hundert waren.
Denn du betratest arm und tiefgebeugt
Das Feld, den guten Samen dreinzubringen,
Der einst die Reb' und jetzt den Dorn erzeugt."
Ich sprach's und hoerte durch die Sphaeren klingen
Der Sel'gen Lied: Herr Gott, dich loben wir!
In Melodien, wie sie nur jene singen.
Und jener Herr, der Zweig um Zweig mit mir
Emporklomm und mich pruefend also fuehrte,
Dass ich erreicht des Gipfels Hoehe schier,
Sprach weiter: "Wie dein Herz die Gnade ruehrte,
Erschloss sie dir den Mund auch wundersam,
Drum oeffnet' er sich jetzt, wie sich's gebuehrte;
Drum billigt' ich, was ich aus ihm vernahm.
Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden,
Und auch woher dir dieser Glaube kam."--
"O Heil'ger," sprach ich, "der du hier gefunden,
Was du so fest geglaubt, dass du den Fuss
Des Juengern einst am Grabmal ueberwunden,
In meinem Wort soll, dies ist dein Beschluss,
Auch meines Glaubens Form dir klar erscheinen,
So auch, warum ich also glauben muss.
So hoer': Ich glaub an Gott, den Ew'gen, Einen,
Der, unbewegt, des Himmels All bewegt,
Durch Lieb' und Trieb zu ihm, dem Ewigreinen.
Und nicht Vernunft nur und Natur erregt
Den Glauben mir und gibt mir die Beweise;
Die Offenbarung auch, so dargelegt
Moses, Propheten, Davids Sangesweise,
Das Evangelium, und was ihr, vom Schein
Des Geists erleuchtet, schriebt zu Gottes Preise.
Ich glaub' an drei Personen, eins in drei'n,
Dreifach in einem Wesen, einem Leben,
Und Ist und Sind gestattet ihr Verein.
Von dieser Gotteseigenschaft, die eben
Mein Wort beruehrt, hat meinem innern Sinn
Das Evangelium das Gepraeg' gegeben,
Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn,
Die dann lebendig in mir aufgestiegen,
Der Stern, von welchem ich erleuchtet bin."
So wie der Herr, erst horchend mit Vergnuegen,
pur gute Nachricht in der Freude Drang,
Zuletzt den Knecht umarmt, wenn er geschwiegen;
Also das Licht, das dreimal mich umschlang,
Als ich geendet, was es mir befohlen,
Mich segnend mit dem himmlischen Gesang--
So hatte, was ich sprach, mich ihm empfohlen.


Fuenfundzwanzigster Gesang

Zwaeng' einst dies heil'ge Lied, zu dem die Erde,
Zu dem der Himmel mir den Stoff gereicht,
Durch das auf lang' ich blass und mager werde,
Die Grausamkeit, die mich von dort verscheucht,
Wo ich, ein Lamm, geruht in schoener Huerde,
Jedwedem Wolfe feind, der sie umschleicht,
Mit anderm Ton und Haar, als Dichter, wuerde
Ich kehren und am Taufquell dort empfah'n
Im Lorbeerkranz des Dichters hoechste Wuerde.
Denn dort betrat ich jenes Glaubens Bahn,
Durch welchen Gott bekannt die Seelen werden,
Fuer den mit Petri Licht die Stirn umfah'n.
Da naht' ein Licht aus der der sel'gen Herden,
Aus der der Erste derer vorgewallt,
Die Christ als Stellvertreter liess auf Erden.
Beatrix sprach, umstrahlt die Lichtgestalt
Von neuer Lust: "Sieh ihn, sich zu uns neigend,
Den Herrn, fuer den man nach Galizien wallt."
Wie wenn die Taub', aus hohen Lueften steigend,
Zur Taube fliegt, wie sich das Paar umkreist,
Und froehlich girrt, die heisse Liebe zeigend;
So war's, wie jetzo der und jener Geist
Der hohen Fuersten freudig sich empfingen,
Lobend die Kost, die man dort oben speist.
Dann standen nach dem Freudentanz und Singen
Die beiden Lichter schweigend vor mir dort,
So feurig, dass die Augen mir vergingen.
Und selig laechelnd fuhr Beatrix fort:
"Der du geschrieben hast, erlauchtes Leben,
Was gut sei, komm' allein von diesem Ort,
O lass dein Wort die Hoffnung hier erheben;
Du stellst ja, wie du weisst, so oft sie vor,
Als Jesus sich den dreien kundgegeben."--
"Du, fasse Mut--das Antlitz heb empoert
An unserm Strahl muss reisen der Beglueckte,
Der von der Erde kommt zum sel'gen Chor."
Als so das zweite Feuer mich erquickte,
Hob ich die Augen zu den Bergen auf,
Vor deren Last ich erst das Antlitz bueckte.
"Laesst unsers Kaisers Gnade deinen Lauf,
Bevor du stirbst, zu seinem Hofe gehen,
Fuehrt er zu seinen Grafen dich herauf,
Um, wenn du das Geheimste hier gesehen,
Die Hoffnung, die euch dort im Herzen blueht
In dir und andern heller anzuwehen,
So sage, was sie ist? Ob im Gemuet
Sie dir entkeimt? Woher du sie entnommen?"
Das zweite Feuer sprach's, in Licht entglueht.
Und sie, durch die in mir die Kraft entglommen
Zum hohen Flug, war mit der Antwort schon
In diesen Worten mir zuvorgekommen:
"Die Kirche, die da kaempft, hat keinen Sohn
Von staerkrer Hoffnung--also zeigt's geschrieben
Die Sonn' auf unsres Freudenreiches Thron.
Drum aus Aegypten, nach des Herrn Belieben,
Kommt er nach Zion, wo das Licht ihm tagt,
Eh' ihn des Kampfes Ende vorgeschrieben.
Zwei andre Punkt', um die du ihn befragt,
Nicht um zu wissen, nein, damit er sage,
Wie diese Tugend hier noch dir behagt,
Lass' ich ihm selbst; denn nicht, wie jene Frage,
Sind sie ihm schwer, nicht Reiz zur Prahlerei;
Und helf ihm Gott, dass er sie wuerdig trage."
Dem Schueler gleich, der seinem Meister frei
Entgegenkommt und freudig und besonnen,
Dass, was er weiss, kund in der Antwort sei,
Sprach ich: "Die Hoffnung ist der kuenft'gen Wonnen
Erwartung und gewisse Zuversicht,
Durch Gnad' und frueheres Verdienst gewonnen.
Von vielen Sternen kam mir dieses Licht;
Der hoechste Saenger macht' es mir entbrennen,
Der im Gesang vom hoechsten Horte spricht.
Oh' alle die, so deinen Namen nennen,
Hoffen auf dich--so sang der Gottesmann--
Und wer, der glaubt, wie ich, sollt' ihn nicht kennen.
Du traeufeltest mir feine Tropfen dann
Ins Herz durch deinen Brief, mit solchem Segen,
Dass ich die Flut auf andre giessen kann."
Indem ich sprach, sah ich's im Licht sich regen,
Und, wie ein Blitz, schnell und von Glanz umsprueht,
Mit zitterndem Gefunkel sich bewegen.
"Die Liebe," weht' es, "die mich noch durchglueht
Fuer jene Tugend, welche mir durchs Grauen
Des Kampfs gefolgt, bis mir die Palm' erblueht,
Heisst mich durch sie dich letzen und erbauen,
Und gern vernehm' ich dieses noch von dir:
Auf was heisst deine Hoffnung dich vertrauen?"--
"Die alt' und neuen Schriften zeigen mir",
Sprach ich, "das Ziel, das denen Gott bescheidet,
Die er geliebt, und dieses seh' ich hier.
Jesajas zeigt vom Doppelkleid bekleidet,
Sie all in ihrem Land--und dieses Land,
Das suesse Leben ist's, das hier euch weidet.
In denen, so, die Palmen in der Hand,
In weissen Kleidern vor dem Lamme stehen,
Macht's klarer noch dein Bruder mir bekannt."--
Als ich geendet, toent' es aus den Hoehen:
Ihr Hoffen sei auf dich!--und aus dem Tanz
Der Sel'gen hoert' ich die Erwid'rung wehen.
Dann zwischen beiden drin entglueht' ein Glanz,
So hell, dass, waer' dem Krebs ein solcher eigen,
Es wuerd' ein Wintermond zum Tage ganz.
Wie froh aufsteht und geht und in den Reigen
Die Jungfrau tritt, aus eitelm Triebe nicht,
Nur dem Verlobten Ehre zu erzeigen;
So schwebte zu den zwei'n das neue Licht,
Die ich so eilig in lebend'gem Kreise
Sich schwingen sah, wie's heisser Lieb' entspricht.
Einstimmt' es zu dem Lied und zu der Weise;
Und, gleich der Braut, sah sie die Herrin an,
Stillschweigend, unbewegt bei solchem Preise.
"Er ruht' am Busen unsers Pelikan;
Ihn hat der Herr zur grossen Pflicht erlesen,
Als er den Martertod am Kreuz empfah'n."
Sie sprach's; ihr Blick war, wie er erst gewesen;
Nicht mehr Aufmerksamkeit war jetzt darin
Als erst, bevor sie dies gesagt, zu lesen.
Wie der, der nach dem Sonnenrande hin,
Der sich verfinstern soll, die Blicke sendet
Und, um zu sehn, verliert des Auges Sinn;
So stand ich, zu dem letzten Glanz gewendet.
Da klang es: "Was nicht ist an diesem Ort,
Was suchst du's hier und stehst drum hier geblendet?
Mein Leib ist jetzt noch Erd' auf Erden dort,
Und bleibt's mit andern, bis die sel'gen Scharen
Die Zahl erreicht, gesetzt vom ew'gen Wort.
Zum Himmel sind zwei Lichter nur gefahren,
Bekleidet mit dem doppelten Gewand:
Und dieses lass einst deine Welt erfahren."
Als dieses Wort gesprochen war, da stand
Der Kreis der Flammen still, samt dem Gesange,
Zu welchem sich dreifaches Weh'n verband,
Gleichwie nach Mueh'n und schwerem Wogendrange,
Die Ruder, so die Flut durchwuehlt, zugleich
Allsaemtlich ruh'n bei einer Pfeife Klange,
Ach, wie ward ich vor Angst und Sorge bleich,
Als ich mich nun zu Beatricen kehrte,
Und, zwar ihr nah und im beglueckten Reich,
Doch sie nicht sah, die ich zu sehn begehrte.


Sechsundzwanzigster Gesang

Ob des erloschnen Augenlichts voll Gram,
Hoert' ich ein Weh'n aus jener Flamme kommen,
Die mir's verloescht', und horcht' ihm aufmerksam.
Es sagte: "Bis das Licht, das dir verglommen
In meinem Schimmer ist, dir wiederkehrt,
Wird sprechen zum Ersatz des Schauens frommen.
Drum sprich: Was ist es, das dein Herz begehrt?
Und moege deinen Mut der Trost erheben:
Dein Aug' ist nur verwirrt und nicht zerstoert.
Denn sie, die dich gefuehrt ins hoeh're Leben,
Hat jene Kraft im Blicke, die der Hand
Des Ananias unser Herr gegeben."--
"Sie helfe dann, wann sie's fuer gut erkannt,"
Sprach ich, "den Augen, die ihr Pforten waren,
Als sie, einziehend, ewig mich entbrannt.
Das Gut, das froh macht dieses Reiches Scharen,
Das A und O der Schriften ist's, die hier
Mir Lieb' andeuten, dort sie offenbaren."
Dieselbe Stimm' erklang--wie sich an ihr
Mein Mut, als ich mich blind fand, aufgerichtet,
Gebot sie jetzo weitres Sprechen mir.
"Durch engres Sieb sei, was du meinst, gesichtet,
Und klarer sei von dir noch dargelegt,
Was dein Geschoss auf solches Ziel gerichtet?"--
"Durch das, was Weltweisheit zu lehren pflegt,"
Versetzt' ich, "und durch Himmelsoffenbarung
Ward solche Liebe mir ins Herz gepraegt.
Je mehr ein Gut, soweit es die Erfahrung
Uns kennen lehrt, der Guet' in sich enthaelt,
Je staerker gibt's der Liebesflamme Nahrung.
Das Wesen drum. So gut, dass, was der Welt
Sich ausser ihm noch als ein Gut verkuendet,
Ein Strahl nur ist, der seinem Licht entfaellt,
Dies ist es, das die hoechste Lieb' entzuendet.
Und wohl erkennt es liebend jeder Geist,
Der jene Wahrheit kennt, die dies begruendet;
Und jener ist's, der's der Vernunft beweist,
Der die fuer alle Goettlichen entgluehte
Erhabne Liebesbrunst die erste heisst.
Er selbst erweckte sie mir im Gemuete,
Der einst zu Moses sprach, der wahre Hort:
Dein Angesicht schau' alle meine Guete.
Du praegst sie ein, dein hohes Heroldswort
Beginnend vom Geheimnis dieser Sphaeren.
Lauter als andres toent's auf Erden fort:"
Da sprach's: "Nach menschlichen Verstandes Lehren
Und hoeherm Wort, das beistimmt dem Verstand,
Muss sich zu Gott dein hoechstes Lieben kehren.
Doch fuehlst du nicht noch manches andre Band
Zu ihm dich zieh'n? Du sollst mir jedes nennen,
Mit welchem diese Liebe dich umwand."
Nicht war der heil'ge Wille zu verkennen
Des Adlers Christi, ja, ich sah, wohin
Er mich gelenkt zum weiteren Bekennen.
Und wieder sprach ich: "Was nur Herz und Sinn
Hinlenkt zu Gott, erzeugt hat's im Vereine
Die Lieb', in welcher ich entzuendet bin.
Denn durch des Weltalls Dasein und das meine
Und durch den Tod des, der mich leben macht,
Durch das, was hofft die glaeubige Gemeine,
Und die Erkenntnis, deren ich gedacht,
Bin ich dem Meer der falschen Lieb' entgangen
Und an der echten Liebe Strand gebracht.
Die Blaetter, die im ganzen Garten prangen
Des ew'gen Gaertners, lieb' ich auch, je mehr
Des Guten sie aus seiner Hand empfangen."
Ich schwieg--und durch die Himmel, suess und hehr,
Hoert' ich der Herrin sang und aller klingen,
Erschallend: Heilig, heilig, heilig er!--
Und, wie wir uns dem schweren Schlaf entringen
Beim scharfen Licht, das unsre Sehkraft weckt,
Wenn uns von Haut zu Haut die Strahlen dringen,
Und, was er sieht, den jaeh Erwachten schreckt,
Der sich noch nicht besinnt, vom Schlafe trunken,
Bis der Verstand die Wahrheit ihm entdeckt;
So war die Decke meinem Aug' entsunken
Vor Beatricens Strahlenangesicht,
Auf tausend Meilen streuend Glanzesfunken.
Drum sah ich klar, wie vorhin nimmer nicht,
Und fragte staunend noch und kaum besonnen,
Nach einem vierten uns gesellten Licht.
"Aus diesen Strahlen schaut in Liebeswonnen",
Sprach sie, "zum Schoepfer hin der erste Geist,
Des Dasein durch die erste Kraft begonnen."
Gleichwie der Baum, an dem der Sturmwind reisst,
Den Gipfel beugt, dann, wenn der Sturm vergangen,
Sich wieder hebt, wie innre Kraft ihn heisst;
So tat jetzt ich, der, als sie sprach, befangen,
Erstaunt, gebueckt, jetzt in die Hoehe fuhr,
Denn mich erhob nun Sprechlust und Verlangen.
Ich sprach: "O Frucht, die als die einz'ge nur
Schon reif entstand, o alter Vater, sage
Du dem, was Weib heisst, Tochter ist und Schnur,
Sag' an, was ich dich fromm zu bitten wage.
Du siehst ja, welch ein Sehnen mich bewegt,
Und schneller hoer' ich, wenn ich dich nicht frage."
Wie ein bedecktes Tier sich rueckt und regt
Und so die Neigung zeigt, dem nachzurennen,
Der um dasselbe die Verhuellung legt;
So liess durch ihre Huelle jetzt erkennen
Die erste Seele, wie so froh sie war,
Mir das, was ich gebeten, tun zu koennen.
"Dein Sehnen", weht' es, "nehm' ich besser wahr,
Magst du's auch nicht bekennen und gestehen,
Als du, was noch so sicher ist und klar.
Im wahren Spiegel kann ich es erspaehen,
Der jedes Dinges Bildnis in sich fasst,
Doch seines laesst in keinem Dinge sehen.
Du fragst: Wieviel der Zeitraum wohl umfasst,
Seit Gott mich in den hohen Garten setzte,
Aus dem du dich mit ihr erhoben hast?
Wie lange mir sein Reiz die Augen letzte?
Was eigentlich den grossen Zorn erweckt?
Und welche Sprach' ich mir zusammensetzte?
Mein Sohn, nicht dass ich jene Frucht geschmeckt,
War Grund des Zorns an sich--dass ich entronnen
Den Schranken war, die mir der Herr gesteckt.
Mich hat viertausend und dreihundert Sonnen
Und zwei, im Hoellenvorhof sonder Qual
Sehnsucht erfuellt nach diesen Himmelswonnen.
Auch sah ich, dass neunhundertdreissigmal
Zu jedem Sterngebild die Sonne kehrte,
Indes ich lebt' in eurem Erdental.
Die Sprache, die ich einst gesprochen, hoerte
Schon vor dem Bau auf, der, wie schwach die Kraft
Des Menschen sei, das Volk des Nimrod lehrte.
Denn was nur irgend die Vernunft erschafft,
Ist, weil die Neigung nach der Sterne Walten
Zu wechseln pflegt, nur wenig dauerhaft.
Die Sprache habt ihr von Natur erhalten,
Allein so oder so--euch laesst hierin
Sodann Natur nach Gutbeduenken schalten.
Eh' ich zur Hoelle sank, im Anbeginn
Hiess El das hoechste Gut, an dem entglommen
Der Glanz, mit welchem ich umkleidet bin.
Den Namen Eli hat man drauf vernommen,
Weil Menschenbrauch sich gleich den Blaettern zeigt,
Von welchen jene gehn, wenn diese kommen.
Auf jenem Berge, der am hoechsten steigt,
Hab' ich, rein und befleckt, mich sieben Stunden
Von frueh, bis wieder sich die Sonne neigt,
Wenn sie im zweiten Vierteil steht, befunden."


Siebenundzwanzigster Gesang

Dem Vater, Sohn und Heil'gen Geiste fang
Das ganze Paradies; ihm jubelt' alles,
So dass ich trunken ward vom suessen Klang.
Ein Laecheln schien zu sein des Weltenalles,
Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit
Durch Aug' und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.
O Lust! O unnennbare Seligkeit!
O friedenreiches, lieberfuelltes Leben!
O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid!
Ich sah vor mir die Feuer gluehend Schweben,
Und das der vier, das erst gekommen war,
Sah ich in hoeherm Glanze sich beleben.
Und also stellt' es sich den Blicken dar,
Wie Jupiter, nahm' man an seinen Gluten
Das hohe Rot des Marsgestirnes wahr.
Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten,
Des Vorsicht dort verteilet Pflicht und Amt,
Dass aller Sel'gen Wonnechoere ruhten.
Da hoert' ich: "Siehst du hoeher mich entflammt,
So staune nicht--bei meinen Worten werden
Sich diese hier entflammen allesamt.
Der meines Stuhls sich anmasst dort auf Erden,
Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt itzt wacht,
Vor Christi Blick, zum Schutze seiner Herden,
Hat meine Grabstatt zur Kloak' gemacht
Von Blut und Stank, drob der zu ew'gen Qualen
Einst von hier oben fiel, dort unten lacht."
Wie frueh und abends sich die Wolken malen,
Die g'rad' der Sonne gegenueberstehn,
So sah ich jetzt den ganzen Himmel stralhlen.
Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn,
Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden,
Nur hoerend, schuechtern wird durch fremd Vergehn;
So meiner Herrin Angesicht voll Hulden;
Und so verfinstert, glaub' ich, wie sie dort,
War einst der Himmel bei der Allmacht Dulden.
Er aber fuhr in seiner Rede fort,
Und wie verwandelt erst der heitre Schimmer,
So war verwandelt jetzt das heil'ge Wort.
"Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer
Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genaehrt,
Dass man durch sie erwerbe Gold und Flimmer,
Nein, dieses frohe Sein, das ewig waehrt;
Dem hat des Sirt und Pius Blut gegolten,
Dies hat Calixt, dies hat Urban begehrt.
Das war's nicht, was wir von den Folgern wollten,
Dass sie um sich das Christenvolk getrennt
Zur Rechten und zur Linken setzen sollten.
Nicht sollten jene Schluessel, mir vergoennt,
Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen,
Woran man der Getauften Feind' erkennt.
Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen,
Erkauftem Luegenfreibrief beigedrueckt,
Drob ich erroet' und glueh' in diesen Hoehen.
Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmueckt,
Raubgier'ge Woelfe dort die Herden hueten.
O Gott, was ruht dein Schwert noch ungezueckt!
Und Caorsiner und Gascogner brueten
Schon Tuecken aus, voll Gier nach meinem Blut.
Schnoede, schlechte Frucht von schoenen Blueten!
Allein die Vorsicht, die durch Scipios Mut
Den Ruhm der Welt beschuetzt in Romas Siegen,
Bald hilft sie, wie mir kund mein Spiegel tut.
Du, Sohn, wenn du zur Erd' hinabgestiegen,
Erschleuss den Mund und sprich, wie sich's gebuehrt,
Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen."
Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert,
Durch unsre Luft die Flocken niederfallen,
Zur Zeit, da Sol des Steinbocks Horn beruehrt;
So, aufwaerts, sah ich an des Aethers Hallen
Mit jenem Licht, das eben zu mir sprach,
Der andern Schar, wie Schimmerflocken, wallen.
Mein Auge folgte diesem Anblick nach,
Bis sie so weit im Raum emporgeflogen,
Dass er den Pfad des Blickes unterbrach.
Da sprach die Herrin, die mich abgezogen
Von oben sah: "Jetzt schau' hinab--hab' acht,
Wie weit du fortzogst mit des Himmels Bogen."
Vom ersten Rueckblick an, des ich gedacht,
Hatt' ich den Weg der Haelft' im halben Kreise
Von seiner Mitte bis zum Rand gemacht.
Von Kadix jenseits lag das Furt zur Reise
Ulyss, des Toren--diesseits nah der Strand,
Dem Zeus entrann, beschwert mit suessem Preise.
Noch mehr von unserm Ball haett' ich erkannt,
Doch unten war die Sonne vorgegangen,
Der fern um mehr noch als ein Zeichen stand.
Mein liebend Herz, das immer mit Verlangen
Der Herrin schlug, war mehr als je entglueht,
Ihr wieder mit den Augen anzuhangen.
Was jemals der Natur und Kunst entblueht
An Leib und Bild, dem Aug' als Reiz zu dienen
Und durch den Blick zu fesseln das Gemuet,
Vereint war' alles dies als nichts erschienen
Bei jener Goetterlust, die mich beglueckt',
Als ich hinschaut' ins Laecheln ihrer Mienen.
Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zueckt,
Hatt' ich dem Nest der Leda mich entrungen
Und war zum schnellsten Himmelskreis entrueckt.
Ich weiss, da er von Lebensglanz durchdrungen
Gleichfoermig war, nicht, wo mit mir in ihn,
Nach ihrer Wahl, die Herrin eingedrungen.
Doch sie, der klar mein Herzenswunsch erschien,
Begann jetzt laechelnd in so sel'gen Wonnen,
Dass Gott in ihrem Blick zu laecheln schien:
"Sieh hier des Zirkellaufs Natur begonnen,
Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt,
Und alles rings umher den Flug gewonnen.
In diesem Himmel, der am schnellsten eilt,
Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb' entzuendet,
Die ihn bewegt--die Kraft, die er verteilt.
Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet
Ihn, wie die andern er; allein verstehn
Kann diesen Kreis nur er, der ihn gerundet.
Nichts laesst das Mass von seinem Lauf uns sehn;
Nach ihm nur misst sich der der andern Sphaeren,
Wie man nach Haelft' und Fuenfteil misst die Zehn.
Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln naehren
Der Zeit, wie ihr Gezweig zu aendern strebt,
Das kannst du jetzt dir selber leicht erklaeren.
Gier, die tief die Sterblichen begraebt
In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen,
Dass sich kein Blick aus deinem Wirbel hebt!
Wohl blueht des Menschen Will', allein in Guessen
Stroemt Regen drauf, der unaufhoerlich rinnt,
Drob echte Pflaumen Butten werden muessen.
Unschuld und Treue trifft man nur im Kind,
Doch sie entweichen von den Kindern allen,
Bevor mit Flaum bedeckt die Wangen sind.
Die fasten noch beim ersten Kinderlallen,
Die, mit geloesten Zungen, gierig dann
In jedem Mond auf jede Speise fallen.
Der liebt die Mutter noch und hoert sie an,
Solang er lallt, der ihren Tod im Herzen
Bei voller Sprache kaum erwarten kann.
Drum muss, erst weiss, das Angesicht sich schwaerzen
Der schoenen Tochter des, der, kommend, bringt
Und, gehend, mit sich nimmt des Tages Kerzen.
Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt,
Dass dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten,
Drob das Geschlecht, verirrt, mit Jammer ringt,
Doch eh' der Jaenner faellt in Fruehlingszeiten
Durch das von euch vergessne Hundertteil,
Wird dieser Kreise Lauf Gebruell verbreiten,
Dass das Geschick, erharrt zu eurem Heil,
Damit's auf g'raden Lauf die Flotte richte,
Den Spiegel dreht, wo jetzt das Vorderteil,
Und auf die Blueten folgen echte Fruechte."


Achtundzwanzigster Gesang

Nachdem sie tadelnd mir das jetz'ge Leben
Der armen Menschen wahrhaft kundgemacht,
Sie, welche mir das Paradies gegeben,
Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht
Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen,
Bevor er sie gesehn und dran gedacht,
Und rueckblickt, ob das, was er wahrgenommen,
Auch wirklich sei, und sieht, dass Glas und Tat
So ueberein, wie Ton und Tonmass, kommen;
War ich, und seinem Tun gleich, was ich tat,
Als ich ins Auge sah, woraus die Schlingen,
Um mich zu sah'n, die Lieb' entnommen hat.
Ich sah itzt das mir in die Augen dringen,
Als ich die Blicke suchend rueckwaerts warf,
Was die erspaeh'n, die diesen Kreis erringen.
Mir strahlt' ein Punkt, so glanzentglueht und scharf,
Dass nie ein Auge, das er mit dem hellen
Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf.
Liess sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,
Ein Mond erschien' es, koennt' es seinem Licht
So nah wie Stern dem Stern sich beigesellen.
So weit, als Sonn' und Mond ein Hof umflicht,
Vom eignen Glanz der beiden Stern' entsprungen,
Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht,
War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen
In reger Glut, dass er auch ueberwand
Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen.
Und dieser war vom zweiten rings umspannt,
Um den der dritte dann, der vierte wallten,
Die dann der fuenfte, dann der sechst' umwand.
Drauf sah man sich den siebenten gestalten,
So weit, dass Iris halber Kreis, auch ganz,
Doch viel zu enge war', ihn zu enthalten.
Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,
Je traeger jeder Kreis im Schwung, je weiter
Er ferne stand von jenem einen Glanz.
Mehr ist des Kreises Flamme rein und heiter,
Je minder fern er ist von seiner Spur,
Und in der reinen Glut je eingeweihter.
Sie, die, mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,
Sprach ungefragt: "Von diesem Punkte hangen
Die Himmel ab, die saemtliche Natur.
Sieh jenen Kreis, der ihn zunaechst umfangen;
Das, was ihn treibt, dass er so eilig fliegt,
Es ist der heil'gen Liebe Glutverlangen."
Und ich zu ihr: "Waere die Welt gefuegt
Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen,
So haette voellig mir dein Wort genuegt.
Doch in der Welt, der fuehlbaren, beweisen
Die Schwingungen je groessre Goettlichkeit,
Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen.
Drum soll in diesem Bau voll Herrlichkeit,
Im Tempel, den nur Lieb' und Licht umschraenken,
Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit,
So sprich: Wie-kommt's--ich kann mir's nicht erdenken
Dass Abbild sich und Urbild nicht entspricht.
Und andere Gesetze beide lenken?"
"Genuegt dein Finger solchem Knoten nicht,
So ist's kein Wunder--weil ihn zu entstricken
Niemand versuchte, ward er fest und dicht."
Sie sprach's, und dann: "Nimm, um dich zu erquicken,
Das, was ich dir verkuenden werd'; allein
Betracht' es ganz genau mit scharfen Blicken.
Ein Koerperkreis muss weiter, enger sein,
Je wie die Kraft, die sich durch seine Teile
Gleichmaessig ausdehnt, gross ist oder klein.
Die groessre Guete wirkt in groesserm Heile,
Und groessres Heil fuellt groesseres Gebiet,
Ward jeder Gegend gleiche Kraft zuteile.
Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht
In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise
Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht.
Darum, wenn du dein Mass dem Innern preise,
Und nicht dem aeussern Umfang angelegt
Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise,
So wirst du, zur Bewunderung erregt,
Das Mehr und Minder sich entsprechen sehen
In jedem Kreis und dem, was ihn bewegt."
Wie rein das Blau erglaenzt aus Aethers Hoehen,
Wenn Boreas Luft aus jener Backe stoesst,
Aus der gelinder seine Hauche wehen,
So, dass vom Dunst gereinigt und geloest,
Der ihn getruebt, in seinen weiten Auen
Der Himmel laechelnd jeden Reiz entbloesst;
So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,
Denn dieses liess die Wahrheit mich so klar,
Wie einen Stern am reinen Himmel schauen.
Und als ihr heil'ges Wort beendet war,
Da stellten anders nicht als siedend Eisen
Sich jene Kreise, funkenspruehend, dar.
Die Funken folgten den entflammten Kreisen
In groessrer Meng', als durch Verdoppelung
Schachfelder sich vertausendfacht erweisen.
Dem festen Punkt, der sie ohn' Aenderung
Dort, wo er sie erhaelt, auch wird erhalten,
Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung.
"Zwei Kreise sieh dem Punkt zunaechst sich halten,"
Sie sprach's, stets wissend, was mein Geist ersinnt,
"Und Seraphim und Cherubim drin walten.
Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,
Um, wie sie koennen, ihm sich anzuschliessen,
Und koennen, wie sie hoch im Schauen sind.
Die Gluten drauf, die diese rings umfliessen,
Die Throne sind's von Gottes Angesicht,
Benannt, weil sie die erste Dreizahl schliessen.
So gross ist aller Wonn', als ihr Gesicht
Tief in die ew'ge Wahrheit eingedrungen,
Die alle Geister stillt mit ihrem Licht.
Durch Schau'n wird also Seligkeit errungen,
Nicht durch die Liebe; denn sie folgt erst dann,
Wenn sie dem Schau'n, wie ihrem Quell, entsprungen.
Und das Verdienst, das durch die Gnade man
Und Willensguet' erwirbt, ist Mass dem Schauen.
So steiget man von Grad zu Grad hinan.
Die andre Dreizahl, die in diesen Auen
Des ew'gen Lenzes blueht, und welcher nie
Das Laub entfaellt bei naecht'gen Widders Grauen,
Singt ewig in dreifacher Melodie
Hosiannagesang in dreien sel'gen Scharen,
Und also eins aus dreien bilden sie.
Herrschaften sind's, die erst sich offenbaren,
Die Tugenden sind dann im zweiten Kranz,
Im dritten sind die Maechte zu gewahren.
Die Fuerstentuemer sieh zunaechst im Tanz,
Dann die Erzengel ihre Lieb' erproben;
Den letzten Kreis fuellt Engelsfeier ganz.
Die Ordnungen schau'n allesamt nach oben;
Nach unten wirken sie, was lebt, mit sich
Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben.
Und Dionysius rang so bruenstiglich,
Damit sein Blick die Ordnungen betrachte,
Dass er sie nannt' und unterschied wie ich.
Wahr ist es, dass Gregorius anders dachte,
Doch er belaechelte dann seinen Wahn.
Sobald er erst in diesem Reich erwachte.
Hat solch Geheimnis kund ein Mensch getan,
So staune nicht; von ihm, der alles schaute,
Hatt' er davon auf Erden Kund' empfah'n,
Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute."


Neunundzwanzigster Gesang

So lang, wenn beide Kinder der Latone
Bedeckt von Wag' und Widder stehn, am Rand
Des Horizonts, vereint in einer Zone,
Die Wage des Zenit in gleichem Stand
Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte,
Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt:
So lang, des Laechelns Glut im Angesichte,
Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an,
Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte.
"Ich red' und frage nicht," so sprach sie dann,
"Da, was du hoeren willst, ich dort erkenne
Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann.
Nicht dass er--was nicht sein kann--selbst gewoenne,
Nein, dass der Glanz von seiner Herrlichkeit
Im Widerglanz ich bin verkuenden koenne,
Hat er, der Ew'ge, ausserhalb der Zeit
Und des Begriffs, wie's ihm gefiel, die Gluten
Erschaffner Lieb' an ewiger geweiht.
Nicht dass, wie starr, erst seine Kraefte ruhten;
Denn frueher nicht und spaeter nicht ergoss
Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten.
Auch Form und Stoff, vermischt und rein, entspross
Zugleich, vortretend herrlich und vollkommen,
Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoss.
Und wie im Widerschein des Strahls, vom Kommen
Zum vollen sein, kein Zwischenraum zu sehn,
Wenn rein Kristall im Sonnenglanz entglommen;
So liess der Herr hervor drei Strahlen gehn,
All im vollkommnen Glanz zugleich gesendet,
Und sonder Unterscheidung im Entstehn.
Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,
Und hoch am Gipfel wurden die gereiht,
Welchen er reine Taetigkeit gespendet.
Die Tiefe ward reiner Empfaenglichkeit,
Empfaenglichkeit und Tatkraft ist mittinnen,
Verknuepft und nie von diesem Band befreit.
Zwar Hieronymus laesst vom Beginnen
Die Engel bis von dem der andern Welt
Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen;
Doch laesst die Wahrheit, die ich dargestellt,
Sich vielfach aus der Heil'gen Schrift bewaehren,
Wie's dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt.
Auch die Vernunft kann dies beinah erklaeren;
Nicht konnten ja so lang, so folgert sie,
Die Lenker des, was lenkbar ist, entbehren.
Der Liebesschoepfung Wo und Wann und Wie
Erkennst du--nun, so dass in dem Gehoerten
Dir schon dreifache Labung angedieh.
Allein bevor man zwanzig zaehlt' empoerten
Die Engel sich zum Teil, so dass sie nun
Im Fall der Elemente traegstes stoerten.
Die Bleibenden begannen drauf das Tun,
Das du erkennst, so selig in Entzuecken,
Dass sie in ihrem Kreislauf nimmer ruh'n.
Grund war des Falls, dass jener sich beruecken
Von frevlem Hochmut liess, der dir erschien,
Dort, wo auf ihn des Weltalls Buerden druecken--
Die du bei Gott hier siehest, sah'n auf ihn
Bescheiden und mit Dank fuer seine Gaben,
Da er nur Kraft zu solchem Schau'n verlieh'n.
Drum wurden sie zum Schauen so erhaben
Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt,
Dass sie vollkommen festen Willen haben.
Und zweifelfrei verkuend' es einst der Welt:
Verdienstlich ist's, die Gnade zu empfangen,
Je wie sich offen ihr die Lieb' erhaelt.
Jetzt, wenn ins Herz dir meine Lehren drangen,
Errennst du ganz den englischen Verein
Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen.
Doch weil den Engeln jene, die ihr Sein
Auf Erden dort in Schulen euch erklaeren,
Verstand, Erinnerung und Willen leih'n,
So zeig' ich, um dich voellig zu belehren,
Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt,
Die jene dort verwirren und verkehren.
Die Wesen, die des Anschau'ns Lust geschmeckt,
Verwenden nie den Blick vom ew'gen Schimmer
Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt.
Drum unterbricht das Neu' ihr Schauen nimmer,
Drum brauchen sie auch die Erinnrung nicht,
Denn ungeteilt bleibt ja ihr Denken immer.
So traeumt ihr unten wach beim Tageslicht;
Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,
Doch aerger kraenkt dies Letzte Recht und Pflicht.
Der eine Weg ist's nicht, auf dem ihr schreitet
Bei eurem Forschen; drob ihr irregeht,
Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet.
Doch, wer dies tut, wird minder hier verschmaeht,
Als wer die Heil'gen Schriften leeren Possen
Hintansetzt und sie freventlich verdreht.
Nicht denkt man, wieviel teures Blut geflossen,
Sie auszusaeh'n; nicht, wie Gott dem geneigt,
Der demutsvoll an sie sich angeschlossen.
Zu glaenzen strebt ein jeder itzt und zeigt
Sich in Erfindungen, die der verkehrte
Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt.
Der sagt, dass rueckwaerts Lunas Lauf sich kehrte
Bei Christi Leiden und sich zwischenschob
Und drum der Sonn' herabzuscheinen wehrte.
Der, dass von selbst das Licht erlosch und drob
Den Spanier, den Juden und den Inder
Zu gleicher Zeit die Finsternis umwob.
Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,
Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit
Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder,
So dass die Schaeflein, blind zu ihrem Leid,
Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen.
Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit.
Nicht sprach der Herr zur Ersten der Gemeinen:
Geht hin und tut der Erde Possen kund!--
Nein, wahre Lehre spendet er den Seinen.
Von ihr ertoent' im Kampf des Juengers Mund,
Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,
Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.
Jetzt predigt man von Possen und von Schwaenken,
Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht,
Und, der sie traegt, braucht sonst an nichts zu denken.
Drin hat solch Voegelein sein Nest gemacht,
Dass, saeh' man's, es den Wert dem Ablass raubte,
Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht.
Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,
Dass, moecht' ein Priesterwort das tollste sein,
Man ohne Pruefung und Beweise glaubte.
Und damit maestet Sankt Anton das Schwein,
Und andre, die noch aerger sind denn Sauen,
Falschmuenzer, reich an truegerischem Schein.
Doch seitwaerts fuehrt' ich dich von diesen Auen;
Drum, dass zugleich sich kuerze Zeit und Pfad,
Musst du jetzt wieder g'rade vorwaerts schauen--
So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad
Der unzaehlbaren sel'gen Engel Scharen,
Dass ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht.
Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,
Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht,
Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren.
Das ihnen allen strahlt, das erste Licht,
So vielfach wird's von ihnen aufgenommen,
Als Engel schau'n in Gottes Angesicht.
Drum, da vom Schau'n der Liebe Gluten kommen,
Ist auch verschieden ihre Suessigkeit
Hier lauer, dorten gluehender entglommen.
Sieh jetzt die Hoheit, die Unendlichkeit
Der ew'gen Kraft, die, teilend ihren Schimmer,
So unzaehlbaren Spiegeln ihn verleiht,
Und ein' in sich bleibt ewiglich und immer."


Dreissigster Gesang

Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget
Der Mittag auf, indes schon diese Welt
Den Schatten fast zum ebnen Bette neiget,
Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;
Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen,
Des Strahl nicht mehr bis zu uns niederfaellt,
Und wie Aurora mehr emporgeklommen,
Verschliesst der Himmel sich von Glanz zu Glanz,
Bis auch des schoensten Sternes Licht verglommen.
So der Triumph, der ewiglich im Tanz
Den Punkt umkreist, der alles haelt umschlungen,
Was scheinbar ihn umschlingt als lichter Kranz.
Er schwand allmaehlich, meinem Aug' entschwungen,
Drum kehrt' ich zu der Herrin das Gesicht,
Von Nichtschau'n und von Liebesdrang gezwungen.
War' alles, was bis jetzo mein Gedicht
Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschliessen,
Doch g'nuegend waer's fuer diesen Anblick nicht.
Denn Reize, wie sie hier sich sehen liessen,
Weit ueberschreiten sie der Menschen Art;
Ihr Schoepfer nur kann ihrer ganz geniessen.
Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt,
Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen,
Als ein Tragoed' je ueberwunden ward.
Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen,
Vergeht vor ihren- Blitzen, so geschieht
Dem Geist, von dieses Laechelns Reiz getroffen.
Vom ersten sag, da mir der Herr beschied,
Ihr Angesicht zu schau'n in diesem Leben,
Folgt ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied.
Doch muss ich jetzt des Folgens mich begeben,
Ein Kuenstler, der sein hoechstes Ziel errang,
Und hoher nicht vermag emporzustreben.
Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang,
Als meiner Tuba, die ich also richte,
Wie sie beenden kann den schweren Sang,
Sprach sie, mit Ton, Gebaerd' und Angesichte
Eifrigen Fuehrers froh zu mir: "Du bist
Gelangt zum Himmel nun von reinem Lichte,
Von geist'gem Licht, das nur ein Lieben ist,
Ein Lieben jenes Gut's, des ewig wahren,
Von Luft, mit der kein Erdenglueck sich misst.
Du siehst hier beide Himmelskriegerscharen
Und siehst die ein' in dem Gewande heut,
Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren."
Wie jaeher Blitz des Auges Kraft zerstreut,
So dass er jeden Gegenstand umdunkelt,
Den staerksten Selbst, der sich dem Blicke beut;
So ward ich von lebend'gem Licht umfunkelt,
Des Glanz mir tat, wie uns ein Schleier tut,
Denn alles ausser ihm war mir verdunkelt.
"Die Lieb', in welcher dieser Himmel ruht
Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen
Und macht die Kerz' empfaenglich ihrer Glut."
Wie mir die kurzen Wort' ins Innre drangen,
Da fuehlt' ich, dass sich Geist mir und Gemuet
Weit ueber die gewohnten Kraefte schwangen.
Und neue Sehkraft war in mir entglueht,
So, dass mein Auge, stark und ohne Qualen,
Dem Licht sich auftat, das am reinsten blueht.
Ich sah das Licht als einen Fluss von Strahlen
Glanzwogend zwischen zweien Ufern zieh'n,
Und einen Wunderlenz sie beide malen
Und aus dem Strom lebend'ge Funken sprueh'n;
Und in die Blumen senkten sich die Funken,
Gleichwie in goldne Fassung der Rubin.
Dann tauchten sie, wie von den Dueften trunken,
Sich wieder in die Wunderfluten ein,
Und der erhob sich neu, wenn der versunken.
"Dein heisser Wunsch, in dem dich einzuweih'n,
Was deine Blicke hier auf sich gezogen,
Muss mir, je mehr er draengt, je lieber sein.
Doch trinken musst du erst aus diesen Wogen,
Eh' solch ein Durst in dir sich stillen kann."
So sprach die Sonn', aus der ich Licht gesogen.
"Der Fluss und diese Funken", sprach sie dann,
"Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen
Die Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an.
An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen,
Sie zu erkennen, fehlt nur dir die Macht,
Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen."
Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht,
Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren,
Wenn's ueber die Gewohnheit spaet erwacht,
Als, um der Augen Spiegel mehr zu klaeren,
Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog,
Dort stroemend, um der Seele Kraft zu mehren.
Und wie der Rand der Augenlider sog
Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden,
Was sich zuvor in langen Streifen zog.
Dann, Leuten gleich, die sich verlarvt befunden,
Veraendert erst, wenn sie auszieh'n das Kleid,
Worin sie unter fremdem Schein verschwunden;
Verwandelten zu groessrer Herrlichkeit
Sich Blumen mir und Funken, und ich schaute
Die Himmelsscharen beide dort gereiht.
O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute
Des ewig wahren Reichs Triumphespracht,
Gib jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute.
Licht ist dort, das den Schoepfer sichtbar macht,
Damit er ganz sich dem Geschoepf verklaere,
Dem nur in seinem Schau'n der Friede tacht.
Es dehnt sich weithin aus in Form der Sphaere
Und schliesst so viel in seinem Umkreis ein,
Dass es zu weit als Sonnenguertel waere.
Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein,
Rueckscheinend von des schnellsten Kreises Rande,
Um Sein und Wirkung diesem zu verleih'n.
Und wie ein Huegel, an der Wogen Strande,
Sich spiegelt, wie um sich geschmueckt zu sehn
Im bluetenreichen, gruenenden Gewande;
Also sich spiegelnd, sah ich in den Hoeh'n
In tausend Stufen die das Licht umringen,
Die von der Erd' in jene Heimat gehn.
Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,
Zu welcher Weite muss der letzte Kranz
Der Blaetter dieser Himmelsrose dringen?
Mein Aug' ermass die Weit' und Hoehe ganz
Und unverwirrt, und konnte sich erheben
Zum Was und Wie von diesem Wonneglanz.
Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben,
Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar,
Tritt fuerder kein Naturgesetz ins Leben.
Ins Gelb der Rose, die sich immerdar
Ausdehnt, abstuft und Duft des Preises sendet
Zur Sonne, die stets heiter ist und klar,
Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet,
Beatrix mich und sprach: "Sieh hier verschoent
In weissem Kleid, die dorten wohl geendet.
Sieh, wie so weithin unsre Stadt sich dehnt,
Sieh, so gefuellt die Baenk' in unserm Saale,
Dass man jetzt hier nach wenigen sich sehnt.
Auf jenem grossen Stuhl, wo du dem Strahle
Der Krone, die dort glaenzt, dein Auge leihst,
Dort, eh' du kommst zu diesem Hochzeitsmahle,
Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist,
Des Caesars, der Italien zu gestalten
Kommt, eh' es sich dazu geneigt beweist.
Die blinde Gier ist's, die mit Zauberwalten
Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmaeht,
Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten.
Dem goettlichen Gerichtshof aber steht
Solch Obrer vor dann, dass er im Geheimen
Und offen nie mit ihm zusammengeht.
Doch stuerzt des Himmels Raech' ihn ohne Saeumen
Vom Heil'gen Stuhl zur qualenvollen Welt,
Wo Simon Magus stoehnt in dunkeln Raeumen,
Drob tiefer noch der von Alagna faellt."


Einunddreissigster Gesang

So sah ich denn, geformt als weisse Rose,
Die heil'ge Kriegsschar, die als Christi Braut
Durch Christi Blut sich freut in seinem Schosse.
Allein die andre, welche, fliegend, schaut'
Und singt des Ruhm, der sie in Lieb' entzuendet,
Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut,
Sie senkt, ein Bienenschwarm, der jetzt ergruendet
Der Blueten Kelch, jetzt wieder dorthin eilt,
Wo wuerz'ger Honigseim sein Tun verkuendet,
Sich in die Blum', im reichen Kelch verteilt,
Und flog dann aufwaerts aus dem schoenen Zeichen,
Dorthin, wo ihre Lieb' all-ewig weilt;
Lebend'ger Flamm', ihr Antlitz zu vergleichen,
Die Fluegel Gold, das andre weiss und rein,
So dass nicht Reif noch Schnee den Glanz erreichen.
Und in die Rose zog von Reih'n zu Reih'n
Frieden und Glut, von ihnen eingesogen
Im Flug zur Hohe, stets mit ihnen ein.
Und, ob sie zwischen Blum' und Hoehe flogen,
Doch ward durch die beschwingte Menge nicht
Des Hoechsten Blick und Glanz der Ros' entzogen.
Denn so durchdringend ist das hoechste Licht,
Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet,
Dass nichts im Weltenall es unterbricht.
Dies Freudenreich, gesichert und vollendet,
Bevoelkert von Bewohnern, neu und alt,
Hielt Lieb' und Blick ganz auf ein Ziel gewendet.
O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt,
Dort, wo man dich schaut, sel'gen Frieden hegend,
Schau' her auf uns, die wilder Sturm umbaut.--
Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend,
Die stets die Baerin deckt, in gleicher Bahn
Sich mit dem lieben Sohn im Kreis bewegend,
Zu jenen Zeiten, als der Lateran
Die Welt beherrscht', von Staunen ueberwunden,
Rom und der Roemer grosse Werke sah'n;
Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden,
Zum Hoechsten kam, von Zeit zur Ewigkeit,
Von Florenz zu Gerechten und Gesunden,
Wie musst' ich staunen solcher Herrlichkeit?
Lust fuehlt' ich, nicht zu sprechen, nichts zu hoeren,
Geteilt in Staunen und in Freudigkeit.
Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren
Im Tempel des Geluebdes, schauend, letzt,
Und hofft von ihm einst andre zu belehren;
So war ich, zum lebend'gen Licht versetzt,
Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen fuehrend,
Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt.
Gesichter sah ich hier, zur Liebe ruehrend,
In fremdem Licht und eignem Laecheln schoen,
Gebaerden, sich mit jeder Tugend zierend.
Im allgemeinen koennt' ich schon ersehn,
Wie sich des Paradieses Form gestalte,
Doch blieb mein Blick noch nicht beim einzlen stehn;
Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,
So kehrt' ich, um zu fragen, mich nach ihr,
Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte.
Sie fragt' ich, und ein andrer sprach zu mir.
Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise,
Gekleidet in der andern Sel'gen Zier.
Auf Aug' und Wang' ergoss sich gleicherweise
So Gut' als Freude--fromm war Art und Tun,
Wie's Vaetern ziemt, in lieber Kinder Kreise.
"Und wo ist sie?" so sprach ich eilig nun.
Drum er: "Beatrix hat mich hergesendet
Von meinem Platz, um dir genugzutun.
Du wirst, den Blick zum dritten Sitz gewendet
Des hoechsten Grads, sie auf dem Throne schau'n,
Der ihren Lohn fuer ihr Verdienst vollendet."
Ohn' Antwort hob ich rasch die Augenbrau'n--
Sah sie--sah ew'ge Strahlen ihr entwallen
Im Widerschein und ihr die Krone bau'n.
Vom Raum, aus dem die hoechsten Donner hauen,
War nimmer noch ein Menschenblick so weit,
Und war' er auch ins tiefste Meer gefallen,
Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit,
Doch sah ich klar ihr Bildnis niederschweben
Rein, unvermischt, in lichter Deutlichkeit.
"O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben,
Du, der's zu meinem Heile nicht gegraut,
Dich in den Schlund der Hoelle zu begeben,
Dir dank' ich alles, was ich dort geschaut,
Wohin du mich durch Macht und Guete brachtest,
Und deine Gnad' und Tugend preis' ich laut.
Die du zum Freien mich, den Sklaven, machtest,
Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art,
Die du zu diesem Zweck geeignet dachtest,
Hilf, dass, was du geschenkt, mein Herz bewahrt,
Damit sich dir die Seele dort geselle,
Die Seele, die gesund durch dich nur ward."
So fleht' ich heiss--und sie, von ferner Stelle,
Sie laechelte, wie's schien, und sah mich an,
Dann schaute sie zurueck zur ew'gen Quelle.
"Damit du ganz vollendest deine Bahn,"
Begann der Greis, "auf der dich fortzuleiten
Ich Auftrag von der heil'gen Lieb' empfah'n,
Lass deinen Blick durch diesen Garten gleiten,
Denn staerken wird dir dies des Auges Sinn,
Und ihn auf Gottes Strahlen vorbereiten.
Und sie, die mich entflammt, die Koenigin
Des Himmels, laesst uns ihre Gnade frommen,
Weil ich ihr vielgetreuer Bernhard bin."
Wie der, der von Kroatien hergekommen,
Um unser Schweisstuch zu betrachten, nicht
Satt wird, zu sehn, wovon er laengst vernommen,
Und, wenn man's zeigt, zu sich im Innern spricht:
Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hienieden
War wirklich so geformt dein Angesicht?
So ich, als mir der Anblick ward beschieden
Der Liebe dessen, der in dieser Welt,
Betrachtend, schon gekostet jenen Frieden.
Er sprach: "Was Schoenes dieses Reich enthaelt,
Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen,
Wenn sich dein Blick nur tief am Grunde haelt.
Doch lass den Blick von Kreis zu Kreise steigen,
Bis dass er sich zur Koenigin erhoeht,
Vor der sich fromm des Himmels Buerger neigen."
Aufschaut' ich, und, wie, wenn die Frueh' ersteht,
Der Ost den Himmelsteil mit goldnen Strahlen
Besiegt, in dem die Sonne niedergeht,
So, steigend mit dem Blick, wie wir aus Taten
Die Berg' ersteigen, sah ich einen Ort
Im hoechsten Rand all andres ueberstrahlen.
Und als ob frueh der Ost, da, wo sofort
Die Sonne steigen soll, sich mehr entflamme,
Wenn sich das Licht vermindert hier und dort;
So sah ich jene Friedens-Oriflamme
Inmitten mehr erglueh'n, und bleicher ward
Bei ihrem Glanz der andern Lichter Flamme.
Ich sah viel tausend Engel, dort geschart,
Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder,
Verschieden jeglichen an Glanz und Art.
Und Schoenheit lachte bei dem Klang der Lieder
Und bei dem Spiel und strahlt' in Seligkeit
Aus aller andern Sel'gen Augen wieder.
Und reichte meiner Sprache Kraft so weit,
Als meine Phantasie, doch nie beschriebe
Ich nur den kleinsten Teil der Herrlichkeit.
Bernhard, bemerkend, dass mit heil'gem Triebe
An seiner glueh'nden Glut mein Auge hing,
Erhob auch sein's zu ihr mit solcher Liebe,
Dass mein's zum Schauen neue Glut empfing.


Zweiunddreissigster Gesang

Indes sein Blick nach seiner Wonne flammte,
Tat er mit heil'gem Wort mir dieses kund,
Sich unterziehend freiem Lehreramte:
"Sie zu Mariens Fuss, die euch gesund
Und heil gemacht, die Erste dort der Frauen,
Die Schoenste, die euch krank gemacht und wund.
Im Range, den die dritten Sitze bauen,
Wirst du sodann die Rahel unter ihr,
Mit Beatricen, deiner Herrin, schauen.
Sara, Rebekka, Judith zeigen dir
Sich mit des Ahnfrau, der im Bussgesange
Voll Reu' ausrief: Herr, schenk' Erbarmen mir!
Absteigend stufenweis von Rang zu Range,
Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verlieh,
Von Blatt zu Blatt mit ihrer Namen Klange.
Hebraeerfrau'n, vom siebten Kreis ab, wie
Bis hin zu ihm, ward dieser Sitz zuteile,
Und dieser Blume Locken scheiden sie,
Weil sie, wie glaeubig sich der Blick zum Heile,
Das Christus gab, gewandt, als Mauer stehn,
Dass sich durch sie die heil'ge Stiege teile.
Hier, wo die Blume reich und voll und schoen
Entfaltet ist, hier sitzen die Verklaerten,
Die glaeubig auf den kuenft'gen Christ gesehn.
Dort, wo noch leerer Raum fuer viel Gefaehrten
Im Halbkreis ist, dort sitzen die gereiht,
Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten.
Wie hier der Fuerstin Stuhl in Herrlichkeit
Und unter ihr die aendern zu gewahren,
Und wie sie bilden solchen Unterscheid;
So dort der Stuhl des Taeufers, der erfahren,
Der immer Heil'ge, Wuest' und Maertyrpein
Und dann der Hoelle Nacht in zweien Jahren.
Franz, Benedikt und Augustin--sie reih'n
Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen,
Mit andern unterhalb von Reih'n zu Reih'n.
Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen,
Denn Glaube, welcher vor- und rueckwaerts sieht,
Erfuellt gleich zahlreich diese Gartenauen.
Und von der Stieg' abwaerts, die dies Gebiet
In zwei geschieden, sitzen solche Seelen,
Die eigenes Verdienst nicht herbeschied,
Nein, fremdes--nur darf der Beding nicht fehlen--
Denn hier sind alle, die dem Leib entfloh'n,
Bevor sie noch vermochten, selbst zu waehlen.
Dies merkst du an den Angesichtern schon
Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen,
Wenn du wohl spaehst und horchst auf ihren Ton.
Noch seh' ich schweigend dich mit Zweifeln ringen,
Doch loesen werd' ich dir das feste Band,
Mit welchem dich die Gruebelei'n umschlingen.
Aus unsers ew'gen Koenigs weitem Land
Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten,
Wie Hunger, Durst und Traurigkeit, verbannt.
Nach ewigem Gesetz muss sich gestalten
Was du hier siehst, und muss sich, wie der Ring
Zum Finger passt, so unter sich verhalten.
Daher auch, wer dem Truge frueh entging
Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Gruende
Mehr oder minder Herrlichkeit empfing.
Der Fuerst, durch den dies Reich, entrueckt der Suende,
In solcher Lieb' und solcher Wonne ruht,
Dass keiner ist, des Wille hoeher stuende,
Verteilt den Seelen, seiner heitern Glut
Entstammt, nach eigner Willkuer seine Gaben;
Und g'nuege hier, was kund die Wirkung tut.
Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben
Die Heil'ge Schrift ein deutlich Beispiel dar,
Die sich bekaempft im Leib der Mutter haben.
Und also kroent der Gnade Schein ihr Haar,
Und also scheint das hoechste Licht in ihnen
Nach ihrem Werte mehr und minder klar.
Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen,
Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt,
Nur wie auf sie des Schoepfers Huld geschienen.
So g'nuegt' es in der Jugendzeit der Welt
Unschuld'gen, um zum Heile zu gelangen,
Dass Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt.
Dann musste, wie die erste Zeit vergangen,
Was maennlich war, zuvor zur Seligkeit
Durch die Beschneidung noch die Kraft empfangen.
Doch, als gekommen war der Gnade Zeit,
Blieb ohne die vollkommne Taufe Christi
Die Unschuld in der ew'gen Dunkelheit.
Jetzt schau' ins Antlitz, das dem Antlitz Christi
Am meisten gleicht, und deine Kraft erhoh'n
Wird seine Klarheit zu dem Anschau'n Christi."
Lust strahlt' aus dem Gesicht, so klar und schoen,
Die er zu ihr durch jene Heil'gen schickte,
Erschaffen, zu durchfliegen jene Hoeh'n,
Dass nichts, was ich noch je zuvor erblickte,
Mich also mit Bewunderung durchdrang,
Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte.
Die Liebe, die zuerst sich niederschwang,
Verbreitete vor ihr jetzt das Gefieder,
Indem sie--Sei begruesst, Maria! sang.
Und alsogleich antworteten die Lieder
Der Sel'gen Geister diesem Himmelslied,--
Und heitrer strahlten rings die Wonnen wider.
"O Heil'ger, du, den Lieb' herniederzieht,
Der du fuer mich dem suessen Ort entronnen,
Wo ew'ge Vorsicht dir den Sitz beschied;
Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen
Im Blick Marias mit dem seinen ruht
Und scheint an ihr in Liebe sich zu sonnen?"
So wandt' ich mich zu ihm mit heiterm Mut
Und sah ihn in Marias Glanz entbrennen,
Gleichwie den Morgenstern in Sonnenglut.
Und er: "Was Seel' und Engel haben koennen
Von Zuversicht und Schoenheit, er bekam
Es ganz von Gott, wie wir's ihm alle goennen,
Weil er zu ihr einst mit der Palme kam,
Als Gottes Sohn die Lasten, die euch druecken,
Nach seinem heil'gen Willen uebernahm.
Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken,
Und von dem frommen und gerechten Reich
Wirst du den hohen Adel jetzt erblicken.
Die zwei dort, an der hoechsten Wonne reich,
Weil sie die Naechsten sind der Benedeiten,
Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich.
Der Vater sitzt zu, ihrer linken Seiten,
Des kuehner Gaum der Menschheit fort und fort
Zu kosten gibt so herbe Bitterkeiten.
Sieh rechts der heil'gen Kirche Vater dort,
Dem dieser Blume Schluessel uebergeben
Auf Erden hat der Heiland, unser Hort.
Und jener, welcher noch im Erdenleben
Das Missgeschick der schoenen Braut erblickt,
Die Wundenmal' erwarben, sitzt daneben.
Neben dem andern sitzt, in Ruh' beglueckt,
Des Volkes Fuehrer, das der Herr mit Manna
Trotz Undanks, Tueck' und Wankelmuts erquickt
Dort sitzt, dem Petrus gegenueber, Anna
Und blickt die Tochter so zufrieden an,
Dass sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna.
Und gegenueber sitzt dem ersten Ahn
Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn.
Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet,
Drum tun wir, wie der gute Schneider tut,
Der, soviel Zeug er hat, ins Kleid verwendet.
Die Augen richten wir aufs hoechste Gut
Und dringen so, indem wir nach ihm sehen,
So tief als moeglich in die reine Glut.
Gewiss, und nicht vielleicht, muss rueckwaerts gehen,
Wer vorwaerts hier die kuehnen Fluegel schwingt,
Denn Gnad' erlangt man hier allein durch Flehen;
Gnade von jener, die dir Hilfe bringt,
Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe
Zu ihr empor mit meinem Worte dringt."
Und also betet' er mit bruenst'gem Triebe:


Dreiunddreissigster Gesang

"O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns,
Demuet'ger, hoeher, als was je gewesen,
Ziel, ausersehn vom Herrn des ew'gen Throns,
Geadelt hast du so des Menschen Wesen,
Dass, der's erschaffen hat, das hoechste Gut,
Um sein Geschoepf zu sein, dich auserlesen.
In deinem Leib entglomm der Liebe Glut,
An der die Blume hier aeu ew'gen Wonnen
Entsprossen ist, in ew'gem Frieden ruht.
Die Lieb' entflammst du, gleich der Mittagssonnen,
In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit,
Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen.
Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit,
Dass Gnade Suchen und zu dir nicht flehen,
Wie Flug dem Unbefluegelten gedeiht.
Du pflegst dem Armen huldreich beizustehen,
Der zu dir fleht, ja oefters pflegt von dir
Die Gabe frei dem Fleh'n vorauszugehen.
In dir ist Huld, Erbarmen ist in dir,
In dir der Gaben Fuelle--ja, verbunden.
Was Gutes das Geschoepf hat, ist in dir.
Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden
Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein,
Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden,
Er fleht zu dir, ihm Kraefte zu verleih'n,
Dass er die Augen hoeher heben koenne,
Und seinen Blick fuer's hoechste Heil zu weih'n.
Und ich, der ich mehr fuer sein Schauen brenne,
Als fuer mein eignes je, wie dir bewusst,
Ich fleh', und das, was ich gefleht, vergoenne!
Nimm ihm der Erde Nacht von Aug' und Brust
Und flehe du fuer ihn, dass sich entfalten
Vor seinen Augen mag die hoechste Lust.
Noch bitt' ich, Koenigin, dich, die du walten
Kannst, wie du willst, in ihm und solchem Sehn,
Gesund des Herzens Neigung zu erhalten.
Lass ihn der ird'schen Regung widerstehn;
Sieh Beatricen, sieh so viel Verklaerte
Mit mir zugleich, die Haende faltend, fleh'n!"
Die Augen, die Gott liebt und wert halt, kehrte
Sie fest dem Redner zu und zeigte drin,
Ihr sei das fromme Fleh'n von hohem Werte.
Dann blickten sie zum ew'gen Lichte hin;
Und einen Blick so klar dorthin zu senden
Wie sie, vermag nicht des Geschoepfes Sinn.
Dem Ziel, zu dem sich alle Wuensche wenden,
Mich naehernd, fuehlt' in meinem Innern ich
So, wie ich musste, jede Sehnsucht enden.
Und laechelnd winkte Bernhard mir, dass sich
Mein Auge nun empor zum Hoechsten richte;
Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich.
Denn stets ward's klarer mir vorm Angesichte,
Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinan
Mein Blick zum hohen, in sich wahren Lichte.
Und tiefer, groesser war mein Schau'n fortan,
Dass solchen Blick die Sprache nicht bekunden,
Nicht die Erinnerung ihn fassen kann.
Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden,
Tief eingepraegt, das Herz noch lang erfuellt,
Wenn das, was er getraeumt, ihm schon entschwunden;
So bin ich, dem beinah sein Traumgebild
Entschwunden ist, und dem die Lust, geboren
Aus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt.
So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Toren
Die Sonn' erwaermend steigt; so war beim Wind
In leichtem Staub Sibyllas Spruch verloren.--
O hoechstes Licht, das, was der Mensch ersinnt,
So weit zuruecklaesst, leih itzt meiner Seele
Ein wenig nur von dem, was ihr verrinnt.
Mach' itzt, dass Kraft die Zunge mir beseele,
Damit ein Funke deiner Glorie nur
Der Nachwelt bleib' in dem, was ich erzaehle.
Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr,
Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet,
Dann sieht man klarer deiner Siege Spur.
Mich haette, glaub' ich, ganz der Blitz geblendet,
Den ich von dem lebend'gen Strahl empfand,
Haett' ich von ihm die Augen abgewendet.
Und ich erinnre mich: mein Mut erstand
Durch ihn, die Blitze kuehner zu ertragen,
Bis sich mein Blick der ew'gen Kraft verband.
O ueberreiche Gnad'! Ich duerft' es wagen,
Fest zu durchschau'n des ew'gen Lichtes Schein
Und ins Unendliche den Blick zu tragen.
Er drang bis zu den tiefsten Tiefen ein;
Die Dinge, die im Weltall sich entfalten,
Sah ich durch Lieb' im innigsten Verein.
Wesen und Zufall, ihre Weis', ihr Walten,
Dies alles war in eines Lichtes Glanz,
In eines unvermischten Lichts, enthalten.
Die Form, die allgemeine, dieses Bands,
Ich sah sie, glaub' ich; denn den Schatten gleichen
Die Bilder nur, und Wonne fuellt mich ganz.
Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen,
Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt
Der Argo nach Neptunus' fernsten Reichen.
Scharf, unbeweglich schaut' in solcher Art
Die Seele nach dem goettlichen Gesichte,
Drob sie stets mehr im Schau'n entzuendet ward.
Und also wird man dort bei jenem Lichte,
Dass es nicht sein kann, dass man, abgewandt
Von ihm, je anderwaerts die Augen richte,
Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand,
Ganz in sich fasst und aermlich und voll Schwaechen
All andres zeigt, was man vollkommen fand.
Kurz werd' ich nun von dem Geschauten sprechen,
Und sprechend stell' ich mich als Kindlein dar,
Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen.
Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar,
Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte;
Denn jener bleibt so, wie er immer war,
Nur weil im Schau'n sich meine Sehkraft mehrte,
Schien's, dass verwandelt jener eine Schein,
Sich mir, der selbst verwandelt war, verklaerte.
Zum tiefen, klaren Lichtstoff drang ich ein,
Da schienen mir drei Kreise, dort zu sehen,
Dreifarbig und an Umfang gleich zu sein.
Wie Iris in der Iris glaenzt, so zween
Im Widerschein--der dritte, Glut und Licht,
Schien gleich von hier aus und von dort zu wehen.
Wie kurz, wie rauh mein Wort fuer solch Gesicht!
Und dem, was zu erschau'n mir ward beschieden,
Genuegen wenig schwache Worte nicht.
O ew'ges Licht, allein in dir in Frieden,
Allein dich kennend und von dir erkannt,
Dir selber laechelnd und mit dir zufrieden,
Als ich zur Kreisform, die in dir entstand,
Wie widerscheinend Licht, die Augen wandte,
Und sie verfolgend mit den Blicken stand,
Da schien's, gemalt in seiner Mitt' erkannte,
Mit eigner Farb', ich unser Ebenbild,
Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte.
Wie eifrig strebend, aber nie gestillt,
Der Geometer forscht, den Kreis zu messen,
Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt;
So ich beim neuen Schau'n--ich wollt' ermessen,
Wie sich das Bild zum Kreis verhielt', und wie
Die Zuege mit dem Licht zufammenfloessen.
Doch dies erflog der eigne Fittich nie,
Ward nicht mein Geist von einem Blitz durchdrungen,
Der, was die Seel' ersehnt hatt', ihr verlieh.
Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,
Doch Wunsch und Will', in Kraft aus ew'ger Ferne,
Ward, wie ein Rad, gleichmaessig umgeschwungen,
Durch Liebe, die beweget Sonn' und Sterne.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Goettliche Komoedie,
von Dante Alighieri.





End of Project Gutenberg's Die Goettliche Komoedie, by Dante Alighieri

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GOETTLICHE KOMOEDIE ***

This file should be named 7komd11.txt or 7komd11.zip
Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7komd11.txt
VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7komd11a.txt

Produced by Mike Pullen

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date. This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03

Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work. The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
projected audience is one hundred million readers. If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

1 1971 July
10 1991 January
100 1994 January
1000 1997 August
1500 1998 October
2000 1999 December
2500 2000 December
3000 2001 November
4000 2001 October/November
6000 2002 December*
9000 2003 November*
10000 2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states. If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
requires that you do not remove, alter or modify the
eBook or this "small print!" statement. You may however,
if you wish, distribute this eBook in machine readable
binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
including any form resulting from conversion by word
processing or hypertext software, but only so long as
*EITHER*:

[*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
does *not* contain characters other than those
intended by the author of the work, although tilde
(~), asterisk (*) and underline (_) characters may
be used to convey punctuation intended by the
author, and additional characters may be used to
indicate hypertext links; OR

[*] The eBook may be readily converted by the reader at
no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
form by the program that displays the eBook (as is
the case, for instance, with most word processors);
OR

[*] You provide, or agree to also provide on request at
no additional cost, fee or expense, a copy of the
eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
or other equivalent proprietary form).

[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
"Small Print!" statement.

[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
gross profits you derive calculated using the method you
already use to calculate your applicable taxes. If you
don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
the 60 days following each date you prepare (or were
legally required to prepare) your annual (or equivalent
periodic) tax return. Please contact us beforehand to
let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*